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Ter andere zuckte die Achseln:
'— Imponieren tut mir das nicht. Ich mache den Tanz ums goldene Kalb nicht mit. Es mögen sehr nette Leute sein, aber mich reizt das wirklich nicht.
Ta in diesem Augenblick eilte Lücke in der Wagenreihe entstand, drückten die beiden sich die Hand, und der Große schritt dem Eingang zu, wo der Portier stand.
Der Offizier in Mütze aber grüßte sich init einem Kameraden. Sie wollten zuerst aneinander vorüber, dann blieben sie stehen:
— Na, Herr von Rebbin, Sie inachen wohl auch nicht
Der Angesprochene schüttelte den Kopf und dämpfte seine Stimme, denn neben ihnen lauschten ein paar Gaffer:
— Ich gehe, wenn Majestät befiehlt, auf den Hofball, aber bei irgend einem reichen Kiwpp mich satt fressen? Das alles kostet auch zu viel: Uniform, .Handschuhe, Lack- stiebel, ne notwendige Droschke. Kämmen Sie nicht mal zum Essen? Wir haben ein ganz anständiges Lokal auf der Lützowstraße. Behrendt. Da essen toir alle zusammen. Eins Mark fünfzig mittags.
Der Herr von Rebbin Angeredete grüßte besonders iartig einen mittelgroßen Herrn in grauem Bart, der, einen runden Hut auf dem Kvpf, unter der Menge stand und lächelnd zum Palais Droesigl hinüberblickte. Der andere fragte:
— Wer ist denn das?
— Der Herzog von Käschän.
Der Herzog hob sich ab und zu auf den Zehen, die Häude in den Taschen seines Pelzes vergraben. Graf Rs- guier wollte eben den Fahrdamm überschreiten, da erkannte er den Herzog und blieb stehen:
— Sie sehen sich wohl erst die Geschichte von außen au, Durchlaucht?
— Gewiß, unser altes Haus in neuer Fassung!
Er gewahrte des Gesandten Frack:
)— Ah, Sie sind wohl eingeladen?
i— Sie nicht?
i— Was habe ich mit den Seilten zu tun?
Na, sie haben Ihnen doch den Palazzo um' einen schönen Preis abgekauft.
— Dazu braucht man doch keine gesellschaftlichen Beziehungen. Wenn ich jemand ein Pferd verkaufe, macht er doch deswegen meiner Frau noch keinen Besuch.
— Ach, Droesigl hat der Fürstin keinen Besuch gemacht?
>— Nein, ich würde mich auch gewundert haben, wenn Itt es getan hätte. Was geht mich Herr Droesigl au? Ich habe gar nichts gegen ihn, würde auch ruhig hingehen, wenn ich glaubte, einen geistigen Gewinn daraus zu ziehen. Aber wir haben unseren bestimmten Kreis und eine so große Verwandtschaft! Ach du lieber Gott! Und dann wissen Sie, Exzellenz, ich könnte heute gar nicht mal. Ich Habs meinen Bierabend im Tunnel!
Graf Regnier blickte ihn von der Seite an:
— Bierabend im Tunnel? Wen treffen Sie denn da?
— Wir sind immer ein paar Herren. Mein Freund Geheimrat Meyer.
— Wer iist denn das?
— Der Volkswirtschaftler. Dann ein Museumsdirektor, dann Geheimrat Biese von der Schatullverwaltung, der wegen des Schach, dann Oberregisseur Bank. Von dem habe ich auf der Schule immer die Mathematik abgeschrieben, er kriegte dafür mein Griechisch. Das sind doch wertvolle, alte Beziehungen. Aber nun gehen Sie mal hinein zu Ihrem Völkerfest. Ich wollte bloß sehen, wie das alte Dach sich macht, wenn's so großartig erleuchtet ist. Man hat doch ein Interesse daran, wir haben dort drin manches erlebt.
Und er erzählte von seinem Verkehr im Tunnel, der ihm vielleicht mehr Freude machte als die Unterhaltung mit Rittern des schwarzen Adlerordens, mit jener Selbstverständlichkeit des großen Herrn, der auch mit Oberregisseuren und Meyern verkehren kann, da er morgen ebensogut bei einem König speist,
Immer noch drängte sich Wagen nach Wagen. Die Kette schien kein Ende zu nehmen. Und immer entschlüpften den dunklen Kästen schwarze, graue, braune, rote, gelbe, blau« Raupen, die sich in dem hohen, ganz in Weiß gehaltenen Treppenhause unter den Händen der Diener und
Mädchen, zu schillernden Faltern und 'Schmetterlingen entpuppten.
Dann flutete der Strom der Gäste unablässig die breite Marmorstiege hinauf, in deren Mitte ein von einem Puttenreigen umgebener riesiger Bronze-K'an delaber sich erhob, der sein Licht auf die großen Wandgemälde des Treppenhauses! warf. In langer Reihe stand auf den Stufen die Droesigl- sche Dienerschaft in schwarzen Seidenstrümpfen, schwarzen Kniehosen, schwarzem Frack mit unscheinbaren schwarzen Knöpfen.
Arn Eingang warteten Ludwig und Agathe, die Gäste zu begrüßen. Sie wußte manchmal gar nicht, wer es sei, wenn sie ihren Mann dann fragend ansah, flüsterte er es ihr schnell noch zu. Manche der Damen begleitete er ein paar Schritte in das erste Zimmer und brachte es fertig, trotzdem noch zur rechten Zeit zurück zu sein, wenn eine noch vornehmere kam, der er den Arm reichte, um sie bis in den in Blau und Gold gehaltenen zweiten Saal zu geleiten. Dabei fand er Gelegenheit, schnell vorzustellen, so daß die Dame und ihr Gemahl nicht allein standen. Wenn aber1 Ludwig wirklich den Namen eines jungen Herren zum Beispiel nicht wußte, sagte er mit liebenswürdiger Offenheit:
— Verzeihen Sie, bei den vielen hundert Menschen ist es nicht möglich . . . Darf ich mich bekannt machen? Droesigl. ;
Den Müttern sagte er über die jungen Mädchen jedesmal eine Artigkeit. Und, wenn er eine doch nicht gleich erkannt, flüsterte er ihrem Vater zu:
— Ich bitte um Verzeihung, das gnädige Fräulein sieht heute so reizend aus, daß ich im ersten Augenblick . . .
Aus den nächsten Sälen klang Musik.
Ueberall waren die Möbel an die Wände gerückt. Die Flucht der Räume, in einem langgestreckten Flügel bis tief in den Park reichend, schloß mit einem riesigen Gartensaale, in dem getanzt und gegessen werden sollte. Nur für heute mit Heizung versehen, wurde er sonst lediglich im Sommer benutzt. Hohe Fensterscheiben konnte inan versenken und dann noch größere Marquisen davor herablassen, so daß die Sonne nicht blendete und man nur die grünen Rasenflächen sah, die sich nach der Königgrätzerstraße in der Ferne verloren.
Der große Saal mit den Rubensbildern sollte dem Konzert Vorbehalten bleiben.
Als die Gäste anfingen spärlicher zu kommen, verließ das Ehepaar seinen Posten am Eingang. Run ging Agathe von einer Gruppe zur andern von Valy unterstützt, die durch die Räume rauschte, immer einen anderen Herrn zur Seite oder eine neue Dame, denn das war ihr gleich.
Im Gegensatz zu ihr blieb Agathe dort, wo sie gerade im Gespräch war, sich scheinbar um nichts kümmernd, als sei sie nicht die Hausfrau, sondern selbst ein Gast. Gerade dadurch wurde sie ihren Pflichten doppelt gerecht. Alle bewunderten diese Ruhe, alle sagten, sie habe etwas so Vornehmes, und dann hieß es wieder:
— Eine geborene Gräfin Kölln.
Jemand wußte noch hinzuzufügen, Prinzessin Hohengart sei ihre Schwester. Ein anderer behauptete, nein, die Fürstin, denn Fürst und Fürstin Hohengart waren gleichfalls da. Valy wußte, daß sie Agathe damit einen Gefallen tat, so hatte sie ihre Schwägerin darum gebeten. Der Fürst wollte vom Hausherrn die 'Kunstschätze gezeigt haben, und Ludwig, der immerfort Menschen vorüberkommen sah, mit denen er noch nicht gesprochen, tat es etwas zerstreut. Aber als er den Minister von weitem allein stehen sah, schien ihm der, doch wichtiger, und er sagte plötzlich:
— Durchlaucht, Pardon . . . gestatten Sie . . .
'— Bitte, bitte.
Als er zurückkehrte, war der Fürst zu seinem Schreck verschwunden. Er ging durch die Säle mit Staatssekretär von Gloeven, der die Kunst im Lande unter sich hatte. Der Staatssekretär ließ seine Augen umherwandern, und die beiden Herren blieben ab und zu stehen und sprachen über die Zeit, aus der dieses und jenes stamme. Dann kamen Damen, von denen Herr von Gloeven, ein auffallend schöner Mann, immer umringt war. Er hatte einen Augenaufschlag, den sie alle liebten, und nie wurde er müde, die törichten ober wißbegierigen Fragen zu beantworten.
(Fortsetzung folgt.)


