Ausgabe 
19.10.1910
 
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Ich wiederhole Ihren Ausruf," entgegnete Fritz,,aber die meisten sehr billigen Schaumweine, rind inrmer die aus Obst- uud Beerenweinen bereiteten, werden so hergestellt. Es gibt eine ganze Anzahl von Apparaten zur Zuführung von flüssiger oder gasiger Kohlensäure in den Wem. Dann können Sie aber auch schon eine Flasche schön moussierenden Schaumweins für eine Mark zwanzig bekommen."

Merci, sagte der Herzog,ich- birr nicht für billig und schlecht."

Nurr zur Dosage!" ries der Kominerzienrat. Er zeigte auf ein sich durch besonders geschmackvolle Ausstattung aus- zeichnenoes Faß.Das ist mein Likör, Durchlaucht. Ich sage mein Likör, weil jede Fabrik ihre Mischung als Ge- hetmnis der Firma hütet. Doch- Ihnen will ich es Preis­geben. Mein Likör besteht aus den feinsten! und edelsten Weinbeeren."

Das ist mir außerordentlich angenehm," entgegnete der Herzog;nun bin ich ja vollkommen orientiert. Man nimmt also manchmal auch noch anderes dazu?"

Aber ja. Und nicht nur bei uns auch im Mütter­lande des Champagners. Wenn Sie beispielsweise Ihrem Schaumwein das Bukett des Cliquot geben möchten, so brauchen Sie dem Likör aus Zucker und Kognak oder ent- fuseltem Sprit nur ein bißchen Johannisbrotextrakt, Bai- nilleessenz und Aprikosenäther zuzusetzen. Und wenn Sie Duc de Montebello wünschen, panschen Sie Maraschino­schnaps mit Essigäther zusammen, und um den Mumm­geschmack zu erzeugen, nehmen Sie Apfel- und Himbeer­äther mit Sellerieessenz, wogegen bei Roederer Bitter­mandelessenz wohltut."

Hören Sie auf!" rief Abeelen;mir wird schon -ganz anders! Und so etwas gibt es?"

Jawohl und sogar in größeren Häusern jenseits der Vogesen, wo man auf die sogenannte Blume hält. Und das ist eben der Vorzug unseres rheinischen Schaumweins, daß wir keines künstlichen Buketts bedürfen, weil die feine Blume unserer Traube sich ohnehin schon bemerkbar macht. Nach diesem schönen Selbstlob wollen wir uns aber wieder dem Dosierer zuwenden. Durchlaucht sehen, daß der Mann die Flaschen mit dem sogenannten Likör auffüllt. Der Wein hat nämlich während der Flaschengärung seinen ganzen oder doch fast ganzen Zuckergehalt verloren, probieren Sie bitte einmal einen Schluck undosierten Sekts."

Er füllte ein Was und reichte es Abeelen.

Erfrischend, aber höllisch sauer," erklärte dieser.

>,Seien wir ehrlich: für die deutsche Zunge kaum zu ge­nießen. Das würde ,brut nature* sein. Aber auch den so benannten Marken wird immer noch ein kleiner Likörzusatz beigegeben. Je nach der Quantität des Zusatzes haben, wir nun verschiedene Sorten: den Friedel herb, den Friedel halb-süß und so weiter. Der Excelsior ist unsre herbste Marke und zugleich die feinste, weil sie aus den besten Meinen her-gestellt ist. Denn natürlich unterscheidet auch die Güte des Weines die einzelnen Marken, die wir darnach- mit Extra", mitReservierte Füllung",Extra-Cuvöe" oder so ähnlich bezeichnen. Auf das Etikett läßt sich bekanntlich alles schreiben, aber die Abnehmer wollen doch einiger­maßen Bescheid wissen. Dann haben wir noch die Farben- bezeichuungen: grün, weih, orange, gewissermaßen die Ueber- tragung der Geschmacksrichtungen der einzelnen Länder in bunte Töne. Rußland und Skandinavien sind für das Bolle und Schwere, Deutschland ist mehr für das Flüchtige, Ele­gante, Bukettreiche, England für das Reife und Herbe. Durchlaucht sehen also, daß man bei der Champagnerfabri­kation auch ethnographisch geschult sein muß."

Ich sehe und staune," entgegnete Abeelen,Und schüttle den Kopf vor Verwunderung und neige das Haupt in er­sterbender Hochachtung. Die Dosage hätten wir nun hinter uns jetzt ist der Schaumwein fertig."

Fertig bis auf die Verkorkung. Das Schlußstadium, und wiederum von großer Wichtigkeit. Darf ich Sie bitten."

Er führte den Herzog in eine Ecke der Halle, wo zwei -Pfropfenprüfer ihres Amtes walteten. Es waren Spanier von Geburt, und auch die Korken kamen aus ihrer Heimat: aus einer großen Fabrik in Barcelona. Die beiden Arbeiter untersuchten jeden einzelnen Korken genau, indem sie ihn Von allen Sellen betrachteten und daran rochen. Die Nase zeigte ihnen am besten, ob! das Material gesund und fehler- ftet war, und die .Leute waren so, in der Uebung, Hatz sie

sich selten täuschten. Die unbrauchbaren Korke kamen in einen Korb, die brauchbaren in einen anderen, wurden dann mit dem Brand der Firma und der Marke versehen Und schließlich mit siedendem Wasser überbrüht, um sie elastisch zu machen und zugleich vom Staub und von Fermentkeimen sowie von löslichen organischen Stoffen zu befreien.

Und nun gelangte der so fertige Stopfen in die Hände des Verkorkers. Eine Maschine nahm ihn noch einmal! unter zwei Walzen, deren Druck ihn erweichte, eine zweite Maschine preßte ihn in eine zylindrische Röhre und dann drückte ihn ein Hebel eisernfest in den Flaschenhals, so daß nur noch der dicke runde Kopf hervorschaute.

DieVerbinder" beschlossen den Reigen der Mrbeits- kräfte. Sie legten den in Form des sogenannten Cham- pagnerknotens gekreuzten Bindfaden um Flaschenhals und Korken und ließen sodann.den Drahtverband folgen. Auch ihnen halfen praktische Maschinen bei der Arbeit, die sie blitzschnell erledigten. Für das Ausland und besonders Marken fanden anstelle der Verdrahtung fertige Draht- agraffen und Stahlhauben Verwendung. Nun blieb nur noch die äußere Toilette der Flaschen übrig; Wieder stand! der Herzog beobachtend vor einer kleinen Maschine: ein hydraulischer Druck setzte eine schmucke Staniolkapsel fest auf das Haupt der Flasche. Bei der MarkeOrange-Etikett" wurde der Flaschenkopf in orangefarbenen geschmolzenen Lack -getaucht. Man hatte dies seinerzeit desAparten" wegen eingeführt und beibehalten.

Aber noch war der fürstliche Gast nicht am Ende seiner Rundtour. Der Kommerzienrat mit feiner Suite führte ihn zu einem Schwarm junger Mädchen (wieder in den be­rühmten roten Miedern), die das Etikettieren und das Ein­schlagen der Flaschen in Seidenpapier besorgten. Hier hatte Fritz'sich eine scherzhafte kleine Ueberraschung Vorbehalten, die ein Zufall ihm nahegelegt hatte. Als letzte in der Reihe der Mädchen saß ein draller Rotkopf und schaute keck den Herzog an. Natürlich wurde er sofort auf die Kleine aufmerksam.

Netter Käber," flüsterte er Fritz zu.

Nicht wahr? Fragen Durchlaucht mal, wo er her ist!" Abeelen näherte sich dem Mädchen, klopfte ihr gut­mütig auf die Wange und faßte an ihren Zopf.

Alles echt?" fragte er.

Die Kleine schnellte in die Höhe, wurde purpurrot, ant­wortete aber flink:

Alles echt, Euer Durchlaucht."

I sieh," sagte Abeelen verwundert,Sie wisseU, wer ich bin?"

Da zeigte das niedliche Dirnchen alle Zähne und er­widerte:Jawohl, Euer Durchlaucht, ich bin nämlich auch aus Berheyden."

Es war wirklich eine Holländerin, und bet Durchsicht der Arbeiterlisten hatte Fritz zufällig entdeckt, daß sie aus dem Geburtsort des Herzogs stammte.

Abeelen befragte die Kleine noch nach diesem und jenenk und schenkte ihr dann ein Goldstück. Das Mädchen dankts mit zierlichem Knix und reichte dem Herzog die Flasche, die sie soeben etikettiert hatte.

Als Probe, Durchlaucht," rief Fritz.Die erste Flasche, die aus dem Hause gehen soll!"

Abeelen las das einfach -gedruckte Etikett:Excel­sior. K. A. Friedel. Schrattstein."

Er drückte Fritz und dem Kommerzienrat die Hand. Tausend Dank. Excelsior! das ist Ihre und meine Hoffnung. . . ." Er schaute mit etwas unsicherem Mick aus die Flasche und klemmte sie dann unter den Arm.

Der Kommerzienrat nahm sie ihm ab.Wir lassen sie Ihnen gratis und franko zuschicken," scherzte er.Nun könnten Durchlaucht noch einen Einblick in die Bureaus nehmen, wo Kesselholz der Allgewaltige ist. Aber das Bild bietet nichts Neues. Ich schlage Ihnen deshalb! vor, datz wir uns von den Anstrengungen der Tournee jii erholen suchen und einen kleinen Imbiß zir uns nehmen."

Habe nichts dawider, lieber Herr Kommerzienrat. Be­kenne im Gegenteil, daß sich auch bei mir der Appetit ge­regt hati vor allem aber angesichts der großen Fülle an trinkbaren Stoffen ein lebhaftes DUrstgefühl."

(Fortsetzung folgt.)