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schaute „Agamemnon" rückwärts, er winkte, Und' der Vorhang fiel. Aus den zornigen Männerstimmen und dem Frauengequietsch merkten wir, daß die Schauspieler den ungebetenen Gast wieder hinauswimmeln wollten, was ihnen aber allem Anscheine nach nicht zu gelingen schien. Dazwischen klang beruhigend die Stimme Unseres Freundes und er brachte es fertig, die erregten Gemüter zu beschwichtigen, denn es wurde still, und der Vorhang ging gleich darauf wieder in die Höhe.
Zum zweiten Male jammerte uns „Agamemnon" etwas vor von der schönen Helena, aber kaum hatte er begonnen, so bemerkten wir zü unserem unaussprechlichen Vergnügen, daß Kuno auch in Tätigkeit getreten war. Bald hier, bald da lugte er aus beit, Kulissen und schnitt die schauderhaftesten Grimassen.. Dann Wieden ging er steifen Schrittes, weder nach rechts noch nach links blickend, quer über die Bühne. Als aber „Agamemnon" immer noch jammerte, stellte er sich hinter ihn und machte die entsprechenden jämmerlichen Gebärden. Bald erschien auch die schöne Helena und fing ein höchst albernes Geschwätz an. Aus dem ganzen Vortrag merkte man, daß die Gesellschaft das Stück sich selbst zusammengeschustert hatte. Einen Souffleur hatten die -„Künstler" nicht nötig, sie redeten eben, was ihnen gerade in den Mund kam. Mer auch Kuno mischte sich jetzt in den rührenden. Dialog zwischen „Agamemnon" und der schönen Helena, indem er zu ersterem sagte: „Ach, lieber Unkel, laß doch das alte Luder laufen, guck doch einmal, wie sie sich geschminkt hat." Das nahm aber die „schöne Helena" krumm und sie schrie: „Schäme Se sich, Sic wolle ä gebildeter Herr sei und mache nur de Leit schlecht." Auch der versoffene „Agamemnon" nahm die Partei seiner Helena und machte unserem Freunde sanfte Vorwürfe. Kuno stellte sich jetzt erzürnt und xief: „Aber lieber Unkel, kennst du mich denn gar nicht mehr, ich bin ja der schwarze Kasper aus der Wolfs- mflncht." Während des brausenden Gelächters, das jetzt im Publi- rum ausbrach, kam noch ein Kerl mit bleichem, aufgedunsenem Gesicht aus den Kulissen, dieser erklärte, daß er der „Paris" sei Und lud kurzerhand den „Agamemnon" zu seiner Hochzeit ein.
„Du bist mir gerade der rechte Bruder," rief' Kuno mit Pathos, den Stromer umarmend, „mit dir gepaart, fordre ich ein -Jahrhundert in die Schranken."
Hierauf sprang er von der Bühne herab und kommandierte: -,Schluß der Vorstellung," und unter dem unbeschreiblichen Gelächter der Zuschauer fiel der Vorhang.
. Auf dem Heimwege erklärte uns Kuno auf unsere Frage, wie es ihm gelungen sei, bei den Schauspielern mitzuwirken, er habe der Lumpenbande 20 Mark in die Rippen geworfen und dafür die Erlaubnis erhalten. Der Spaß, meinte er, sei nicht zu teuer bezahlt. Wir gaben dies gerne zu, denn niemals in tinserem Leben haben wir herzlicher gelacht als an diesem Abend.
, Das Manöver war zu Ende und mit ihm war auch meine em;ährig-freiwillige Dienstzeit abgelaufen. Mit tausend Fäden zog es mich wieder zur Heimat, nach der Einsamkeit, nach dem Frieden und der Stille des Landlebens. In reichem Maße hatte rch bte Freuden und Genüsse des Stadtlebens gekostet und die Erfahrung gemacht, daß uns alles dies auf die Dauer nicht befriedigt. Ueberaus schmerzlich für mich war der Abschied von meinen lieben Kameraden, die getreulich mit mir alle Strapazen Und Freuden des Soldatenlebens geteilt hatten. Wir schieden voneinander, ohne uns in diesem Leben wiederzusehen.
Manche von ihnen sind im Laufe der vergangenen 30 Jahre zur ewigen Ruhe eingegangen. Auch Kuno ruht schon längst in der Gruft seiner Ahnen am Gestade der Ostsee, deren rollende! Wogen seinen modernden Gebeinen ihr ewiges Schlummerlied singen. Mer in stillen Stunden, wenn das Geräusch des Ml- tagslebens um mich her verstummt ist, bringt mir die Erinnerung manchmal die Gestalten meiner einstigen Kameraden wieder vor Augen und besonders ist es Kuno, dessen ich in treuer Freundes- lrebe gedenkt. Wenn ich mir dann die ganze Persönlichkeit dieses blondhaarigen, reckenhaften Friesensohnes mit den strahlenden blauen Augen vergegenwärtige in alt<-feinet Liebenswürdigkeit und fernem unversiegbaren Humor, dann ist es mir, als ob ich seine liebe Stimme höre, als ob sein schönes, stolzes Angesicht sich freundlich zu mir neige !und er mir Geschichten erzähle! pus alter Zeit,
Vermischter.
er « £x;auen und die Mause. Es ist eine feststehende
Tatsache, daß bte Frauen im Grunde viel mutiger sind als die Aianner. Aber ebenso fest steht es, daß eine kleine Maus imstande ist, den meisten Franen einen panischen Schrecken einut- jagen. Diese Feindschaft zwischen den Frauen und den Mausen ist so alt wie bte menschliche Geschichte, aber ivoher sie stammt nnb warum sie nie ein Ende nimmt, bieses Rätsel hat noch nientanb geleit. Wahrscheinlich wird keine Frau imstande fein. cuuuqeben, warum denn eigentlich der Anblick der kleinen Nagetiere sie in Er- regung versetzt; dennoch entgeht auch bie moberne Frau selbst in großer Gesellschaft bieser instinktiven Angst nicht. Es ist noch nicht lange her, Mß im Dresbner Resibenz-Theater bei einer Vorstellung von Oskar Wildes Drama „Laby Winbermeres Fächer" eS plötzlich tu ben ersten Rethen bes Parketts unmittelbar an der Bühne un
ruhig wurde. Ein iveiterer Moment, und eine alte Dame spring mit einem Schrei des Entsetzens von threm Sitz empor — sie ha eine Maus gesehen! Die erste Parkettreihe, säst nur von jungen Damen besetzt, gerät nun auch in Rebellion, doch da? Tierchen ist zunächst verschwunden. In der Pause und während des folgenden Aktes längt man langsam an, sich zu beruhigen. Da raschelt es unter den Sitzen, wieder schnellt die alte Dame kreischend empor, und mit ihr bie ganze Parkettreihe. Aber obwohl man dann nachforschend nichts als eine leere Konfektdüte fand, war es nun mit der Stimmung gründlich vorbei. In der nächsten Pause zeigte sich die Unglücksmaus dann aber wirklich noch einmal, und das Loch unter der Parkettloge, in dem sie eilig verschwand, wurde nun eifrig verstopst. Aber den ganzen Abend faßen alle Damen zum heimlichen Amüsement aller Herren mit schreckeutstellten Zügen und hochgezogenen Beinen andachtlos da. — Das Verhältnis der Frauen zu den Mäusen ist seit langem eine reiche Quelle für die humoristischen Darstellungen satirischer Zeichner; die Oktober-Nummer des „Royal Magazine" bringt eine ganze Reihe von derartigen Bildern. Da sieht man etwa, wie es ein junges Mädchen trotz des eng zugebundenen Humpelrockes sertig- gebracht hat, auf eine hohe Säule zu springen, und, während alle Bilder und Vasen vom Kops der Säule zu Boden stürzen, zitternd und bebend auf das kleine Mäuschen hinabblickt. Eine andere Dame weiß nichts Besseres zu tun, als sich ins nächste Bett zu stürzen und, die Decke bis an den Hals heraufziehend, schreiend und mit weit aufgerissenen Augen auf das vorüberhuschende Nagetierchen hinznstieren. Eine dritte gar hat ben höchsten Knopf einer Straßenlaterne — aus welche Weise, erfahren wir nicht — erklettert, und auch das Mäuschen, vor dem sie flieht, hat schon säst die Spitze erreicht, so daß der Flüchtigen nun kein weiteres Rettnngsmittel als ein Luftschiff bienen kann. Aber biefelbe Zeitschrift weist auch daraus hin, daß es ruhmwürdige Ausnahmen von dieser Mäusesiircht gebe. Im Holoway - Gefängnis war eine Suffragette eingekerkert. Eines Tages wurde sie aus ihrer Einsamkeit durch ein leises Quieken ansgejchreckt, und sie sah eine Mans, die eben vorüberhuschen wollte. Mit Krumen von ihrem kärglichen Male lockte sie das Tierchen, und allillählich gelang es ihr, es soweit zu zähmen, daß es nicht bloß ihr aus der Hand sraß, sondern sich auch aus bie Hinterbeinchen setzte unb grüßte ober sich tot stellte. Als ber Gefängnisgeistliche bei einem Besuche bie Gefangene fragte, warum sie sich bieses Tierchen gezähmt habe, antwortete sie: „Aus Liebe!" — „Unb warum sind Sie so zärtlich zu der Maus?" fragte ber Geistliche weiter. Da antwortete bie politische Märtyrerin stolz: „Sie glauben nicht, wie intelligent bie Maus ist. Gestern hat sie ben Gouverneur bei seinem Runbgaiig in ben Finger gebissen."
* Ein salomonischer Urteilsspruch Ohm Krügers. Die Geschichte hat noch nicht entschieden, ob Ohm Krüger, der ehemalige Präsident der Südafrikanischen Republik, ein großer Staatsmann gewesen ist, daß er aber ein guter Richter gewesen ist, .steht fest. Manches seiner Urteile stellt ihn ohne weiteres auf die Richterhöhe des weisen Königs Salomo. Einmal erschienen bei dem alten Krüger zwei Buren, die seit vielen Jahren int Streit miteinander lagen: sie hatten gemeinsam etn Stück Land geerbt und konnten über die Teilung nicht einig werden; der Ohm sollte nun entscheiden, wie in der Sache zu verfahren wäre.' Krüger hörte die beiden aufmerksam an, dachte ein Weilchen nach und sagte dann: „Mein Urteil geht dahin: der eine von euch soll nach eigenem Gutdünken auf dem Terrain, das euch zugefallen ist, die Grenzen ziehen, so daß für jeden ein Besitztum abgesteckt wird; wenn das geschehen, foll der andere von den beiden Besitztümern das wählen, das ihm am besten gefällt!" Die Prozeßgegner sahen sich verblüfft an, bis ihnen die Leuchte aufging: sic sagten dem klugen Ohm lachend Dank für seinen Urteilsspruch, gingen fröhlich von bannen und vertrugen sich wieder.
* Ein Vielgeplagter. Ngchbav: „Na, schon wieder! beim Kuponabschneiden?" — Rentier: „Ja, Sie sehen mich! in der Tretmühle des Berufs!"
*'Kindlicher Wunsch. „Warum singt denn der Kanarienvogel nicht mehr, Papa?" — „Weil er sich mausert." = „Ach, wenn sich die Tante doch auch einmal mauserte!"
Kaisei.
Kennst du den mächtigen Herrscher, ber noch von niemand bezwungen ? — Setz' statt bes Fußes p f, nun wird ein Wirtschaftsgerät- Auflösung in nächster Nummer.
AuflMjtg der Skat-Aufgabe in voriger Nummer: Abkürzungen?» — Treff, p ---Pique, c = Coeur, car — Garreau, trB — Treff-Bube, pA = Pique-Aß, cD Coeur-Dame u. s. f.
Vorhcmb hatte cU, a9, a7, b8, b7, dZ, dK, dD, d8, d7, im Skat lagen aD und a8, Hinterhand befaß die übrigen. Spielgang: 1. V. dZ M. dA $. dü = - 23
2. H. cZ V. cU SH. cA == - 23
3. V. dK M. d9 H. aZ == — 14
Sa. — — 60 Augen.
Redaktion: K. Neurath. — Notationsbruck und Verlag ber Brühl'schen Universitäts-Buch- unb Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


