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Mönchskappe.
Wie ich an einem Vorgarten 'vorbeigehe, fällt mein Blick auf ein hohes Staudengewächs mit dunkelgrünen, handiörinig geteilten Blättern und stahlblauen, an dem Stengel aufgereihten Blumen. „Mönchskappe!" rufe ich unwillkürlich, und im Geiste in meine Kinderzeit zurückkehrend, sehe ich vor mir dieselbe schöne Pflanze, wie sie aus einem Beet des elterlichen Gartens stand. Aconitum Napellus heißt sie bei den Botanikern, ihr deutscher Name aber ist Mönchskappe. Auch Sturmhut oder Eisenhut wird sie genannt und hat sonst noch im Volksmunde manchen Namen. Von unser» Gebirgen, auf benen sie wild wächst, ist sie in die Gärten gewandert und zahlt heute noch zu den Ziergewächsen des deutschen Bauern- Qttl'tCllS* V- ff Y r Y 'M
Das mutz man der Mönchskappe lassen, daß sie hübsch ist. Geradezu reizend ist es zu sehen, wie sie umschwebt und mnsummt wird von Hummeln, die, in den ziemlich großen Blüten verschwindend, auf Honigsuche ausgehen. Der Name Mönchskappe erklärt sich auf beit ersten Blick. In ber Tat erinnert bie Blüte in ihrer Form an bie Kopfbebeckung eines Mönches, zugleich aber auch an bie eines Kriegers oder Ritters. Daher kommen die Namen Sturmhut und Eisenhut oder Eisenhütlein, wie auch gesagt wird, weil es sich doch um etwas Niedliches, aus Blumenstoff Bestehendes handelt. Altnorwegische Namen desselben Gewächses sind Thor- hialm und Tyrhialm, b. h. Helm bes Gottes Thor unb des Gottes Tyr, bie beibe Kriegsgötter waren.
Dann hat dieselbe Blume noch einen ans ber griechischen Mythologie hergenommenen Stamen, den ich auch als Kiud schon kannte. Er lautet „Venuswagen". Die Taube war der Vogel der Venus und in einen, von zwei Tauben gezogenen Wagen soll sie gewohnt gewesen sein, durch die Luft zu fahren. Blickt man nun in die Akonitblüte hinein, so findet man darin zwei Honiggefaße, die wirklich wie ivinzige Vöglein anssehen. Das sind die beiden vor den Wagen ber Venus gespannten Täubchen, den Wagen selbst aber mit der von Amoretten umgebenen Venus bilden Staubgefäße und Griffel der Blume. Das alles kann man sich mit Pille von nur ein wenig Phantasie leicht so ausmalen, doch ist „Venuswagen" ein Name, der zuerst wohl der Pflanze uon_ entern Gelehrten oder einem Poeten gegeben worden ist. atz aber die Honiggeiätze an Täubchen erinnern und daß sich das Ganze wie ein Miniaturfuhrwerk ausnimmt, ist auch gewöhnlichen Leuten aufgefallen. Davon legen die Namen „Duivenkulschen' m der Altmark und „Duwenwagen" in Mecklenburg Zeugnis ab. Em österreichischer Name der Pflanze aber ist „Tauber! im Nest . <er Name „Aconitum“ wurde im Altertum schon verschieden, gedeutet. „Akone" hieß im Griechischen eine Gesteinsart, darum sagt Omd von der Pflanze: „Weil im harten Gestein das &e'"ad’® dauernd hervorsprotzt, nennt es das ländliche Volk Atonck.
nicht mißverstanden zu werden: Ich weiß sehr gut aus -meiner Praxis, daß einzelne halbfremde Ausdrücke, z. i93. Provinzialismen! ober uralte Wörter nicht immer eine Störung des LesegenusseH bedeuten, sondern im Gegenteil manchmal — wenn das Verständnis des Ganzen nicht verhindert wird — eine Erhöhung desselben durch Freude über eine eigenartige Erscheinung der Sprache.
Ist so eine Zeitschrift auch praktisch möglich?
Eine große Stadt mit ca. 50 Schulen, jede zu bloß 4 Unter- resp. Mittel- und Oberklassen mit je 50 Schülern gerechueth brauchte eine Auflage von je 10 000 Nummern, wenn angenommen wird, daß für jede der 3 Stufen ein eignes Blatt herauskommt.- Man könnte aber den ganzen Lesestoff schließlich auch in einem! Blatt vereinigen und hätte so eine Auflage von 30 000 Exemplaren. Ich glaube, das wäre also für Städte! wie Berlin, Hamburg,- München usw. der Mühe wert. Landgemeinden müßten sich halt zN größeren Bezirken zusammentun. Solche Bezirke könnten sich dann mit den in ihrer Mitte liegenden großen Städten in den Weise verbinden, daß sie vieles vom LeseMateriäl gemeinsam hätten,. Denn manches Stück wäre für Stadt und Land unverändert! verwertbar. Die finanzielle Lösung kommt mir nicht unüberwind-, lich vor, sondern wenn jedes Kind selbst wie bisher sein Lesebuch/ so nun sein Blatt bezahlt. Die größte Schwierigkeit bliebe:! bet geeignete Schriftleiter. Nicht daß es an solchen mangeln! würde; ihn herauszufinden ist — besonders für Behörden — bie Schwierigkeit. ,,
Unterrichtlich vorbereitet müßte die Zeitschrift natürlich auch werden: Der allererste Lesestoff müßte in ber Klasse selbst vom! Kind unb Lehrer gemeinsam geschaffen werben — aus dem wirklichen Erleben der Kinder heraus natürlich, so daß bie Zeitschrift nur bie natürliche Fortsetzung dieser Anfänge wäre sodann müßte die ganze Schulzeit hindurch der Kontakt zwischen der Lektüre nnd dem mündlichen Unterricht geschlossen bleiben. Das, ist der Fall, wenn der Unterricht in Kontakt mit dem Leben bleibt.
Nun habe ich bie ganze Zeit für eine Zeitschrift Plädiert! und wollte doch für ein Lesebuch sprechen, für etn besseres als bie bisherigen sind Ich wollte eben das beste Lesebuch zeigen.
Offen gestanden bin ich aber schon zufrieden, wenn es iur, möglichst viele Schulen zu einem guten Lesebuch kommt. Znj einem solchen zeigen auch, glaube ich, meine Ausführungen einen Weg. Und hoffentlich bin ich nach meinem Wegweiser zum Bes,erst nicht ein Feind des Guten geworden.
Zur Krage des ersten Lesebuchs.
In den Beiträgen zur Erforschung der Kindheit „Der heilige Garten" gibt A. E t t m a y e r in München einige Anregungen, die sich in mancher Beziehung zwar nur schwer verwirklichen lassen werden, aber nicht ohne tiefe Bedeutung ' sind. Er schreibt:
Das beste Lesebuch wäre eigeiitlich. eine kleine Wochenschrift., Menst Nur eine solche könnte allen Forderungen,- die man an die erste Schullektüre stellen muß, gerecht werden.
Das Kind soll lesen lernen, Wörter unb Sätze. Lesen kann Man aber Nur Wörter und Sätze, die einem schon ans dem lebendigen Sprachverkehr her bekannt sind. Andere kann man nur lautieren ober buchstabieren. Kein echter Berliner kann unser Münchener „Bua" (Bube) lesen, wenn ichs ihm auch noch so lautrein herschreibe. Ebensowenig liest ein Münchener Kind, auch wenn baheim die Umgangssprache der Gebildeten gesprochen wird, das schriftdentsche „behend" ohne weiteres richtig. In Süddeutschland' wird es ehest nicht gebraucht. Ich' erinnere mich noch sehr deutlich/ daß wir es als Schüler ber 2. Bolksschulklasse immer wieder wie „sehend" gelesen haben, also Mit dem Ton ans der ersten Silbe. Und verstanden haben wir es auch nie so ganz. Ich gebrauche es heute noch nicht, weder schriftlich noch mündlich, sowenig wie ich das Wort „weiland" gebrauche.
Kurz gesagt: Lesen ist Wiedererkenstest. Und wiedererkennen kann man nur, was man schon kennt.
Die eine Forderung an die erste Schullektüre ist also, daß sie bekannte, in seiner Umgebung und vom Kind selbst gesprochene! Sprache ist, also Sprechsprache, und' zwar Altersmundart.
Damit ist auch schon die zweite Forderung ausgesprochen: daß in den gebrauchten Wörtern kein dem Kinde unbekanntes Vorstellungsmaterial fixiert.ist. Denn ein Wort lesen können heißt ja auch die entsprechende Vorstellung damit verknüpfen können. Damit ist beileibe nicht gesagt, daß ein Lesestück von ,A bis Z bekannt sein muß — der Gang der Erzählung z. B. — Wenn man es lesen können soll. Ich sage bloß: das Material. Die Gestaltung des Materials darf und soll neu und eigenartig sein. Denn bie Arbeit bes Lesens und sein Hauptreiz besteht ja gerade betritt, bie. eignen Vorstellungen in ber fremden Gestaltung wiederzuerkennen und sich aus denselben einen Gesamt- eindruck aufzubamm. Dieser Ausbau ist unmöglich, wenn westnt- liche Bausteine fehlen. Jedenfalls aber wird der Genuß verdorben, wenn das Kind alle.Augenblicke warten muß, bis bet Lehrer die fehlenden Steine herbeigeschleppt hat. .
Nun habe ich aber immer noch nicht gesagt, speziell weswegen ich gerade eine Zeitschrift für das beste Lesebuch halte. Denn diese beiden Forderungen: Kindertümlichkeit in Sprache und Gedankenwelt kann 'ein Lesebuch gerade so gut erfüllen.
Das Leben, von dem.das Kind umgeben ist, wandelt sich unaufhörlich, täglich neue Ereignisse in Familie, Heimat, Welt, im Natur- und Menschenleben — und damit im Zusammenhang das stets wechselnde Interesse des Kindes, heute für bie Konfirmation, morgen für die neue Trambahn, für das Erdbeben, für Luftschiffe usw. Täglich sind andere und neue Vorstellungen wach und lebendig. Das Lesebuch nun ist was Festes, Unveränderliches. Es kann im besten Falle ein Spiegelbild des Lebens sein, insofern es zu allen Vorkommnissen im Kindesleben ein verwandtes Bild aus Geschichte oder Dichtung enthält. Das wäre nun freilich schon viel, sehr viel — wenn unsere Lesebücher nur entfernt das wären! Mer Berichte der Ereignisse selber, bie also bie birette Verbindung mit betn Leben selbst sind unb das Interesse sürs Leben stets wach halten und immer neu wecken, bie kann ein Lesebuch nicht enthalten. Wer also bafür ist, daß das Kind schon von Anfang an am Leben teilnimmt, daß es fernen Blick allezeit offen hält für alles, was um uns herum in bet Gegenwart spielt, und wer dagegen ist, daß das Kind nur in ber Anschauung des Vergangenen und Erdichteten lebt, der muß für ein sich stets erneuerndes lebendiges Lesebuch, für eine Schul- Zeitschrist sein. . ., .
Es kommt noch eins dazu, was eben ziemlich unwe,entlich Ware, wenn wir Lesebücher hätten, die tatsächlich in der lebendigen Sprache von heute geschrieben wären. Wie die Ereignis,e wandelt sich auch die Sprache fortwährend. Eine Zeitschrift tonnte sich dem Wandel der Sprache anschmiegen und so stets lebendige, dem Kind vertraute Sprache schreiben. Unsere üblichen Lesebücher enthalten meist erstarrte, oft hundert Jahre alte spräche, die für Kinder teilweise geradezu unverständlich geworden ist. Ma'tz darin eine weitere Lefeschwierigkeit für Kinder liegt, das wird namentlich von jenen vollständig übersehen, bie § ordern.- Das Lesebuch muß Literaturbnch sein, wobei Literatur immer als etwas der Vergangenheit Angehöriges vorgestellt wird.
Ich bin durchaus nicht dagegen, daß die Kinder bie Literatur kennen lernen. Sie sollen auch wissen, daß die deutsche Sprache nicht bloß eine in gewöhnlichem Sinne räumliche Ausdehnung (in ber Gegenwart nach Dialekten) hat, sondern auch eine zeitliche (in der Vergangenheit). Aber mit der zeitlich fernen Sprache darf man nicht anfangen. Die Herren vom Literaturbuch befolgen ja doch sonst auch die Grundsätze: vom Nahen zum Fernen, tiont" Bekannten zum Unbekannten. Warum hier mit hem sprachlich Fernen und Fremden gleich anfangen wollen. Um


