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Bon imübertresflicher Schöne sind die Wider, die sich bei den Massenszenen der Haupthandlung ergeben, ferner bte nach dem .Gemälde des Leonardo da Vinci angeordnete Abendmahls- Darstellung, die Kreuzabnahme, der Abschied im Hause Simons von Bethanien und die Oelbergs- gruppe. Auch die Stellung der 24 lebenden Bilder, die, zwischen die einzelnen Phasen der Passionsdarstellung eingeschoben, eine Reihe Äon Illustrationen zu den Erzählungen des alten Testamentes sind, stellen sich als Ausdruck eines bewunderswert hohen Kunst- atzfühls dar, das den Leitern des Spiels wie jedem einzelnen!' Mitwirkenden innewohnt. .Von vollendetster Harmonie ist btt; allen diesen Bildern der Farbenznsammenklang der reichen bunten Gewänder mit den einer ersten hauptstädtischLn Bühne nicht uns- würdigen Dekorationen. Eine vollzählige Besetzung haben die Rollen des Hohenpriesters Annas durch den Pfarrmefjner Lang, des Kaiphas durch Zimmernieister Gregor Breitsamter, des Herodes durch den Sohn des verstorbenen Christus - M a y r > Schnitzkunstverleger Hans Mayr, erfahren. Alle drei haben eine deutliche Aussprache, ein kräftiges Organ und eine nicht unbedeutende mimische Begabung. Der Judas des Faßmalers I o h a n n e s E v a n g e l i st Z w i n k und der Pilatus des! Bürgermeisters Sebastian Bauer sind schon vom vorigen Passions- soinmer her als erstklassige Vertreter ihrer Rollen bekannt. Einige Enttäuschung bereitete nach den starken Hoffnungen, die man bei den Proben auf ihn gesetzt hatte, der sehr jugendliche Installateur A l f r e d B i e r l i n g als Johannes. Er wirkt gut durch feine zarte und edle Erscheinung, kann aber mit der Sprache noch nicht recht heraus. Doch ist das anscheinend nur auf seine noch allzugroße Befangenheit zurückzuführen, die sich nach mehrmaligen Wiederholungen des Spiels Wohl geben wird. Ottilie Zwink, die Tochter des Judasdärstellers, ist zweifellos die beste Maria, die das Werammergauer Passionsspiel seit Menschengedenken gehabt hat. Sie entspricht in ihrer lieblichen Erscheinung, wie in ihrem den Schmerz des gequälten Mutterherzens tief und eindrucksvoll wiedergebenden Spiel und deut Wohlklang ihrer sanften Stimme ganz dkm Bilde der traditionellen schmerzensreichen Mutter Gottes. Als eine Menschendärstellerin, die über naturwahre Ausdrücke leidenschaftlichen Empfindens verfügt, wie man solche Nur von berufsmäßigen Bühnenkünstlerinnen erwarten darf, ist Marie Mayr, die Tochter des verstorbenen Mldschuitzers! Paul Mayr, der die Partie! der Magdalene anvertraut wurde.
Fast fehlerlos spielte sich bereits die erste Vorstellung ab, jeder Sprecher beherrscht seine Rolle vollkommen und jeder im Volk Mitwirkende tut seine Schuldigkeit mit einem Ernst und Eifer, als ob von ihm allein das Gelingen des Ganzen abhinge. Der musikalische Teil, der durch seine Länge und die Häufung Nnd langatmige Wiederholung gleicher oder einander sehr ähnlicher Motive zuweilen etwas ermüdend wirkt, ist mit einer Sorgfalt unter der Leitung be£ Lehrers Ludwig Witt mann einstudiert worden, die die höchste Anerkennung verdient. Alles in allem Muß man den Oberammergauern das Zeugnis erteilen, daß sie ihr Wort gehalten und schon die erste Vorstellung völlig fertig heraus- gebracht haben.
Das ist um so bemerkenswerter, als hie anhaltend böse Witterung dem Unternehmen diesmal arge Schwierigkeiten bereitete.
Rach alten: Brauche findet das erste öffentliche Festspiel am Pfingstmontäg statt. Bon diesem Termin ab wird es an allen Sonn- und Festtagen bis Ende- September wiederholt. Bet'starkem Andrange werben dann Noch je nach Bedarf ein oder ntehrere Nach- spieltäge eingesch'oben. Dä nun dies Jahr das Psingstfest außerordentlich früh fiel, so war die zur Verfügung stehende Einübungs!- zeit verhältnismäßig kurz und gestattete für die großen Gesamt- Proben nicht das Abwarten milder Frühjahrswitterung. Hätten die tapferen Oberammergauer sich nicht, ohne Rücksicht auf ihr leibliches Behagen jeder Unbill des Wetters auf der zum Teil unbedeckten Bühne ausgesetzt und bei Kälte und Sturm, bei Schnee und Regen ohne Zagen ihre Proben abgehalten, dann wäre diesmal nicht möglich gewesen, mit der Einstudierung des schwierigen Werkes vor Pfingsten fertig zu werden.
Ti« Gefahr, daß dis mitwirkenden Sänger und Sängerinnen größtenteils durch einen unter solchen Umständen nur zu leicht eintretenden Katarrh unfähig zur Ausübung ihrer Partie ge- lviorden wären, war groß. Ganz ohne Beeinträchtigung ihrer Stimmittel ist das kalte und nasse Wetter auch nicht gewesen. Der treffliche Chorführer Jakob Rutz konnte bei der Durcip Ahrung seiner anstrengenden Gesangsrolle nicht die ganze Kraft feines sonst so wohllautenden und ausgiebigen Organs entwickeln, und noch zwei andere Mitsänger kämpften mit einer merklichen Indisposition, die jedoch nicht so schwer war, daß der Gesamtvortrag des Chors dadurch verunstaltet worden wäre. Tie nun endlich eingetretene wärmere Witterung wird vermutlich von schneller und wohltuender Wirkung auf die angegriffenen und geschwächten Sängerkehlen sein.
Zur ersten Aufführung am Pfingstmontage war das Haus schon zwei Tage vorher völlig aüsverkauft und Hunderte, die gern daran teilgenommen hätten, konnten schon am Psingstsonni- abend keine Eintrittskarten mehr bekommen. Deshalb wurde für den Dienstag ein Rachspieltag eingesetzt. Auch für die nächstfolgenden Svnntagsaufstihrnngen ist der Kartenabsatz schon jetzt so groß, haß voraussichtlich jede Woche Nachspiele nötig werden.
Besonders stark ist, wie vorauszusehen war, der Zustrom von Amerikanern, nitd auch Old-Cngland ist zahlreich vertreten, besonders durch Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts, die gewöhnlich in Trupps von 10—12 Personen die Torfstraßen durH- wandeln. Sie sind zumeist sehr redclustig und so hört man an einzelnen Tagen jetzt in Oberammergau mehr englische Laute als deutsche.
Mit der Ausnahme in den Privathäusern ist man im Allgemeinen sehr zufrieden. Tiie Dörfler haben sich allmählich eine gewisse Weltgewandtheit angeeignet und befleißigen sich, es den Fremden bei sich so angenehm wie möglich zu machen. In den! Gasthäusern macht sich die mehr als bescheidene Kochkunst der Oberbayern zuweilen sehr bemerklich, aber die billigen Preise entsprechen bis jetzt noch dem Gebotenen. Hoffentlich ist der Gemeindevorstand in der Lage, seinen Willen, Ueberteuerungen durch allzu gierige Geschäftsleute, worüber früher oft mit Recht Klage geführt wurde, während der diesjährigen Saison zu verhindern, durchzusetzen. Von dm eingeborenen Oberammergauern, die durchweg be- scheiden c Leute sind und selbst strenge darauf halten, daß nicht durch Ungehörigkeiten der Ruf ihres Ortes als Soutmerfrische leide/ sind Uebervorteilungen auch kaum zu befürchten, sondern olle früher bekannt gewordenen Fälle von Aussaugung des Fremdem- Publikums waren immer nur den von auswärts Zugezogenen! zur Last zu legen, die in dm reichen Erntetagen des PassionA- sornmers ihr Schäslein in Oberammergau zu scheren gedachten, um nach der Spielzeit sich schleunigst wieder davon zu machen. Solchen Elementen sieht man hier jetzt schärfer auf die Finge«, und wird ihnen ihr Handwerk zu legen wissm, wenn sie es zu arg treiben sollten.
Aus dem Sinnenleben des Pferdes.
Beim badischen Feld-Artillerie-Regiment Großherzog sind drei Herren, die den südwestafrikanischen Feldzug mitgemacht haben und übereinstimmend erzählen, daß sie bei Rückkehr von Patrouille nach dem Standort nachts stets den Pferden die Zügel aus den Hals gelegt und ihnen volle Bewegungsfreiheit gelassen hatten. Die Pferde wären dann lange nicht so häufig gestolpert als bei anstehendem Zügel und hätten die Reiter immer mit unfehlbare« Sicherheit nach Hause gebracht.
Major v. Tr. hatte im Sominer 1906 vom Schießplatz bei Münsingen aus einen Dienstritt nach einer benachbarten, etwa 18 Kilometer entfernten Ortschaft zu unternehmen. Auf deut Rückwege stellte sich ein so dichter Nebel ein, daß der Reiter jede Richtung verlor und nicht aus und ein wußte. Endlich überließ er sich seinem Pferde: als es Freiheit spürte, bog es soforck vom Wege ab und ging in fast gerader Linie durch den Wald und über Berg und Tal auf das Lager los, das in kurzer Zeit erreicht wurde. Unter den zahlreichen, wie ein Ei dem anderen sich gleichenden Lagerbaracken wußte es mit Sicherheit und ohne ein einziges Mal zu zögern die herauszusindcn, in der cS untergebracht war.
Hauptmann W. war 1906 während der Kriegsübungen 14 Tage in einem Dorfe einquartiert. Dann ging es ins Manöver, und auf dem Rückmarsch vom Manöver sollte in der gleichen Ortschaft Quartier bezogen werden. Beim Passieren der Dorfstraße meinte Hauptmann W. zu seinem Batterieoffizier: „Ich will doch mal sehen, ob mein Pferd fein Quartier wieder findet, ich will es allein laufen lassen." DaS Pferd ging seinen Schritt weiter und passierte eine Scheune. Der Reiter stutzte, wunderte sich, daß es vorüberging und sagte: „Ich hätte dem Pferde eigentlich mehr zugetraut; nun geht es doch vorüber." Aber — er hatte die Rechnung ohne sein Pferd gemacht! An der nächsten/ gleichartig gebauten Scheune blieb es stehen das war nämlich
Sie richtige! Die vom Reiter als solche angesehene >var eine falsche!
Bor dem menschlichen Antlitz, so schreibt Oberstabsveterinär Scholtz im Kosmos, haben die meisten Tiere, unter ihnen auch das Pferd, einen gewaltigen Respekt. Jeder, der mit Pferden zu tun hat, weiß, daß man beim Vorsühren eines Pferdes, namentlich im Trab, es niemals ansehen darf. Dreht man während des Vorführens dem Tier das Gesicht zu, so stutzen die meisten warmblütigen Pferde, fallen aus dem Trab in den Schritt oder bleiben sogar stehen und gehen dann erst weiter, wenn man sie nicht mehr ansieht. Ich war erst geneigt, anzu- nehmen, daß das durch das Wenden des Kopfes verursachte Auf- tauchcn der weißen Gesichtsfläche dem Pserdeauge unbequem sei und das Stutzen verursache. Das mag zum Teil zntressen/ ist aber nicht ausschließlich der Fall, wie ich durch Versuche fest- gestellt habe. Das wirksame Moment des menschlichen Antlitzes' ist in dem Ange zu suchen. In der Tat bestätigen dies auch die sonstigen Erfahrungen. Ungezogene und unruhige Pferde — aber nicht solche, bei denen die Unruhe auf die Jugend und die damit verbundene Unerfahrenheit und Unkenntnis znrückzusühren ist — vermag man am besten dadurch wirksam zu beemflussen,- daß man sich vor das Pferd stellt, ihm unverwandt in die Augen sieht und sich durch keine Bewegung des Tieres aus feiner Stellung bringen läßt. Die Pferde begreifen sofort, daß jetzt der Ernst an die Stelle des Schmeichelns getreten ist. Auch ein zu rechter Zeit angebrachtes, laut zugerusenes strenges Wort wissen sie in feiner Bedeutung zu würdigen; und das umsomehr/ wenn cs durch eine im richtigen Augenblick angewandte Strafe, z. B. Rucken mit den Zügeln, .unterstützt wird.


