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W feige, es zu.gestehen! Ich Mer habe m»s meinem Herzen nie eine Mördergrube .gemacht!
Dann sprach er vom Tode seiner Frau, die bei der Geburt seiner jüngsten Tochter Pauline ihr Leben gelassen, nicht sentimental, sondern ivie von etwas, das eben so hatte sein müssen.
Die junge Gräfin, seit wenigen Fahren erst verheiratet, fragte naiv:
Ist Ihnen denn das nicht nahe gegangen?
Da erwachte ein Ton warmen Gefühls:
— Soll nran allen Leuten seine Herzensangelegenheiten aufbinden? Jammern und Heulen habe ich nie vertragen Wunen. Habe auch nicht gejammert und geheult, aber mir war, als hätte ich den bösesten Sturz eines Lebens getan....
Er lächelte vor sich hin, die aufsteigende Weichheit durch tzinen Scherz dämpfend:
— Mir war, wie wenn man eine einzige Flasche alten Schloß-Abzug, auf die man sich Fahre gefreut hat, öffnet tmb sie schmeckt nach dem Pfropfen. Mir war, als wenn man mittags aufwacht und einem einfällt, daß man in der Nacht achtmalhundertdreiundsechzigtausend Mark verjeut hat. Zwanzig Jahre hatte ich gewußt, einmal nimmst du sie! Sie hat ja auch Körbe ausgeteilt, weil sie auf mich wartete. Dabei will ich nicht sagen, daß ich nicht auch mal dativischen in Flammen gestanden hätte, aber ich bin immer in Gedanken zu ihr zuruckgekehrt. Sie hat mir drei Töchter geschenkt: Meine älteste, Paly Hohengart, die zweite, Aga, a sitzt sie, der kleine Wonnekloß, bißchen au§| der Art geschlagen, denn die Kölln sind nie fett gewesen. Na, und iwtnt die kleine Pauline —
Gräfin Sczügony nickte:
— Gräfin Patsch, nicht wahr?
Ja, das sagte sie nämlich schon als Mädchen von Lehn Jahren, wenn's bei der Jagd ins Wasser ging, denn da ritt sie mit. Na, und das „Patsch" ist dann an ihr hängen geblieben. Also fünf Jahre bin ich verheiratet gewesen, dann war's aus! Können Sie sich so was vorstellen? Und wie hätte die Frau die Mädel erzogen! Wauben Sie, daß die siebzehn Mademoiselles und Misses, die hier ihr Wesen trieben, was Vernünftiges fertig gekriegt haben? Und was hat sie für einen guten Einfluß ans mich gehabt!
Als er die weichen braunen Augen der jungen Frau meinte feucht schimmern zu sehen, schüttete "er ihr sein Herz aus, als ob sie seine älteste Freundin wäre:
— Damals durfte ich vor der Jagd nicht frühstücken! Darum bin ich auch beinahe gar nicht yingeflogen! Und wenn wir hier saßen, hier in dem Saal — ein Blick von ihr, und ich setzte das Glas ab. Und wenn irgendwo die Karte gebogen wurde — Szenen hat sie mir nie gemacht, hätte auch nichts geholfen, aber angeguckt hat sie mich. Da bin sch mehr als einmal anfgestanden, obgleich ich höllisch drin saß. Damals war ich der glücklichste Mensch auf der Welt. Vielleicht hat nur eines gefehlt, daß ich keinen Jungen hatte, aber darüber mußte sie eben sterben, so habe ich nur die Mädel !
Ms er einen Augenblick inne hielt, sagte die junge Frau:
— Dis Fürstin ist sehr sympathisch !
. Graf Kölln lachte:
• Ja, Balh, wer hätte das gedacht — na, wissen Sie, verehrte Gräfin, mein Schwiegersohn ist ja ein ganz braver Kerl, aber keen Murr! Ich möchte ihn mal in die Lust gehen sehen! Das sind furchtbar vornehme Leute die Heiden —
— Sie hätten wieder heiraten sollen, Graf Kölln!
— Rach meiner Frau?
Gräfin Sczägony senkte etwas beschämt die Augen.
Drüben im großen Saat wurden Kaffee und Schnäpse gereicht. Die Gräfinnen Aga und Patsch, boten Zigarren und Zigaretten an. 9tnn höben sich von dein riesigen Gobelin, der mit seinem grünen Ton die ganze eine Wand beherrschte, wundervoll die roten Fräcke der Herren ab, und bas Licht der Lüster fiel auf die weißen Schultern der Damen.
Graf Sczögony stand mit seiner Frau abseits. Sie erzählte ihm von dem Gespräch, das sie eben gehabt. Der dunkeläugige, ichwarzbärtige Mann zog die Hand seiner Frau an die Lippen:
■ Ich hab' dich zwar nicht zwanzig Jahr gekannt, fett-
.der.n nur zwei Tag', nachdem ich aber ohne dich nicht mehiz hab' sein können — —
Sie sah auf M ihm, der viel größer war, und legte die beiden schlanken, bloßen Arme auf seine Brust, indem sie die Aufschläge seines Frackes umfaßte:
Schau, wenn ich dem', wie du zum Papa gekommen bist, und ich Hub nicht einmal bestimmt g'wußt, wie bn mit Vornamen heißt.
Ja, da hält' ich hineinfallen können.
— Bists nicht?
Er gab ihr einen Kuß auf den Mund. Dann blickten sie.sich erschrocken uni, ob es auch niemand gesehen hätte. Nur der Haushofmeister stand in der Nähe. Und in des alten, wohlerzogenen Mannes glatt rasiertem Gesicht rührte sich nichts.
Graf Sczögony schlug vor, sie wollten sich zusammen in eine Ecke setzen. Aber sie buhte:
— Koloman, wir müssen doch mit jemand sprechen!
Da sie Prinz Hohengart allein stehen sahen, gingen sie nebeneinander über den Teppich, und die lange Schleppe der schönen jungen Frau rauschte hinter ihr her.
- Nun, Fürst Hohengart, Sie waren ja nicht bei der Jagd?
— Ich bin erst kürz vor Tisch- gekommen.
— Die Fürstin war doch schon hier?
— Ja, sie ist, glaube ich, gestern schon gekommen. Sie tvar mir Benannten an der Riviera !
Prinzessin Hohengart lehnte am Kamin, eine.Hand auf den Sims gestützt, und spielte mit einer Orchidee. Eine Anzahl Herren umgab sie. Während Gräfin Lindenbach eine komische Geschichte aus ihrer Mädchenzeit erzählte, sprach ihr Sohn, trotz seiner fünfzig Jahre älter aussehend als seine Mutter, mit Herrn von Mellin. Der war Abgeordneter, und Gras Lindenbach erbliches Mitglied des Herrenhauses. Sonst ein eifriger Parlamentarier, hatte er in der letzten Zeit toegen Kränklichkeit fehlen müssen. Nun fragte er seinen Parteifreund:
— Sag mal, Mellin, des alten Droesigl Rede klang in der Zeitung so persönlich, geradezu gehässig! Was hat ihm denn der Minister getan ?
— Ach, fein Sohu hat von der Tochter des Ministers einen Körb gekriegt, und da läßt er seine Wut politisch aus. Pfui Teufel!
Graf Lindenbach flüsterte seinem Freunde zu:
— Nimm dich in acht, da ist der junge Droesigl!
— Wo?
— Dort, am Kamin!
— Ach der! Man versteht nicht immer gleich die Namen. Sieht übrigens sehr anständig aus. Weshalb mag die wohl nein gesagt haben? Den hätte ich doch genommen, und einer der reichsten Leute in den Rheinlanden!
Graf Lindenbach setzte seinen Kneifer auf, um den Herrn, von dem sie sprachen, noch genauer zu betrachten :
— Die Droesigl sollen eine rheinische Patrizierfamilie sein. Na, und der Minister ist doch erst vor zwei Jahren geadelt worden! Aber den alten Droesigl kann, ich nicht verstehen. Er ist ein gescheiter Mann! Na, wenn die Menschen in ihrer Eitelkeit gekränkt werden, sind sie eben alle verrückt!
Er setzte sich, denn er konnte nicht lange stehen.! Leutnant Graf Lindenbach kam zu ihm:
—• Fehlt dir etwas, Papa?
Nein, es wird schon vorübergehen. Laßt mich mal! einen Augenblick ruhen.
Er nötigte die beiden, ihn zu verlassen, und nahm ein Buch vom Tisch, ein Prachtwerk über englische Fuchsjagden, das ihn nicht unterhielt, denn er pflegte ernste Dinge zu lesen.
Kortsetzung folgt.)
Sui) specie aetenritatis.
Ein geologisches Zukunfts-Märchen.
Von Dr. Lachmann.
Es war ein Ereignis von größter Wichtigkeit! Der König eines befreundeten Reiches kam zu Besuch und man erwartete viel von seiner Anwesenheit. Alles war prächtig geschmückt, und die ganze Bevölkerung der Hauptstaot befand sich in freudiger und gehobener Stimmung.
An diesem Tage stieg das Grundwasser, das tief innen


