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Friedel halb-süß.
Nonian von Fedor von Zobeltitz.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Neber den Brief Margots mußte er zunächst mit dem Vater Rücksprache nehmen, der sein fröhliches Junggesellenleben unbekümmert weiterführte und sich oft tagelang nicht im Geschäft sehen ließ. Die beiden fanden sich gewöhnlich nur bei der Mittagsmahlzeit zusammen; sonst ging ein jeder seine eigenen Wege. Daß die des Alten keine kerzengraden waren, wußte Fritz. Ganz Wiesbaden erzählte sich, daß der Kommerzienrat die rothaarige Polin im Nassauer Hof protegierte. Aber kleine Seitensprünge! vom Pfade der Tugend hatte er immer geliebt, ohne dadurch sein Budget sonderlich zu belasten. Und das war für Fritz gegenwärtig die Hauptsache. Ein Manko in der moralischen Solidität des Vaters konnte das Geschäft allenfalls noch vertragen; aber keine Verschwendung.
Er traf den Kommerzienrat bei der Toilette. Karl August ließ sich gerade rasieren. Fritz wartete, bis die Prozedur beendet war und der Barbier das Zimmer verlassen hatte. „Nachher, Papa," sagte er, „laß dich nicht stören." Er trat in die Fensternische; sein Blick schweifte über die unförmlich werdende Gestalt des Vaters. In diesem plötzlichen und auffallenden Dickwerden lag entschieden etwas Krankhaftes. Dabei waren die Beine verhältnismäßig dünn; über ihnen wölbte sich eilt riesenhafter Bauch. Die Fettpolster der Wangen rückten so toett hinauf, daß sie die Augen verkleinerten. Und die Augen zwinkerten beständig.
Der Kommerzienrat jvar ehemals ein stattlicher Mann gewesen. „Seine <Lordfchaft" hatten ihn die guten Freunde scherzend genannt, weil er den englischen Typ liebte und wie ein normannischer Eroberer uns sah. Aber heute wirkte er beinahe grotesk.
Er stand in Hemdsärmeln vor dem Spiegel und tupfte sich das .Gesicht mit einem kleinen, in parfümiertes Wasser getauchten Schwamm ab. „Na also, was gibts, Fritz?" fragte er. -
„Einen Brief pon der Mama."
„Ach herrjeh!" rief der Kommerzienrat und ließ den Schwamm in das Wasser fallen, daß es spritzte. „Gut, daß du mir das nicht beim Rasieren gesagt hast; der Schreck hätte mir unfehlbar einen Schnitt beigebracht. Was will die Mama? Erhöhung der Rente? Oder denkt sie etwa gar an die Rückkehr?"
„Keins von beiden, Papa. Sie möchte geschieden werden."
Der Kommerzienrat steckte schon in seiner weißen Weste. Er knöpfte sie nicht zu. Er sperrte den Mund auf und schaute Fritz mit blöden Augen an. „Wa—as?" stieß er hervor. „Ge—schieden werden?"
„Ja. Sie bittet darum, du möchtest den Scheidungsprozeß einleiten und ist bereit, sich allen Vorschlägen zu fügen."
Da geschah etwas, was Fritz mit heftigem Widerwillen erfüllte. Der Kommerzienrat begann plötzlich wie ein Narr im Zimmer umher zu Hüpfen. Sein dicker Bauch schwankte, er hatte die Arme erhoben und fuhr mit ihnen durch die Luft; dabei stieß er papageienhafte Laute aus. Endlich ließ er sich keuchend in einen Sessel fallen.
„Donnerwetter," rief er, nach Luft ringend, „ist das — ist das eilte Freude! Na Gott sei Dank, endlich mal ein verständiges Wort von der guten Mutter! Bloß hätte es zehn Jahre früher gesprochen werden sollen. Gib mir den Brief!"
Fritz war eisig kühl geworden. „Hier ist er. Wende dich an Rechtsanwalt Rittland und besprich mit ihm alles Nähere. Aber bitte, Vater: mich verschone mit der Angelegenheit. Ich möchte nichts davon hören."
Er ging nach dem Bureau. Es war das Gefühl in ihm, als sei er plötzlich elternlos geworden. Sein Herz wurde hart. Es war ein freudloses Leben. —
Die Miquelons führten den Kampf weiter. Sie beantworteten die Friedelsche Erklärung dadurch, daß sie abermals Rieseninserate erließen, die inmitten eines großen freien Raumes nur die Worte enthielten: „Der Eham- pagner, mit dem der Herzog von Äbeeleu sein Luftschiff Excelsior getauft hat, war die Marke Excelsior superior Dry des Hauses Miquelon et sils in Epernay."
Tief unglücklich, wenn auch sehr komisch in seinem Unglück, war Erich von Feßler. Er verfluchte sich selbst, daß er in Uttenhooven sich nicht um den Taufsekt gekümmert hatte, ließ sich aber willig von seiner Dora trösten. Doch auch die kleine Dora wurde unglücklich, als eines Tages der Befehl eintraf, Feßler habe sich am fünften August in Ehrenbreitstein zu stellen, um dort seine kürze Festungshaft abzusitzen.
Fritz hatte um Aufschub seiner Strafverbüßung gebeten. Er konnte jetzt Schrattstein in der Tat nicht verlassen. Die Klage der Miquelons gegen die Firma Friedel war beim Landgericht in Wiesbaden eingetroffen. Es wurde in ihr beantragt: Der Firma K. A. Friedel unter Androhung einer Strafe von zwanzigtausend Mark für jeden Fall der Uebertretung die Behauptung zu untersagen, Schaumwein aus ihrer Fabrik sei zur Taufe des Luftschiffes Excelsior und als Ehrentrunc bei dem darauffolgenden Bankett verwendet worden — die Firma K. A.


