Samstag den 20. August
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Das schlafende Heer.
Roman von Clara BieÜig.
^Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Gegen zwölf Uhr nachts machte sich Bräuer mit den wohlvermummten Seinen auf nach Pociecha-Dorf. Die Frau hatte ihm feilte Ruhe gelassen, hatte doch der Herr Vikar aufgefordert, in die Pasterka zu kommen — nein, die Hirten- inesse durften sie nicht versäumen! So gingen sie durch die sternklare Winternacht dem Läuten der Glocke nach, und die Kinder guckten geständig hinauf zu den Sternen: „so viele Sterne am Himmel stehen, so viele Eier werden die Hühner legen künftiges Jahr", das hatte ihnen die Michalina gesagt.
Michalina war altem zu Hause geblieben. Aber sie schleuderte nicht den Pantoffel vom Fuß rückwärts über deu Kopf, um zu sehen, ob sie bald Hochzeit machte — wenn der auch noch so weit geflogeu wäre, sie würde doch nicht Hochzeit machen!
lind sie klopfte auch nicht am Schweinestall und horchte, ob sich zuerst ein junges oder ein altes Schwein meldete, — ob's ein junger oder ein alter Mann wurde, was kümmerte sie das?! Sie wollte keinen!
In den Garten schritt sie und schlang vom Strohbund, das unter dem Festtisch gelegen hatte, kleine Bänder um die jämmerlichen .'Obstbäumchen, damit die wachsen und brav Früchte tragen sollten dem Gospodarz zur Freude. Und dann ging sie, immer mit feierlichem Schritt und ernstem Gesicht, zum Stall.
Jetzt war die heilige Stunde da. Die ungeheure Stille der Winternacht hatte ihr den ersten Klang der fernen Glocke zugetragen. Sie bekreuzte sich fromm und bewegte betend die Lippen: jetzt ward Christ geboren! Jetzt tat sich auf, was bis dahin gebunden war — jetzt sprachen die Tiere!
Unterm schneebleichen Nachthimmel, der sich wie die 'Kuppel eines heiligen Doms, von goldenen Kerzen erhellt, über den stillen Hof ivölbte, stand schauernd in Andacht und Furcht das einsame Mädchen. Es hatte die gefalteten Hände gegen das pochende Herz gedrückt. Horch, rührte sich drinnen noch nichts?
Michalina neigte das Mützchen an die Tür des Kuhstalls, sie preßte das Ohr fest an die Spalte. Alle Wunder der heiligen Nacht waren nichts mehr.-für sie, nur das eine wollte sie wissen, mußte sie wissen, und wenn sie auch ihr Leben darum lassen müßte: was brachte das künftige Jahr dem Sohn ihres Herrn?! Ward es ein glückliches Jahr oder ein trauriges für den Waleuty?! Welche Antwort würden die Kühe geben?! Ach, sein Blick war jetzt manchmal so trüb — plagte ihn die Stasia, plagten ihn Schulden, plagte ihn Krankheit? Ach, heilige Mutter, Allerbarmerin! Was plagte ihn denn?!
Was niemand sah, das hatte die braune Michalina gesehen. Valentins Gesicht war nicht immer froh, seine Stint nicht immer frei. Wenn er in Stasias Armen lag, wenn die Welt draußen stum'm war und dunkel, und nichts da, als er und sie, dann war er wohl glücklich, so glücklich, wie er sich's erträumt hatte. Aber am Morgen im nüchternen Licht war's nicht mehr so. Mit dem Kehricht in den Ecken, den Stasias Röcke,, die sie lang trug wie eine Dame, auf- wirbelten, flog auch die Verstrntmung auf.
Schon der Schwiegervater mit dem roten Bart, der sich pünktlich jeden Tag einfand und ungezählte Gläser leerte, war ihm nicht lieb. Der erzählte jetzt nicht mehr vom großen Krieg und von seiner Militärzeit, der schimpfte aus Kaiser und Reich und war wilder auf Polen versessen! als die Polnischen selber.
Und der Inspektor, der bald nach dem Förster eintraf, war Valentin noch weniger lieb. Er war gut Freund mit dem Förster; sie spielten mitsammen Karten. Und wenn der Ansiedler, der Szleger, der hier aus der Provinz stammte und die polnischen Weiber im Hause hatte — Frau und Schwiegermutter und Schwägerin — sich noch dazu fand, dann war das ein Gerede, eine lebhafte Unterhaltung, von der der deutsche Wirt kein Wort verstand.
Valentin sah ein, es ging nicht anders, er mußte verstehen lernen, was in seinem Hause gesprochen wurde; er mußte wissen, was Stasia sagte, worüber sie mit den Männern lachte. Sie waren immer so eifrig. Wenn sie alle die Köpfe zusammensteckten, trat er wohl auch an den Tisch, wollte auch feilnehmen an ihrer vertraulichen Unterhaltung, aber dann traf ihn ein Blick Stasias, so fremd, so kalt, daß ihn fror. Sie war wohl seine Frau, vor Gott und Menschen ihm angetraut — aber war sie ganz, sein? Er fühlte es dumpf, ohne sich dessen selber recht bewußt zu werden: ihre Seele war nicht sein. Die war zu Hause hier aus dieser Ebene, die wie ein Teller unter der Glasglocke des Himmels liegt — ihre Seele war polnisch!
Und eine jähe Trauer kam in fein Herz. Hastig riß er dann wohl ihren Kopf an sich und küßte sie und sah ihr tief in die Augen; sie ließ sich's gefallen. Aber schaute er auf, so traf er auf den spöttischen Blick des Inspektors; und hörte das Lachen des Försters. Daun war ihm der Kuß auch verleidet, und er ging aus der Wirtsstube hinaus auf den Hof in den Schnee; kälter dünkte ihn die Winterluft nicht als drinnen die Stube. Er machte sich draußen zu schaffen mit dem Gefühl, innen ein Fremder zu sein, nur ein Geduldeter im eignen Haus.
Was die nur immer Zu schwatzen hatten?! Merkwürdig, die Michalina konnte er immer verstehen, obgleich die das Deutsch so verschirnpfierte, daß es eine Schande war. Aber sie gab sich viel Mühe. Oft wenn er draußen allein stand, das Beil in der Hand, um Brennholz zu spalten, aber nicht zuschlug, sondern wie verloren auf den Hauklotz starrte, trat sie zu ihm.


