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vermischter.
* Stumme Bettlersprache. Mancher Mildtätige unh Weichherzige wird sich wundern, warum gerade an seiner Tur so oft Bettler und arme Reisende klopfen. Das hat aber seine guten Gründe: er ist durch die „Zinken" der „Kunden" gezeichnet. Alle finden ihn, weil er an seinem Hause sein Charakteristikum trägt. Ich hatte Gelegenheit, diese stumme Sprache kennen zu lernen, und möchte einiges davon erzählen: Als ich noch in der Goldschiniedewerkstatt saß, hörte ich von den Gesellen, die aus der Wanderschaft gewesen, so manches sonderbare Wort. Als ich. aber nun selbst als reisender Handwerksbursche die Landstraßen maß, in Herbergen nächtigte und in „Pennen" einkehrte, als mich der Spitzkopft) flebbte-t und ich durch manches Kafst) tippelte^), manche Winde stießt), die Leute ärgerte und mir Zinsen holte°), als meine Trittchen link') iimroen und mein Wallmusch in Bruch kmick), als ich bei Mittler Grün pennte und ein dufter Kunde») wurde, da lernte ich auch die Sprache der Chanfseegrabentapezierer und Himmelsfechter, der Schneeschipper iin Sommer und Kirschenpflücker im Win- ter10). Diese Worte sind fast alle deutschen ltrsprnngs. Die eigentliche Verbrechersprache aber wimmelt von verball- hornisierten Wvrteil hebräischer Herkunft — ein Zeugnis, daß die Juden vielfach die intellektuellen Leiter der rheinischen und anderer.Räuberbanden waren und daß noch in her ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts manche ostdeutschen Ortschaften nur von jüdischen Verbrechern be- ivohnt würden. Die Jahrhunderts in denen der Jude voit allein, was nicht Geldverkehr hieß, ausgeschlossen wurde, brachten ihn eben in nahe Berührung mit dem Verbrecher, machten die Beherzteren von ihnen wohl gar selbst zum Verbrecher. Tas Bedürfnis, sich untereinander zu verständigen, ohne von Dritten belauscht werden zu können', nötigte die stets mit allen in Feindschaft Lebenden, sich eine eigne Geheimsprache anzueiguen. War mut gar ein Verbrecher entdeckt, war eilt Angehöriger der Zunft ins Gefängnis geworfen und drohte ihnt schwere.Strafe, so war es noch nötiger, für die geheimen.Briefe und für die Zurufs Worts zu haben, die alten andern Ohren fremd klangen. So entstand ein Gemisch von verdrehtem Jüdisch mit verrenktem Deutsch: die Gaunersprache. Ein Zweig von ihr ist die Sprache der Bettler. — Hans Ostwald ist es, der bekannte Schriftsteller und Kenner dieses Lebens, der iit dein nennten Heft der von Dr. Rudolf P r e s b e r herausgegebenen „Arena" (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt) über die stumme Zeichensprache plaudert, der-sich die Bettler hei ihren Streifzügen zur gegenseitigen Verständigung bedienen. Abbildungen dieser Hieroglyphen — der Zinken" vervollständigen den interessanten Aufsatz.
* Das Fischrad Bekanntlich ziehen zu gewissen Zeiten des Jahres viele Fischarten entfernt liegenden Laichplätzen zu, wo sie sich in -unermeßlichen Scharen versäum weht. Zu diesen Zügen benutzen sie seit altersher ganz bestun'mte Straßen in Flüssen oder Meeren, von denen sie nig abweichen, so daß die Fischer ganz genau wissen, wo und zu welcher Zeit die Laichfische tu ihrent Gebiet er- Weinen. Während inan aber bei uns die -ziehenden Fische, zum Beispiel die Lachse, mit Netzen verschiedener Form fängt, hat man neuerdings in Amerika eine Fischfang-- maschiue gebaut, die man am besten mit dem Namen „Fischrad" bezeichnen 'kann. Sie ist genau wie ein Wasserrad gebaut, nur daß an Stelle der Schau seht Netze tu das Rad eingebaut sind, gewöhnlich vier Stück. Das Fischrad ist entweder seitlich au einem großen Boot oder auch am llfer angebracht und die Lachse werben nun durch Zwangs- Passe genötigt, ihren Weg unter deut Rad durch zu nehmen. Das Fischrad befindet sich in fortwährender Umdrehung, dis Netze heben die Fische aus dem Wasser heraus und werfen sig oben iit einen bestimmten Raum. Es ist unglaublich, welche Mengen eine solche Maschine tagsüber fängt: utt< gefähr 14 000 Lachse an einem einzige» Tage. Dies ist allerdings nur möglich in den Gewässern der lvestlichen Küsten Nordamerikas, die zu gewissen Zeitett buchstäblich
l) Geltdarm; 8) Papiere untersuchte; ■O Dorf; 4) wanderte; b) Hans abbettelte; 6) Betteln; 7) Stiefel schlecht; 8) Rock schäbig wurde; ») Landstreicher; 10) unverbesserliche Landstreicher.
von Fischen wirmneln. Hier lu-erbett also die Fische von der Fangmaschitte gewissermaßen gebaggert. (Gemütvoll! D. Red.) Die Verarbeitung der gefangenen Fische geht nun in den Anstalten, die „Cannlogs" genannt werden, mit unheimlicher Schnelligkeit vor sich. Bott den von dem Fisch- räde ausgeworfenen Fischen legen zwei Mann immer einen Fisch nach deut andern auf eine breite Bank, wo eilt dritter den Fischen sofort mit einem breiten, beilartigelt Messer Kopf, Schwanz itnb Flossen ab hackt, die sofort wieder insj Wasser fallen. Andere Arbeiter ergreifen den Lachs, schlitzen ihm den Bauch "auf, reißen die Eingeweide heraus und werfen ihn in große Bottiche mit fließendem Wasser. Nach der Reinigung kommt der Fisch in eine große Schneide°r maschine, die ihn mit einem Ruck in gleich dicke Scheiben! zerschneidet, vori denett je eilte genau in eine Blechbüchse paßt, die sofort mit Salzwasser aufgefüllt und verlötet ivird. Die Büchsen kommen in große Kessel, wo sie ungefähr eine gute Stunde lang kochen, dann werden sis herausgenommen und angestochen, damit die Luft ent- weichen kann. Sofort wird das kleine Loch lvieder verlötet, daun ivird die Blechbüchse nochmals anderthalb Stunden! lang gekocht, abgekühlt, lackiert, bezettelt und in Kisten! verpackt. Die ganze Arbeit vom Fang des Lachses bis zum Zuschlägen der Versandkisten hat höchstens drei bis vier Stunden gedauert. Von der unermeßlichen Mengs von Fischen, die auf diese Art erbeutet und verarbeite^ werden, kann man sich ungefähr ein Bild machen, wenst man in Betracht zieht, daß allein in derartigen Fischereien des Kolumbiaflnsses 6—7000 Menschen beschäftigt werben,
* Ein w eidlicher Meisterdieb ist in den Badeorten der englischen Südlüste auf getreten und führt mit der größten Frechheit große Diebstähle aus. Die Diebin ist stets aufs beste gekleidet und steigt in den ersten Hotels in den vornehmett Badeorten, wie Brighton, Hastings nsw. ab. Sie jst sehr zurückhaltend und bleibt nur einen oder höchstens zwei Tage in einem Hotel wohnen, aber nach ihrer Abreise finden die anderen Gäste, daß ihre Wertsachen und Schmuckgegenstände einer Durchsicht unterzogen worden sind und daß die wertvollsten Stücke mit der Dame verschwunden sind. Einmal wäre sie beinahe gefaßt worden. Als sie nämlich zur Teezeit — sie führte ihrs Räubereien stets während der Mahlzeiten aus — in ein Schlafzimmer kam, fand sie zwei junge Damen, die noch nicht mit ihrer Toilette fertig waren. Sie entschuldigte sich aber mit einem liebenswürdigen Lächeln und erklärte, die Tür verwechselt zu haben. Trotzdem ihre Personalbeschreibung veröffentlicht worden ist, gelingt es nicht, der Gaunerin habhaft zu werden.
vüchertisch.
— „M ä r z", Halbmonatsschrift für deutsche Kultur. Verlag von Albert Langen in München. Heft 8 enthält: „Politische Entwicklungen" von R. E. May; Dr. Hans Crüger, M. b. R., „Soziale Gesetzgebung und Selbsthilfe"; Otto Corbach „Amerika gegen Europa": Karl Bleibtreu „Die Byronfeier in -Athen"; Dr. C. Loelvcnsteiu „Getrennte Wege" (Grenzen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis): W. R. Rickmers „Sport rntb Leben"; „Frau Jngeborgs Sohn" (Schluß) von Hans Grimm; Jakob Schaffner „Der Bote Gottes" (Fortsetzung); Rundschau und Glossen, _____________
Altägyptische Hieroglyphen.
(Jedes Bild bezeichnet den Anfangsbuchstaben seines Namens, z. B Sonne — s, Glas = g, re. Die Vokale sind zu ergänzen.)
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer: Zeisig, eisig.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Bruhl'schen Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


