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Stille Zeiten und die ltmst.
Bon .Staatsanwalt !Tr. Kurt H e i n z m nun --Leipzig.
Sonderlich zart wird die deutsche Schaubühne von der hohen Obrigkeit nicht gerade behandelt. Ihrer ästhetischen Würde eni- kleidet, sind selbst die bedeutendsten Opern- und Schauspiel-Instituts stiit Jahrmarktsbuden und Tingeltangeln so ziemlich aus eine Stufe gestellt. 'Der Gewerbeordnung unterstehen diese wie jene.
Herr Friedrich v. Schiller aus Marbach-, seines Zeichens verpfuschter Regimentsfeldscher, hatte noch die liebenswürdige Naivität, Kirche, Schule und Theater feierlichst als gleichberechtigte moralische Volksbildungsanstalten zu proklamieren. Während aber Kirche und Schule sich einer ständigen opulenten fiskalischen Förderung erfreuen, ist das Theater so recht ein Stiefkind des modernen Staates geblieben. Nur durch Zensur und manche mehr oder minder weise Polizeimaßregel wurde dafür gesorgt, daß es dem Aschenbrödel ja nie zu wohl würde.
«Tenn bei der Kunst, so meint der weise Herr Gesetzgeber am grünen Tisch, geht's lasterhaft zu. „Ernst ist das Leben, heiter die Kunst." Manchmal sogar sehr heiter! 'Denn wenn die armen. Komödianten draußen in der Provinz im eisigen Winter von frlih bis abends in den Proben frieren; wenn zarte Händchen ganz dieselben paar Flitter und Kleidchen immer und immer wieder „stilisieren" und „modernisieren"; wenn die Vielgcplagten bis tief in die Nacht hinein sich mit fieberhafter Hast ihre Rollen einpeitschen müssen — ist das nicht lustig? Ist das nicht heiter?
Gerade, die Bühne zieht ja viele der begabtesten und genialsten Naturen einer Nation an sich. Der magische Zauberglanz des Rampenlichtes, die Sehnsucht nach Ruhm, Und das Ringen nach dein ewig Schönen lockt sirencnhast alljährlich Hunderte von begeisterteil Mädchen und Jünglingen zur Bühne. Aber die Ideale vergehen im bitteren Kampfe ums tägliche Brot.
Bei weitem die meisten dieses sonnigen Jugendfrühlings müssen Untergehcn in den Gefahren dieses Berufes. Und das ist ja das tragische Geschick des^ Bühncnlebens. Finanziellen Spekulanten fallen sie in die Hände. Und ivie Sklaven iverdeii die jungen schassensfreudigen Seelen verhandelt. Und sie hatten doch so unendlich viel schassen wollen, diese schwärmerischen Menschenkinder !
„Biele sind berufen, aber wenige sind auserwählt": sic, die Koryphäen der Kunst, die die steile Höhe erklommen, verwöhnt itnb blasiert geworden durch die maßlosen Gunstbezeugungen, der Menge, -— sie, die oft den armseligsten Verhältnissen ent?. stammen und nun aus fürstlichem Fuße leben. Tenn jeder trägt bei der Kunst den Marschallstab im Tornister. Notabene: mit gewissen Einschränkungen! Tie große Masse der Bühnenmitglieder aber vegetiert darbend in den 'dürftigsten Verhältnissen. Und doch haben auch die „Meerschweinchen" bei den „Schmieren" ihre sonnige Poesie.
„O glaubt mir: wie Euch, schlagt voll Lust und Leid Auch in des Gauklers Brust ein Herz —
Wie Euch, quillt lindernd ihm die Trane!"
Jin Bajazzo-Prolog siugk's uns der Dichter mit ergreifenden Akkorden, das Weh der Cabotins.
Was kümmert es' aber den blasierten Helden vom hohen C, der täglich gelangweilt ein Dutzend Blumenspenden und- küssedurstige Verehrerinnen, oft ans der höchsten Aristokratie, zu enlpsangen hat, wenn die lumpigen Komödianten draußen in der Provinz bei den „Schmieren" verhungern? lind wenn auch im Scheinglanze der Weltstadt die Heerscharen des Chores bittere Not leiden.
Und doch« sind es nicht immer die Besten, die unter gütiger Beihilse einer bezahlten Elaqne und Reklamepresse, oder noch« besser einer feudalen Liebelei, auf die Höhe kommen, und nicht immer die Schlechtesten, die verzagen und verderben.
Ja, die Kunst geht nach Brot. Aber selbst der magere Brotkorb wird dem armen Bajazzo manchmal noch höher gehängt. Und das nennt man dann: still e Zeiten.
In stillen Zeiten sind die Theater ganz zu schließen. Lange Wochen währten sie in mittelalterlich finsteren. Zeiten. Und denen steuern wir ja, so scheint's fast, wieder entgegen in der Aera, da die schwarze Partei das Zepter schwingt, hinter dem Rücken des ehernen Gebildes des großen „Handlangers" — in. dem mächtigen Kuppelbau am Berliner Tiergarten, dort, wo Tausende und Abertausende gar nicht so „schwarze" Pärchen in schönen Sommernächten frohselig lustwandeln.
Gegenwärtig sind aus religionspolizeilichen Gründen nach landes-, nicht aber nach reichsrechtlichen, also auch nicht eilt? heitlichen Bestimmungen die Theater zu schließen am Karfreitag, an den Bußlagen (Preußen hat nur einen), vielfach auch (z. B. in Sachsen) am Gründonnerstag und am Samstag vor Ostern. Am Totensonntag darf vielfach gar Nicht, anderwärts nur Ernstes gespielt werden. In Sachsen hat sich eigenartigerweise dieser Tag gerade zum theaterreichsten des ganzen Jahres, entwickelt. Tenn gerade infolge des Verbotes der Ballmusiken werden alt diesem! Tage unzählige billige' halböffentliche Vereinstheatervorstellungen veranstaltet, geduldet und zahlreich besucht. Aus ernste Stücke beschränkten sich auch die Vorabende der Bußtage. Tie Hofbühnen katholischer Fürstenhöfe (Wien, Dresden, München) tun poch ein klebriges und feierst bie ganze Karwoche.
Von dem Standpunkt aus aber, daß gerade die Bühne berufen ist, zu begeistern, zu läutern und zu veredeln, ist es entschieden zu bekämpfen, daß überhaupt an einzelnen Tagen aus religions'polizeilichen Gründen die Theater geschlossen bleibest Müssen — so gern man auch manchem geplagten Mimen ein paar Ruhetage gönnen mag. Mindestens aber ist aus Beschränkung, etwa nach preußischem Mstster (auf den Karfreitag und nur einen Bußtag) hinzuwirken. Tie Gesetzgebung drückt durch solche Verbote eine Mißachtung der Kulturaufgaben des Theaters aus, die entschieden zu bedauern ist. Wer in Großstädten mit offenem Auge beobachtet, welche Vergnügungen z. B. an Bußtagen an die Stelle des Theaterbesuches treten..— der, mit rechtem Ernste geübt, wohl die mächtigste und reinste geistige Anregung bieten kann, die nur denkbar ist — der wird sehnlich wünschen, daß endlich einmal aufgeräumt wird mit diesem veralteten Reste aus einer Zeit, da das Theater nur Harlekinade, nur Bolksbelustigmig war. Beobachte man nur an Landesgrenzen die zahllosen Ballmusik- und Tingeltangel-Anzeigen aus dem Nachbarlande, wenn drüben kein Bußtag ist. Und nicht minder bte wahre Landflucht aus katholischen Ländern am Fronleichnamsfeste.
Auch Landestrauer hat stach landesgesctzlicheu Vorschriftest in den einzelnen Bundesstaaten den zwangsweisen Schluß aller Bühnen ans ein bis drei Wochen zur Folge.
Hätte ein deutscher Fürst nur Gelegenheit, perfonlich zu beobachten, wie unsäglich viel Elend eiste Landestrauer über bie „kleinen" Thespiskarrenschieber bringt, die aus der Hand in dest Mund leben und deren Gagen laut Vertrag sofort aufhören — wie freudig würde dann auf diese unfreiwillig« letzte Ehrung verzichtet werdest!
In der Reichshauptstadt will man in einem der letzten Falle (1901 beim Tode einer Kaiserin-Witwe, die als geborene Ausländerin dein Herzen der «Deutschen nie so ganz nahe trat), festgestellt haben, daß ganz allein durch den »nerwarteten mehrwöchentlichen gagenlosen Theaterschluß junge Mädchen vom Theater der Prostitution in die Arme getrieben wurden. Ernst zu nehmende Blätter haben dies ernsthaft behauptet. Immerhin aber: bie Möglichkeit liegt nahe. Und diese traurige Folge war doch wahrhaftig nicht die Absicht! , .
Wenn wir uns nur dazu ausrassen wollten, der -Lchaubuhne ihre hohe sittliche Bedeutung auch in der Praxis einzurauMest, so wird auch gründlich aufgeräumt werden mit dem,groben Unfug, den neuerdings einige Kommnnen mit der Einführung einest Theater-Billettsteuer versuchten, einzelne uiiverantwortlicher Werse sogar schon ausführten. Für ernstdenkende Menschen tollte eine solche künstlerische Roheit überhaupt nicht diskutierbar fein besonders, was die Plätze betrifft, die „das Volk" beluM Billiger müßte jeder echte Kunstgenuß werden, nicht teurer. Aufhoren muß der Theaterbesuch, ein Ausnahmegenust zu seist. Nicht em Vorrecht der Bemittelteii darf er bleiben. Zu seinem Volke soll der Dichter sprechen, nicht nur die „p. t." tzöchstbestenerten zu gefälliger bequemerer Verdauung angenehm amüsieren Notwendige Folge: die sattsam bekannten Schwankfabriken — Gott sei s geklagt' Auch mit Toiletten könnten schließlicy unsere Protzen? bänerinnen stoch anderswo paradieren als gerade tm Theater-
Welch' eine köstliche sozialpolitische Idee im alten klassischen Athen vor mehr als zwei Jahrtausenden: die HochstbesteuertenI tragen als eine Art Ehreu-Vorrechtssteuer die Kosten der Flotte stnd die Kosten des für das Publikum völlig unentgeltliches Theater^
„Wär' der Gedanke nicht verflucht gescheit, M'au wär' versucht, ihn herzlich dumm zu. nennen
Und in der Tat: gäbe es ein Mittel, sich mehr Tank zu er- Westben? „Wem et circenses" — Brot und Spiele verlangte auch der Plebejer im sinkenden alten Rom von den Kandidaten um die kurulische Macht 'und von ehrgeizigen Zäsaren. Im edleren Athen aber war edler der Inhalt der Spiele, edler auch die Absicht der Gebenden. Ja, das waren noch echte Volksvorstellungen, echte Bühnenwcihspielc — mit Hausdichtern vom Range der Herren Aeschylos, Sophokles nnd Euripides. Dort freilich sprachen Dichtest zu ihrem Volk. Und das Volk dankte jubelnd dem Dichtest. Was wir doch alles lernen könnten von den guten Alten, bet, «einem Stündchen Sinnen in stillen Zeiten. . . .
Und der moderne Staat hat reiche Mittel für Museen und Bibliotheken. Völlig unentgeltlich stehen sie jedermann offen. Aber fein Stiefkind, das Theater, hat er ganz vergessen. Auch die Hofbühnen, die so viel leisten könnten, und meist so wenig leisten, sind ja nicht Staatstheater. , vi]. L .. .
Adolf Wagner, der greife Kathedersozialist der Berliner Universität, betont ein Gesetz der wachsenden Lstaatsausgaben. Hoffen wir also, daß der sehr geschätzte Herr Fiskus — m grauer Znkiniftsserne natürlich — auch 'mal was_ übrig hat für fein Aschenbrödel! Doch davon sind wir stoch ein gutes Stuck entfernt . . , x _________________
Ver»mr?cl?Les.
* Ein vergessenes Denkmal der Königin Luise. Aus einem künstlichen Hügel im Hildburghausenschen Schlosse Seidingstadt haben 1815 der Herzog Friedrich zu Sachsen- Hildburghausen uud seine Gattin Charlotte, eine Schivester der im»


