Ausgabe 
19.10.1910
 
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3m bunten Nock.

Erinnerungen eines früheren Einjährig-Freiwilligen.-

Schier dreißig Jahre sind es' her, daß ich ein Jahr lang w® Kaisers Rock mit den rot-weißen Schnüren an den Achsel­klappen getragen habe. Ein Menschenalter ist es, aber wenn ich manchmal zurückdenke an jene Zeit, dann erstehen vor meinem geistigen Auge wieder in lebensvollem Bilde die Persönlichkeiten, Mit denen ich damals in Berührung gekommen bin, und die trüben pder heiteren Ereignisse, die ich während meiner Militärzeit erlebt habe. O, glückliche Jugendzeit, wie leicht und froh er­trägt man in dir die Mühseligkeiten dieses Lebens, wenn man gleichgesinnte Altersgenossen um sich hat.

Ich war 19 Jahre alt, als ich am 1. Oktober 187 . in das Großherzoglich hessische Artilleriekorps in Bessungen *) eintrat. Mit Lust und Liebe war ich Soldat geworden und war stolz darauf, dem deutschen Heere anzugehören. 'Die idealen Vor­stellungen, die ich von dem deutschen Kriegerleben hatte, schwanden allerdings schon in den ersten Tagen. Der rauhe und anstrengende! Dienst mit seiner Gewissenhaftigkeit, Pünktlichkeit in allen Dingen Und Gehorsam war so ganz anders, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Jeden Morgen um 3Vz Uhr erscholl der barsche Ruf:Fahrer in' Stall!" Tagsüber wechselten Fußexerzieren mit Geschütz- exerzieren und Turnen ab. Die Offiziere in meiner Batterie waren durchweg tüchtige, pflichteifrige, junge Leute, die es mit der Ausübung ihres Berufes sehr ernst nahmen, besonders der Leutnant von Zedlitz, der die Einjährigen auszubilden hatte. Er war nicht nur ein kenntnisreicher, erfahrener Offizier, son­dern auch ein edler Charakter. Durch seine meisterhaften und klaren Vorträge verstand er es vorzüglich, uns die zum Teil «echt schwierigen artilleristischen Kenntnisse beizubringen. Vor allem aber suchte er unsere Herzen zu entflammen in heiliger Begeisterung für unser Vaterland. Noch sehe ich ihn vor mir stehen, seine schlanke, elegante Gestalt in kerzengerader Haltung hoch ausgerichtet, das bleiche, tiefernste Gesicht, in dem ein Paar dunkle Augen glühten, uns immerfort Angewandt. Es mochte ihn wohl ein stiller Kummer drücken, denn manchmal in un­bewachten Augenblicken zog es wie ein Schatten verhaltener Weh- MAt über sein Gesicht. Niemals haben wir ihn lächeln sehen oder einen Scherz von ihm' gehört. Dennoch war er der Lieb?« ling aller Soldaten. 1

Von den fünf Einjährigen, die noch mit mir in der X. Batterie dienten, waren zwei von Darmstadt, Roller und Gradiz, zwei Kaufleute. Die drei anderen waren Söhne von Rittergutsbesitzern Und hießen Pelwe, Kuno v. M. und Amsis. Es waren prächtige Burschen und treue Kameraden.

Das Pferd, das mir zugewiesen worden war, entstammte! Ungarischer Rasse. Der Fahrer, der mich im Putzen und Füttern Unterrichten mußte, erzählte mir, daß es der beste Renner int! Regiment sei, und der Herr Hauptmann hätte bei Pferdewettrennen, schon dreimal den ersten Preis mit ihm gewonnen. Ach, wie bald sollte ich, ohne es zu wollen, die Schnelligkeit des Lysander, so hieß mein Pferd, erproben.

Eines Tages wurden wir, wie schon mehrmals, im' Satteln Unterrichtet. Wes geschah immer istr Stall. Mein Pferd stand nicht weit vom Ausgang. Bald hatte ich mein Roß gesattelt/ auf meinen Ruf drehte es sich gehorsam in seinem' Stande herum, mit dem Kopfe nach dem Stallpfad, worauf ich ihm Zaum und Kandare anlegte. Nachdem ick noch einmal denungarischen Knoten" geprüft und ihn tadellos gesunden hatte, erwartete ich den Unteroffizier, der sein Urteil über meine Arbeit abzugeben fiatte. Aber der stand noch weit hink en im' Gange, mit der Be- ichtigung der Pferdesattelung meiner Kameraden beschäftigt.

Die Geschichte wurde Mir zu langweilig, und ich schwang mich zür Ilbwechselung einmal in den Sattel. Aber während ich nrich zurechtrückte und, nichts Böses ahnend, die Zügel fallen lasse, schien, o Graus, ein dämonischer Geist in mein sonst so frommes Roß gefahren zu fein. In wilden Sätzen jagte es plötzlich dem Ausgange des Stalles zu. Im Kasernenhofe stand eine Anzahl Offiziere in eifriger Beratung, aber wie Spreu vor dem heran- hrausenden Sturm stoben die Herren nach rechts und links aus­einander vor dem wilden Reiter, der mit unwiderstehlicher Macht daherbrauste. Dieses Karree war von mir mit Leichtigkeit ge­sprengt worden. Wie aus weiter Ferne hörte ich noch die zornigen Ruse:Ist der Kerl verrückt?",Der Teufel soll ihn holen."

Geradeaus über den weiten Hof stürmte mein Roß, dann/ an der entgegengesetzten Seite angelangt, beschrieb es in rasender' Karriere die äußerste Peripherie des in dem großen Kasernenhode denkbaren größten Kreises. Krampfhaft hielt ich mich am Vorder- zwiesel des Sattels fest, die Bügel hatte ich verloren, sie schlugen, meinem Renner gegen die Weichen und machten ihn noch wilder. Niemals hätte ich geglaubt, daß ein Pferd eine solche Schnelligkeit entwickeln könnte, ich glaube, daß sein Bauch fast den Boden! berührte. Vor meinen Augen erschien alles grau, die hohe graue Kaserne schien ganz schief zu stehen und jeden Augenblick bereit, mich unglückseligen Reiter samt meinem Höllenvieh unter ihren Trümmern zn begraben.

Wie ich später erfahren, hatten die Wachmannschaften die

*) Bessungen war damals noch nicht mit Darutstadt ein-

Lemeintzet,

Ausgänge besetzt, damit ich nicht durchbreche And eine Panik Unter den harmlosen Bewohnern von Bessungen verursache. Wist lange ich in dem Kasernenhof wie ein rasender Kreisel herum- gesaust, kann ich nicht sagen, mir schien es eine Ewigkeit zu fein.. Endlich ein gewaltiger Ruck, zwei Kanoniere hatten den Durch­gänger erfaßt. Blitzschnell flog ich über den Vorderzwiesel und umarmte wider Willen meinen Renner auf das zärtlichste, worauf ich schnell zur Erde glitt. Eine Flut von unguten Worten plät­scherte auf mich nieder, aber kühl bis ans Herz hinan zog ich mit meinem Roß wieder nach dem Stalle. Wie froh war ich, daß ich mit meinen Beinen wieder auf Gottes Erdboden stand, anstatt wie ein Schemen auf Meinem Höllenvieh die Luft zu durchrasen.! Vor der Stalltüre standen meine Kameraden, eine lachende Gesell­schaft, sie gratulierten mir ironisch zu dem kühnen und verwegenen, Ritt, den ich wider meinen Willen gemacht hatte. Die Schelme hatten schon Wetten eingegangen, wie viel Touren ich im Kasernen- hofe machen werde und wann wohl das Pferd unter miralles" werden würde.

Kurz nach meinem Eintritt hatte das Regiment einen neuen! Abteilungskommandeur bekommen, den Major v. S., dem ein schlimmer Ruf vorausging. Es zeigte sich bald, daß er iwch viel schlimmer war, als Man ihn sich vorgestellt hatte, und ich gehörte unglücklicherweise zu seiner Abteilung. Schon fein Aenßeres machte auf den Beschauer einen unheimlichen Eindruck. Von sehr kräftigen Gestalt, hatte er schneeweißes, kurz geschnittenes Haar, obgleich er kaum anfangs der ,50 er Jahre stehen mochte, dagegen war ders Schnurrbart in seinem herzlosen, grausamen Gesichte, der wagrecht zu scharfen Spitzen ausgedreht war, kohlschwarz. Das unheimlichste an dem Manne aber waren seine Augen, sie waren schwarz wie die Nacht und funkelten wie ein Paar Degenklingen. Gleich am ersten Tage seines Eintritts in das Regiment besichtigte er dies Einjährigen, die in Batteriefront, in zwei Gliedern, zum Fuß- exerzieren angetreten waren. Langsam ritt er die Front entlang und faßte jeden mit seinem' Tigerblicke scharf ins Auge. Das Ergebnis seiner Besichtigung kleidete er in die in näselndem Tone gesprochenen Worte: Das ist ja eine janz miserable Jesellschäft/ Herr Leutnant, nehmen Sie die Leute man ordentlich ran.

Das erste Opfer seiner Grausamkeit war mein Feldwebel.-, Reis, so hieß er, hatte 17 Jahre lang gedient, sich tadellos geführt und war wegen hervorragender Tapferkeit mit dem eisernen Kreuz geschmückt worben. Wegen eines geringfügigen Vergehens wurde! er von dem Major mit 3 Tagen Mittelarrest bestraft. Kurz nach Verbüßung seiner Strafe foing ich eines Abends mit Reis durch die Straßen Darmstadts, wobei mir der alte verdienstvolle Soldat weinend vor Zorn erzählte, daß er seinen Abschied eingereicht habe und sich dem Telegraphenfache widmen wolle. Der Major! sei der Vernichter seiner Ehre, und er könne der Versuchung, wenn er länger im Dienste bleibe, nicht widerstehen, ihn bei der ersten besten Gelegenheit niederzustechen. Wenige Tage später wurde uns mitgeteilt, Feldwebel Reis fei auf 6 Monate be­urlaubt, um sich auf einen Zivildienst vorbereiten zu können. Mit Reis' Nachfolger, dem Feldwebel Zäuner, kamen wir Einjährigen­ganz gut ans, dagegen machte uns der Feldwebel einer anderen! Batterie unserer Abteilung viel zu schaffen. Dieser Mann, ich will ihn Spieß nennen, konnte die Einjährigen gar nicht leiden, weil sie ihm, wie er sagte, viel zu frech und zu naseweis seiend Er suchte sie zu belästigen, wo er nur konnte. Schon länger als' 30 Jahre war er Soldat und hatte für bürgerliche Angelegenheiten! und höhere geistige Interessen durchaus kein Verständnis. Seine ganze Äusdrucksweise war militärisch und das Soldatenwesen bei ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Es war ein richtiger alter Gamaschenknopf. Weit und breit war er bekannt wegen seiner! Beschränktheit und seiner Grobheit.

Kuno v. M. wohnte mit mir in einem Hause, sein Simmer stieß an das meine und so kam es, daß wir nach dem Dienste! immer zusammen waren. An Zerstreuung fehlte es uns nicht. Wir wurden mit anderen Einjährigen oft zu Konzerten und Bällen der Bessunger Vereine eingeladen und besuchten häufig die Rsnnions, die jeden Donnerstag abend im Saalbau abge­halten wurden, wobei die Kapelle des 115. Jnf.-Regts. unten ihrem berühmten Kapellmeister Adam bis Mitternacht konzertierte! und von da ab bis 4 Uhr morgens zum Balle spielte.

Gegen Frühjahr, nachdem wir abexerziert und in die Batterien eingeteilt worden waren, wurden Vorkehrungen zur Feier des, Geburtstages des alten Kaisers Wilhelm I. getroffen. Es sollte Der Nachwächter" von Th. Körner gespielt werden. Die Rollen waren sämtlich an Einjährige verteilt worden, nur die des Nacht­wächters Schulze wurde dem Unteroffizier Schulz übertragen., Kuno v. M. spielte das Röschen und ich den Studenten Wachtel. Die Hebungen wurden in dem großen Zimmer des Pavillons **) abgehalten. Die Leitung der ganzen Festlichkeit hatw der Leut­nant Götz übernommen. Auch lebende Bilder, wie Szenen aus Wallensteins Lager" undPrinz Eugen" sollten zur Darstellung kommen.

, Pelwe, der in meiner Nähe wohnte, war ein sehr guter! Violinspieler. Sein größter Stolz war seine Geige, eine kostbare Amati, ein Erbstück, das schon über 150 Jahre alt war. Nach der Vortragsfolge sollte nach der Aufführung des Theaterstückes'

*) Dies war das Eckgebäude Um Seitenflügel der Kaserne, rechts, des Einganges.