Ausgabe 
20.6.1910
 
Einzelbild herunterladen

E- 376

oder höchstens einem Bukett geschmückt'. Nur ausnahmsweise be­gegnet man Schirmen aus Brabanter Point-lace über kuleurtew Seide, der int Ton dem Bukett am Griff entspricht.

Selbstredend muß mit diesem der Blumenausputz des Hutes harmonieren. Wohl noch nie, auch int verflossenen Sommer nicht, sind die Hüte so verschwenderisch mit Blumen überschüttet worden. Die riesigen, leicht glockenförmig gebogeiteu Fassons aus dunkel­gelbem, und bräunlichem Florentiner Stroh oder kreideweißem, mattrosa, wasserblauenr und fliederlila Roßhaar verschwinden förmlich unter der Last der verschieden nüancierten Rosen, Korn­blumen, Mohnblüten, Winden und Akazien. Akazien, Gold­regen, Glyzinien und Wicken, von rosa bis in blau und lila herein­schattiert, sind wohl zumal beliebt. Uebrigens erweisen sich diese großen Blumenhüte, die auch ältere Frauen allerdings in ge­dämpften Tönen .tragen, als sehr kleidsam. Eine, gelinde ausgedrückt, höchstoriginelle" Kopfbedeckung ist derSioux­hut", der einer auf den Hinterkopf gestülpten Kasserolle gleicht und ringsum mit einem aufstrebenden Federgesteck umgeben ist, das man täuschend der Federkrone eines Indianerhäuptlings nachgebildet hat. Für die Reise dienen vergrößerte Matelots! aus gelblichem Reisstroh, deren Kopf nur ein breites Sammet- baud umschlingt, oder eine riesige Äutomütze aus Leinwand oder Rohseide.

Für Reise- und Staubmäntcl, die entweder in gewöhnlicher Paletotform oder geishaartig geschnitten sind, verarbeitet man größtenteils Schantungseide, gelbliches Seinen oder grauen Mo­hair. Im letzteren Falle wirken sie jedoch etwas spießbürgerlich.

Dessous werden mehr denn je ans Seide hergestellt. Auch unter bett Waschkleidern trägt man meist Helle seidene Nnterröcke, die in der Tat weniger kostett, als die heutigen fast ganz aus .Spitzen kombinierten, mit farbigen seidenen Bändern durchzogeiten, die zur Lingeriebranche gehören.

Was schließlich die Handschuhe anbelangt, so gilt es als be­sonders schick, sie in der Farbe des Kostüms, nur etwas matter in der Schattierung zu nehmen. Halbhandschuhe sind weniger Modern als in den Vorjahren. Als besottders zweckntäßig für die Reife nenne ich tue sehr widerstandsfähigen aus naturgrauem Ftl d'Ecosse.

Jelängerjelieber.

Jelängerjelieber ist .der Beiname mehrerer Pflanzen, im be­sonderen aber zweier Arten Geißblatt. Die eine davon, Lonicera Caprifolium der .Botaniker, ist ein aus dem Süden eingeführtesf Gartengewächs, das früher deshalb auch welsches Geißblatt hieß, die andere, Lonicera Periclymenum, unser wildes Geißblatt, das in Wäldern zwischen den Bäumen wächst und sich hoch an ihnen tzmporschlingt. Beide heißen auch Jelängerjelieber.

Warum diese Sträucher Geißblatt benannt sind, ob deshalb, weil sie so geschickt wie eine Geiß oder Ziege zu klettern verstehen, oder iveil.ihre Laubform an einen Ziegenfuß erinnert, darüber sind die Gelehrten sich' nicht einig. Ich vermitte, der Name Geißblatt kommt daher, daß das Laub der wilden Art, wie die Forstmänner wissett, gern.von Ziegen verzehrt wird.

Die Gattung Lonicera, zu der sonst noch ein paar Gartens ziersträucher gehören, ist vonLjnns so benaimtj worden nach deut "ans Marburg gebürtigen verdienstvollen Botaniker Adam Lonicer, der ein Wunderkind älterer Zeit geironnt werden kann. Mit dreizehn Jahren schon war er Baccalaurens, mit sechzehn Magister der freien Künste, als Stadtphysikns aber ist er' 1586 in Frankfurt a M gestorben.

Was nun den Namen Jelängerjelieber betrifft, so gibt es ein wyllifches Geschichtchen von W. Müller, worin eine Chloe und ein DaphniS die Hauptpersonen sind. Sie sind ein Liebespaar, wohnen Aber entfernt voneinander. Da besucht eine Tages Lycinun, Chloes Mutter, die' Mutter des Daphnis, die ihre Jugendfreundini rst, mit ihrem Töchterchen und findet sie mit dein Sohn zusammÄ^ tu einer Getßblattlaube sitzend. Die Liebenden macht das' Wieder­sehen glückselig, da aber Daphnis Lycinun fragt, tute lange sie da- bleiben wolle, antwortet diese:So lange das Geißblatt blüht" Sogleich fleht Daphnis die Liebesgöttin an, das Geißblatt doch recht lange blühen zu lassen, und die Göttin erhört ihn. Seitdem heißt das Geißblatt Jelängerjelieber.

..., Es liegt auf der Hand, daß dies Geschichtchen zur Erklärung des Namens frei erfunden ist. Jelängerjelieber aber kommt schon in den Kräuterbüchern des sechzehnten Jahrhunderts vor und gehört fchon der mittelalterlichen Blumensprache an. In dieser Mlt es, löte sich im Grimmschen Wörterbuch vermerkt findet, als Symbol des anhaltenden Genusses oder auch der Dauer und Be- ftiuibliifdt.

'Nun kann .aber etwas, das je länger je lieber wird, deut Mensckfen auch zum Unheil gereichen. Darauf wird hingedeutet in einem alten .Bolksliede, in dem der BlumeFe länger je lieber" so wurde früher der Name geschrieben die Blume Maßlieb dem tlebermaß die Mäßigkeit entgegen gehalten wird. Dies reizenden .Verse lauten:

!'Das Kraut Je länger je lieber An manchem .Ende blüht:

Bringt oft ein heimlich Fieber> , Wer sich nit dafür hüt.

Ich hab' äs wohl oernontin'e'tt, Was dieses Kraut vermag, Doch kann man dem Vorkommen k Wer Maßlieb braucht all' Tag'."

Das Garten-Jelängerjelieber erschließt im Mai und Juni seine zumal am Abend stark duftenden Blüten, die dann viel von Dämmerungsfaltern ausgesucht werden, häufig aber blüht es noch einmal im Herbst, wenn es neben den Blüten schon rote Beeren trägt. So etwas kommt ja bei manchen Blütengewächsen vor und dem Aehnliches mitunter auch bei Menschen.

Warnemünde. ' I. Troja»

* Das fidele Gymnasium. Kürzlich itmrbe, wie er­innerlich, der Ordinarius der Untersekunda im Viktor-Emanuels- gymnasium zu Palermo, Professor Ghelli, vor versammelter Klassü durch einen Schüler erschossen, der gleich darauf Selbstmord beging.; Wie sich inzwischen herausstellte, handelte es sich nach dem B. D. um eilte Mordtat ä laMafia" oderMano nera". Der ermor­dete Professor hatte sich durch die 14- und IS jährigen Schüler, die bessere Zeugnisse erpressen wollten, wider Erwarten nicht einschüchtern lassen, und so hatte der geheime Schülerbund, der das Gymnasium ziert, beschlossen, ein für allemal zu Nutz und Frommen der Herren Lehrer ein Exempel zu statuieren. Das weitere ist bekannt. Die Untersuchung hat eigentümliche Dinge ergeben. Gs ging unter den Schülern überaus gemütlich ztt. In der Freizeit jagen sich die Sekundaner was allerdings der Häuptling des GeheimbundesMonsieur Carambolage" ,in deck Zeitungen dementiert mit gezückten Messern im Klassenzimmer herum und den Prosessoren wird, wenn sie sich umdrehen, ein gelabener Revolver gegen den Rücken gehalten, zum Ulk natürlich. Als sich ein Professor, eben der später ermordete Ghelli, plötzlich umwandte, amüsierte sich ein Schüler sogar damit, nach seinenij Gesicht mit dem Revolver zu zielen, was den armen Signor Pro- fessore in das größte Entsetzen geraten ließ. Der Herr Ördinariusi verständigte zwar den Direktor von diesem Streich, aber da der Schüler behauptete, er habe nur einen kleinen Scherz machen wollen, drückte der Direktor ein Auge zu. Vermutlich hatte auch er vor seinen Sekundanern Angst. Auch sonst scheint in der Schule ein sehr erfreulicher Ton M herrschen. So gibt es Schüler, die während der Unterrichtsstunden den Glimmstengel im Munde haben, andere geben ihrer Entrüstung über etwaige Rüffel des Lehrers dadurch Ausdruck, daß sie Hefte und Bücher mit Gran­dezza in die Luft schleudern. Daß ein geheimer Schülerbund existiert, der im Gegensatz zu unseren deutschen Gyninasien nicht! dem Bacchus- und Gambrinusdienste, sondern weit' praktischerenl Zwecken: der Erpressung gegenüber den Lehrern, huldigt, ist erwiesen. Allein, da nach Landesbrauch sich niemand zumVer­räter" hergeben will, so blieb der Behörde bisher nicht viel an­deres übrig, als dasArchiv" des Bundes zu konfiszieren. Die' darin enthaltenen Namen sind durchweg Pseudonyme. Die offi­ziellen Schriftstücke desBundes" sind im Stil und Geist der Mafiadokumente gehalten, mit Totenköpfen und Dolchen geziert. Man kennt nur den Präsidenten des Schülerbundes, einen gewissen Monsieur Carambolage", der sich vor einigen Monaten ans Gründen, die mit dem Bunde in Zusammenhaiig stehen, eine! Kugel in die Brust jagte, aber wieder genesen ist. Sehr be­zeichnend für die Zustände an jener Musterschule war auch fol­gender Vorgang, der jetzt bekannt wird: am Tage vor den: Mord' fand man den Hausflur des Professors mit Oel begossen. Dies bedeutete nach Palermitaner Sitte eine Warnung, die der aus Norditalien ftantnienbe Professor nicht beachtete. Das' Oel war, wie man später erfuhr, von einem Sekundaner dort hingeschüttet! worden, der seinen Ordinarius auf diese mysteriöse Weise vor der Gefahr warnen wollte. . '

* Dispnk.Was Sie fan, bin i Überhaupts schott langs Sie Rindviech!"

MdrrMssf.

Auslösung in nächster Nummer.

Auflösung des Zitatenrätsels in voriger Nummer: Nicht mit zu hassen, mit zu Heben bin ich da.

Kebaftion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universttäts-Buch. und Stemdruckerei, R. Lange, Gieße»