Ausgabe 
20.4.1910
 
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Mittwoch den 20. April

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Ihres Vaters Tochter.

Roman von Lulu von Strauß und Torney.

. (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

.30. November.

Ich müßte ja dümmer sein, als ich bin, wenn ich Nicht wüßte, daß ich den Mädeln hier dreimal über bin. Ach Gott, tut,6 es tut doch so Mt, (sich mal wieder so ganz klein und unbedeutend zu fühlen wie Ihneni gegen­über!"

Dazu ist aber doch kein Grund. Ich weiß gar nicht, was Sie alles in mich hineinphantasieren."

Ich sah lachend in das temperamentvolle Zigeuner-- gcsicht mir gegenüber. Lotte Gelsa hatte es richtig durch­gesetzt und mich beinah zwangsweise auf ihre Stube ge-- schleppt. Sie hockte vor mir auf den Knieen und zeigte Mir ihre Mappen. Ueberraschend geniale Blätter neben Ungezogenen Karikaturen auf abgerissenen Papierfetzen rind tolle Phantastereien ä la Th. A. Hoffmann.

Es muß kraus und bunt aussehen unter dieser schwar­zen Holle, die sie manchmal mit einer fahrigen Bewegung Ms der Stirn wirft. ' -

Um sie herum ist es ebenso krMs und bunt. Dte Wände der Stube von einem ruhigen, fahlen Violett, ein paar Thomablätter und schreiende Plakate daran. In einer Ecke eine.Riesenvase aus Ton, darin ein paar graugrüne, sperrige Kiefernäste- das Ganze mannshoch Auf einem polierten Biedermeiertischchen ein jüdischer Sabbatleuchter aus Bronze. Auf Sesseln und Tischchen allerlei Decken und Fetzen von schweren, alteir Kirchenbrokaten in ihren tiefen, satte,t Farben, die der Zeit widerstehen.

Lotte sah meine erstaunten Augen bei der ersten Um­schau. Sie nahm mich am Arm.

Kommen Sie, Uun sollen Sie mein Sanktuarium sehen. Wenn Klothilde und Mama mich mit ihren, Entsetzen über meine Verrücktheiten ganz zerknirscht gemacht haben, dann laufe ich dahin. Ta weiß ich dann Mieder, daß ich- ein Recht habe, anders als die andern zu sein, und woher tch's habe."

Einen goldenen Rahmen in Florentiner Arbeit, der wie ein Altarschreiu gemacht war, schlug sie auseinander. Tarin war ein Bild auf Email, ein wunderschöner brü­netter junger Mensch in breiten,, weißem Hemdkragen über einer Art von verschnürtem .Husarenrock aus Samt. Die Aehulichkeit mit ihr war unverkennbar.

Sie hockte auf den, kleinen Sofa daneben.

Nicht wahr, er ist schön? Aber diese Idolatrie ist ungefährlich, er ist nämlich mein Großvater. Ach habe ihn selbst nicht mehr gekannt, die Geisas sind eine kurzlebige Familie. Aber ich weiß seine Geschichte. .Hören Sie zu, Prinzeß."

So nennt mich der Unband immer. Ihre Geschichte lohnte das Zuhören; oder wenigstens die Art wie sie er­zählte, die großen, schwarzen Augen weit und in irgend eine visionäre Ferne gerichtet.

Irgendwo hier in Thüringen haben die Gelsas auf ihrem Gut gesessen. Mles große, starke, blonde Menschen mit groben Gesichtern und plumpen Bewegungen. Auch der Aeltervater war so einer und seine Tochter und seni Sohn waren damals auch schon häßliche, lärmende Kinder mit blondem Haarpelz auf den, dicken Schädel, trotzdem ihre Mutter eine kleine, feingliedrige Fran war, die ein sanftes Gesicht fand große, ängstliche Augen hatte. Eigentlich war der Alte etwas übereilt mit dieser Heirat gewesen, er sah auch bald ein, daß so ein zerbrechliches Wesen nichts für ihn war, ,md fragte nicht viel nach der Frau. Er trank und ritt Jagden, fluchte und bekam ein dickes, rotes Gesicht,

Um die Zeit lvar Napoleons Hand über der Welt. Das Gelsasche Gut war wie die ganze Gegend ausgesogen von Kontributionen und heruntergewirtschaftet dazu Auf den Bauernhöfen ringsherum wurde besser gegessen als auf dem Herrenhof, aber es war nun einmal der Herrenhof, und deshalb bekam er immer die größte Last von Zahlun­gen und Einquartierungen.

Am schlimmsten war das, als die große Armee nach Rußland ging. Wie Ameisenzüge ging das schwarze Ge­wimmel aus allen Landstraßen nach Osten und immer nach Osten, Käuonen und Reiter und Fußregimenter, Deutsche, Holländer und braune Kerls mit. fremden Sprachen, die noch hinter Frankreich zu Haus waren. Eine Nacht Rast in einer Stadt, auf dem Dorf, Biwaksfeuerauf dem Guts- Hof, Lärm und Geschrei und dann weiter.

Die junge FrM tat, was sie konnte, aber sie lief ganz verängstigt herum. Ihr dicker Mann warf ihr grobe Reden an den Kopf, und nie hatte sie ihm! genug getan/ wenn er selbst auch nur im Lehnstuhl saß

Da war ein Regiment einen Tag im Dorf gewesen und die Offiziere auf dem Herrenhof. Ein junger Kornett war dabei, der sich beim Abspringen vom Pferd bett Fuß vertreten hatte. Der lag uun ein paar Tage krank auf bent Hof, ehe er seinem Regiment uachging, und die junge Frau mußte ihn pflegen. Er war ein bildschöner Mensch mit Prachtaugen, der aber kein Wort Deutschwerstand; ein Spanier von Geburt, von vornehmstem Stamm, m denk noch ein Tropfen maurisch Blut war.

Die junge Frau ist in den Tagen tätig wie immer gewesen. Aber sie ist mit heißen Backen durchs HauA gelaufen, und bisweilen hat sie sogar gesungen, gleich nach­dem ihr Mann sie angefahren hat. Kurz darauf ist der spanische Kornett auch weggewesen, und alles wie immer1.

Aber im nächsten Jahr ist ein Sohn tauf dem Herren­hof geboren. Das war ent feines, braunes Kerlchen mit schwarzen großen Augen, wunderlich fremd zwischen de» Planchen blondhaarigen Geschwistern.1