Ausgabe 
21.4.1910
 
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Technik verlangt mM Wit Recht, dah/der, der siö. Mwmdet.« Mündliche Kenntnis des Materials besitzt. NNrber der Padagvgtr, die Wit W idealsten Material, werdenden Menschenseelen^ ar­beitet. glaubte man sich bisher mit der Erfahrung des Alltags, mit Intuition und Routine, begnügen zu können. Demgegen­über- ist aus die -War Mch verhä.ltnismaß.ig- lunge, aMr d«,' lebenskräftige und schon weitverzweigte Wisien;chasi der ^ugend- fitnbe hinzuweisen, die Physiologie, Pathologre, Kriminologie,^ be­sonders aber Psychologie des JNgendalters uMfaßt. Tw WM schastliche Jngcndkunde muß- Grundlage nicht um der häuslichen Erziehung und des Schulwesens, sondern alnch i- der Tätigkeit des VvrMundschasts- und Jugend-Richters werden. ~ .

Tie Mutter, die wenigstens mtt.den elementarstM Tat­sachen der Kinderpsychologre vertrant rsh, werd um nur em Wichtiges Beispiel zu nennen den Begriff der Luge weit enger fassen, als dies bisher Mist üblich ist; sie Wird so den pada- aogischen Fehler vermeiden, ,,Lügen"zu bestrafendiegar keine sind Eine Kenntnis der Jugend-Physiologie und -Pathologie ist wichtig für eine zweckmäßig-e Ernährung des Kindes, für die »«eignete Form einersexuellen AnfklürnM des Jünglings und Mädchens. In manchen Fallen freilich wird hier der Rat des Arztes herangezogen werden müssen, so. -. «-.wenn em Kind auffallend lügenhaft oder grausam- ist, da dies eventuell als Symptom einer beginnenden oder bereits ausgebrochenen psychischen ^^^Der^R i ck?t"e n^der^beruflichl mit jugendlichenIndividuen zN tun bekommt, hat nicht nur als Bormundschaftsrichter, sondern Mich als Strafrichter sein Amt NW wesentlichen als «ne Cr- -iehungssunktivn anszutassen sind so M-es, für ihn, wie für jeden anderen Pädagogen die Forderung, da» er über tziuen gewissen pädagogischen Takt und über ein gaivisses Ma,: jUgendkundsicher, besonders psychologischer Kenntnisse verfügen must. Die richterlichen pädagogischen Aufgaben und. sehr mannigfacher Art: Unterstützung der Eltern bei Anwendung von: ZiichtmUnln gegen das Kind, Bestrafung des ingendltchen Uebelta^rs, Schlitz der Kinder gegen die Eltern, Verteilung, der Kinder aus ge­schiedenen Ehen, Regelung! des. Verkehrs zwischen den Kindern und deut Elternteil, bei dem es nrcht erzogen wird, Aufsicht ubc^ u. Tätigkeit der Vormünder und Kontrolle ihrer Anordnungen, z. V. bei der Berufswahl des Mündels. , -

Wir ÄnnMen minntehr zur Schule, der eigentlichen offiziellen ErriehUnasinstitutivn. Entsp-richt sie der Forderung der Ze.t- geinSstheit? Wird sie zunächst cinMal' den Ansvrderungen,die Line wissenschaftliche Jugendkunde an sie zu erheben hat, gerecht? Wir dürfen diese Frage wohl schlechthini verneinen. Zunächst »imutt di« Schulorganisation viel zu wemg Notiz bvn der Tatsache, daß das Kind ein sich entwickelndes Wesen ist, da st diese Ent­wickelung sowohl des gantzen Individuumswie temer einzelnen »ristia-en Funktionen bestmiMteN Gesetzen folgt. Welckwr^^ehrplan «ichtig z B. die enorme Veränderung!, dw der körperliche mid aeist ae Organismus während der Pubertät erleidet? Tas Jdral'der Pädagogik istEntwickelungstreue", Anpassung des Lehr­gangs, der Fächerauswahl, der Pensen an die Smören der feesisck-eu Mtivickelüng. Von diesem Ideal sind wir noch wert entfernt, WÄl nicht psyckplogische Momente, sondern dre sachlich logische MihenfAe des Stoffs und die Anforderung! der Examina meist Ein die AuÄvahl bestimmt. Ter Forderung der Entwick-elungs- ^reue w-ird sckMN die Tatsache- iuir höchst! nnvollkommen gerecht, dast der Besuch der Volksschule sich voni ! 6. bis rum.14. Lebcns- uibre mi erstrecken hat. Einerseits nämlich liegt das 6 Leb«is- rahr noch unter der zu fordernden unteren Grenze des Lchud- Eintritts; anderseits fällt der Sckchlanhritt in cm ^0«!, tnl fosrt die volle Ausnahmefähigkeit noch nicht oder allemaW eben erst erreicht ist. Auch der Unterricht IN den emzelUen Fachern lat nicht den für die entsprechenden Mistigen Funktionen gel- ^.^,01 Entwickelungshesetzen. Ohne näher darauf elnzugehen. cr- wäbne ich nur daß die 'sogenannten Elementarfäch-er Lerne Ele- -Mntarfächer" sind, daß besonders. in den unteren ÄÜMlklassen vielmehr das bloße Aufnehmen mit -produktiven Tätigkeiten des

«»-- «nt.

S?undmZa und zu kurze oder seltene Pansen bewirken eme permanente körperliche und geistige Ermüdung, also eme Uebcr- Müdung aus der sich leicht Psychosen entwickeln können; und diese Gefahr ist um so größer, je jünger jms betteffende Individuum! ist. Zwei Ansichten sind es hauptsächlich, die, obwohl mngit wissen­schaftlich widerlegt, noch immer sehr häufig die Reihenfochc der Unterrichtsfächer bestimmen: Mali glaubt, ut der ersten Stunde des Vormittags sei das Kind aM frischestwi, und- legt daher das schwerste Fach womöglich an den Beginn bo. Unterrichts, nm tvmnten aber sehr viele Kindei: nicht in völlig ansg^asenan! -Zustande in die Schule und sind deswegen.gerade m der mstew Stunde großen geistigen Anforderungen nicht gewachsen, das schwerste Fach gehört also in die zweite Unterrrchtsstunde. Tas andere, fast noch gefährlichere Vorurteil ist dies, daß körperliche Rnstrenguilg für den Geist eine Erhvlüug bedeute;, aus diesem Jrrtuni her-aus -legt män mit Vorliebe das Turnen ui die Mitte der Unterrichtszeit. Toni gegenüber ist schon lange wissenschaft- kich festgestellt, daß. körperliche Ermüdung Mch. die geistigen

Leistinügen erschwert und schädigt; das Turnen gehört also all den Schluß des Unterrichts. , , .....

Endlich greift die Jugendkunde aM m die Frage dessiBerhalh- Nisfes der einzelnen Schnlgattnngen zu einander ein. Tie Frage, welchen Beruf jemand ergreift und damit zusammenhängend, also auch die, wvM Art von Schule er besucht, Must von seiner speziellen^ Veranlagung! abhängig gemacht werden. Dies« ist aber mt all- geineinen nicht schon- im> 9. Lebensjahre zu erkennen, und der spatere Nebergang von einer Schulgattung zur anderen ist heute Mel zu sehr erschwert. So -wäre denn zu fordern, da» sich, an die ein­heitlich von allen Kindern zu besuchende Volksschule erst spat, nach Beendigung- der Pubertät, Spezialschulen nicht für ine Kinder bemittelter Eltern, sondern für die begabteren an- schließen und ferner, daß die obersten Mässen der Schulen durch weiter« Einführung wahlfreier Fächer universitatsmayiger , ge- fl-altet werden. Eine andere Forderung, die nicht so sehr S- p e z i a l- begabungen wie Grade der allgemeinen Begabung- berück­sichtigt, ist die, daß, man dis Kinder, die ihrem Begabungsgrade! nach zusammengehören, auch zu gemeinsamen Klassen gruppiert. Zwischen die gewöhnliche Volksschule und die bereits seit längerer Zeit bestehenden Hilss-schnlen für zurückgebliebene Kinder hat man nenerdsiigs zuerst in Mannheim^genannte '^ordErklassm für schwächliche und sitzengMiebene Milder eingeschaltet, istrner hat man zuerst in Charldttenburg sogenannt« "Eliteklassen für besonders begabte Schuler geschaffen. Es wäre zu wunschM, daß diese Beispiele eine recht zahlreich!« Nachahmung finden. Ferner aber wäre es wünschenswert, wenn diese Begabnngs-DifierenMq rung in Zukunft nicht einfach nach der Susickle-rstung-, svnrcrn nach einer einwandfreieren Jntelligenz-Prüfungs-Methode vorgenomm en

Wir sehen so, wie- eine gründliche Kenntnis- der Jugendkundö als eine Grundlage jeder Art erziehlicher Einwirkung- geforoertz werden wüst. Di« Schulen aber Müssen auch, noch in anderes Rich-ung zeitgemäß sein: die einzelnen Fachwissenschaften durfew fordern? daß die Auswahl der Lehrstoffe- in den entwrechmd^ Unterrichtsfächern auf der Höhe der Zeit steht, imi> daß die Unterrichtsmethoden so gestaltet sind!, daß der formal biluciM Wert der Nnterrichtsgegenstände auch voll ausgenützt wrrd. Wieb Man im Zvdkogre- uiid Botanik-Unterricht den EniwicklungA-- gcdanstn, überhaupt biologische. Gesichtspunkte in d«i Border- arund zu stellen haben; man wird den Unterricht m Physik und Chemie dazu benutzen, den Schüldr an kausales Denken zu

Sn' einer zeitgemäßen Schule ist ferner zu verlangen, dast sie den Forderungen des praktischen Lebens gerecht wird, daß. sie liebensgemäß, ist. Hierzu gehört es, daß einerseits nicht Tinge gelehrt werden, die im Leben nicht gebraucht werden, andererseits!, ^ast nicht Stoffe rmberücksichtigt bwibcn, deren Be^rschung tM praktischen Leben erforderlich ist- unfern ^Aulen aber auf die Kenntnis vergangener Kultnrepvchen größerer W^rt gelegt als auf die der Gegenwart. Ist eine stäatsbürgeiltchc ©rjiehnng nicht Wichtgier als ein Unterricht ut Geschichte? ,Hußte nicht wenigstens der geschichtliche Unterricht aus eineBurgerkuilde zugespitzt werden und damit abschließcn? ferner: warum spielt in unseren Gymnasieii die Kenntnis toter L-pr-ackwn noch Wt die größere Rolle als die lebender? Tast unsere schuledn Fordeh runa, aufs praktische Lebeii vorzuberesten., in keiner Weist gerecht wird, zeigt sich in erschreckender Weise m ihren Aachwirkungem Nach dem Verlassen der Schul« toirb schleunigst der größte Teal des Gelernten wieder vergessen. Offenbar also svird viel zri viel gelehrt. Weniger wäre mehr! Ferner aber ist hier die bereits aN anderer Stelle erhoben« Forderung zu wi-ederhosin: Dm Scknile soll zur Selbsttätigkeit erziehen und anregen. Der ^chuler soll die Schulaufgaben als Aufgaben auffafsen, die er sich zum eigenen Nutzen stlbst stellt und an deren Erfüllung er em perionsicheK Interesse hat. In vorbildlicher Weise snid dwse^ Forderungen zum Deik im Werner-Sicmens°-RealgymnasiuM zu «choneberg- be- «i7s verwirklicht. Auch der gleicW bereits, erwähnte WunM, hem Schüler durch eigene Auswahl der Unterrichtsfächer Gelegum heit zur Selbstbetätigung' zu geben, sindet h,er ferne erneute Bej- gründung. v nv ,* , . .

Endlich erheben auch unsere Kulturideale Auspruch' darauf, in -einer zeitgemäß sein wb-llenden Erziehung.berücksichtigt zu LrLn Die ForderungKunst im- .Le^n des Kindes" ist lfreilich vielfach übertrieben worden; denn die Kindespsychologie sagt uns, daß in jenen Jähren die Gruiidlagm für «tn «in ästhetisches Ge- uießen noch nicht eigentlich vorhanden jmd. Mehr^Unterstntzung v---rdient dagegen Mi E. die Forderung, ut den Schulen eutut ethischen Unterricht einzufühven. Ein, Kulturideal schemt nur auch die Einheitsschule zu sein, die bereits oben aus my-chologischw« Gründen als -ein erstrebenswertes Ziel hingestellt wurde.

Ten manuigsachen Widerständen gegenüber, die sich der Ein­führung solcher Reformen entgegenstellen, ist es-unsere Aufgabe, Mittel und Wege zu finden, allmählich das-gesamte Erziehungssi und Unterrichtswesen in einem! zeitgemäßen Smne umznMalten. Ti« Krast des Einzelnen reicht hierzu selbstverständlich, nicht aus, und wir begrüßen es daher mit Freude, daist.sim einBund kür Schulresornii" gegründet, hat, der Möglichst cM« an dwsest Fragen Interessierten herauszuziehen bemüht ist. Schule

wobt der am schwersten zu reformierende Erziehungsfaktor ist, so ?st diese MfgM in dem MMN des Bundes in den Vordergrund