Ausgabe 
19.12.1910
 
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Habender Mann alljährlich vor Weihnachten ansehnliche Be­träge zu den Sammlungen, und seine alte Katharine be­kam jedesmal am Nachmittag des 24. Dezember ein Ge- Senk von hundert Mark. Damit war die Geschichte er-

>igt. Professor Olten liebte durchaus keine Störungen seiner Gewohnheiten; und es war ihm sehr fatal, daß vor ein paar Monaten in die Etage unter ihm eure Witwe mit zwei kleiner: Kindern eingezogen war. Vorher hatte ein altes Fräulein die Wohnung irrnegehabt, und er.hatte Nie einen Laut gehört. Jetzt war das anders. Dre dünnen Wände ließen manches Geräusch zu ihm dringen; und er hätte schon ernstlich überlegt, ob ein Umzug an sich em entsetzlicher Gedanke! : nicht das kleinere Uebel, wäre. So, nun noch um die Ecke, dann war er zu Hause und konnte ungestört die Spur verfolgen, die erheute rn der Stadt-Bibliothek aufgestöbert hatte und dre fern historisches Werk einen tüchtigen Schritt weiterbringen sollte. Wie das paßte, die vierzehn Tage Weihnachtsferien zu freier Mrbeit vor sich zu haben!

Als der Professor zwei Treppen erstiegen hatte, ,hörte er aus der Wohnung der Witwe jammervolles Kinder­weinen. Gräßlich! Er mußte doch wohl am ersten Januar kündigen. Oben im Flur empfing ihn seine Wrrtschafterrn in sichtlicher Aufregung:Ach, deukeir Sie nur, Herr Pro­fessor, das Unglück! Die hübsche junge Frau von unten is von 'ner Automobildroschke umgefahren worden, gleich da vorne an die Ecke. Ganz bewußtlos haben se ihr ins Krankenhaus geschafft. Und die armen Kinderchens, ine jammern zum Erbarmen! Und da is kein Mensch, per sich um sie kiimmert. Es war auch schon ein Schutzmann von die Pollezei da und hat sich befragt um alles und wollt' wissen, was nu mit die Kinderchens sollt' werden. O Gott, halt' ich'n Schreck! Und ach, Herr Professor, sein Se man nich böse, aber als der Pollezeier von dre Kinderchens anfing, da hab' ich Misagt, für dre wurden wir schon sorgen. Denn die Aufwartfrau hat ja selbstn Häufchen zu Haus und kann sich natürlicherweise dre zwei stich noch aufladen. Und die is auf so feine (Soren auch gar nich eiugericht't. Und die Eltern von der Frau Doktor Witting leben an der russischen Grenze rrnd sind alte Leute. Und sonst is keiner da, sagt die Aufwartfrau; dre Frau Doktor hat ja gar keinen Verkehr und geht nur jeben Tag 'n Stündchen mit die Kinderchens 'raus. Und sonst sitzt se von früh bis spät in jeder freien Minute und malt Fächer und Schächtelchen. Ja, rrnd ich hab' doch Zert ge­nug, wenn der Herr Professor gestatten, und das bißchen Essen ist ja auch nicht der Rede wert. Und in den Ferren, da werden die Kinderchens ja Wohl den Herrn Prosessor «ich genieren, und sie können in der Küchentämmer schlafen neben meiner"

Ma, nehmen Sie mir's nicht übel, Kathrine, aber das find' ich wirklich stark! Wie komme ich dazu, die fremden Kinder * und gerade jetzt in den Serien, die rch so notwendig für meine Arbeit brauche. Nern, das kann kein Mensch verlangen daß," m

,Es verlangt's ja auch W Mensch, Herr Professor. Nirr weil doch morgen Heiligabend is, un man doch mch weiß, ob die Frau mit'n Leben davonkommt, un werl's doch Eh ristenpflicht is, so 'was. Herrgott, mein Essen! Ich hab' schnell nochne süße Speise gemacht für die Kinderchens. Na, ich muß sie nur fix raufholen, denn die Aufwartfrau kann nichne Minute länger bleiben, fagt se " Damit verschwand die Kathrine und ließ ihren Herrn jn starrem Entsetzen zurück. Er mußte ihr nacheilen, er mußte es verhindern, daß sie ihm diese Kinder- v weh, da hörte er sie schon draußen im Flur, und dre Kathrrue sprach ihnen tröstend zu:Habt nur keine Bange, Kmder- chens, der Herr Professor is kein Werwolf, er is'n seelens­guter Herr. Und euer Mütterchen wird ganz gescywmd wieder gesund, und solange bleibt ihr nett hier oben bei uns

Huhuhu," tönte es nun,morgen soll doch das Christ- Nudchen kommen, und Mütterchen is nich da" und ern zweites Stimmchen wiederholte:Un Mütterchen rs nra; da. Und dann schob die Kathrine das Geschwisterpärchen rn dre Tür: einen fünfjährigen Buben und ein vierjähriges Madel, zwei herzige Blondköpfe mit blonden Augen, die nur augen­blicklich recht kläglich dreiufchauten.

So, nun sagt hübsch Guten Tag, Kinderchens, und bedankt euch. Der Herr Professor erlaubt gern, daß ihr hier oben wohnt, bis Mütterchen wiederkommt. Und nach­

her wird gleich gegessen, ganz 'was Leckeres! Bitte, Herr Professor, bekümmern Sie sich mal 'n bißchen um die zwei- derweil ich nach'm Essen seh'."

Die Kathrine öffnete die Tür zum Eßzimmer und ver- chwand. Der Professor aber sah mit Entsetzen, daß drei Gedecke aufgelegt waren. Ohne zu fragen! Er folgte der Getreuen in die Küche und begann vorwurfsvoll:Aber, Kathrine, die Kinder könnten doch besser mit Ihnen in der

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Ne, das können fe eben nich, Herr Professor. Ich weiß, was sich gehört. Den Kinderchens ihr Vater war ganz 'was Feines und wär' auch noch Professor geworden, wenn er nich so bald hält' sterben muffen, Professor ber drs Studerrtens, sagt die Aufwartfrau. Und was die Mutter rs, das isne geboreneBon", sagt se. Und wenn bte arme Frau mitm Leben davonkommt, nachher soll se mch noch den Krunmer haben, daß ihre Kinderchens mch oru- !ich behandelt worden sind. Wer A gesagt hat, muß auch B sagen, Herr Professor." .

Ja, mein Gott, ich habe doch aber gar mcht A ge­sagt," wollte der Professor rufen, doch die Kathrine war bereits mit der Suppenschüssel zur Türe hinaus, und es blieb ihm nichts übrig, als ihren Spuren zu folgen und im Eßzimmer seinen Platz einzunehinen. Die Kathrrne schöpfte auf, und der Professor nahm seinen Löffel zur Hand. Aber eh' er ihn zum Mund führen konnte, rtef der Bub':Halt, erst beten!"

(Fortsetzung folgt.)

Bücher für den Weihnachtstisch.

Der literarisch bedeutenste Roman des Jahres dürfte Gerhart Hauptmanns umfangreiches Werk Der N arr in Chrrst ck E m a u u e l Q n iu t. (S. Fischer, Verlag, Berlin) lern, der bereits durch den Abdruck in der neuen deutschen Rundschau einem großernt Leserkreis bekannt geworden ist. Hanplmann, der im FrulMhr 1896 die ersten Kapitel dieses Romans schrieb,. hatte damals einen Versuch über das Leben Christi fertig unter lernen Papieren., Vielleicht ist es ein Zeichen der Anknüpfung au eine der erstes Schriften, die von ihm in die Oeffentlichkeit kamen, an bte Apostel, daß Hauptmann seinen Emanuel Quint dort endigenl läßt, wo ihm die Gestalt des Apostels entgegengetreten wart weit von der schlesischen Heimat entfernt, in der Schweiz. D-v Einfall: einen Menschen in unserer Zeit darzustellen, der niM sowohl seine Nachfolge Christi, als beinahe eine Wiederholung! M bedeuten scheint ist nicht ganz neu. Aber die beinahe wörtliche Wiederholung des Lebens Christi durch Emanuel Ournt, ist mit einer psychologischen Darstellungskraft durchgefnhrt, die sich ihres Reichtums und ihrer Wahrheit mit höchster Ueberleguug bedienst Indem die Umwelt die religiöse Wahrheit, die geistige, zu einer sozialen, zu einer leiblichen umdeutet, macht sie sie zu inner Lüge- und indem sie dann mit ihrer kurzsinnigcn und ungeduldiger^ Entschlossenheit diese verwirft, verwirft sie auch lene So wird aus dem Heiligen der Wahnsinnige, und der Wahnsinnige geht Unter, aber mit einer inneren Sieghastigkeit, die darauf verzinstet hat, sich mitzuteilen. Menschen, Landschaften, soziale Verhält­nisse, die Regungen der Massensecle, das halb physische seeien- gespinst des Einzelnen, zu dem allen hat Hauptmann einen un­erschöpflichen Vorrat in sich. -

Der Roman ist schön gedruckt und vornehm ausgestattest Mit Erlaubnis des Tempelverlags wurde hier, wie der Verlag mitteilt, zum erstenmal die neue -Schrift von E. R. Reitz zur Anwendung gebracht. . r , , , . , .

Non den Romanen mncier übrigen _ bcbeiuenben und aii- erkannten Dichter ist vor allem Clara Viebig zu nennen, dick uns in ihrem neuen Werk Die vor den Tomen (Verlag von Egon Fleische! u. Co., Berlin W) ein charakteristnches Bild aus bcn Anfängen des neuen 'Deutschen Reiches gibt. Hat ste i» ihren großen ZeitromanenDie Wacht am Rhem'j und imScylafenden Heer", das wir kürzlich in den Gieß. Familienblattern, verossent- lichteii, das Werden des Reiches geschildert und die innere» Kämpfe um die Erhaltung der gewonnenen Einheit, so gibt sie in ihrem neuen Werke gewisiermaßen die Kindheit des mit Blut und Eisen gefdjntiebeteit Reiches. Ber ihrer Vorliebe für den Bauernstand, geht sic hinaus vor die o re ber Grvtzstadst Vom Tempelhofer Feld ziehen die siegreichen gruppen ein in die Hauptstadt des Landes, und die Bauern sehen ihnen nach und ahnen nicht, daß dieser Freudentag der erste einer Zeit isst in der das Ungeheuer, die Stadt, seine Polypenarme nach allen Seiten erstrecken wird, um die an sich W ziehen und zu erdrücken, die da draußen leben als freie Herren aut der Scholle. Dm Untergang der Bauernschaft m Reichtum und Wohlleben, durch ein leichtfertiges Sichlosreißen von der heimatlichen Erde, durch ein nur zu gern gewolltes Aufgeben bäuerlicher Eigenart zu Gunsten ber großstädtischen Allerweltsart wird nii tte nn ©rnf und mit herzenswarmem Humor geschildert. Die Liebe zum koriitragmden Land, die Siebe zum Heimattreuen Bauern, zu Wald