Ausgabe 
20.4.1910
 
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Akte jjat von diesem Wngsten nie Diel wissen wollen. Er hoi das Kind angefahren, daß es scheu geworden ist wie ein geprügelter Hund. Seine Mutter hat es schließ­lich in der Küche essen und spielen Raffen, nur daß es dem Vater nicht vor die Augen kam. Ta hat der schlanke, schwarz­haarige Jünge fremd und vornehm zwischen den Knechten gesessen, während sein großer, häßlicher Bruder mit dem' Men schon auf Jagden ritt.

Der alte Gelfa hat dann schließlich einen Schlag­anfall bekommen/ der dicke, blonde Sohu hat den Besitz geerbt. Ter andere hat allerlei wunderliche Schicksale ge­habt, tolle Liebesaffären und verwegene Abenteuer. Als junger Ehemann ist er in einem Ehrenhandel gefallen.

Tie jüngere Linie Gelfa ist durch Vetternheiraten wieder blond geworden, wenn auch nicht ganzgso plump wie die andere. Nur tu mir ist der Strahn wieder durch­geschlagen. Deshalb komme ich den anderen and)' immer so spanisch vor!"

Nnd plötzlich nimmt sie mich ausgelassen lachend in d en Arm.

Machen Sie nur nicht so ein vorwurfsvolles Ge­sicht, Prinzeß! Tie Geschichte ist sehr unmoralisch, aber hübsch ist sie doch. Uno nun setzen Sie sich in meinen bequemsten Sessel, und seien Sie ein geduldiges Opfer für meine gierigen Pastellstifte!"

3. Dezember.

Ja, es gibt doch noch Dinge, die das Leben leb'ens- toert machen. Feine, wundervolle Dinge, die ungreifbar sind Wie Sonnenstäubchen und nicht mit Worten zu sagen Und zu beschreiben, und die doch das Glück sind oder Wenigstens nah daran streifen.

Seit neulich ist es bei uns Gewohnheit geworden, daß wir jeden Abend etwas zusammen lesen. Aber nicht pedan­tisch Seite um Seite herunter, sondern ganz, zwanglos, mit langen Pausen, in denen das Mich auf dem Tisch liegt und wir reden. Ich weiß nicht, wie es kommt, daß uns der Stoff nie ausgeht.

Ich habe ordentlich einen Durst, Georg um tausend Dinge zu fragen; feine Art, zu sehen und zu erklären, ist Wundervoll.

Schade, daß Tilla nie dabei ist. Aber sie behauptet, Borlesen fei ihr langweilig, und was wir redeten, wäre ihr zu hoch So geht sie meist schon nm neun hinaus, Während wir noch bis elf im grünen Kabinett Meißen.

Es ist nicht nur Egoismus von mir, daß mich diese Wende so froh machen. Ich fühle, daß es Georg auch gut tut, ans Kvmmiß und Alltäglichkeit heranszukommen Und andere Luft zu atmen. Und gerade wenn die Falte zwischen seinen Brauen besonders starr festsitzt, wenn er vielleicht Aerger im Dienst oder eine von Dillas unbegrün­deten Launen herunterfchlucken mußte, möchte ich doppelt gut gegen ihn fein. Wer ich muß das immer nur raten, er spricht nie ein Wort darüber. Auch über Tilla nicht. Ge- tabe das achte ich so hoch an ihm.

Aber ich lerne ihn keimen wie einen Druder. Bisweilen kommt mir sogar der Wunsch, meinen großen heimlichen Kummer vor chm auszuschutten und zu sagen: hilf du Mir. Wer ich habe doch noch eine heimliche Scheu davor, dis mich zurückhält.'

. Ä" Lotte Gelsa gehe ich auch fast täglich. Sie ist ton Mensch, mit dem sich's lohnt, zu verkehren, und ich lasse mir ihr Verziehen und ihre stürmische Freundschaft so wohlig gefallen, wie man sich im Februar von der Sonne an scheinen läßt. Sie ist ja noch ein halb es Kind gegen nnch. Eigentlich zwar nur fünf Jahre jünger, aber der Unterschied zählt nicht nach Jahren. Ich kenne den Tod und Dinge, die schlimmer sind als der Tod. Und sie kennt nur die Sehnsucht. t

Frau von Gelsa scheint meinen Umgang für ihre Tochter sehr zu billigen. Sie kommt bisioeilen herein und ist von herablassender Freundlichkeit gegen mich. Für Lotte hat sie immer einen ganzen Sack voll Ermahnungen in einem grämlich nörgelnden Ton. Tie alte Henne hat ein Entchen 'ausgebrütet und gackert ängstlich' und empört, wenn sie itterh, daß das Kücken schwimmen will.

6. Dezember.

Irgend etwas in mir richtet sich langsam wieder auf, das bis auf den Erdboden gebeugt war. Ich sauge wieder Ml &u glauben, daß man mit einem Verlust noch nicht

alles verloren hat daß das Leben doch vielleicht noch reich und gut sein kann.

, Lotte Gelsa hat mein Pastellporträt fertig. Ich, kann wich 'weder über Nase noch Mund beklagen, aoer ich habe sie doch ausgescholten. Bin ich wirklich so ein Geschöpf aus Mondschein und Spinnweb, tote sie dahingepustet hat?

Ja, als ich Sie kennen lernte, waren Sie wirklich so, Prinzeß. Sie touren ja doch auch schon beinah drüben getvesen. Wer jetzt haben Sie auch schon ein bissel mehr Boden unter die Füße und Farbe auf.die Backen bekommet,. Gelt, ich darf's noch einmal versuchen? Ganz recht ist mir dies Bild auch noch nicht. Und Sie habeit ja Zeit, mehr als Sie unterbringen können."

Ich hab's ihr versprochen., und ich komme auch gern. Ich mag diese Stunden auf ihrer kuriosen Bude, wo sie Mir alle Tore und Türchen zu ihrer wunderlichen jungen Seele auftut mit rührendem Kinderv er trauen.

Heute fragte sie mich plötzlich, was ich für Zukunsts- pläne hätte. Ich sah sie groß an.

Znkunftsplane? Wozu beim? Ich bin ganz zu- frieben so."

Sie nickte.Das freut mich Wer auch der netteste Besuch hat sein Ende. Sie können Ihre Tage doch nicht hier beschließen, Ihr Heim haben Hie doch anderswo."

Mein Heim! Ich sah plötzlich das leere Haus, wo die bösen Erinnerungen in den dunklen Stuben hinter ge­schlossenen Fensterläden hocken. Ein Schatten siel auf den hellen Tag.

Ich suhlte, daß Lotte mein Gesicht beobachtete. Sie streichelte meine Hand mit ihren braunen, runden Fingern.

Sehen Sie, ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen. Ihnen ist's gleich, wo Sie sind, nicht wahr? Und ich sehne mich seit Jahren heraus, um zu lernen. Allein läßt mich Mama nicht nach München, aber wenn Sie mit gingen, vor Ihnen hat sie einen gewissen Respekt. Ach, und Sie Goldiges, wie gut Sie's bei mir haben sollten! Wie ich Sie verziehen wollte!"

Sie ließ mich gar nicht zu Worte kommen in ihrem Feuereifer. ;

Wir gehn zusammen in eine Pension, Sie fangen auch irgend was an, hören Kollegs oder nehmen Musik­stunden. Und ich arbeite. Lieber Himmel, wird das fein! Denken Sie doch, Aktzeichncn, richtige Modelle, Lehrer, die einen ausschimpfen! Sie wissen ja gar nicht, wie ich mich nach einem Menschen sehne, der mich ausschilt, aber ver­ständig, nicht so wie Mama! Nach einer Autorität, vor der ich mich platt auf den Boden werfen kann!"

Sie schlocchte und plante lebhaft weiter, ihr schwarzes Haar hatte sie vor Aufregung ganz zerwühlt. Ich ließ sie reden, versprochen habe ich ihr nichts.

Sollen Sie auch nicht, heute nicht und morgen auch noch nicht. Nur überlegen! Ach, Prinzeß, Sie wissen ja gar nicht, wie gut ich Ihnen bin, weil ich weiß, daß .Sie ja" sagen werben!"

Ich lachte sie aus uub ging. Sie wird wohl selbst «ejnsehen, daß es ein toller Einfall isst

(Fortsetzung, folgt.).

UsmetenWghn.

Bon Tr. G. Beer mann (Berlin).

Verachte nur Vernunft und Wissenschaft Des Menschen allerhöchste Kraft!

' Laß nur von Blend- und 8mi6erWerFen, Dich von dem Lützcugeist bestärken!

(Goethe.)

Es Werben Zeichen geschehen an der Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Leuten bange sein und werden ragen, uub das Mror und die WasserWogeti werden brausen." Sv lautet eine neutestamentliche Verkündigung, die sich, mit den verschiedenen Beglbiterscheiuungxu der einstmaligen Ankunst des jüngsten Tag.es besaßt. Es ist toiiSbt dieWie Schar" nuferen Himmelskörper bereits im! grauen Altertum auf das menschliche Tua und Treiben, überhaupt auf das niedere Erdenleb en von be- sonderen Einflüssen gewesen, wie sie ja auch nach biblischem! «höpsuugs'berichte ausersehen wär,Zeichen und Zeiten" zu geben. Kann inlan sich da noch wundern, wenn heutzutage viele Tausende von aufgeklärten Erdenbürgern Beim* plötzlichen Sichtbarwerden! eines so selten erschieinenden Kometenvor Furcht und Warte« der 2'111 ge" in gbWisse Angst versetzt werden? Handelt es sich werbe, nicht gleichsam um erbliche Belastung? Freilich, doch ist dre gegtzMvärtige KoMetenstircht eine fixe Idee uralten Herkommens. Ruft doch schon der eifernde Prophet Jeremias seinen israelitisches