vor, Äks ob j,d)i bei ihm geborgen wäre vor dem, was wich peinigt.
Ich will immer bei ihm sein diese Zeit und zu dem Räderwerk in meinem Kops sagen: schweig still! still! still!
7. Mai.
Vs läßt mir doch keine Ruhe- Dag und Nacht nicht.
Der Gedanke läuft nrir nach und neben mir her wie rin unsichtbarer Verfolger.
Bisweilen packt mich eine Empörung, daß ich 'mich gegen ihn $ur Wehr setzen möchte. Oder eine tolle Angst.
Soll ich denn cmch dieses Letzte noch verlieren, den Glauben an das innere heilige Recht dessen, was uns zusammenführte.
Liebster! Wenn du gehabt hättest- was er, mein Vater, hatte- ich hätte nicht mit den Fingerspitze an das Sanktuarium deines Glückes gerührt! Was hätte mich auch aus den Gedanken bringen sollen?
Mer du entbehrtest, und ich war krank vor Einsamkeit, darum mußten wir Zusammenkommen. Jeder für sich war Und hatte nichts und konnte doch dem andern alles geben, was er brauchte, Kraft und Freude und Leben!
Wir taten keine Sünde! Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz, das über den Gesetzen der Menschen steht und sie durchstreicht. Das hat sich an uns erfüllt.
Rein, es hat sich nur erfüllen wollen. Georg — so viel höher dieses Gesetz über menschlichem Recht steht, so viel schwerer straft es den, der es beleidigt. Die Sünde, die wir taten, war, daß wir auseinander-gingen. Und die Sünde wird nicht vergeben!
8. Mai.
Mer wozu denn diese ganze Not und Unruhe? Ver- ee ich denn, daß es in meiner Macht steht, ihr jeden genblick ein Ende zu machen?
Ich hatte die Hand schon auf dem Griff der dunklen Mr liegen- und es war mein freier Wille, wenn ich sie zurückzog. Eine Spalte weit ist die Tür geöffnet geblieben Und wartet- daß ich wieder ko mine.
Und ich werde wiederkpmmen. Im Geist steh ich schon ienseit des Dores. Was diesseit ist- liegt hinter mir- geht wich nichts an.
Es geht dich nichts an, Agnes Weddigen?
Nein, ich kann mir selbst nichts vorlügen. Daß alles für mich aus ist- habe ich begriffen. Ich sage es bisweilen laut vor mich hin und bleibe ruhig dabei: du hast ihn verloren. Für immer.
Aber das ertrüge ich nicht — den Gedanken an Schuld. Auch wenn ich mein Leben wegwerfe, soll es sein wie ein weißes Blatt. Nicht voll häßlicher, heimlicher Flecken, wie Weines Vaters Leben war. —
9. Mai.
Ich weiß nicht, was mein Seppl in feinem* gescheiten Köpfchän von mir denkt. Er hat jetzt nicht viel von mir Und fühlt wohl durchs daß ich nur halb bei ihm bin. Heute ^itterbrach er mich mit mißbilligendem Gesicht mitten iin
-,Ws is fad, wann du so erzählst, Aga. Gar net mal ft bisst was Lustigs."
„Ich weiß nichts Lustiges, Seppl."
M sah mich lieb und altklug an.
„Weil du selber net lustig bist, gelt? A'b-er paß auf, Ich mach dich lustig!"
Uno Ms einmal warf er mir beide Arme um den Hals und drückte seine weiche Backe fest an meine.
„Ich Hab dich lieb, ganz arg. Grad so- wie Vater! Gelt, nun bist lustig?"
Lustig? Ach nein — es war eher ein Gefühl von Beschämung in mir, als ob ich das große Geschenk nicht wert war, das er mit seinen kleinen Händen mir in den Schoß schüttete. Wer ich hab ihn geküßt, wieder und ivicder: -Mein Seppl! Goldnes du!"
10. Mai.
Schuldig!
Ich habe mich gewehrt gegen das surchtbare Wort mit Mer meiner Kraft. Ich habe diese aufdringliche Stimme übertäuben wollen, die Tag und Nacht nicht still war. Ich habe mich verkrochen hinter meiner Mauer, die ich mir selbst aufbaute, jeder Stein Hochmut oder Selbsttäuschung.
Es ist Mes vorbei. Ich kann mich nicht mehr wehren. Meine Master ist eiiigestürzt, und sch stehe hilflos, Auge
in Auge mit der Wahrheit. Die Stimme, die gestern noch! flüsterte, schreit mir heute in die Ohren: schuldig!
Ich hatte die Rechnung Punkt für Punkt verglichest Und war stolz darauf, daß sie mich entlastete. Und ich sah nicht, daß ich den einen Hauptpunkt vergaß, der die Lanze Rechnung umstürzte.
Wie es gekommen ist? Ich weiß es selbst kaum. Eist Zufall, ein Nichts. Das Sandkorn, das ben Erdsturz ins! Rollen bringt.
Ich war ja wie auf der Flucht von München abgereist In bett schrecklichen Tagen nachher habe ich hingelebt, gleichgültig nach außen, nur eben notdürftig das Alltägliche bedenkend.'
Mein großer, schwerer Koffer stand noch immer seitdem unausgepackt, verschlossen aus dem Korridor neben der Haustür. Ich hatte ihn ganz vergessen.
Jetzt ist er ein Verkehrshindernis, Seppls Fahrstuhl kann nur schwer vorbei, wenn er in bett Garten soll. Und meine alte Marie kam heute morgen mit ihrem grämlichsten Gesicht.
„Fräulein Agnescheu, ttun ist es aber bald Zeit, daß der Koffer wegkömmt. Es ist schon die reine Schande so."
Marie hat mich mit diesem Gesicht tyrannisiert, als ich noch ganz klein war. Ich holte seufzend den Kofferschlüssel, hockte auf der Erde und reichte ihr ein Bündel Sachen nach dem lindern zu: Kleider, Bücher, allerhand Kleinigkeiten. Sie schleppte alles mit ihren geduldigen, schlürfenden Pantoffelschritten die Treppe hinauf in mefn Zimmer.
Der Koffer war schon fast leer, ich fischte mit den Händen aus dem Boden herum. Da fällt mir plötzlich ein Bild in die Hand, esst Kinderbild mit lachenden Äugest und Hellem Haar.
Georgs Kind. Baby.
Einen Augenblick war es mir wie ein Schlag.
Ich achte nicht darauf, was Marie schwatzt, ich laufck mit dem Bild auf meine Stube und stelle cs auf den Tisch, knie davor hin, schaue es an.
Und das Bild redet!
Das Kind! Die fehlende Ziffer in der Rechnung. Ich! fasse nicht, wie ich sie habe vergessen können. Sie ist Mir doch deutlich genug vorgerückt. Zuerst von Dilla. Nnd dann von Georg selbst! !
Aber habe ich es denn wirklich vergessen?
Ich will ehrlich sein gegen mich selbst jetzt- rücksichtslos ehrlich. Ich habe vergefseit wollen. Ich habe die Augen davor zugemacht.
Irgend etwas in mir zwingt mich heute zu sehen, ganz ohne Beschönigung.
Und ich sehe neben Babys hellem, kleinem Gesicht ein anderes Kind. Mich selbst.
(Fortsetzung folgt.)
Oberammergauer Brief.
Beginn der Passionsspiele.;
Oberammergau, Mitte Mak.
Die erste öffentliche Vorstellung im Passionstheater hat mit voller Sicherheit ergeben, daß die diesjährigen Spiele denen der berühmtesten Passionsjahre nicht mir nicht nachstehen, sondern sie in mancher Beziehung übertreffen.
-Roch niemals hat eine jede Hauptrolle einen seiner Aufgabe so völlig gewachsenen Vertreter gefunden wie diesmal, noch niemals sind auch die weiblichen Partien, deren genügende Besetzung stets mit großen Schwierigkeiten verknüpft war, so künstlerisch vornehm durchgeführt worden. Ter Christus der vormaligen Spielzeit, Anton Lang, ist dermaßen in seine Rolle hineingewachsen^ und die Auffassung seines Christus von solch erhabener Größe und. Schlichtheit, daß das allgemeine Urteil aller Zeugen der Passionst- fViele früherer Jahrzehnte dahin geht, daß sein Spiel sogar das des berühmten Christus-Tvrstellers von 1870 bis 1890, I o f. M a y r, in den Schatten stellte. Jos. Mahr entwickelte wohl mehr Leidenschaft in der Wiedergabe des Evangeliumverküiiders und des an seine göttliche Mission glaubenden Sehers, aber der Zorn! seines Christus gegen die Priester hatte etwas Herrisches, während Lang von vornherein mehr Gewicht aus die Demut und dass stille Duldertum i>eS Christus legt, wie ihn in genauer Anlehnung an die heilige Schrift das Oberammergauer Passionsdrama in Duisenbergs Bearbeitung schildert. Er ist, durchaus der Heiland, wie er in der Ausfassung des gläubigen Christenvolkes! lebt und wie ihn die Wider unserer größten Künstler des Mittel- alters in ihren Werken hinzustellen pflegten.


