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den 20. M
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Das schlafende Heer.
Roman von Clara Biebig.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
das Blut zu Kopf; er sah ein Lächeln unt ^on Mund des Vikars. „Antwort," sagte er sehr laut d°a Peitsche, die er noch in "der Hand hielt, L-in?’ ^ckbett, daß die Hühnerfedern, mit denen es ge- flopir^war, aus dem verlumpten Ueberzug herausfloaeu
„Sprechen Sie polnisch, mein Herr!" sagte der Bikar.
"^rn Nume M Dvleschal, Baron von Doleschal!" Es klang hochfahrend. „Ich glaubte von Ihnen gekannt Au । ein {
it k^er ^^stliche sagte lächelnd: „Pardon, Herr Baron!" Und dannm verbindlichem Ton: „Wenn ich raten darf: sprechen Sie hier polnisch, Herr Baron!"
; „Bedaure!"
Wieder dieses Lächeln! Es raubte Doleschal jede Be- fmnung. Also so weit war es gekommen, daß man gezwungen werden sollte, polnisch zu sprechen?! Die' Empörung machte fernen Ton rauh: „Hier ist deutsches Land und hier wird deutsch gesprochen!"
Er wendete sich rasch, so daß er dem andern den Rücken kehrte, und ging mit erhobenem Kopf davon.
, Wie ein Sieger ging er, aber innerlich fühlte er sich doch geschlagen: der andre blieb! Draußen vor der Hütte hörte er jetzt die sonore Stimme —die sprach polnisch!
Ein bitterer Geschmack kam ihm auf die Zunge. Undankbares, ivankelinütiges Volk! Wie hatte das Weib ihn neulich mit Segnungen überschüttet — und heute?! Warum war sie heute nur so ganz anders?
Pah, es war nicht ivert, weiter darüber nachzudenken; die Sache war erledigt, mußte erledigt sein! Hatte der Landrar nicht grade heute noch zu ihm gesagt: „Sie nehmen alles zu persönlich warm. Wenn ich so wäre, ich käme M vor Aerger um bei den hiesigen Verhältnissen!"---,
Stt, ja, der Landrat hatte ganz recht, man mußte gelassener sem! Aber freilich, der hatte gut reden, war ihm dieses Land denn Heimat? Vom Staate ward er bestellt, vom Sraate bezahlt, er tat seine Pflicht. Aber lieben kann uur der die Provinz-, dem der Wind über die eigne Scholle vlast. Der allzeit steht an seiner Grenze wie eine Schild- wach t tu finstrer Mitternacht.
Das alte Soldatenlied, das er in seiner Kürassierzeit so oft gehört, beim Biwak, um stille Lagerfeuer, von kräf- tiigen Soldatemtimmen hinansgesungen in die dunkle Nacht,
L „durch den Sinn. Und wenn er jetzt
ßiihwTpa er wähnen, auch dort auf dem
des Lysa Gora brenne ein Feuer, und, getragen Vom Wind, klang s stark hinaus über unabsehbares Land:
ch^eht' ich in finstrer Mitternacht Sy einsam auf der stillen Wacht —"
So einsam — ja, einsam! Er senkte den Kopf. Da gab es kern Verhehlen: ja, er hatte sich in letzter Zeit oft einsam gefühlt, einsam, trotz Weib und Kind! Man verlangt nach männlichem Austausch gleicher Gedanken, gleicher Meinungen. Das hat etwas so Kräftigendes; es gibt das beruhigende Gefühl, Freunde, Gefährten hinter ftch zu Nüssen, nicht allein zu stehen auf verantwortlichem Posten. Freunde?! Paul Kestner war abgereist, aber wäre der auch hier, ändern würde das doch weiter nichts; er war ein guter Mensch, eilt lieber Freund, aber was kümmerten den Land und Leute?! Ob polnisch, ob deutsch?! Der führte sein Leben in der Garnison. Der säte ja auch nicht und erntete nicht — die Ernte interessierte ihn nur insoweit, als stch feine Extraausgaben bei guter Ernte noch vergrößerten.
Der Einsame seufzte: kam das mit den Jahren, daß man die Unbefangenheit verlor, grüblerischen Gemüts wurde und mißtrauisch fast? Oder spitzte sich wirklich alles zu? War's nicht recht, geheuer im Schoße dieser hartgefrorenen Erde, über die der Wagen jetzt mit Poltern holperte?!
Im Rollen der Räder klang ein Grollen mit. Tief unter dieser Ackerkrume schlief etwas, das schlief nicht in ewigem Frieden. Hier war gedüngt mit Blut. Noch war kaum ein halbes Jahrhundert verstrichen, daß die Kdschiniere*) zwischen diesen Feldern gezogen waren, ihre blinkenden Sensen geschultert, und daß der weiße Adler auf rotem Grund seine Krallen gestreckt hatte. Daß die Posener Infanterie die Saaten zevstampft und die Breslauer Jäger dte Empörer zusammengeschossen hatten ivie Hasen auf der Treibjagd. Nein, diese Erde konnte noch, nicht ruhig sein, dieses Land hatte noch nicht vergessen! Würde es je vergessen? Das walte Gott!
Mit Schwermut ließ der Deutschauer Herr seinen Blick über die winterliche Ebene schweifen. Von der sieges-, sicheren Freudigkeit, die er an jenem Sedantag beim Auf- Pflanzen der Fahne auf dem Lysa Gora empfunden hatte, war jetzt nichts mehr in ihm. Man hatte die Fahne vom Gipfel gerissen und in den Schmutz getreten — es galt, sie wieder neu aufzurichten. Aber wer, wer half dabei?!
„Kulant, tolerant," hatte der Landrat gesagt und die Achseln dabei gezuckt, „es hilft nichts, wir müssen es sein! Mit der Faust ist hier nichts zu machen. Ich werde dem Herrn Schulinspektor Dzieemchowiez Ihre Klagen wegen des mangelnden Deutschs beim Unterricht sehr schonend stecken — wir stehen uns gut, ich denke, er wird entgegen-« kommen — aber, sehen Sie: auch eutgegenkommeu, so weit als möglich, das ist meine Taktik!"
Immer entgegenkommen? „Nein!" Doleschal hatte es so laut gerufen, daß der Kutscher sich erschrocken nach seinem Herrn uurdrehte.
Tief verstimmt saß der Deutschauer in seine Wagen-, ecke gedrückt. Wohin er auch sah: nirgend ein Stützpunkt,
*) Sensenmänner,


