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vor vierzig Jahren.
Von Pfarrer Werner in Nidda.
3. Die ersten Truppen.
Man spricht manchmal von „langer Weile". Wenn uns je die Zeit lang geworden ist, so war es in dec Zeit vom 19. bis 31. Juli 1870. Als nach der Kriegserklärung! die Franzosen nicht gleich kamen, beruhigten sich selbst die etwas, die vorher von einer militärischen UeberrumpelUng sprachen Und schimpften. Laß nicht gleich ein Regiment zum Schutz der guten Stadt Birkenfeld bereit stand. Da war mein Nachbar, ein Kaufmann Namens Göring, der stets ein Haus- käppchen mit langer Troddel trug. Was flog diese Troddel hin und her, wenn der gute Mann, besorgt um seine Heringe 11113 sonst was, den Kopf herumwarf und! mit den Händen gestikuliertet Aber daß man gar nichts von der Außenwelt erfuhr, oder daß das, was man erfuhr, am nächsten Tag widerrufen wurde! Das eine wußte man nur, daß in Saarbrücken nur vier Kompagnien 40 er Infanterie und einige Schwadronen 7 er Ulanen lagen. Dann hieß es wieder, es zögen drüben am Rhein mächtige Heeressäulen nach Frankreich. Eins hatte man ausgemacht — und das war uns ein großer Drost —, daß die gefürchteten Turkos, für die Pfalz bestimmt, an der dortigen Grenze standen. Hätten doch die Pariser Zeitungen alles aufgeboten, um diese Scheusale recht anzureizen;! hatte doch die Pariser Halbwelt sich ein Geschäft daraus gemacht, die Turkos auf die „blonden Gretchen" zu hetzen. Eine Woche nach der Kriegserklärung geschah etwas, was Uns sehr be- rrlhigte. Die Militärbehörde hielt in aller Ruhe eine Pferdemu st erung ab. Nun, da mußten ja die Franzosen noch nicht so nahe sein.
Der 27. Juli war ein denkwürdiger Tag — da wurde der allgemeine Buß- und Bettag gehalten. So voll habe ich noch nie eine Kirche gesehen, wie damals, es war erhebend. Doch konnte es ein fteireligiöses Blatt nicht lassen, sich darüber aufzuhalten, daß man von deutscher Seite Gott anrief, während ihn die Franzosen doch auch anriefeu. .Deut war aber doch nicht so. Die Proklamation Napoleons schloß mit den Worten: „Der Gott der Schlachten wird mit euch sein." Das ist denn doch nicht der Gott gewesen, zu dem die Deutschen beteten.
Endlich, am 30. Juli, hieß es: Morgen gibt es Einquartierung. So war es. Am 31. Juli kam ein Regiment des 8. Armeekorps, die 28 er von Aachen. Die Leute machten so keinen guten Eindruck wie die späteren Truppen. Sie fühlten sich, weil sie meist aus streng katholischen Orten kamen, hier nicht recht heimisch. Ich hatte sechs Unter» osfiziere im Quartier, die betrachteten mich mit so argwöhnischen Blicken, daß ich es mir anfangs nicht erklären konnte. Erst als sie eine Karte forderten und! ich ihnen eine der damals zahlreich zum Verkauf angebotenen Spezial- karten schenkte, tauten sie auf: „Wir wollen gerne wissen, wo wir sind", meinten sie. Bei einem Gymnasiallehrer einquartierte Soldaten sagten: Unser „Herr" (Pfarrer) hat gesagt: „Von de Vorderste brauchte Mer net zu sin." Nun, sie haben sich aber nicht weniger tapfer gehalten als. ihre Kameraden.
4. Der Krieg beginnt.
„Was kraucht dort in dem Busch herum? Ich glaub', es ist Napolium" fangen unsere Buben auf der Straße. Auf einmal aber krauchte er aus dem Busch heraus. Am 2. August kommt auf einmal die Nachricht: „Saarbrücken ist von den Franzosen besetzt" — was jetzt? Bis heute abend haben wir die Franzosen hier. Nun, es war uns nicht einerlei — aber Furcht hatte niemand, man hatte sich schon auf alles mögliche gefaßt gemacht. Doch die Franzosen kamen nicht. Dagegen kam am 3. August die Kunde: Heute nacht kommt das ganze 1. Armeekorps in unsere Gegend ; es waren Ostpreußen. Und nun hatte die Behörde einen großen Fehler gemacht: Sie quartierte die Leute ohne Verpflegung ein, um die Bürger nicht so sehr zu belasten. Nachts 12 Uhr standen die 41 er in der Stadt, sie waren vom Bahnhof Birkenfeld den 1 Stunde langen Weg nach der Stadt marschiert, nachdem sie 3 Tage und 3 Nächte in der Bahn gefahren Ivaren. Nun sollten diese Leute sich selbst verpflegen oder auf ihre Rationen warten? Da hätten sie lauge warten können. Natürlich sanden sie gedeckten Tisch vor. Und! wie gern gab man es ihnen! Trotz ihrer Müdigkeit stießen sie ihre Gewehre auf den Boden und sprachen: „Unser König kann sich auf uns ver
lassen!" Was sonst, für Truppen in der Umgegend lagen,- erfuhr man in der Stadt nicht; Signale hörte man nicht/ Ich hatte außer 6 Mann noch den Hauptmann von Döring im Quartier. Der wollte gern an die Stätte, wo die alte Burg Birkenfeld vor Alters stauch die Stammburg der jetzigen bayerischen Königsfamilie. Aber er erklärte, daß er nur hinkönne, wenn sie ganz nahe liege, weil die Soldaten jederzeit bereit stehen mußten, wenn es zum Abmarsch gehe. Die Anwesenheit deutscher Truppen übte eine belebende Wirkung auf jung und alt aus; namentlich der Umstand bestärkte die Zuversicht, daß die Soldaten stets operierten und Sturmlaufübungen gegen den Burgberg machten. Leider wurden jetzt die Lebensmittel knapp. Zwei Tage lang hatten wir fein Salz; unser Hauptmann bekam! die letzten Eier zum Abendessen. Am 5. August früh rückten die 41 er ab, die Feldflaschen wurden mit schwarzem Kaffee gefüllt. Sofort nach dem Abmarsch kamen die 43er, auch Ostpreußen, aber furchtbare Schnupfer. Während des 5. August wurden verschiedene militärische Gottesdienste mit .Abendmahlfeier in der Kirche gehalten. Mittlerweile war die ganze Umgebung der Stadt von Soldaten belebst Lazarett-Kolonnen lagen im Freien; die Trainsoldaten mußten im Stall kampieren und sehen, wo sie sich ihr Mahl kochen konnten. So kam einer in 'unsere Küche (er war aus Memel) und brachte im Taschentuch feingeschälte neue Kartoffeln mit Petersilie und einem Stück Rindfleisch. Nachdem er sich feine Mahlzeit gekocht hatte, wollte er auch noch einen alten Hering skalpieren. Damit verwiesen wir ihn jedoch in den Hof. Zum Schluß kam er und wollte zahlen. Natürlich lachten wir ihn arrs. Da rief er ein um das andere Mal aus: „Holt fiepen." Was will der Mann? Endlich machte er es klar: Er wollte Holz kaufen, d. h. er wollte das Holz bezahlen, was sein Kochen gekostet hatte. Am 5. August kam die Kunde von Weißenburg; doch wurde man der Sache nicht recht froh, weil sich das Wetter in der Nähe zus ammenzuzi eh en schien. Am 6. August marschierten in! aller Stille die 43 er ah.
Nachmittags hatte ich aus einer Filiale eine Privat- kommission. Mein Weg führte mich über einen Berg, wo die Ackerleute lauschend standen. Was war das für ein dumpfes Knallen in der Ferne? Ach, Herr Hfarrer, riefen die Leutch als ich näher kam, was schießt es schon die ganze Zeit; was wird das werden? (Es'war die Schlacht von Spichern.) Ich beeilte mich, wieder aus den Heimweg zu kommen, und! als ich eben an der Stadt wieder angekommen war, dä schmetterten die Trompeter ihre Signale und aus allen Gehöften der Umgegend kamen Truppen aller Waffengattungen heraus, das 1. Jägerbataillon, ein Kürassierregimenfl Leute, wie ich so stark noch feine gesehen hatte. Ich beachtete, wohin sie sich! wendeten — und- siehe, es ging langsam nach Westen, nach Frankreich zu. Jetzt war? der Bann gebrochen, dort oben hat es Lust gegeben,- darum geht es vorwärts, und daß es hier la u g s a m vorwärts geht, ist ein Beweis dafür, daß keine Gefahr ist. Und so war es. In der Nacht bekam ich einen Lazarettinspektop und einen Intendanturbeamten (in der Soldatensprache? Mehlwurm) ins Quartier, die waren auch 3 Tage Und 3 Nächte unterwegs gewesen und sehnten sich nur nach etwas ftischem Wasser und einem Bett. Als ich Sonntags von meiner Filiale heimkam, waren sie schon über alle Berge, mau hatte sie an der Grenze nötig gehabt.
Zeit tvauii wird tierische Milch getrunken?
Es ist hochinteressant, an der Hand der Kulturgeschichte die schwere, harte Arbeit des Menschen bei der Sorge um das tägliche! Brot in den einzelnen Entwickelungsstadien bis zu ihren Anfängen zurück zu verfolgen. Wenn wir uns dabei die Frage vorlegen- welchen Weg der Urmensch bei seiner Ernährung eingeschlagen hat und welche Art von Nahrung als die älteste der Menschheit zu gelten habe, so könnte man leicht in der Art des moberneirt Vegetarismus sich die Urzeit als eine anheimelnde Idylle vor-. stellen und meinen, das; für den Kindheitszustand der Mensch-, heit es das passendste, naturgemäßestc unb gesündeste gewesen sei, von Milch zu leben. Die Forschung hat jedoch gezeigt, daß diese Annahme nicht richtig ist. Gerade die Fähigkeit des Menschen, sich der verschiedenartigsten Nahrung anzupassen, nicht an einerlei Nahrung die Bedingung der Existenz geknüpft zu sehen, vielmehr pflanzliche wie tierische genießen und verdauen, sich mit jeder für sich begnügen, aber auch beide wieder verbinden zu können^ gerade diese Fähigkeit ist einer der wesentlichsten Vorteile für die Verbreitung und Entwickelung der Menschheit gewesen. Daß zu diesen mannigfaltigen Nahrungsmitteln gleich anfänglich die Milch der Tiere gehört habe, das hat nur die Dichtung im ent-


