655

.Geschütz Mm Stehen .fallt. Da sprengte bet' Major, der den ganzen Vorfall beobachtet hatte, mit Windesschnelle herbei, rasend vor Wut, weil der Fahrerhalt" gerufen hatte.

Elende, feige Memme," schrie er bett armen Teufel an, der halb bewußtlos unter bem Pferbe lag,wie kannst bit bich Unterstehen, zu schreien, wie ein altes Weib am Stock!"Feld­webel," wanbte er sich an diesen,dieser Kerl bekommt drei

Der Verunglückte wurde unter dem Pferde hervorgezogeuj Und vorläufig sein Bein untersucht, es war gebrochen und schreck­lich zerschunden, so daß das Fleisch in Fetzen daran hing. Ohne Zweifel wäre er, wenn das Geschütz nicht zum Stehen gekommen Wäre, in kurzer Zeit von dem Pferde zerdrückt worden.

Der verunglückte Fahrer wurde in das Lazarett gebracht und Nachdem er lange Wochen dort bis zu seiner Wiederherstellung verblieben, mußte er erst seine drei Tage .Arrest absitzen, ehe er wieder in die Batterie eintrat.

Heiß brannte die Augustsonne auf uns nieder, als wrr am Tage nach einem Gesellschaftsabend auf dem Weiterstädter Exer­zierplätze Wteilungsexerzieren hatten. Major v. S. war heute besonders schlechter Laune und als der Parademarsch in dem' tiefen Sande nicht ausfiel, wie er ihn haben wollte, befahl er, die ganze Batterie habe nach den: Einmarsch in die KaserNä Von 1112 Uhr nachzuexerzieren, ohne zu rühren, mit an­gefaßtem Seitengewehr, abwechselnd langsamer Schritt und Lauf- schritt.

Schweiß- Und staubbedeckt kamen wir in der Kaserne an Und nachdem die Geschütze in die Halle gebracht worden tvaren, trat die Batterie in zwei Gliedern im Hofe an, über welchem eine gräßliche Hitze brütete, die von keinem Lüftchen bewegt ioar. Den: Befehl des unmenschlichen Offiziers entsprechend, wurde jetzt exerziert, langsamer Schritt, Laufschritt, Hof ab, Hof auf. Nach etwa einer viertel Stunde stürzte ein Kanonier ohnmächtig nieder und stieß sich 'beim Fallen mit dem angefaßten Säbel fast ein Auge aus. Er wurde weggetragen, aber erbarmungslos wurde weiterexerziert, obgleich noch einige Kanoniere bewußtlos niedersielen. Dies war noch kein Grund, uns vor Ablauf der befohlenen Zeit zu entlassen. J'ch fühlte, wie mir der Schweiß in Strömen über das Gesicht nnd den Körper lief und hörte, wie meine armen Kameraden Verwünschungen gegen den Major aus­stießen. Endlich schlng es 12 Uhr und wir wurden entlassen.

Dies war der schrecklichste Tag in meinem Soldatcnlebem Glücklicherweise war unserem Oberst Meldung von dieser zweck­losen Menschenschinderei gemacht worden und tief empört darüber, hatte er dem Major eine scharfe Rüge erteilt. Dieser wurde bald darauf versetzt.

Endlich kam auch die Manöverzeit heran, auf die ivir Uns schon lange gefreut hatten. Am 15. September rückte unsere Batterie aus und Unser erstes Quartier war in Erfelden .am Rhein. Kurz vor dem Abmarsch hatten wir Einjährigen den Quartiermeister schwer geärgert, so daß er in seinem Grimm Uns erklärte, er wolle uns die elendesten Quartiere, die nur zu finden seien, anweisen. Er hatte seine Drohung wahr gemacht, aber was uns nach seiner Meinung zum Schaden sein sollte, geriet Uns zum Heil. - Als ich in Erfelden mein Billett betrachtete, sah ich, daß ich bei einer jüdischen Familie einquartiert war. Es war eine elende Baracke, vor der ich nach einigem Suchen stand und die mir zur Wohnung dienen sollte. Wer wie erfreut war ich, als mir mein Quartierwirt erklärte, er hätte mit anderen Glaubens­genossen, die auch mit Einjährigen bedacht worden waren, ver­einbart, uns im GasthausZum goldenen Löwen" mit Kost und Wohnung nnterzubringen, da die Israeliten gerade ihren langen Tag hätten. Als ich das Gasthaus betrat, waren schon meine Kameraden dort versammelt, die mich mit. lautem Hallo be­grüßten. Nachdem wir einige Stunden bei Becherklang und Gesang verbracht hatten, beschlossen wir, nach dem Appell, der Um 5 Uhr nachmittags stattfinden sollte, eine Bootfahrt nach der sehr ntalerisch im Rhein gelegenen Insel Kühkopf zu unter­nehmen. Es war eigentlich ein Wagnis für uns, die Fahrt zn bewerkstelligen, da anßer Kuno und einem Elsässer, er hieß Aajeur, niemand rudern konnte,

Im ganzen waren es 14 Mann, die diesen Ausflug mitMachteN. Wir stiegen, ohne den Besitzer um Erlaubnis zu fragen, in ein Fischerboot, das ziemlich lang, sehr weitbauchig und sehr stark gebaut war. Die untergehende Sonne warf ihren letzten roten Schein auf das glatt wie ein Spiegel erscheinende Wasser, das wie flüssiges Gold glitzerte, als wir abruderten. Ich saß am Hinterteil des Bootes am Steuer und gab die Richtung an. Mit der Handhabung des Steuerbalkens hatte ich mich schnell vertraut gemacht. Natürlich wurde während der Fahrt auch die Loreley undEs zogen drei Burschen wohl über den Rhein" gefnngen., Glücklich fuhren wir in die schmale, langgestreckte Bucht der Insel, handelt das Schiffchen mit der Kette an einen Pfahl und sprangen an Land. Da es schon anfing zn dunkeln, verzichteten wir darauf, die Insel, auf der sich auch ein Hof befindet, zu besichtigen, son­dern kehrten in dem nahegelegenen Wirtshaus ein. Während wir jetzt hier ein äußerst munteres Kneipleben veranstalteten, be- merften wir -nicht, daß ein Gewitter heraufgezogen war. Bald fing es an, in Strömen zN regnen und es donnerte, daß die: Fensterscheiben klirrten. Erst gegen 10 Uhr hörte es auf, und wir brachen aus.- Es war so. dunkel,- daß mau die Hand .nicht

vor Augen sehen komtte, und der Wirt mußte uns mit der Laterne' zum Boot begleiten. Dieses war fast zur Hälfte mit Wasser gefüllt, so daß wir es erst mit einem Eimer ausschöpfen mußten. Ver­gebens stellte uns der Wirt vor, über Nacht auf der Insel zn Meißen, da es gefährlich sei, jetzt überzufahren. Aber ivir mußten hinüber. Ruhig ging die Fahrt durch die Bucht, aber wie wurde uns zu Mute, als wir in den offenen Strom fuhren., Das war nicht mehr der rithig fließende Rhein, wie wir ihn noch vor ivenigen Stunden gesehen hatten. Mächtig rauschten die hochgeheuden Wogen und rissen das Boot in der raschen Strömung abwärts. Vergebens bemühte ich mich, in gerader! Lime hinüber zu fahren, es ioar auch gefährlich, benit wir boten daburch ben stürmischen Wogen mehr Fläche. Einige Wellen­hügel schlugen über Bord und durchnäßteit uns vollständig. Das Boot schwankte, daß wir jeden Augenblick glaubten, -es schlüge um und wir fänden int Vater Rhein ein nasses Grab.Wir sind verloren", stöhnte bald hier, bald da einer. Einige schöpften mit ihren Mützen das Wasser aus dem Schiff. Da bemerkte ich ztt meiner Freude, daß wir tit ruhigeres Fahrwasser gelangten,. wir hatten die mächtige Strömung passiert und näherten. uns dem Ufer. Der vorderste im Boot mußte auslugen. Bald stießen wir hart an. Wir tvaren abgetrieben und gegen die Weiden gefahren, die das Rheinuser mehrere Meter breit einsäumen. Die Bootskette wurde rasch um ein Stämmchen geschlungen und wir stiegen aus, einer nach dem anderen. Wer welch ein Gang war das! Die hohen schlanken Weidenstämmchen fianben in lauter Sumps und so bicht, daß man kaum durch konnte.. Aber! mit bem Mut der Verzweiflung arbeiteten wir uns burch alle Hindernisse, bis wir endlich glücklich das Ufer erreichten und. wieder aus festem Boden ftauben. Einige waren auf beut schauder­haften Marsch durch die Weiden bis über die Kniee in den Morast! gesunken und sahen eittsctzlich aus. Aber fröhlich lachend eilten wir nach unserem Gasthause, um uns die Kleider reinigen und trocknen zu lassen.

Vor dem Gasthause brannte eine Laterne, die einen ztemlich großen Platz auf der Straße erhellte. Hier angelangt, erklärte! Kuno, daß wir diesen schönen Tag würdig beschließen müßten durch das Tanzen einer Quadrille. Der Vorschlag fand Beifall. Die Tanzkundigen stellten sich auf und Kuno rief die Touren aus. Eomplimeut, en atiaut deux, dos st dos, tour de mains, balancer. Während wir tanzten, d. h. in tollen Sprüngen herum- hüpsten, hatte sich eine Anzahl Dorfbewohner um uns versammelt, die uns neugierig auftaunten, und ein. älterer Mann trat jetzt au Kuno heran und fragte:Hüreit Se mol, lieber Herr, wos mache Se da eigentlich do? Un wos spreche Se bann for A Daitsch, beß kann mer jo gar net vaschteh?"

Mit unnachahmlicher Grazie ivandte sich Kuno an bett harm­losen Biebermann und erividerte:Hochgeehrter Herr, Sie haben soeben das seltene Glück, den Kriegstanz der Sioux-Indianer zu sehen, wenn sie auf dem Kriegspfade wandeln."

Le cavalier seul ä deux fois en avant", kommandierte er weiter und erteilte Pelwe eine Rüge, indem er rief;Pelwe, btt tanzest doch so ungeschickt wie ein Bär, elegant, meine Herrn, elegant." Dabei hüpfte er so zierlich wie eine Bachstelze hin und her. Alles lachte, sogar dem alten Dorfbewohner machte es Spaß. Zutraulich fragte er ben lustigen Kutto:Wos sein Se dann eigentlich sor ä Landsmanit?"Lieber Herr, ich bin ein Zwilling," erwiderte schlagfertig unser Spaßmacher mit weh­mütiger Stimme. Unter lautem Gelächter über bett gelungenen Witz sprangen wir in unser Gasthaus.

Strapazenreiche Tage wechselten mit Ruhetagen ab wie bet allen Manövern. Da kamen wir in das Dörfchen S. im Oden­wald. Hier fielen uns beim Einmarsch große Plakate auf. Als wir in unfern Quartieren anlangten, erfuhren wir, daß eine Theatcrgesellschaft angekommen sei, die eine Vorstellung geben wolle. Nichts ioar uns erwünschter. Ans den Plakaten ersahen wir bald, daß ro eine Schmiere der niedrigsten Sorte sein! mußte, denn mit grober ungelenker Schrift stand auf den Zetteln: Die Eroberung Trojas durch die Argonauten." Die griechische Mythologie mußte dieser Bande noch unbekannter sein wie ein böhmisches Dorf.

In gespannter Erwartung der Dinge, die da konimeu tollten, saß ich mit meinen Kameraden abends in dem Saale des Dors­wirtshauses, der bald von Kanonieren und Dorfbewohnern stark besetzt wurde. Hinter dem Vorhänge hörten wir manchmal zierM lich laut sprechen. Es war eine mißtönende Baßstimme und eine scharse Frauenstimme, die besonders bemerkbar waren. Kuno, der in der ausgelassensten Laune war, erklärte, er habe eine! dunkle Ahnung, daß es sehr schön werde. Endlich ging der Vor­hang in die Höhe ustd es erschien ein Mensch, der eine vern zweifelte Aehnlichkeit mit einem Stromer hatte. Das -griechische Kostüm" bestand in einem weißen Bettlaken, das er über feinen äußerst schäbigen Zivilanzug malerisch geworfen hatte Aus seinem ganzen Gebaren bemerkten wir, daß der .Stert auch betrunken war. Er stellte sich als Agamemnon vor und faselte etwas von der schönen Helena, hie er sich wieder holen wolle. ?

Das ist die richtige Schmiere, an der ich schon lange ge­sucht habe," jubelte Kuno,da muß ich Mitwirken, damit noch, mehr Leben in die Bude kommt."

Er sprang auf, .eilte nach der Bühne und verschwand hinter den -Kulissen, Bald -hörten Wir erregte Stimmen, Ueberrascht