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fceiit Kopse stankt. Da? war denn für die Kinder von Lernen leine Rede. Der Hauslehrer machte Ferien und benutzte die Gelegenheit, den Jungen die Museen zu zeigen.
Ludwig hatte das Gefühl, als solle gewissermaßen ein entscheidender Schlag geführt werden, so befand er sich in einiger Aufregung, um so mehr, als ihm die Einrich- $iing noch nicht ganz gesiel. Bei der, Höhe der herrlichen Decke schien ihm! der große Saal ein wenig kahl.
Immer näher rückte das Fest. Drei Tage noch, zwei, endlich — morgen sollte es fein._ Als Ludwig ausging, traf er am Tor einen Herrn mit schwarzem Spitzbart, der das Palais Mchnerksam betrachtete. In dem Barte zogen von den Mundwinkeln zwei schneeweiße Striche herab, die dem Gesicht etwas Ausfallendes gaben. Ludwig kannte ihn: Hosrat Ritter von Besserer, Dezernent für Kunstangelegenheiten aus Wien, der das schwerste, wissenschaftliche Gepäck mit der Leichtigkeit des Oesterreichers trug. Der Mann der Wiener Redouten und Festzüge, ohne den die Natronessen nicht auskommen konnten.
Der Hofrat drückte Ludwig die Hand:
i— Ah, Sie haben ja neulich vom Sedlmayr den Tiepolo gekauft!
Ludwig sagte bescheiden etwas, als sei nicht viel daran, Und der Gelehrte, immer nur mit den allerersten Kunstwerken zu rechnen gewohnt, stimmte ihm eigentlich bei, so dah Ludwig sich nun ein wenig ärgerte:
— Wo soll man heute noch etwas herbekomnien. Es geht ja doch alles nach Amerika.
Der Hosrat schnalzte mit der Zunge, als wollte er eben beginnen. Doch er fragte, mehr eine höfliche Redensart, die Straße nach den Linden zu hinabdeutend:
— Gehen & nach Haus?
Ludwig erklärte, hier wohne er. Merkwürdig, gerade Käs Palais sah sich der Wiener schon eine Weile an.
— Gefällt es Ihnen ?
Der Hofrat sagte ein paar Artigkeiten, verbarg aber Licht, wie das Gitter mit den Lanzen aus der Zeit Ludwigs XIV. mit dem italienischen Renaissance-Portal nicht »bereinstimmte. Ein Wort gab das andere, und Ludwig »orderte ihn auf, sich seinen Besitz einmal anzusehen. Der tzofrat zog die Uhr, dann erklärte er sich bereit.
Mit Agathe gingen sie von Saal zu Saal. Sie blickte Ken berühmten Kunstgelehrten ängstlich von der Seite an, tvas er wohl sagen würde.
Er betrachtete, etwas zurückhaltend, die Bilder, Skulp- strren, Möbel, die alten Plafonds, Tapisserien, Büsten und pronzesachen. Im großen Saal sand er zum erstenmal ein Wort, das übep die übliche Anerkennung hinaus ging. ^Fein, fein!" sagte er einmal über das andere. Da er hörte, daß das Palais nicht alt sei, ivollte er wissen, wer ps gebaut hätte, denn die Verhältnisse gefielen ihm ausnehmend. Er holte ein Opernglas hervor, legte sich beinahe auff den Rücken in einen Stuhl und blickte zur Decke Sipor, deren Ursprung er bestimmte. Dann ging er zur and, klopfte, tastete, pochte und fragte plötzlich:
— Was hat denn hier gehangen? Schauen S', jetzt weiß ich, was mich stört. Die alte Ledertapete ist zwar sehr schön, aber berechnet ist es gewesen mif ein paar «roße Gemälde. Eins, zwei, drei, vier, das ist es, was Mr hier fehlt. Hier gehört schon etwas hin.
Ludwig hatte es dunkel geahnt: unten im Saal, !oo herrliche Möbel, wunderbare Bronzen und Marmorsachen, holz- und Elfenbeinschnitzereien, Majoliken, Gold- und Lilberarbeiten vergangener Jahrhunderte standen, war zu Piel, an den Wänden zu wenig. Er sagte wie cntschul- fngend: Es sollte ruhig wirken.
Der Hofrat trat noch einmal zurück und musterte den Saal:
— Deswegen wird's net unruhig. Im Gegenteil! Es zeht dann besser z-'samm. Jetzt ist oben Ruhe und unten änruhe. Wahrscheinlich haben hier einmal Familienbilder gehangen.
Einen Augenblick schoß Ludwig der Gedanke durch den Kops, schnell noch ein paar der großen Oelbilder der alten Kölln kommen zu lassen. - Doch er fühlte, daß das unmöglich sei, und sagte:
- - Es ist nicht so leicht, etwas Passendes zu finden.
Hofrat von Besserer blickte ihn an:
* r— Sie, Herr von Droesigl, i müßt schon was.
Er strich sich den Spitzbart, daß die beiden weißen Streifen im Haar sich in seiner Hand vereinigten.-
- I— Wer billig wär's net!'
!— Nun, wenn es etwas Besonderes ist. . , Es ist schon was Besonderes!
Dann erzählte er die Veranlassung, die ihn nach Berlin gesührt. Für die Wiener Museen war er hier. Sechs riesige Gemälde von Rubens, einst wahrscheinlich sür Maria d'Medici gemalt, warteten beim Spediteur, um nach Paris abzugehen. Ein junger Pole, aus dessen väterlichem Schlosse bei Gnesen sie stammten, wollte sie und noch andere Kostbarkeiten zu Gelde machen, da er seit Jahren über seine Mittel lebte. In Paris lvar der beste Markt für solche Schätze; gelang es freilich, sie hier freihändig zu verkaufen, so wurden Reisekosten gespart. ■ Die Herren von den Bluseen in ^Berlin, Dresden, Frankfurt, München waren da gewesen — aber wieder gegangen.
— Den Preis könnt' man net herausbekommen. Endlich hat er ihn g'sagt. Da sind alle hinaus. Der muß a Göld brauchen oder er spinnt. So was können Museen net zahlen.
Und er schilderte die Bilder mit ihrem mythologischen Inhalt in glühenden Farben und mit zungenschnalzendem Bedauern. Er schloß:
— Gräfin gestatten, daß ich mich empfehle. Ich bin versprochen. Es war mir sehr interessant, so schöne Sachen zu sehen. Ah, der Saal ist schon schön, aber glauben S' mir, Bilder gehören hinein oder eine Tapisserie, aber Bilder wären schon besser.
Er wollte nach der Uhr sehen, behielt sie aber in der Hand, ohne einen Blick darauf zu werfen, so eifrig lvar er bei der Sache:
— Gnädigste Gräfin, der Pole'hat Tapisserien! Sie, so was sieht man net oft! - Die wären was für unser Kunstgewerbemuseum !
Agathe sagte:
— Nehmen Sie sie doch mit, Herr Hosrat!
Er rieb den Daumen auf dem ausgestreckten Zeige- und dritten Finger der rechten Hand:
— Der Etat! Wir haben eh schon z'viel gekauft! Empfehl mich, Herr von Droesigl! Wanns nach Men konimen, soll's mich sehr freuen.
Der Hofrat küßte der Hausfrau die Hand und ging.
Das Ehepaar blickte sich an, einen Gedanken in den Augen. Er sagte schnell:
— Vielleicht könnte...
Sie flüsterte:
— Frage doch- wo es ist.
Dann blieb sie zurück und lauschte auf die Stimmen draußen. Einen Augenblick daraus kam Ludwig:
— Er hat mir die Summe angedeutet! Donüerwetter! Aber es wäre doch schön, etwas zu haben, wovor alle Sammlungen zurückschrecken. Er sagt, er glaube, es paßt. Gib mal das Matz. Ich fahre gleich hin!
Sie eilte in Ludwigs Zimmer, wo auf dem Schreibtisch immer eine Schmiege lag. Dann nahmen sie die Abmessmrgen, und Ludwig verschwand.
Agathe, der die Wand nun auch kahl erschien, sah schon die Bilder in Gedanken vor sich. Sie hatte beinahe Angst, daß die Fahrt vergeblich wäre. Doch die Gemälde kamen unter dem Druck verschiedener Trinkgelder schon nachmittags an. Sie paßten, wie für den Saal gemacht; nur zwei kleinere waren nicht unterzubringen. Freilich war der Preis so riesig, daß Ludwig ihn Agathe ins Ohr flüsterte, als ober Angst hätte, ein Fremder könne es vernehmen. Doch angesichts der übertriebenen Summe hatte Herr Droesigl den glücklichen Einfall gehabt, zu erklären, er nähme die Bilder nur, falls die Tapisserien dazu gegeben würden. Dafür Barzahlung binnen einer Stunde — oder er führe augenblicklich davon.
Der Verkäufer, der angesichts des kopsschüttelnden Ab- zuges sämtlicher Museumsbevollmächtigten, Liebhaber und Händler am Morgen die Nerven verloren, schlug ein.
.Agathe klatschte in die Hände:
> — Und wo sind die Tapisserien?
— Die habe ich dem Hofrat für sein Museum geschenkt. Ich war schon bei ihm.
Agathe machte ein Gesicht, als fände sie es fast fchade> doch Ludwig beugte sich zu ihr:
— Man kann nicht wissen. . . eine Hand wäscht die andere,
-(Fortsetzung folgt.)


