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Aber, jetzt ist der Niemczhcer in der Stadt gewesen und bat mich verklagt. Und der Landrat hetzt mir die Schul- insvektion auf den Hals — heilige Mutter! Sie werdew mir vom Gehalt abziehen, mich vielleicht gar meine» Amts entsetzen!" Er hustete und hielt sich die eingesunkene Brust,
„Hab' ich doch erst gestern drei Mark in der Apotheke gelassen und eine Mark bei Doktor Wolinski in der Sprech künde. Ich habe mir nichts gespart. Was soll ich machen. Spreche ich deutsch, kommen mir die Mütter in bte Kists e, chreien sie mir nach auf der Straße, und die Väter rempeln mich an. Ich bekomme das Brennholz nicht, das dre Kinder onst oft mitbringeu in die Schule, kriege nie einen Fisch n der Fastenzeit, kein Stückchen Speck, wenn )te schlachten, auch zu Ostern kein einziges Ei,-kein Bröckchen vom Küchen. Ich biii schlecht zu Fuß und muß oft zum Arzte, da ist keiner? der mich aufsitzen hieße nach Miasteczko! Wenn ich Hemd und Strümpfe zum Sonntag wasche und hänge sie auf, daß ie trocknen, kommen meine Hausleute heimlich und gießen Wasser darüber; sie feigen, das Dach ist schadhaft. Undchalte ich Klasse, schlägt nebenan der Schmied so hart aufs Elfen, daß ich nicht verstehen kann mein eigen Wort und schreien muß, bis ich fürchte, die Brust springt mir
Ich soll die Kinder lehren: „Ihr sollt Nicht stehlen" —■ „ihr sollt den Kaiser lieben!" Wie mache ich das?! Mit der Anschauungslehre schaffe ich nichts; ich kann wohl einen Ochsen an die Tafel malen und auch eine Kuh, aber das Stehlen kann ich doch nicht malen! Spreche ich aber polnisch, so schlägt der große Ansiedler Lärm — Löb Scheftel sagt, daß er kommen wird, mich zu verhauen — ach, ach, was soll ich machen?!" Ratlos faßte sich der Lehrer au den Kopf und rang nach Atem. , , m
„Hochwürden wissen, ich bin ein friedfernger Mensch, 's ist ein saures Brot! Weilir Hochwürden doch wurden sprechen mit dem Herrn Schnlinspizieutcn, daß er ein Einsehen hat mit meiner Lage. Ach ach!" Der armselige Mensch blickte ganz verzweifelt.
„Psia krew!" Piotr Stachowiak strich sich über den runden Leib. „Das ist eine dumme Geschichte! Deutsch ist die Lehr spräche, aber es ist ganz in der Ordnung, daß bit polnisch sprichst — hm, hm, was macht mau da?"
Das Gesicht des Lehrers wurde immer angstvoller, ganz kreidig, die Backentüochen glühten. ,
Der alte Herr sah's mit Bedauern. „Nur kerne Angst, man muß keine Angst haben," tröstete er. Und dann, wie selber von einem erlösenden Gedanken beruhigt, sprach er: „Warten wir, bis der Vikar kommt!" —
Gorka hatte derweilen bei der Ciotka gesesfen. Das ging doch nicht an, daß sie ihr Recht nicht bekam, sie war ein armes Weib und der Niemczhcer ein reicher Herr — nicht ungestraft spielt der Deutsche mit polnischem Leben! Sie war verpflichtet, zu klagen, schon um der guten Sach des Vaterlandes willen! Einen Rechtsanwalt mußte sie sich anirehmeu! Wer weiß, ob sie je wieder arbeitsfähig wurde? Der Niemczhcer durfte ihr eine jährliche Rente nicht versagen!
Auf diese Weise zu einem schonen Geld zu kommen alle Jahr, ohne auch nur die Hand darum zu regen, das hatte der Ciotka eingeleuchtet: nun natürlich, heute noch würde sie klagen! c n f
Als der Vikar heimkehrtc, fand er den Lehrer, sehnsüchtig seiner harrend, vor. c ,
Ein Schauer der Ehrfurcht lief Ignaz Ruda über den Rücken: was 'war der Herr Vikar doch für ein kluger, für ein seltener Mann! Es tat gar nicht not, daß er dem fein Leid klagte, der wußte bereits schon alles.
„Sie tun Ihre Pflicht, Sie dürfen keine Augst haben!
Das klang ganz anders als die Tröstung des Herrn Propstes. Aber ein banges: „Ich bin staatlich angestellt —, und der Erlaß, ach, ach!" konnte der Aengstliche doch nicht! ganz unterdrücken. , c .
„Schämen Sie sich, Ruda!" sprach da ernst der Vikar. „Wir sollen nicht Menschen fürchten. Erst Gott, bann das Vaterland, dann erst —" er sprach nicht zu Ende. In leichterem Ton fuhr er fort: „Glauben Sie übrigens daß Herr Dzieciuchowicz so löenig Einsicht hat?" Er lächelt^ „Fahren Sie ruhig fort wie bisher, und was man auch gegen Sie in Szene setzen wird, ich" — seinen nachdenklich ein wenig geneigten Kopf richtete er kräftig auf, und es blitzte in 'seinem Blick, — „ich werde auch das meinige tun!
(Fortsetzung folgt.)
nirgend ein andrer Anhalt für das schweifende Ange als hier der schwarze Turm von Pociecha-Dorf und dort der Lysa Gora. Zwischen diesen beiden rollte sein Wagen dahru, fortgerisseu von den schnaubenden Pferden.
Hinterm Fenster der Propstei hatte Piotr «kachowiak dem herrschaftlichen Wagen nachgeschaut, dessen Rasseln rn der Stille des oben Dorfes einen großen Lärm machte. Tie Schweine in den Koben fingen erschreckt an zu grunzen, und die Habichte, die dort in den zwei Pappeln am Pfuhl auf die Enten lauerten, flatterten mit gellendem Schrei davon. , .
Auch der Propst war unsanft aus feinem Mittagsschlaf — den er jetzt, in der dämmernden Winterszeit, bis Abend auszudehnen pflegte — geweckt worden. Sich nut der einen Hand am Tifchrand haltend und mit der andern aus den Stock stützend, humpelte er ans Fenster seiner Studrer- stube. Er mußte doch was sehen. Aha, der Niemczhcer. Psia krew, was brauchte der einen solchen Skandal zu machen! Jä, diese Herren, die denken, sie können sich alles herausnehmen! War der ein Schwabb, daß er nicht lesen konnte, was auf gut polnisch am Eingang des Dorfes angeschlagen stand: „Schritt fahren" — ?! Es hatte schon einer von diesen Deutschen einmal ein Kind überfahren und ein junges Ferkel dazu. Jetzt hieß es: Bauer, hüte dich! Daß diese Herren der Wolf auffresse! Ueberhaupt der Niem- czycer, das war der Allerschlimmste, hochmütig। tme Satanas vor dem Fall, ein rechter, dicker, eingebildeter Deutschschädel! Ünd in alles mischte er sich. Gorka hatte schon recht, auf den hieß es doppelt Obacht geben! „ , .
Piotr Stachowiak stand und guckte uoch tit müßiger Langeweile, als das Gefährt längst außer Hör- und Sehweite war. Auf dem Pfuhl vorm Haus schwammeil zwei Enten und ein Erpel; der Erpel mühte sich galant mit seinen stärkeren Ruderbewegungen das freie Wasserloch in der Eiskruste für seine Schönen größer zu machen, das wachte dem Propst Spaß. Als er iivch nicht Hochwurden war, syndern der kleine Piösio, der mit nackten Füßen lief wie asle Dorfkinder, hatte er gern mit Steinen nach Enten auf Pfuhlen geworfen, — o la, wie alle Kinder! Er fächelte in der Erinnerung: es war zu entschuldigen, man hatte ja damals noch nicht die Bildung!
Es klopfte.
Aus feinen JügenderimierungeN aufgeschreckt, rief der Propst: „Herein!" Aha, der Ruda!
„Gelobt sei Jesus Christus," sprach der Lehrer und stolperte mit seinen aus Tuchleisten zusammengenähten Flickenpantoffeln über die Schwelle. Er schien erregt, das Hektische Rot auf seinen herausWhenden Backenknochen brannre abgezirkelter.
„Hochwürden, Hochwürden," stammelte er hastig, „haben Hochwürden nicht den Niemczhcer durchfahren sehen?"
„Nun wohl, er fuhr wie der Teufel — was sonst?" „Hochwürden, er ist in her Kreisstadt gewesen! Sein Kutscher hat es dem Löb Scheftel gesagt, derweilen er, per Niemczhcer, drinnen war bei der Ciotka! Der Lob Scheftel nun hat es mir wieder gesagt."
„Nun, und was denn?" Piotr Stachoimak sah den Aufgeregten verständnislos au und lachte dann gutmütig. „Laß ihn doch fahren in die Kreisstadt! Hat er sich auch einmal ein Vergnügen gemacht!"
„Nein, nein," jammerte der Lehrer, „er ist beim Landrat gewesen, Hochwürden! Bciut Landrat, sagt der Löb Scheftel. ’ Und ich weiß, warum. Hat sich der Ansiedler Bräuer bei dem Niemczhcer beklagt; der ist mit dem Niemczhcer unter einer Decke. Und der Niemczhcer wieder hat sich beim Landrat beklagt. Das ist so sicher Wie zweimal zwei vier ist. Löb Scheftel hat es mir vorgerechnet ,an seinen fünf Fingern!"
„Ei, daß dich! Wer gibt sich denn mit dem Juden 'ab!" sprach verweisend der Propst.
„Halten zu Gnaden, Hochwürden" — den Lehrer in seinem abgeschabten Röckchen fröstelte vor Kälte und Angst —, „man kann sein Ohr doch nicht verfchließeu. ter Löb Scheftel hat Eier gekauft von der rheinländischen Frau, da hat er mit ihr geschwatzt irrt Hühn erstatt. Ihr Manu ist sehr böse auf mich sagt sie, daß ich habe seine Tochter geschlagen. Hochwürden, bei meiner Gesundheit schwör' ich's, geschlagen nur mit dem Recht, d as mir zusteht — nur einen kleinen Streich über die Hände


