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In der Residenz der indischen Sonnendqnastie.
Unter den Königreichen von Nadschputcma, die sich mitten tut englischen Machtbereich ihre politische Unabhängigkeit zu bewahren gewußt haben, ist das größte und mächtigste Dschodporadas, das mit seinen 85 000 Quadratkilometern größer als Bayern und Württemberg zusammen ist und dessen 3 Millionen Einwohner die Urkraft und stolzeste Blüte der indischen Rasse repräsentieren. .Der Beherrscher dieses Reiches, der junge Maharadscha Sardar Singh, lebt in seiner märchenhaft schönen Residenz Dschodpore, die an der Grenze der großen Thartvüste, eine Eisen- bahntagereise nördlich von der englischen Stadt Adschmer liegt. Einen Besuch bei diesem Sprößling der uralten indische» Sonnendynastie schildert Emst v. Hesse-Wartegg in lieber Land und Meer. Wenn mau durch Radschputana reist, so gleicht man sich von der romantisch-malerischen Sphäre des tiefen Mittelalters umfangen. Tie Könige leben in ihren altangestammten, von gewaltigen Ringmauern umschlossenen Burgen, umgeben von prächtigen Hofstaatm, mit Zwergen, Hofnarren, Märchenerzählern, Ballettkorps, lassen sich auf ihren Jagdzügen von Jagdlcopardeu und Falken begleiten, reisen auf Elefanten, anrüsieren sich mit blutigen Elefanten- und Tigerkämpsen und erscheinen bei den „Turüars", das heißt den offiziellen Festlichkeiten, in altindischem Glanz, geschmückt mit Edelgestein im Werte von Millionen. Diese stolzen Inder haben mich nicht das geringste, nicht einmal europäisches Schuhwerk, von den Engländern angenonimen. Nur in
Schauspieler-Schrullen.
Bon Wilhelm Rullmann (Schlüchtern).
In einer rheinischen Stadt lernt« ich einst — es ist seitdem schon recht viel Wasser dem schönen (Strom hinabgeflossen — einen Schauspieler feinten, der durchaus das nm-, was man ein Original zu nennen pflegt. Er hatte sich einen schönen Theater- namen beigelegt, Meß aber eigentlich — ich kann es ja jetzt verraten, da er nicht mehr zu den Lebenden gehört — mit seinem bürgerlichen Namen Meier und- wurde von seinen Berifisgenossen der „Stimmungsmeier" genannt. Sein Fach waren Eharakter- rvllen, aber gelegentlich ließ er sich auch gern« als Bonvivant sehen. Er war ein.Mitterwurzer an Umfang, freilich nicht an Stärke und Tiefe der Begabung. In einem Restaurant, in dem Viele Schauspieler verkehrten, machte ich zu später Abendstunde! seine persönliche Bekanntschaft, nachdem ich ihn vorher im Theater als tzäarziß bewundert hatte; er wurde mir vorgestellt, sprach ater, obwohl er mir gegenüber saß, bis zur Mitternachtsstunde, in der er sich empfahl, kein Wort mit mir und beteiligte sich überhaupt fast gar nicht an der Unterhaltung. Der ernste AuÄwuck seiner Züge, sein bleiches Gesicht, das dunkle, Über der Stimel leicht gelockte Haar, — alles das schien noch in schönster llebev- einstimmuug mit der Rolle zu stehen, bie 'er mrz vorher gespielt hatte.
Wie verändert erschien mir dieser Mensch!, als ich vierzehn Tage später wieder mit ihm in persönliche Berührung kam! War das noch der Narziß von damals, der blasse Mann mit der Wettschmerzmiene? In einer kleinen Gesellschaft, die einen ünsflug an den Rhein unternahm, bewegt« ,er sich mit der Lieherheit und Gewandtheit eines vollendeten Weltmannes. Er trug einen Hellen Sommeranzug mit einer Rose im Knopfloch, einen Panamahut auf dem dunklen, sorgfältig stisierten Haar, Mir heiter und gesprächig und machte den Damen unserer Gesell- schaft der Reihe nach den Hof, ohne eine einzelne besonders zu bevorzugen. Der „Stimmungsmeier" müßte sich schon am Nachmittag von uns verabschieden, denn er hatte am Abend einen liebenswürdigen Schwerenöter in einem Sardonscheu Lustspiele, ich glaube den' Mortimer in den „Mten Junggesellen", zu spielen.
Schauspiekerschrullen eines Provinzfamödianten — wird man sagen. Aber man erzählt ja auch von einem sehr berühmten dramatischen Künstler, daß er, als er nach einer Lear-Vorstellung von seiner Gattin mit einem Abendessen von Heringen mit gesottenen Kartoffeln empfangen wurde, dieses kärgliche Mahl unter den Tisch warf mit den Worten: „Ist das ein Essen für einen König?"
Von einem Pariser Schauspieler, namens Boufsä, weiß Ernest Blum in seinem Journal d'un Vaudevilliste folgendes zu erzählen: Wenn Bvnfso mn Wend auf der Bühne einen Greis darzustellen hatte, traf man ihn am Tage auf den Straßen als jungen, gigerlhaft aufgeputzten, frisch rasierten und frisierten Burschen. Sollte er aber einen Jüngling oder gar einen Jungen (wie im „Gamin de Paris") spielen, so ging er auf den Boulevards in der Haltung eines lebensmüden Greises, mit gebeugtem Rücken und sich mühsam an einem Stocke fartbewegend, spazieren. Im Publikum äußerte man sich dann: „Dieser Boufsä rst wirklich! ganz einzig, noch so jung und dabei so lebenswahr, so täuschend glaubhaft in den Vaterrollen!" oder es wurden Stimmen laut, wie: „Was für ein Künstler ist doch dieser Bvuffä! So alt und doch noch so lebendig und munter in den Liebhaberrollen!"
Aber Bouffä — so erzählt Blum weiter — war nicht der einzige Pariser Schauspieler, der das Straßenpublikum in Erstaunen zu setzen liebte; es gab da noch andere, di« sich das Vergnügen machten, das Publikum der Straße zu überraschen, indem g; auch im bürgerlichen Leben die TheaterkostÄ'me anbehielten, eint der Schauspieler Christian in „Mam'zelle Nitvuche" die Rolle des Obersten spielte, ging er fast jeden Abend während einer Pause in Uniform auf die Straß« und war ganz glücklich, wenn er von zufällig vorüber gehenden Soldaten gegrüßt wurde. Eines Abends grüßte ihn ein Soldat ganz vorschriftsmäßig, blieb dann aber stehen und sagte, indem er ihn von oben bis unten betrachtete: „Verzeihung, Herr Oberst, wenn ich nicht irre, sind Sie der Schauspieler Herr Christian von den Varietäs?" — Ohne mit der Wimper zu zucken, erwiderte Christian: „Sagen Sie in meinem Namen Ihrem Leutnant, daß Sie vier Tage Mittelarrest haben, weil Sie Mich für einen Schauspieler hielten!"
Ein anderer Künstler jener Zeit, Lassagne, der Lieblings- komiker Napoleons III., spielte eine Frauenrolle in dem Schwank „Mamzelle Rose". Auch er ging gern während einer Pause in seinem Kostüm aus die Straße oder in einen Laden, um eine Kleinigkeit zu kaufen und war hocherfreut, wenn eine Verkäuferin sagte: „Noch etwas gefällig, Madame?"
Zu den Schrullen der Schauspieler gehört auch ihr Aber- glanben, der sich bei vielen in der wunderlichsten Weise äußert. So bei der unvergeßlichen Gallmeyer. Im letzten Vierteljahr ihres Lebens hatte sie ein längeres Gastspiel in Graz absolviert, aber nie war sie an einem Freitag aufgetreten. -Di« war schon damals -leidend und ost verriet sie eine LebeusmüdigV, die bei ihr betfremden mußte. Sie war wieder, Ivie schon ost, zur Mutter Gottes Nach Mariazell gewallfahrt und einer Freundin gegenüber äußerte sie einmal die Absicht, in ein Kloster zu gehen. ,,O ie!" lacht« sie dabei auf, „was möchten die Zeitungen dazu sagen und das
verehrte Publikum! Die Ramasuri! Tie Gallmeyer geht ins Kloster! Ui jegerl: Aber mir iS eß nit zum Lachen, sondern! ganz ernst, denn das Leben macht mer schon lang ka Freud mehr, und ob die Leut applaudieren oder nit, obs lachen oder nit, das is iner, wie der alte Moser zu sagen pflegte, das Tontememeckstsesst tollt allen Doutememechosen."
Auf Rechnung des Aberglaubens der Gallmeyer ist auch eine! der Ohrstigen zu setzen, mit denen dasiiberschäuniende Temperament der sonst so gutmütigen Frau fa rasch bei der Hand war. Als die „fesche Pepi" einst in Budapest gastierte, suchte sie eine Kärtens- schilägerin auf, die sich in der dortigen Theaterwelt eines großen! Rusts erfreute. In dem vor der Künstlerin entfalteten Spiest der Karten nahm der Pique-Bube eine Stellung ein, aus der sich nach den Gesetzen der Äährsagekunst schließen ließ, daß der Schatz der Fragestellerin sich einer Untreue schuldig gemacht hatte. Die Künstlerin geriet außer Rand und Band, fuhr in ihr Hotel, packt« ihre Koffer und! fuhr mit dem nächsten Zuge nach Wien, wo sie an ihrem damaligen Geliebten, ohne viel Federlesens zu titodjen, die Chronik ihrer Ohrfeigenspenden um ein neues Kapitel bereicherte. Das klingt unglaublich, aber die Geschichte soll wahr fein.
Die Rachel trat keine Reise an, ohne vorher Brot und Salz in ihren Kvsfer gestreut zu haben. Ein alter Aberglaube verbietet den Schauspielern, einen Spiegel mit auf die Reise zu nehmen; wie leicht könnte er zerbrechen und das bedeutet sieben Jahre Unglück! Die in hohem Grade abergläubische Sarah Bernhardt tritt nie eine Reife an einem Freitag an, und sie nimmt nie einen Spiegel mit; dafür trennt sie sich nm keinen Preis der Welt von einem kleinen Ring mit blauem Stein, bet angeblich von einem persischen Zauberer stammen fall. Von der Sängerin! Calvö sagt man, daß, sie nie die Bühne betrete, ohne vorher um den kleinen Finger der linken Hand- ein Roßhaar gewunden! zu haben. Dem Aberglauben des Roßhaars fallen auch schon die Malibran und Faimy Elßler gehuldigt haben. Die berühmte Haizinger konnte sich nie von einer geweihten Kapsel trennen, die sie an einem feinen Kettchen um den Hals trug und in der sich, wie sie behauptete, ein Splitter vom Kreuze Christi befand! Ihr Kollege am Burgtheater, La Roche, glaubte an die glückethaltende Kvaft eines Men Siegelrings mit korallenrotem Stein, der von! einem gelehrten, später Heilig gesprochenen Mönche stammen fall.
Ein Grazer Schauspieler, der verstorbene Oberregisseur Klang!, hat mir einst folgendes Erlebnis erzählt: In Laibach sollte die Erstlingstragödie eines fangen, hoffnungsvollen Dramatikers auf- geführt werden, in der dreizehn Perfanen auf dem Theaterzettel! verzeichnet waren. Am Tage der Aufführung kam eine Deputation der Mitwirkenden zu dem Direktor, deren Sprecher an ihn folgende Ansprache hielt: „Hochgeehrter Herr Direktor! Einem von uns ist ausgefallen, daß wir gerade zu Dreizchnt in dieser Rc er- tragödie heut abend beschäftigt sind. . Mr haben nachgczahlü und richtig — wir sind gerade dreizehn, von denen allerdings im dritten Akte sck)vn fünf und im Vierten Akte schon sieben tot sind. Na, das ist ja ganz richtig, denn dafür ist es eine Tragödie!, aber dreizehn Personen — das bringt kein Glück, da fällt das Stück durch. KLimte man nicht den Septimius Caraeälla, der doch nur zehn Worte zu sprechen hat, und der im zweiten Akte von der Wache erstochen wird, schon vor dem Aufgehen des Vorhangs umbringen? Dann wären wir zu zwölf und dann wirds gut ausgehu. Im anderen Falle steh ich für nichts." Der Direktor lächelte und gab seine Zustimmung dazu, daß dstser nichtsnutzige Caracalla schon vor Beginn der Ausführung umgebracht wurde.
Nur zwei Perfanen waten mit dieser Verstümmelung deS Dramas unzufrieden: der Dichter, ein junger SteueramMvntrvL-- leur, dessen Talent zu den schönsten Hoffnungen berechtigte, und! der Darsteller des Septimius Caraeälla, der sich um sein Spiel- Honorar im Betrage von 1 Fl. 20 Kr. ö. W. verkürzt sah.


