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•neines Luftschiffs gegeben haben und daß ich die Taufe mit -iesem Prachtwein vollziehen darf. Zn Ihrem Agenten murr jch> mich ja nicht ernennen lassen; aber soweit es in neinet Macht steht, werde ich dafür sorgen, die Marke Ex- :elsior bekannt zu machen — und nun komme ich so langsam in die Stimmung hinein, nm mit einem kräftigen Hurra —"
Mer er brach plötzlich ab- „Was ist los?!" rief er und schnellte empor.
Der Kommerzienrat, der dem Fenster gegenüber saß, hatte sich erhoben unb starrte ans die Straße. „Herrgott! . . ." Er beugte sich vor.
Auch Fritz war aufgesprungen. „Um Himmelswillen," rief er, „das° gibt ein Unglück! —"
Auf der Straße zum Bahnhof drehte sich ein offenes Automobil (um sich selbst. Man sah, wie der Chauffenr mit voller Kraft an der Bremse nnd Lenkstange arbeitete, aber irgend etwas an der Mechanik mußte zerbrochen sein, denn plötzlich schnellte der Wagen gegen den Bürgersteig unb dann mit gewaltigem Anprall gegen das Eisengitter, das den 'Fabrikhof der Firma Friedel nmzäunte.
Man hörte hier oben den gellenden Aufschrei einer Frauenstimme. Am zerbogenen Gitter richtete der Wagen sich auf. ...
Der Herzog und Fritz griffen nach ihren Hüten.
„Louis r- Johann — mitkommen!" rief Fritz. „Vorwärts, vorwärts!"
Sie stürmten die Treppe hinab. Langsam leerte der Kommerzienrat sein Sektglas unb folgte bann. Er hatte die Dame im Wagen erkannt.
8.
Eine Staubwolke wirbelte am Eisengitter hoch. Die Straße war wenig belebt, aber bie int Hofe arbeitenben Leute waren sofort an die Unglücksstätte gestürzt.. Der Wagen hatte sich überschlagen imb ein tiefes Loch iit hie Pflasterung gegraben. Da lag er, noch immer fauchend wie ein verwundetes wildes Tier, mit zersplitterter Ka- rossierung und zerfetzter Pneumatik. Der Anprall an den Zaun war so heftig gewesen, daß. ein ganzer Teil pes Gitters niedergebrochen war. Fritz nnd der Herzog brauchten nicht den Umweg durch den rückwärtigen Ausgang zu nehmen, sondern konnten hier über den Zaun steigen. Sie äudeü den Chauffeur mit gebrochenem rechten Fuße vor; onst hatte er bei dem Unfall nur einige leichte Hautab- chürfungen davongetragen. Trotz seiner Schmerzen fluchte und schimpfte er grimmig. „Dies verdammtige Untier!" wetterte er; „das ist die neue Erfindung mit deut Kurbel- dreher! Die Kette muß geplatzt sein! Haltet doch nicht Maulaffen feil, sondern packt an und schafft mich zum Doktor! Wo ist denn die Fran? Ist der (auch was passiert?" —
Der Herzog hatte bereits iaiigeorbnet, den Verwundeten fortzutragen und eine Bahre herbeizuschaffen. Jn- Awischen kniete Fritz vor der einzigen Insassin des Wagens. Sie war wahrscheinlich erst beim Anprall herausgeschleu- ..dert worden und lag besinnungslos auf der Bordschwelle des Bürgersteigs. Sie mußte mit dem Kopf gegen die Schwelle geschlagen sein, denn als Fritz sie aufrichten wollte, wurde seine Hand blutig', und nun sah er auch, daß Zwischen dem vollen dunkeln Haar purpurne Tropfen hervorsickerten.
„Durchlaucht," rief er, „lassen Sie eine Tragbahre holen! Oder einen Rollwagen unb ein paar Matratzen braus, damit wir die Aermste zum Arzt schaffen können!"
„Schon besorgt, Friedel. Die Leute müssen gleich zurück sein. Kennen Sie die Dame?"
„Ja, Durchlaucht."
Der Herzog bückte sich, Um die bis über das Knie zurückgefallenen (Röcke der Verunglückten in Ordnung zu bringen. Er tat dies mit kurzer diskreter Bewegung!, dennoch schlug die Dame sofort die Augen auf und starrte mit eigentümlich dunkelm Und ausdruckslosem Blicke umher.
-„Mein Gott," stöhnte sie leise, „das war ja — war ja fürchterlich. . . ." Ein kurzer wimmernder Laut folgte. ),Mein Kopf," ächzte sie.
Nun mar auch Abeelen niedergekniet, um ihren Oberkörper stützen zu helfen. Es mußte vermieden werden- daß der Staub der Straße in die Wunde kam. lieber den Aermel seines perlgrauen Gehrocks rieselte das Blut.
Fritz war sehr blaß geworden. Jahre wären vergangen.
3m bunten Rock.
Erinnerungen eines früheren Einjahrig-Freiwilligen.
(Schluß.)
Anfang April begann das bespannte Exerzieren auf deist (Griesheimer Schießplätze.
Eines Morgens stürzte plötzlich beim Aufmarsch im Galopp der Mittelreiter an meinem' Geschütze mit seinem' Pferde. Während er, mit dem linken Beine unter seinem Pferde liegend^ weiter geschleift wurde, rief er dem Börderreiten schalt!" zw Trotzdem wurde er noch zirka 20 Schritt weit geschleift, bis das
seit er Maud zum letzten Male gesehen hätte. Aber xr fand, daß sie sich wenig verändert hatte. Sie wär reifer geworden, und auf ihrem weißen Gesicht lag ein leidender Ausdruck, per vielleicht nur auf die Wirkung, des Unfalls zurückzusühren Mr. Doch die Züge waren die alten, unb! in der schönen Regelmäßigkeit des Profils prägte sich noch immer der abweisende Stolz aus, der ihrer herben Mädchenhaftigkeit etwas Amazonenhaftes gegeben hatte.
In seiner ersten Verwirrung hatte Fritz nicht auf das Nahen einer offenen Equipage geachtet, die auf dem Wege voll der Höhe der Weinberge heranrollte. Zwei Damen saßen ,im Fond, eine Matrone und ein junges Mädchen,- und beide schienen von dem Automobilnnfall lebhaft erschreckt zu sein, denn sie ließen halten und stiegen ^äus. Jetzt erst erkannte Fritz iit der Greisin, bereu pergament- sarbenes Gesicht ein paar unruhige dunkle Augen belebten', bie Herrin von Schloß Jgelsberg, die Fürsten Steinkirch- Kuknla, und zog den Hut vor ihr. Aber sie nickte nur tiir# zurück; sie hatte bereits Abeelen gesehen unb streckte ihm mit rascher, fast zuckender Bewegung bie in feuerfarbenes Glace gepreßte Hanb entgegen.
„Servus, lieber Herzog," sagte sie; „schaUns, so sieht ntan sich toieber! Ein Anto-Mälheur — wenn i ch zu befehlen hätte, ich (würbe bie Selbstmorbsiaker gar net erlauben! Ist bie Dame perwunbet?"
,..Jch hoffe, nur ungefährlich, gnädigste Fürstin."
'„Aber sie blutet ja doch!" rief das junge Mädchen erschreckt und beugte sich zu Mäud hinab. „Mein Gott, [ifij denn kein Arzt zu haben?!"
„Er muß jebeit Augenblick komm en," erwiderte dep Herzog; „wir haben auch nach einer Bahre geschickt — wenn ich nur wüßte. . ." er wandte sich jetzt an Friedel. . s „können wir die Dame tu Ihrem Hause nnterbringen, Friedel?"
Es war ein Moment peinlicher Verlegenheit für Fach. Aber Mäud selbst überhob ihn der Antwort. Sie hielt noch immer die Augen geöffnet, wenn auch ersichtlich unter großen Mühen, denn die dunkel bewimperten Lider zuckten nervös. Ihr (Blick heftete sich fest auf Fritz und winkte ihn heran.
„Herr Friedel," sagte sie'leise.
„Gnädige Frau?"
„Bitte, taffen Sie mich nach der Villa Helldorf bringen." » „
Nun schlossen sich wieder bie Lider. Ihr Kopf fiel schwer zurück, als überkomme sie ein neuer Ohnmachtsanfall,- und der Münd öffnete sich ein wenig, in dem eine kleine- rote, unmerklich vibrierenoe Zunge zwischen weißen Zahnreihen lag.
Mit leisem Aufschrei kniete das junge Mädchen, das! Fritz für eine Gesellschafterin der Steinkirch hielt, neben Mäud nieder Und hielt ihr den Kopf. Glücklicherweise kämen auch die Leute mit den Tragbahren. Es mären Arbeiter Friedels, dabei der erste Zimmerer, ein ruhiger und geschickter Mann. Vorsichtig wurde die Verwundete auf die Bahre gehoben, unb wieder schien es, als' wecke sie piu schamhafter Instinkt aus ihrer Bewußtlosigkeit. IN schneller Bewegung fuhr ihre rechte Hand über ihr Kleid; dastN schaute sie Fritz voll an.
„Herr Friedel," sagte sie lauter Und auch mit festerer Stimme, „wenn ich bitten darf — begleiten Sie mich. . . und lassen Sie den Arzt zu Helldorf kommen. . . . Mir ist — sehr — schwach. . . ."
Abermals fielen ihre Augen zu. Die längen Wimpern deckten die unteren Lider; ein weißer Schein ging übep das ganze Gesicht, als entfließe jäh alles Blut.
„Lieber Gott, bie arme, arme Fran," sagte das junge Mädchen mitleidig.
(Fortsetzung folgt.


