Montag den 19. Dezember
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1910 — Nr. 198
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Die Hüblerbaude.
Seilte Geschichte aus dem Riesengebirge von Jassy Torrund. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Eine bitterkalte Februarnacht war angebrochen. Die Sterne flimmern und wecken hier und dort matte Lichter auf dem Schnee. Schweigend und schneeverhüllt stehen die Tannen und schauern bis ins Mark hinein, wenn der eisige Nordost über sie hinstreicht. Nichts Lebendes weit und breit, selbst der heisere Schrei hungernder Krähen ist längst verstummt. Schlaftrunken hocken die schwarzen Gesellen, dicht aneinander gedrängt im dunkeln Geäst, kaum daß eins fid). die Mühe nimmt, hiniinterzuäugen, wo unter den hängenden Fichtenzweigen tief int Schatten ein Mann steht, den blinkenden Gewehrlauf sorglich hinter dem Baumstamm geborgen. So steht er schweigsam und lautlos und wartet, von Zeit zu Zeit Mr mit den erstarrenden Füßen geräuschlos auf und abstampfend der Grenzjäger-Toni. Wissen tun sie's auf der.Zollwach' schon lange, daß hier herum Heuer wieder viel gepascht wird, Leinwand unb böhmische Spitzen und allerhand Weibertand, nur das Wer, Wann und Wo konnten sie immer noch nicht herauskriegen, und dafür stand der Toni hier oben bet den Heidsteinen fund sollte sein Heil versuchen, ob er die Pascher erwisckjen könnte.
Er stmrd und paßte schon eine ganze Weile, und als ihm die Füße schier ansroreit, trabte er auf seinen plumpen Schneereifen aut Waldsaum auf und gtieder und vergaß mich nicht de>r erivärtnenden Schluck aus der Flasche.
Ein braver Bursche war's, der Scherbeuez-Toni, pflichttreu Und auf dem Posten und nimmer müde, wo's galt, das Revier abzulauft'N. Aber hier so stehen und warten die halbe Nacht laug und bei der Mordskälte, das war denn dockt eine ander» Sache, uub keiner konnt's ihm verdenken, daß er sich die klamnteu Füße eilt bissel verttat. Wenn nur nicht der Helle Schitee ge- wdsen wäre und die flimmernden Sterne! Aber so geschah's, daß jemand, der mit aller Vorsicht von der böhmischen Seite! herüber und an die scharfe Ecke bei den Heidsteiiten geschlichen kam, des mitternächtigen Wanderers gewahr wurde, der doch nicht etwa zu seinem Vergnügen dort herumstampste. Die Hüblerw war's, das rüstige Weib. Hastig duckte sie sich tiefer in den! Schatten des Gesteins und regte sich nicht, nur daß ihre erstarrten Fingdr sich fest zusammenkrampften und die blassen Lippen klanglos murmelten: „Der Grenzjäger!" Und gerad' auf die Heidstein« kam er jetzt zugeschritten; lautlos und den unverwandt hin- starrenden Augen des Weibes kaum wahrnehmbar, glitt sein Schatten am Waldrande hin. —
Mar'joseph, wenn er dich jetzt erwischt! dachte das beherzte Weib, und nun links schwenken und hinter den Heidsteinen herum, mitten in den finftereu Wald hinein war eins bei der Rüstigen. Laufen, jagen, mit der schwerbepackten Hocke auf dem Rücken, über das Gestrüpp straucheln und sich wieder ausraffen und wetterjagen, bis ihr die Brust keucht und der Schweiß in großen Tropfen auf der braunen Stirn steht. Hinter sich hört sie das Knicken und Brechen des Gezweigs und die hastenden Schritte des Jägers. In Todesangst hetzt sie weiter und kann doch nicht mehr. Ihre Kräfte versagen, in die Knie bricht sie wie ein verendetes Wild und hebt den Kopf, um angstvoll zu lauschen, und traut ihren Ohren nicht — tiefe Stille ist rings um sie her, kein nahender Schritt, kein Laut — der Jäger muß ihre Spur verloren haben! Mühsam und schwerfällig rafft sie sich auf und schleppt ihre schmerzetlden Glieder rin gut Test des Weges zurück, bis endlich die H üblerwiese vor
ihr liegt und mitten darauf die Baude. Gottlob, nun ist sie ge* borgen, ihr und den Kindern der blutsanre Verdienst dies atz fürchterlichen Nachtwanderung gerettet!
Aber 's war doch zuviel gewesen, selbst für Frau RoselSf rÄsttge Kräfte! Die nächsten Tage lag sie in rasender Fieberhchtz hart darnieder: dagegen half auch.ihr eiserner Wille Nichts. Ist bewußten Stunden saß sie dann wohl im Bette auf und sprach zu der kummervoll blickenden Tochter: „'s hilft mx, Rosel.vost heute ab in sieben Nächten muß ich doch wieder heraus und hinüber« Ein großer Hausen Spitzen soll herübergeholt werden, und der Händler wartet nit länger. Fünf Taler krieg ich, wenn kch.» ihm rechtzeitig schaffe, und verdienen muß ich das Geld! Dttz Zinsen sind noch nit beisammen, und MM Quartal sollen |te gen zahlt werden."
Zum ersten Mal, daß sie mit der Tochter von ihren hem» lichen Wegen sprach. Und die Rosel gab keine Antwort daraus, das Herz war ihr so schwer, sie wußte selbst nicht warum. Sitz strich Mit den jungen weichen Fingern über die harten heißen! Hände der Mutter und seufzte: „Wenn Ihr doch nur erst wieder gesund wär't, Mutterle!" „ }a
Es stand bei ihr fest, die Mutter dürfe solche Grenzgange nitz mehr machen. Nicht nur um der Gefahr willen, sondern noch wegeg etwas anderem. Doch davon sagte sie der Mutter nichts.
Als die siebente Nacht kam, war Frau Rosel von Fieberurch Schmerzen so schwach und hinfällig, daß sie sich kaum in den Kiffest auftichteii konnte. Ihre Wangen brannten, und die Augen lägest ttefeingechnken in ihren Höhlen Md schauten unruhig heischend CtU| ^Rosel^da' hilft nix, das Geld müssen wir haben," sagt« die harte Stimme der Frau, die ihr Lebtag sich und ihre Klndeü nicht geschont hatte. „Und weil ich mt kann, mußt du hinüber.. -
„Ich kann nit, Mutterle!" widersprach die Tochter leise.
,So — kannst nit?" stieß die Kranke hastig hervor, die ast Widerspruch von ihren Kindern nicht gewöhnt war.
„Nein, Mutter, 's ist Unrecht, und roemt einen der Grenzetz Crto^Mu6't dich eben nit erwischen lassen," sagte die Mutter hart, „Kennst ja Weg und Steg hier herum und hast wieviel hundertmal! Milch und Butter auf die Hollerbauden 'nüber getragen,
„Dort ist's?" fragte die Rosel beklommen.
„Ja, dort. Brauchst bloß den Packen abzuholen, 's 18 feine schwere Hocke nit, ertragen wirst du sie schon. Und hort, gehst über die Heidsteine, 's is der sicherste Weg!"
„Aber ich fiircht' mich, Mutter!"
Zornig fuhr die Hüblern empor. „So — furchtst dich! Dst kriech' in die Kammer und steck' dein Gesicht unter die Bettdecken, ' Mädel! — Dann muß ich halt selber gehn!" In heftiger^Erregung wollte sie ans dem Bett springen. Mit Gewalt hielt Rosrt sie fest
„Ich geh' ja schon, Mutterle!" stammelte sie erschrocken mch drückte die am ganzen Leibe Zitternde in die Kiffen zurück. „Sst seid doch nur ruhig, Mutterle, ich tu ja alles, was Ihr habest tot’U$ie Kranke lag ein Paar Minuten ganz still und rang nach Atem, während ihre Blicke unverwandt aus der Tochter ruhten/ die sich schweigend zum Fortgehen rüstete. Endlich streckte sie di« Hatid aus und zog das Mädchen dicht zu sich heran. „Es solo 's letzte Mal sein, ich versprech' dir's," murmelte sie „Bloß fünf Taler, die müssen wir noch haben, Rosel! — Und fürcht dM Nft. Madl! Der Grenzjäger hat Mich neulich hinter dest Heitz-


