Mter dem Boden, unter den Fundamenten der Häuser, unter den Tunnelbauten der Untergrundbahn ein verborgenes Dasein führt, ein kleines Stuck in die Höhe. Nur ganz wenig, kaum einen Millimeter. Niemand wußte es, niemand bemerkte eS; es hätte auch niemand daraus geachtet, wenn man es selbst gewicht hätte. Wer wird auch -an das Grnndwasser denken! Es steigt und fällt und steigt wieder und fällt wieder. Dieses Mal' fiel es aber nicht, es stieg weiter. Ganz, ganz langsam; und als oben auf der Erde ein Jahrhundert vergangen war, da war das Wasser doch schon ein ganzes Stückchen höher gekommen.
Die Menschen achteten nicht darauf. Es gab ja soviel Wichtigeres, was sich da oben ereignete, Krieg und Frieden, Liebe und Haß, neue Erfindungen und Entdeckungen, die in unaufhaltsamem Siegesläufe der Menschheit aste Ratur- kräfte der Reihe nach unterwarfen. Freilich, hier und da, in tiefen Kellern, zeigte sich etwas Feuchtigkeit.^ Aber die konnte leicht beseitigt werden, die Technik des Häuser- banes wurde mit solchen Kleinigkeiten schon noch fertig.
- Als aber Jahrhundert ans Jahrhundert verrann, da Mehrten sich doch die Unzuträglichkeiten. Die ganze norddeutsche Tiefebene wurde eigentlich die Nässe überhaupt nicht mehr los. Es war auch ein ungesundes Land, und man begriff gär nicht, wie die Menschen das alles früher so leicht ertragen hatten. Es regnete doch fast ununterbrochen, und wenn es schon einmal aufhörte, so zog das Wasser trotz aller sorgfältig angelegter Drainoaer nicht tu den Boden ein. Ein feuchter Nebel lagerte unablässig über der Erde, dicke Wolken bedeckten ständig den Himmel. Früher, so lehrte die fast zur Sage gewordene Geschichte, wuchsen verschiedeue Grasarten in Deutschland, deren Samenkörner gemahlen und zu Brot gebacken wurden. Jetzt gab es ja genug künstliche Nährmittel, man war auf den Ertrag des Bodens nicht mehr angewiesen. Aber das war auch recht gut so! Denn was der Boden jetzt hervorbrachte, hätte sich zur Nahrung wenig geeignet. Schilf und Sumpf- pflanzen bedeckten die nasse Erde, die Frösche und Unten hatten sich in ungezählten Scharen überall ausgebreitet, Störche, Reiher, wilde Gänse und Enten fanden den Tisch reich gedeckt, und nahmen mehr und mehr von den Stellen Besitz, wo früher große Städte gestanden haben sollten. Denn den Menschen konnte mau es wirklich nicht mehr zumute», dort wohnen zu bleiben. Die verheerenden Seuchen nahmen gär kern Ende. Früher hatte es wohl schon in den sumpfigen Tropciu-Läudern giftige Fliegen und Mücken gegeben, deren Stich unheilbare Krankheiten auf den Menschen übertrug. Was war das aber gegen die Millionen von Insekten, die die Luft über derr deutschen Sümpfen durchschwirrten! Jeder Stich voll ihner, brachte bett sicheren Tod. Auch, das Reich der Pilze, das ja schon früher mit einzelnen Bakterien Angriffe auf das Menschengeschlecht unternommen hatte, entfesselte jetzt ganz neue Gewalten. Harmlose Fäulnis- und Schimmelpilze, deren der Mensch früher nie geachtet hatte, entwickelten auf den günstigen Nährböden ganz neue und furchtbare Ergen- scha ten. Wehe dem Menschen, der von den sicheren Wohn- K hoch oben in den Vergelt hätte herabsteigen wollen ile todbringende Atmosphäre!
Und indem in Jahrtausenden das Wasser langsam aber stetig weiter und weiter stieg und iintner^ größere Teile der bewobnten Länder der Erde bedeckte, zog sich die Menschheit höher und- höher hinauf in die Berge zurück. 9<ur noch gering an Zahl mib bescheiden in den Ansprüchen, dre sie an das Leben stellten, hausten die Nachkommen der einstigen stolzen Kulturvölker auf den Keinen Inseln, den Mpengipfeln, die allein übrig geblieben waren, als schlleß^ lich Fluß und Meer in eins zusammeuflossen, und Nordsee, Atlantischer Ozean und Mittelmeer ihre Fluten vereinigten. Eilte einzige große und unübersehbare Wasserfläche war da, wo einst in mythischer Borzeit prangende Fluren, prachj- ttge Städte, stolze Paläste, glückliche Menschen gewesen sein sollten. Jetzt war es ein eintöniges Meer, das vom Winde bewegt seine Wellen an die Küsten warf und tn Unermüdlicher Zerstörungsarbeit Stein auf Stern von ihnen losbröckelte und verschlang. Stein aus Stein rollte in die Tiefe, wurde dort in dem nimmer ruhenden Spiet der Wellen hin und her gewälzt, in immer kleinere Stücke zerlegt und schließlich, als feiner Sand und Ton am Meeres- Hoden abgelagert. .
Jahrtausend auf Jahrtausend verging, und umiter dicker wurde die Schicht, die den Boden, des Meeres bedeckte, ein
ungeheurer Leichenfteiu, unter deut Mlllionen von Menschen- chicksalen zur ewigen Rithe bestattet waren. Immer weniger und weniger ließ das brandende Meer von jenen Kiisten übrig,- die einst als stolze Gebirge sich ragend zum Himmel erhoben hatten, immer kleiner und kleiner wurde Has Häuflein von Menschen, das selbst rnit seinen bescheidenen Bedürfnissen sich iwch kaum erhalten konnte. In -Liedern und Sagen lebte iwch eine- dunkle, Erinnerung an die stolze, Vergangenheit. Ein gewaltiges Geschlecht sollte einst ine Erde bewohnt haben, das in ungenügsamem Streben sich nicht mit den von der Natitr gebotenen Gaben bescheiden wollte. Es icherzog die ganze Erde mit eisernen Straßen, auf denen feurige Wagen einherrasten, die den Menschen n wenigen ©tun beit auf weite Entfernungen hinwegfuhren bunten. Große Häuser wurden gebaut, die auf Has Meer hinausfuhren, und schließlich gelang es den Menschen auch noch, die Luft zu durchfliegen wie die Vögel. — So erzählte die Sage, aber niemand ivollte es glauben. Unter- dessen setzte das Wasser seine alles gleichmachende Arbeit fort und häufte in Schicht auf Schicht Sand und Ton auf seinem Boden an. c „
Aber in ewiger Tiefe hauste noch Seismos, der alte Erderschütterer! 'In langem Schlafe lag er jahrtausendelang still und ruhig da. Doch eines Tages erwachte er und schüttelte gewaltig sein Haupt. Da wallte das Meer hoch auf, feilt zu festem Stein erstarrter Boden hob und senkt« sich, und plötzlich schob sich eine gewaltige Masse hoch aus dem Wasser heraus. In wilden Strudeln stürzte das Meer in die /lassenden Tiefen, wütend brandete eö gegen die steinernen Wände an; vergebens! Seine Macht war gebrochen, ein neues' Land, eine neue, Welt hatte sich -zum Lichte emporgerungen. Sandstein und Tonschiefer bedeckten in dicker Schicht das Urgestein und uin- hüllten die Reste früheren Lebens. Schon gliederte sich tu anmutigeit Linien Berg und Tal, aber kahler Fels starrte überall empor, noch nicht geschmückt mit grünem Pflanzew- teppicki, noch nicht belebt von ewig frohen Tterscharem Doch da fand ein kleines Moospflänzchen, dessen Keim der Wind herübergetragen hatte, eine feine Spalte im Gestetn,- in der' es wachsen konnte. Bald überzog es in grünen Rasen den dürren Fels und bereitete den Boden vor, auf dem sich dann auch andere Pflanzen ansiedeln sollten. Ein verirrter Vogel brachte den Sarnen einer Kiefer mit, und indem die Jahrhunderte verrannen, bedeckte sich Berg und Tal mit dichten Wäldern und prächtigen Fluren, sangen! die Vögel in den Zweigen und hüpften die Eichhörnchen in munterem Spiele von Ast zu Ast.
Bald nahm auch der Mensch! wieder von der neuen Erde Besitz. Mit der Möglichkeit, sich auszubreiten, wuchsen seiner Sehnsucht und seinem Streben die Flügel. Dem nimmermüden Wunsche konnte das .leicht zu Erreichende nicht genügen. Immer weiter, immer höher ging das Verlangen, immer neue Schwierigkeiten stellten sich tu den Weg, und immer neue Künste mußten erfunden werden sie zu beseitigen. Der Mensch wurde wieder der Herr der Erde und breitete sich über ihre ganze Oberfläche aus. Städte und Dörfer wurden gegründet. Völker bildeten sich heraus, große und kleine Staatsverbände trennten und verbanden die einzelnen Gruppen. ..
In einem Lande bauten die strebsamen Bewohner eine große Stadt, die Hauptstadt. Und mitten hinein in bte Hauptstadt wurde ein Museum gebaut. Man hatte nämlich schon an verschiedenen Stellen beim Graben in der Erde ganz merkwürdige Dinge gefunden, die fast die Vermutung nahe legten, als ob die Erde schon einmal früher bewohnt gewesen wäre. Es waren Knochen von verschiedenen Tieren und vielleicht sogar auch von Menschen und Reste von Geräten, deren Bedeutung sich niemand erklären konnte. Das sollte nun alles gesammelt und von den Gelehrten untersucht werden. . ....... ..
Der Tag aber, au dem das Museum erössnet werden sollte, war ein besonderer Festtag. Alles war prächtig geschmückt, und die ganze Bevölkerung der .'Hauptstadt befand sich in freudiger und gehobener Stimmung. Den König eines befreundeten Reiches kam zu Besuch- und man erwartete viel von seiner Anwesenheit. . . .
Vermisstes»
* Der Po st verkehr der Welt. Die aiehives postales veröffewlichen soeben eine Stalistik über die neuesten Daten deS Weltpostverkehrs, demnach bestehen in 97 Staaten (m einer flache


