Ausgabe 
19.12.1910
 
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|tni 9lmt gewesen And sein Vater, und so hatte eben der Aoitt auch ein Grenzjäger werden Müssen, ob er mochte oder nicht. ^re

Rosel kannte ihn gar gut, schon von der Schulzeit Her;, da, hatte der lange Toni sie einmal1 über den Mach getragen,, wie sie als! würzig kleines Ding zaghaft davor gestanden und nicht hinüoer- gekonnt hatte im zeitigen Frühjahr, wie das Wasser so wild war. Er aber hatte sich gar ,nM geftirchtet, sondern int Gegenteil!, war immer hinüber uiid herüber gewatet, nm ihr zu zeigen, wiö forsch er war. Später hatten sie sich lange nicht gesehen, viele! Jahre lang nicht. Ter Toni war, zum Militär gekommen und dann Grenzjäger geworben, und die Rosel hatte iininer daheim in der"Baude gesteckt, kaum daß sie an den hohen Feiertagen einmal hinunter kam in die Kirche nach Tannwalde. Aber letzten Herbst, wie sie im Walde beim Reisigsuchcn war, hatte sie ihn getroffen, zwei-, dreimal hintereinander. Da hatte er ihr gleich den schweren Sack ein gut E.ück Wegs geschleppt er in seiner schönen, grünen Uniform und hatte so lieb und freundlich mit ihr geredet von lustigen alten Zeiten, daß, ihr ordentlich das Herz, ausgegangc^ war. Und traf er einmal das SePPele, den jüngsten Hüblerbnbeu, so teilte er sicher fein Vesperbrot mit ihm, der arme Schlucker, dcr's doch selber nicht etwa so reichlich hatte. Ja, der Toni, das war ein anderer als der Richter-Ignaz, der immer solche freche Reden führte, die ihr das Blut ins -Gesicht trieben. Und nun zu denken, daß vielleicht just der Toni sie auf ihrem hentigen Wege erwischen And ab fang en könnte! Was müßte dergrur von ihr denken, und wie würde er sie anschauen mit seinen guten Augen! lind aus wärs für immer dann mit der Freundschaft!

schwerem Herzen. ,. ,,, ., .

Drunten in den Tälern mochte vielleicht schon ein weicheres Lüftchen wehen, hier oben wars noch bitterer Winter wer Weiß, wie lauge noch! Rosel fürchtete sich nicht vor der Kalte, auch nicht vor der Dunkelheit nur vor einem hatte sie Angst, und an dies eine mußte sie jetzt immerzu denken. Wenn nur etwa den Grenzer-Toni sie nicht erwischte! Vor den anderen fürchtete ne sich nicht so sehr, aber vor dem! Nicht etwa, daß er so besonders charf And streng gewesen wäre; ganz im Gegenteil. Ein^herzens­guter, lieber Mensch wars ititb eigentlich gar nicht geschaffen zn o einem harten Posten. Aber fein Großvater selig war, schon

steinen woll'n abfangen; W kommt er sicher Nit hinauf, daftir renn' ich ihn. Zweimal hintersammen tun sie nit auf den selbigen Kosten gehen. Und nun geh' in Gottes Namen! ^ch bet btr, Unterdes ein Vaterunser." . v t, ' . , .

In schweigendem Gehorsam nahm Regel die Kiepe find das dicke Tuch der Mutter und trat ihren nächtlichen Weg an mit

Heiß und kalt wird der Rosel bei dem bloßen Gedanken, aber; rüstig schreiten ihre jungen, flinken Füße weiter und immetl weiter, den Hollerbauden zu.

Ter Scherbenez-Toni ist heut' eigentlich nicht an der Reihe für die Nachtpatrouille; aber sein älterer Kamerad, der Weidlich, bat ein krankes Weib in der Hütte liegen, und weil halt der Toni solch eilt guter Kerl ist, tut's ihn jammern um das hilflose Weib Nnd das kleine Neugeborene. Er geht also zum Wachtmeister And meldet sich zum Nachtdienst, und der ist's zufrieden Md schickt ihn hinauf in die Klamm, wo sie einer Bande von Wriiri paschern auf der Spur sind. Und nun wandert der Toni feinen steilen, beschwerlichen Weg und pfeift sich leis ein Stücklein dazu. Hier gilt's ja noch nicht aufpassen; erst weiterhin, wo der Wald beginnt. Am Anfang zur Klamm trifft er den Förster.

Gehst auf die Birsch, Kam'rad?" spricht der lachend.Tu' dir beiit Ras' nit erfriern, Toni! Die Füchslein, die du jagen! möcht'st, sitzen drüben in Kretscham und sind sternhagelvoll. Tie finden heut' allein nit den Weg über die Grenz', erst recht nit Mit ihre Fässer."

Der Förster ist ein verläßlicher Mann, aber der Toni läßt sich doch nicht abhalten, sondern geht feinen Paß weiter. Er patroulliert feinen Bezirk gewissenhaft ab bis fast hinüber ins Böhmische. Weit und breit keine Seele, nirgends eine Fußspur Kits dem in letzter Nacht frisch gefallenen Schnee. Halb zwei Itiib fein Reviergang dauert bis früh uni sechs. Könnt'st schnell hoch mal 'nüber an dje Heidsteine, denkt sich der Toni, dem dis vergebliche Hetzjagd von neulich noch int Sinn steckt.Vielleicht, daß du dort drüben einen erwischen tät'st."

Nun steht er am Waldrand, und die Krähen blinzeln auf ihn nieder, gerad' wie neulich. Nur daß er heul' hübsch ruhig stehen bleibt int Schatten einer uralten Kieser,

Alles süll. Die jHeibsteine regen wuchtig und formlos in den Sternenhimmel, mit scharfem Sausen fährt der Wind um, die vorspringende Felsecke. Zum Zeitvertreib guckt der Tond ans die Sterne und sucht sich den großen Bären heraus; den; kennt et noch von der Schicke her. Jählings fliegt eine Stern!-- schnuppe über den Himmel, und der Toni greift sich an den linken Daumen.Daß die Hübler-Rosel" . . . stottert er hastig er weiß selber nicht, was er wünschen soll und schon ist die Schnuppe verschwunden.Schadet nichts, es gibt ihrer ja noch Mehr." Und der Toni lugt wieder hinauf.

Da ein leises, scharfes Klingen, wie wenn Eisen gegen! Mm Stein klirrt. Der Toni steht und lauscht und rührt sich Nickst. Nun ein Schatten, der sich von dm Steinen loszulöseii Meint und langsam vorwärtsgleitet, ein wunderlich unförmlicher Schotten auf dem mattleuchtenden Schnee. Und näher kommt's. Bei Gott, ein Weib! Wie ein Blitz sährt's dem Toni durch dm

Sinn.Ter Hüblern trau ich nimmer," hat neulich der Wacht­meister gesagt,die hat immer so ein heimliches Gestecke nut der! Lammwirtin."Ja, wegen dem Ignaz," hat einer ^von beit Grenzern darauf erwidert.Na, na, nit wegen dem Ignaz und kurz, der Hüblern trau ich nit!" hat der Wachtmeister ivieher- holt. Er traut ihr auch nicht, er, der Toni. Will sie thr Madel an den Ignaz . . .? Aber zum Teufel, das Weib dort kommt näher nein, die Hüblern ist's nicht, die ist größer und hat einen, stoßenden Gang. Die da, mit dem Tuch auf dem Kopf uno der! Kiepe auf dem Rücken ist eine Junge, das kennt man am Gang. Ein junges Weib und hier mitternächtig draußen im oben Gebirg bei beit verrufenen Heidsteinen? Hat die ein Kurasch! baut her Toni halb betounbernb aber wart', dir werd' ich heimleuchtenk Jetzt ist sie ganz nahe; er hört schon ihr keuchendes Atmen, fester packt er sein Gewehr, springt mit hasttgem Anlauf hinter {entern! Baum hervor und sperrt ihr den Weg:

Halt, im Namm des Königs sich

Wie angewurzelt bleibt das Weib stehen und dnckt^sich zu- samMm, schlägt die Hände vors Gesicht und murmelt:tzesmariä der Toni!" t ,

Er packt sie an der Schulter und reißt ihr das Luch voist Kopf; da sieht er das schöne blonde Haar, und nun erst erkenn« er sie, und das Erschrecken ist an ihm.Die Hübl er-Rosel! stammelt er und zieht ihr die Hände vom Gesicht und flüstert scheit And heiser:Mädel, wie kannst mir nur das antun du ... Eine Sekunde nur, bann kommt ihm das Besinnen. Schwer legt er die Hand auf ihre Schulter.Mit mußt!" spricht er barich,- da nutzt nix!" ~ , ,. o, r

Aber ich bitt' dich mrt Jesu wrllm!" jammert die Rosel auf und sinkt fast in die Knie vor Schreck.

Er faßt ihre Hand und hält sie fest und zieht die Zogerndä vorwärts.Ja, was hast dir denn dacht' Mädel? Ja) hab; mein' Eid geschwor'n, und da laß ich nix drauftommm!" Rauh und unfreundlich klingt seine Stimme, und doch muß er an lebeM Wort würgm, baß ers nur herausbringt. Stumm und entschlossen schreitet er vorwärts, und stumm und in bitterer Angst geht das Mädchen nebenher. , v

,-Bei ber Hand darfst mich auch lut grab halten, iagr sie zuletzt fast trotzig,ich werd nit eschappiern!"

Er bleibt stehen und läßt sie einen Schritt vor sich hergehm). so dicht, daß er immer Massen kann, wenn sie ihm ausrückeit füllte. Und die Rosel trägt ihre schwere Kiepe, und der Tont fein noch viel schwereres Herz. Daß ihn der Teufel retten Midi er auch grat» nach den Heidsteinen hinüber mußte! Nun kamt er bas Mädel ins Dorf hinunter und vor den Wachtmeister führen Und gut ist er ihr darum doch, der Rosel. Wie gut, daß weißlen erst feit heute. Aber da hilft nichts, fein Eid ist ihm heilig/ und was muß, bas muß sein! Wenn sie nur nicht so fturnin Ware, so schrecklich stumm! Wie sie dich wohl hassen tut! bmkt dest Toni und beißt ingrimmig die Zähne aufeinander. BerbainmteZ Gewerbe, so als Spürhund herumlaufen zu müssen!

Die Rosel schreitet tapfer und stetig Vor ihm her, während er sich den Kops.zermartert, wie er das Mädel retten und doch seiner Pflicht Genüge tun könne.

So kommen, sie an dm schmalen Steg, der an der KlaMM vorüber und geradeswegs auf die Hüblerwiesm zuführt Dis Rosel zerrt an ihrem Tuch und macht sich damit zu schaffen!., Kein Wunder, sie friert, das arme Ding! Gerad will ihr der! Toni mitleidig einen Herzschluck ans feiner Flasche anbieteij da o ihr Heiligen, was ist denn nur das! das Hers! bleibt ihm stehen vor Entsetzen hart vor seinen Augen flieg« etwas Großes, Dunkles über das niedere Holzgeländer. Er will zupacken mH faßt doch nur einen flatternden Luchzipfel, der ihm ans den Händm gleitet; den steilen Abhang hinunter Pollerts und. hinein in die Klamm. Er schreit laut auf aber hie Rosel! steht neben ihm, ganz ruhig, und schaut ihm; gerade ins Gesicht nur die Kiepe ist fort; kollert und kollert, ganze SchueelawineN mit sich reißend, hinunter, wo die Klamm am tiefsten und schmälsten ist, wo keines Menschen Fuß je hineingelangm wird.

(Fortsetzung folgt.)

Professor Gltenr weHncchtrserkli.

Erzählung von Betty R i t t tv e g e r.

Langsam, in Gedanken versunken, wanderte Professor Gerhard Olten durch die Straßen der großen Stadt. War er mit seinem Nachdenken einmal gewissermaßen bei einem Abschnitt angelangt, dann sah er schmunzelnd auf die hasten­den Menschen und lächelte. Wie gut er's doch hätte in! dieser Zeit der Unruhe! Wie allste komischen Leute sich abmühten nicht zu glauben! Wochenlang drehte sich alles UM diesen Weihnachtsabend. Und nachher gab's Heulen uno Zähneklappern, zerbrochenes Spielzeug, unpassend gewählte Geschenke, die umgetauscht werden mußten, verdorbene Ma­gen, mürrische Dienstbotengesichter, Rechnungen, bei denen die Familienväter eine Gänsehaut bekamen. Seine ver­heirateten Kollegen hatten dieses Klagelied schon ost genug nach den Weihnachtsferien gesungen. Er gab als wohl-