Ausgabe 
20.6.1910
 
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Das schlafende Heer.

Roman von Clara Viebig.

(Fortsebimg.) (Nachdruck verboten.)

Der Traber, der bis dahin lammfroinm gestanden, stutzte plötzlich, »uit sie einsteigen wollten.

Unruhig zog er an, stieg wild und prallte dann zur Seite, grade noch, daß Doleschal ihn vom .Graben zurück­riß. Eine Staubwolke kam vom Dorf her über die Felder geflogen, und in der Staubwolke war Peitschengeknall, Pferdegetrappel und Hundegebell.

Ach, die Garczynslis!" Nicht angenehm überrascht, faßte Helene nach dem Arm ihres Mannes.

Da war auch schon der hochrädrige Jagdwagen, glän­zend lackiert, mit viel Rot an den Rädern, und innen die Sitze hell ausgeschlagen.

Atrappiert, meine Herrschaften! He .halt !"

Auf einen Ruck standen die vier jungen Pferde neben dem Korbwägelchen, mit schnaubenden Nüstern, noch zit­ternd vor Erregung, und schäumten ins Gebiß. Zwei eng­lische Doggen, riesige Tiere mit Stachelhalsbändern, schnack­ten ihnen dumpf bellend nach den Mäulern.

Der Leuker hoch oben auf dem Bock grüßte galant mit der Peitsche:Ich lege mich Ihnen zu Füßen, gnä­digste Baronin das neune ich Glück, Ihnen hier zu begegnen! Ihr Diener, Doleschal! Ihr Weizen ist groß­artig! Sehr erfreut, wie steht das Befinden?"

Herr von Garczynski hatte viel von einem Pariser öder Wiener an sich. Gewandt schwang er sich vom hohen Sitz herunter, dem Diener, der hintenauf hockte und nun beflissen herbeieilte, die Zügel zuwerfend. An Helenens Seite tretend, führte er ihre Hand an die Lippen.

Die Doleschals mußten halten bleiben.

Int Chwaliborczycer Jagdwagen saßen, gegenüber von Frau von Garezynska, ihr einziger Sohn, ein vor­nehm aussehender Junge, und der Vikar Gorka. Frau von Garezynska hatte sich den Sitz auf der seitlichen Bank noch durch eine Menge von seidenen Kissen bequemer machen lassen; sie lag zurückgelehnt, und der Schirm, den eine blonde junge Person,' halb Dame, halb Dienerin, zum Schutz zwischen sie und die feurig untergehende Sonne hielt, ließ warmrvsige Schatten auf ihr blasses Gesicht fallen. ' |

Gnädigste Baronin haben sich Wohl Neues in der Ko­lonie angesehen?" fragte Garczynski.Sehr erfreuliche Fortschritte, nicht wahr? Wir haben unfern hochverehrten Herrn Vikar ein wenig entführt die Herrschaften kennen sich? Ah, nur vom Hörensagen? Gestatten Sie!" Er stellte vor, und dann verwickelte er, den Arm auf die Lehne des Korbwügelchens gelegt, Helene in ein längeres Gespräch. Umgehend fragte er nach ihren Kindern.

Es blieb Doleschall nichts übrig, als sich mit Frau von Garcz-ynska zu beschäftigen. Sie winkte ihn zu sich her­über. Mit dem zärtlich-wehmütigen Lächeln, das ihr Ge­sicht so sehr anziehend machte, lächelte sie ihn an, als er zu ihrem Wageuschlag trat.

Ob diese Frau glücklich War?! Doleschal legte sich iitfi Augenblick, als ihn ihr .Lächeln traf, diese selbe Frage vor, die sich schon viele vor ihm vorgelegt hatten. Kam der feuchte Flimmer in diesen schönen Augen von Tränen? Und was suchte dieser starr verlorene Blick in weiter Ferne?!

Als Doleschal die tveiche Hand bei der Begrüßung in die seine nahm, fühlte er einen kurzen, festen Druck, den er den zarten Fingern kaum zugetraut.

Ich tverde zu Ihnen hinüber kommen," sagte sie.Ich fetze mich in Ihr Korbwägelchen, es ist ganz reizend! Ja, tch will," setzte sie im Tone eines verzogenen Kindes hinzu, als er etwas vonunbequem" undeigentlich nur zwei Sitzen" murmelte.Ihre Gattin wird mit Garczynski auf dem Throne sitzen. Aleksander," rief sie ihrem Manne in elegantem Polnisch zu,ivir fahren gleich iveiter, ich hin müde! Die Kolonie interessiert mich zu wenig ein ander­mal ! Nimm die Baronin auf deinen Bock; ich fahre mit Doleschal. Mir fahren über Niemczyce nach Haus zurück!"-

Plötzlich lebhaft geworden, drückte sie ihrem Gegenüber, dem priesterlichen Herrn, ein paar der weichen Kissen in die Arme.Hier, Herr von Gorka, seien Sie auch einmal galant! Bitte- tragen Sie mir die dort hinüber! Herr von Doleschal, bitte!" Ganz hilflos streckte sie beide Arme aus.Der Wagen ist abscheulich hoch, ich traue mich nie allein herunter. W ah!"

Wie eine Feder flog sie durch die Luft; als Doleschal sie herunterhob, fühlte er ihre ganze Grazie. Ihr ein wenig verschobenes Meid zurecht zupfend, lachte sie jetzt und klatschte dankend in die Hände:Scharmant, ganz scharmant! Chängez les dames, changez!"

Muß ich?" schien Helenes Blick ihren Manu zu fragen, als Herr von Garczynski ihr die Hand zum llmsteigen bot. Doleschal senkte die Lider sie verstand diese stumme Bejahung; es lag ihm nun einmal daran, mit den Nach­barn, wenn auch nur in teilt äußerlich aufrecht erhaltenen, guten Beziehungen -zu stehen. So schickte sie sich darein; aber ihre Beweguugeu waren steif, ihre Mienen abgemessen..

Mit liebenswürdigen Lobpreisungen nestelte sich Frau von Garcz-Yuskä auf dem kleinen Korbivägelchen ein: sie war noch nie so niedlich gefahren, hier war's ja tausendmal bequemer als auf dem großen Jagdwagen! Als der junge Vikar ihr die gewünschten Kissen in den Rücken schob, dankte sie ihm mit ihrem zärtlichsten Lächeln; aber die Kissen wies sie gleich wieder zurück: die hatte sie hier ja gar nicht nötig!

Mit einer stummen Verbeugung trat er zurück. JGt hatte sich ebenso gut in der Zucht, wie seinen Schüler. Sie hatten beide noch kein Wort gesprochen.