Ausgabe 
19.3.1910
 
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einem

wallenden Locken herunterhingen, herumzütanzen. Es ging nun lustig zu und die Stunden flogen dahin. Als aber bereits' deck Nachtwächter ans seinem großen, mächtigen Horn dieElfe" geschmettert hatte, mußte man an den Rückweg denken. Nach- dem man die Zeche bezahlt und dem Kapellmeister noch ein Trinkgeld in die Hand gedrückt hatte, verabschiedete man sich. Im Mondenschein fuhr der Schlitten die Höhe hinaus nach dem Städtchen zu, und welch ein köstlicher Anblick war es, als man von der Höhe aus die Berge und Täler des Vogelsberges in ihrem Wintergewande in nächtlicher Stille überschaute.

*

um dort Ferkel zu holen. Ta kein geelgnter Zug gmg, rnactM ich den Weg von H. aus, der durch einen großen Wald fuhrt, zu Fuß. Dieser Waldweg wird wenig begangen, beim es be­gegnete mir fast niemand. Plötzlich vernahm ich einen eigen­tümlichen Gesang und Musik. Als ich einige Schritte weiter-, gegangen war, kamen mir auch schon eme Anzahl Zigeuner--. kiuder entgegen und umringten mich mit den Worten,, ,Vatterche Zigarren". Ich gab ihnen alle meine Zigarren, die ich bei nur hatte, um sie von mir abzubringen. Bald danach traten aus dem Waldesdickicht fünf schwarzbärtige, robust aussehende, aber doch gutgekleidete Zigeuner auf die Straße und schritten auf mich zu Nun war es mir in dem einsamen Walde, nicht einerlei, mein erster Gedanke war meine Brieftasche, in der ich etntge tausend Mark zum Ankauf der Ferkeln bei mir trug, die werden sie dir jetzt abnehmen, dich ums Leben bringen und hier ittt Wald verscharren. Mit diesen Gedanken schritt ich, scheinbar ohne Furcht, meines Weges weiter! zurück konnte ich nicht mehr, da ich schon zu nahe an die Gesellschaft herangekommen war .

Geben's mir erst maln Krug Bier, dann erzählen's Ihre Geschicht'n weiter", unterbrach der Doktor, dem die Erzählung osfenbar zu lange dauerte, denn so lange ruhig zu. fein, war er gar nicht gewöhnt.

Nachdem Fritz Frau dem Doktor seinen Krug gefüllt, fahrt er fort:Als ich gegrüßt und schon beinahe an den fünf Mannern, vorüber war, sprang einer derselben aut mich zu, ich glaubte mich schon an der Kehle erfaßt, ergriff meine Hand und stam­melte die Worte herausei guten Tag Vatterche aus dem Vogelsberg; Vatterche, wie kommst du hierher.

Ja, woher kennst du mich denn", fragte ich; mir war es jetzt schon leichter geworden.

Ei Vatterche, weißt du nicht mehr, wie du Uns in HelpcrK^ Hain mal ein Faß Bier gekauft hast, es ist schon lang W. O ja, ich erinnere mich dessen noch ganz gut, es sind schon acht Jahre her," erwiderte ich.

Es vergingen Jahre. Fritz Kran kam infolge seines Handels viel in der Welt herum und erlebte auch viel, sogar kam er bis in die Gegend von Hannover, um dort Ferkeln einzukaufeu, die er dann wieder im Vogelsberg absetzte. Er war deshalb nur selten zu Hause. Seine gutgehende Wirtschaft mußte seine Frau, die sehr tüchtig war, meistens allein versehen. War er aber zu Hanse, so konnte ihn seine Frau ganz feiten dazu bewegen, feine Gäste zu bedienen und zu unterhalten, höchstensschnarchte er ihnen was vor. Nur wenn er etwas Besonderes erlebt hatte/ wurde er gesprächig und gab es zum Besten und man hörte ihm! gern zu, weil man wußte, daß es kein Geflunker war, was eck

Eines Abends es war im Oktober war der Stamuw lisch im sog.Fettstübchen" der Krau'schen Wirtschaft wieder ein­mal gut besetzt, der dicke Otto und ein Tr. Schmidtel, ein echter! Bayer, hatten ihre Stammplätze auf dem schwarzen ledernen Sopha inne und um den runden Tisch herum saßen die übrigem Gäste, meistens Beamte des Städtchens, und Fritz Krau hatte! seinen Platz auf dem hinter dem Ofen stehenden Holzkasten ein- genommen, wo er so ungestört fein Nickerchen uiachen konnte. Nachdem zunächst der Gerichtsschreiber, ein, eifriger Weidmann, von seinen Jagderlebnissen am Tage erzählt hatte, sing oeck Doktor, der wohl ein Verwandter von Münchhaufen gewesen! sein muß, an, die unglaublichsten Geschichten aus seiner Stu­dentenzeit zu erzählen; man sah sich in der Gesellschast gegen­seitig mit verständnisvollem Lächeln an, em jeder hatte wohl den Gedanken:Jetzt will uns der Doktor wieder einen aus- binden" Ter Rendant Schorfchius, der sich an feiner langen Pfeife zu schaffen machte, die nicht recht ziehen wollte, unter!- brach beit Doktor, ein anbereS Thema anzuschneiden, indem er den schon wieder im Eindufeln begriffenen Fritz Krau anstieß und zu ihm sagte:Fritz, wo warst du denn heut?3n Hannover," erwiderte der Angesprochene, richtete sich auf und fuhr fort:Aber da fällt mir eben ein, ich hab gestern etwas! Schönes erlebt, das muß ich den Herren einmal erzählen. Herr Doktor, vergessen Sie Ihre Rede nicht Weißt du noch Otto, wie wir damals in Helpershain den Zigeunern em Fatz Bier gekauft haben?"Ei gewiß, noch recht gut, die armen Leute waren damals in Helpershain eingeschneit und da sie nichts zu essen hatten, kauften wir ihnen Wurst und em <yan Bieck, dann machten sie uns Musik, es ging recht lustig her, mit Freuden denke ich noch daran."

Gestern mußte ich", so fuhr Fritz K. fort,nach Hildesheim'/ Städtchen, das zwei Stunden von Hannover entfernt ist, rt Ferkel zu holen. Ta kein geeignter Zug ging, machte!

's vatterche ausm Vogelsberg.

Erzählung von A. Decher.

' Es wär km Februar des Jahres 1884. Bei fast meterhohem .Schnee war es im Vogelsberg eisig kalt und rauh, wie man es dort zu dieser Zeit nicht anders erwarten darf, sagt man sich doch von ihm, daß dort der Nordwind von allen Seiten komme. War aber das Wetter noch so schlecht', so konnte es doch benj Fritz Krau, einen Schweinehändler in einem Städtchen des oberen Vogelsbergs, nicht abhalteu, seine Geschäststouren in die um­liegenden Dörfer zu machen. Fritz Krau, ein kleiner untersetzter Manu in den 30 er Jahren, mit kleinem Schnurrbärtchen und etwas gebogener Nase, säst jüdischen Typus, war ein tüchtiger und unermüdlicher Äeschästsmann, der wohl auf Verdienst aus war, aber doch gutmütig, wohlwollend und mitunter sogar un­eigennützig war. Diesen seinen guten. Eigenschaften hatte er es zu verdanken, das; er im ganzen Vogelsberg angesehen und be­liebt war und einen ausgedehnten Schweinehaildel hatte. Tas sog.Junkernland" verehrte und verherrlichte ihn geradezu; ver­mochte ihm doch dort kein anderer Schweinehändler Konkurrenz zu machen. , , ...

An jenem Februartag, von dem ich hier erzählen will, mußte Fritz Krau nach dem 1 Stunde entfernten Helpershain, um dort Schweine anfzukaufen. Seine um ihn besorgte Frau, eine große stattliche Erscheinung, holte ihm die angesichts der kalten Wit­terung nötigen Kleider herbei, insbesondere den Schafpelz und den sog. Schornsteinfeger (eine im Vogelsberg gebräuchliche wollene Kops- und Ohrenbedeckung) und nach einigen Minuten saß er mit seinem Freund Otto, einem Beamten des Städtchens, der vergnügungshalber mitsuhr, im Schlitten. Trotzdem das ab und zn einsetzende Wnsterwetter die Schlittenbahn an einigen Stellen zugejagt hatte, ging die Fahrt gut von statten..

Als man die ersten Häuser des Dorfes erreicht hatte, vernahm man plötzlich einen eigentümlichen Sann; eine Bauersfrau kam auf das Gefährt zu und schrie wie verzweifelt:Ne, ne, doas is ganz abscheulich, do muß Polizei ebei, alleweil hun se mer zwa Hinkel gestohu." Dieser Entrüstungsschrei der Frau, in dem so recht der Helpershainer Dialekt zur Geltung kam, löste ein Lächeln der beiden Insassen des Schlittens aus. Aus die Frage derselben, wer beim die Hühner gestohlen habe, erwiderte das Frauchen in fast weinerlichem Tone:Ei die Haareleut.

Ehe man noch etwa 20 Meter weiter gefahren war, sah man auch schon zwei armselig aussehende Zigeunerwagen auf der Ortsstraße dastehe«, aus deren Schornstein Heine graue Rauch-- massen emporstiegen. Hinter den geschlossenen Fenstern der Wagen lugten Zigeuner-Weiber und-Kinder hervor. , Im Torf sah man Zigeunerweiber, die von Haus zu Haus gingen und bettelten! und zu diesem Ende ihre Wahrsagekünste, denen die Vogelsberger noch zugängig sind, losließen. Daß sie dabei stahlen wie die Atzeln", versteht sich von selbst. ,

Beim Wirt Hohmann war man abgestiegen, Fritz Krau be­gab sich ins Dors, um seine Geschäfte zu erledigen unb fein Freund Otto, der, obwohl erst 30 Jahre alt, behäbig und schon die zwei Zentner überschritten hatte,stärkte" sich einstweilen. Fritz K. war nun auch wieder gekommen und mit ihm Betraten einige schwarzbärtige Zigeuner das Wirtslokal. Letztere jam­merten, weil sie eingeschneit seien, sie könnten ihre Wagen bei dem hohen Schnee nicht fortbringen, sie hätten auch nichts zu essen und zu trinken. Ter Wirt war gar nicht erbaut von diesen schwarzen Gästen, er hätte sie lieber schon wieder draußen gesehen, denn er wußte, daß sie kein Geld hatten'. Fritz K., der Mitleid mit ihnen hatte, bestellte ihnen einen Schnaps, dem em zweiter! und dritter folgte. Inzwischen hatten sich auch Zigeunerweiber mit Kindern eingesunden, die sich, schlotternd vor Kalte, am Öfen wärmten. Diese Menschen sahen wirklich ganz arm und elend aus, hatten zerfetzte Kleider und Schuhe an und waren offenbar ohne Nahrung. Fritz Kran flüsterte fernem Freund Otto zu:Ich will dir was sagen, wir wollen den Leuten was Gutes tun, es sind doch auch Menschen, wir wollen ihnen ein Faß Bier und zu essen taufen."Ei natürlich, das machen wir, erwiderte Otto, der nicht nur sich, sondern auch andern etwas gönnte. Bald danach stand ein Faß Bier auf dem Tisch,. in das der Wirt, der mm schon ein freundlicheres Gesicht machte, den Kranen schlug, und die Wirtin, eine kleine Biuerssrau, trug zwei Teller mit Wurst auf. Und wie schmeckte es etzt dem hungrigen schwarzen Volke, das sich mittlerweile sämtlich em-- gefunben hatte, es schmeckte ihnen so, als ob sie fastet hätten. Aus Tankbarkeit holten sie bann lh" Musikinstru­mente, zwei Harfen und einige Violinen, herbei und machten Musik. Obwohl die Instrumente z. T. defekt aussahen die wo sie Sprünge hatten, zusammengenagelt entlockten ihnen die schwarzen Gesellen doch bezaubernd schone Tone, so daß Otto ganz entzückt, der schönen Musik lauschend, basaß.

Jetzt kam wieder Leben in das Volk, sie vergaßen ganz ihre Not, in der sie sich befanden. Zunächst spielten sft dRarsche und bann Tänze; zu letzteren führten sie zuweilen >kweNatiouatt tänze auf. In seiner Begeisterung.für die schone M>Ak konnte sich's Otto nicht versagen, sogar einmal mit ferner JRad®ann, einem jungen Pusta-Mädchen, das so schone schwarze Augen Und ein rundes, lebenssrisches Gesichtchen hatte, übet welches bie