Ausgabe 
21.2.1910
 
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Sie hatten die Verwandten nach Kölln eingeladen, aber alle lehnten ab. Lndwig schien verstimmt, und doch war es keine üble Absicht, sondern alle waren bereits versagt. Beide Gatten sehnten sich nach Kölln zurück: sie wollte Ruhe haben, er dachte an allerlei Arbeiten im Schloß. So fuhren sie denn wieder nach Haus, in zwei Wagen voin Bahnhof vtbgeholt, in dem einen das junge Paar, in dem andern, wie bei Fürstlichkeiten, die Begleitung: Oskar und die Jungfer.

Der Herbst strich langsam hin, ein Tag war wie der andere. Sie fragte:

Langweilst du dich mit mir? denn sie machte sich jetzt über allerlei Gedanken. Doch er lachte sie nur aus. Er hatte die Handwerker zu beaufsichtigen und ging eben Morgen zur Pürsch in den Wald. Nach dem Früh- lück, denn sie aßen abends, unternahmen sie eine Wagen- «hrt, irgendwohin wo Holz geschlagen wurde, oder über >ie Heide, auf der früh und abends der Nebel schwebte.

Seit undenklichen Jahren war es nicht so ftiL in Kölln gewesen. Wenn sie einem Holzfäller, einem Arbeiter be­gegneten, die alle ans den umliegenden Ortschaften stamm­ten, hörten sie es von den einfachen Leuten immer mit der gleichen Redewendung:Et is jar keen Leben mehr!"

Ludwig besaß nicht die Gabe, mit dem kleinen Manne K. reden, als hinderten ihn seine schönen Handschuhe ihm 0 Hand zu reichen. Dafür war Agathe gewohnt, mit den Bauern zu verkehren, von ihrem Vater her. der nut jedem beerensuchenden Mädchen, mit jedem reisiglesenden alten Weibe, mit jedem Pflügenden ein paar Worte wechselte. Das hatten die Kölln so gehalten von Urzeiten her.

Nun fühlten die Leute unwillkürlich den anderen Wind, der da wehte. Agathe war für sie immer noch dieKom- tesse"; sie nannten sie so, bis Ludwig sie verbesserte. Dann blickten sie den fremden Mann wohl von der Seite an und schwiegen.

Dabei tat Ludwig alles mögliche: Er versprach dem Kriegerverein jährlich eine bestimmte Summe, er hatte eine Jahne geschenkt, und bei der Fahnenweihe gab es Freibier; er spendete reichlich für die Ortsarmen; er war nicht knause­rig, und wenn auch alles durch die Kanzlei ging, jedes überlegt und gebucht wurde, so liefen doch seine Beiträge regelmäßiger und sicherer ein als beim alten Grafen. Wer Mei Leute machten sich nichts aus ihm. Von einem ging es zum anderen:

nach Tisch des jungen Ehemanns hohe Gestalt erblickte, steuerte sie aus ihn zu, denn in seiner Nähe mußte doch! vie Braut feilt. Aber Patsch stand am anderen Ende des Saales, genau wie als Mädchen in Kosin von einem Kreis junger Offiziere umgeben. Agathe zeigte sie Gräfin Linden- oach. Die alte Dame schüttelte den Kopf:

. So benimmt sich keine Brant. Möchte Gott ihrem Manne eine starke Hand geben, sonst geht's schief, das sage ich euch schon heute.

Agathe meinte, Patsch würde in der Ehe anders lverden, sie sei nun einmal so erzogen, doch die alte Gräfin fragte:

Warum bist du denn nicht so?

Weil ich nicht so hübsch bin wie sie und Valy.

Dafür hat mein kleiner Liebling auch den besten Mann bekommen.

Agathe sah sie glückselig an:

i Meinst du das wirklich?

I r Sonst würde ich es nicht sagen.

' > Gefällt dir Ludwig?

*- Er ist gut gegen dich, darum bin ich für ifjitj

Die junge Frau senkte die Stimme, als solle es nie­mand hören:

Tante, willst du mir eine Liebe tun?

Nun?

Ich habe eine große, große Bitte.

Die Gräfin hob das Kinn und senkte den weißen Scheitel nach hinten, mit lächelnd stolzer Gebärde:

Es sei gewährt.

Du nennst Ludwig Sie. Bitte, Bitte

Ah, ich verstehe.

Andere traten dazwischen, Leute, die Frau Droesigl Snnen lernen wollten, Frau Droesigl mit den vielen Mil­anen, ja der Milliaroe, von der einzelne bereits jetzt nach Tisch erzählten.

- En stolzer Herr!

Nee, unser Jraf war doch anders.

Der alte Polke in Koseritz meinte:

Daß der eenen mal die Pfote reichte, da jibt's aber nischt.

Die Leute in Werden erinnerten sich der Tage, wo die Tür aufgerissen ward und der alte Graf rief:

Ist keener da, der mein Pferd hält?

Da waren sie alle aufgesprungen vom Tisch. Sie rissen sich darum, kriegten dann aber auch ihren Taler. Dann hatte sich der Graf zu ihnen gesetzt, eine Lage Bier bezahlt, auf den Tisch gehauen und gerufen:

Ihr könnt alle nich saufen, ihr Luder!

Gestiefelt und gespornt war er gekommen mit seinem krebsroten Gesicht und den weißen, wehenden Schnurrbart­enden, hatte einem Mädel unters Kinn gegriffen und ge­fragt:

Wie heißt denn deiner? und dann:

Wat, du hast keenen? Als ick jung 'war, hatte jede zwei.

Ja, heilig war der alte Graf nicht eben gewesen, ge­flucht hatte er, daß die verhauensten Kerle noch etwas von ihm lernen konnten. Mit dem Pastor stand er jahrelang übers Kreuz. Aber die Köllner, die regelmäßig zum Gottes­dienst gingen, denn ihr Pastor war ein braver Mann, hatten's ihm nicht nachgetragen. Wer konnte ihm böse sein, und wenn er durch die Saaten ritt, daß die Erdklöße nur so prasselten! Da ging man einfach Sonntags aufs Schloß: schweinegrob wurde er zwar, er ritte nie über die Saat, aber Geld kriegte man doch. Und jedesmal was zu saufen.

Das kam alles bei dem neuen Schloßherrn nicht vor. Der saß jeden Sonntag in der Kirche, und es war, als zähle er geradezu für den Pastor die Häupter seiner Lieben. Und grüßen mußte man ihn. Grüßen tat er ja auch wieder, aber "kein Wort fand er dabei, keinen Scherz

Doch dieKomtesse" Ivar die alte geblieben. Sie ging wie einst zu den Kranken und Bedürftigen. Ja mehr noch, wenn sie Ludwig bat, ließ er Kleider kommen aus Berlin und Arznei, kurz alles, was sie wollte. Wohin Agathe kam, hellten sich die Mienen auf. Ludwig fand, sie sei sogar zu freundliche

Einmal sah er, wie sie einem der Hausmädchen die Hand gab. Man merkte es seiner Miene an, daß es ihm nicht gefiel. Am Abend fragte er Agathe, was sie mit dem Mädchen gehabt. Sie antwortete:

Ich erfuhr durch Zufall, sie hatte Geburtstag,

Da gratulierst du?

Sie blickte ihn erstaunt an:

Wenn's Papa erfuhr, gab's immer ein paar Flaschen Wein, und Kuchen wurde gebacken!

Ludwig blieb den ganzen Abend in seinem Zimmer. Agathe strickte Strümpfchen für das Keine Wesen, das sie erwartete. Als ihr Mann nicht erschien, ging sie zu ihm. Er saß am Schreibtisch. Sie beugte sich über ihn:

Ludwig, fehlt dir etwas?

Er zwang sich zu einem Lächeln:

Was soll mir denn fehlen?

Du sprichst nicht mit inirj

O, es war nur. . ,

Sie legte den Arm um seinen Hals:

Du, ich bin nicht so dumm, Ludwig! Das hat dich gekränkt, was ich von Papa gesagt habe.

Er wehrte zwar ab, nein, nein, aber sie rüttelte ihn:

Ludwig, das dürfen wir nicht erst anfängen. Ich habe dich so lieb, so lieb. Wir sagen uns doch alles, nicht wahr? Wenn ich vir's nicht sagen darf, wer täte es sonst auf der Welt? Und du sollst mir auch alles sagen.

Wie er ihre Stimme hörte, ihren Atern fühlte und dann ihren Kuß, rückte er den Stuhl vom Schreibtisch ab, zog sie auf den Schoß:

Ja, du darfst mir alles sagest. Ich war ein wenixj ärgerlich. Es soll nie wieder geschehen! Und wenn ich es täte, mußt du mich an mein Versprechen erinnern.

Aber sie brauchte ihn nicht daran zu erinnern, bis der Schnee niedersank und Jark, Schloß, Heide, Wiesen. Felde« und Wald in seine weiße Decke hüllte.

(Fortsetzung folgt.)