Ausgabe 
19.2.1910
 
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Andreas Hofers Cod.

Mil 20. Februar jährt sich zum hundertsten Male der Tag, an denk AndeaS Hofer, der F-ühter in dem Tiroler Befrei,mgskanipfv, der hetzte grosse Volksheld, aus der Bastei an der Porta Ceresa zu Mantua standrechtlich erschossen wurde. Nach dem schmählichen! Verrat und der brutalen Gefangennahme tote er nach Bozen ge­bracht Worden, wo er besser beharchelt wurde; dann brachte man ihn mit seinem getreuen Famulus Sweth, dem ivvrkerenTön­ninger", rrach der Festung Mantua; Er sollte nicht auf hei- mischem Boden sein Mut vergießen dürfen, wie er sich so sehn- lich gewünscht. Seine Freunde dachten noch an Rettung. Sie Hatten schon erwirft, daß Hofers Fran und sein Knabe, die mit ihm ergriffen worden io-aren, in die Heimat zurückgeschickt wurden. Mer über Hofers Schicksal selbst Hatte der französische Oberbefehls- Hab>er General Baraguay keine Macht; über sein Leben konnte Napoleon allein entscheiden. Man suchte die Vermittelung des Kaisers Franz zu erlangen, dessen Tochter Marie Luis« gerade in diesen Tagen die Braut des Frarrzvsenkaisers iv-urde; an' Metternich ging eine rührend herzliche naive Bittschrift ab; aber nicksts rührte sich am Wiener Hof. Der Vizekönig Eugen Beau- Harnais, der die llcberführung Hofers nach Mantua angeordnct Hatte,, empfing den ersten ausführlichen Rapport. Als er ihn an seinen kaiserlichen Stiefvater Iveitergab, ergriff er das Wort M gnnsten des Sandwirts: er habe in Tirol eine bedeutsame Rolle gespielt, der Schein verurteilte ihn; cs sei jedoch gewiße daß er überall, ict) er sich Gehorsam verschaffen konnte, viel Menschenfreundlichkeit gezeigt, viel Unordnung und Unglück ver- Mtet habe. Doch Äla,Poleon war solch menschenfreundlichen Rv- gunge-l nicht zugänglich; rasch und präzis traf er seine Anord- Mingen. Nachdem er zunächst dem Vizekönig den Befehl gegeben Hatte, Hofer nach Vincennes zu bringen, iw die Hinrichtungj des Herzogs von Enghien noch die Schatten einer grausigen Er­innerung heraufbeschwor, sandte er rasch eine andere Anordnung! wach, die den Ganxr der Exekution noch verkürzen sollte.Da Hofer nun einmal in Mantua ist," heißt es in der Ordrö vvmi 11. Februar,so geben Sie Befehl, eine Kriegskommission zu seiner Verurteilung zu bilden und ihn an Ort und Stelle er­schießen zu lassen; all das' soll binnen 24 Stunden erledigt sein." Damit tote das Urteil gesprochen; was sich in Mantua noch ab- spie'lte, tote nur ein grausamer Formelkram. Hofer hatte unter- Dessen mit seinem Begleiter Töninger in dem gleichen Kerker- raum ein einförmiges Gesangenenleben geführt, das nur hier, And da durch ein Verhör unterbrochen wurde. Tie so länge, treu .im Herzen bewahrte Hoffnung auf die Hilfe seines Kaisers und Oesterreichs hatte ev nun aufgegeben; gefaßt und ruhig sah er dem Tode ins Auge. Es wird erzählt, daß er während des Trans- ipvrts von Bozen nach Mantua bei einer nächtlichen Feuers­brunst in Ala seinen Wachen leicht hätte entschlüpfen können ; aber, er half bei den Löscharbeitcn getreulich mit; er dachte für sich selbst nicht mehr an Rettung. Für andere Unglückliche aber sprach er auch jetzt iwch, suchte ihnen zu helfen und sie durch seine Aussage zu entlasten. Am 17. Februar kehrte Vizekönig Eugen Ms Paris nach Italien zurück; er gab sofort Napoleons Befehl Nach Mantua weiter, und am 19. trat das' Militärgericht zu­sammen, das da richten sollteüber Hofer, genannt Barbon«, 5 Schuh 8 Zoll groß, von ländlich rundem Gesicht, rötlicher und befleckter Gesichtsfarbe, offener Stirn, schwärzen Augen und langem schwarzem Bart". Tie Verhandlung nahm rasch ihren Fortgang; der Vorsitzende drängte mit sichtlicher Eile zum Schluß. Hofer toteben die Ketten abgenvmMen und er sowohl wie der ihm bestellte Verteidiger, der redegewandte Advokat Bassevi, durften! sich äußern. Nachdem sie erklärt hatten, daß sie dem, !vas sie gesagt, nichts mehr beizusügen hätten, wurde dann in geheimer Sitzung das Urteil gefällt, wonach der Angeklagte einstimmig für schuldig erklärt wurde,nach der durch die Proklamation vom 12. Weinmonat bewilligten! Begnadigung als Anfiihrer die Waffen ergriffen und die Tiroler zum Aufstand gereizt zu haben" chnd HM 27. Januar in einem Stall mit einem Paar Pistolen und einem Segen ««getroffen worden zu sein, obgleich der Befehl vom 12. Weinmonat die Ablieferung der Waffen binnen fünf Tagen befohlen. In einer zweiten Abstimmung wurde dann die Todes­strafe ausgesprochen. In der Nacht zuur 20. traf Hofer seine letzten Anordnungen, die er in einer an seinen Freund Pühler gerichteten Verfügung niederlegte:Liebster Herr Bruder! Ter göttliche Will« ist cs gewesen, daß ich hab müssen hier in Mantua Iroein Zeitliches mit dem Ewigen verwechseln. Aber Gott sei 'Tank um seine göttliche Gnade. Mir ist es so leicht vorgekvmmen, äls toten« ich zu etwas anderem ausgeführt würde. Gott wird Mir auch.die Gnade verleihen bis zum letzten. Augenblick, damit ich dahin kommen lärm, wo sich meine Seele mit allen Aus- terwählten ewig erfreuen wird, wo ich auch für alle bitten werde, besonders für die ich am meisten .zu bitten schuldig bi«. Ml« guten Freunde und Bekannten sollen auch bitten.für .mich und imir ans beit heißen Flammen helfen, wenn ich noch etwa in dem Fegfeuer büßen muß. Tie Wttesdiensts soll die liebste, mein Wirtin zu St. Martin beinr rvsenfarbenen Blut halten lassen Und bitten in beiden Pfarren. Ten Freunden ist Suppe und Fleisch zu gehen beim untern Wirt nebst einer Wein (beim Tötens tvunk). Das Geld, das ich bei mir gehabt habe, habe ich den Armen ausgeteilt. Jin übrigen raste ab mit den Leuten so rödl

(redlich) als du kaniist, daß ich nicht zu büßen brauche. Bo« der Welt lebt alle wohl, bis wir im Himmel zusam'men'komntent Liebster Bruder, geh mir hinein und zeig die Sack) dem unter!«! Wert au. Er wird schon Anstalt machen, und mach es sonst niemand kündbar. Alle Passeirer und Bekannten sollen mir ein­gedenk sein im heiligen Gebet. Liebster Herr Bruder! sag zu der Wirtin, sie soll sich nicht so bekümmern, ich werde bitten füst sie bei Gott und für alle. Adie du schnöde Welt, so leicht kommt mir das Sterben vor, daß mir nicht einmal die Anteil naß Iverden. Geschrieben nm 5 Uhr in der Früh, und um 9 Uhr reis ich mit Hilf aller Heiligen zu Gott. Dein int Leben ge­liebter Andre Hofer am Sand. Int Namen des Herrn will ich die Reise vornehmen." Um 11 Uhr fand die Hinrichtung statt. Der Sandwirt so schildert der Historiker von Tirols Erhebung, Josef Hirn, den später durch mancherlei Zudichtnngen entstellten! Vorgang betrat festen Schrittes, geleitet von einem Grenadier-, bataiklon, die Bastei, ein Kruzifix in den Händen. Eine Augenp binde wies er zurück, stehend- gab er selbst das Kvmmandowort, tote auf zwölf schlecht gezielte Schüsse ihn zu Boden warfen!, ein dreizehnter Gnadenschuß aus unmittelbarer Nähe ihm das Leben nahm.Voll Trost und Erbauung," so notierte der ihm beistehende Beichtvater,bewunderte ich einen Mann, der als christlicher Held zum Tode ging und ihn als unerschrockener Märtcher erlitt."

3m 20. Jahrhundert?

Ein Streifzug durch einen Vol'iskalender.

Von K. Bartsch, Plauen i. B.

Vor mir stiegt ein Vvlkskalender vom Jahre 1909. TW Kalender war einst fast das einzige Buch, das von der breiten! Schicht der Bevölkerung gelesen wurde, und heute noch fehlt wohl selten ein Kalender im Hause. Vollskalender heißt der, der vor mir, liegt, und ist sicher für das Volk, für die breite Masse: zngeschnftten und dem Bedürfnisse desVolkes" angepaßt ist bezug auf seinen Inhalt. Studiert man ihn, so wird man er­fahren, was bei denr kaufenden Publikum auf Interesse rechnen! darf. T-er Inhalt ist mit einigen Worten gekennzeichnet: Kw- lendarium mit Wetter tafeln und Jahrmarksangaben, drei kurz« Erzählungen, Witze und viel, viel Anzeigen. Tiefe Anzeigew werfen ein merkwürdiges Licht auf den Kulturzustand unserem Volkes. Ich beginne mit den Anzeigen praktischer Gegenj- stände. Es werden empfohlen: Jagdkarabiner uttd Fahrräder!, Harmonikas, Zithern, Trehorgeln, Geigen, Phonographen, Rasier? messer, Tudelsäcke, Stahlwaren, Seife, alles brauchbare Gegcn- Wnde. Tiefe Anzeigen sind die harmlosesten, wenn ich auch niemandem den Rat geben würde, eine solche augepriesene TascheNl- uhr für 2,50 Mk. oder echt goldene Ringe für 0,70 Mk. zu kaufen oder per Nachnahme schicken zu lassen. Weniger harmlos sind schon hie Anzeigen, die Heilmittel anpreisen. So heißt es z. B. t Fort mit den Augengläsern, die beste Methode ist Massage ber Augen", oderGicht und Rheumatismus verschwindet schon nach wenigen Stunden", oderGegen Trunksucht das einzige Mittel Preis 8,80 Mk.", oberLebensessenz, hilft gegen Lungeiv- und Halskrankheiten, heilt Leber, Magen, Gedärme, goldene Ader und Hämorrhoiden, führt ab, reinigt Nieren, benimmt HypochondriÄ und Melancholie, stärkt Appetit und Verdauung, dient vortrefflich bei Zahnschmerz und hohlen Zähnen, ist ein gutes Mittel gegen; Würmer, Bandwürmer und Gulepsie, ist ein gutes Mittel gegen alle äußerlichen Krankheiten, wie Wunden, Narben, Rotlauf, Hitz­blattern, Fistel, Warzen, Brandwunden, erfrorene Glieder, Krätze, Müde, Ausschläge, rauhe Haut, nimmt Kopfschmerz, Reißen, Gicht und Ohrenschmerzen." Preis: 6 Tvppelflaschen 5 Mk. unverzollt (das Hättet kommt aus dem Auslande). In dieser Tonart werde« Tntzende von Heilmitteln augebvten. Und sicher toerben sie ge­kauft, denn sonst verlohnte es sich ja .nicht, sie anzupreifen. TeM Arzte ja kein Vertrauen schenken, lieber selbst kurieren und die Leiden verschlimmern. Solche Attpreisungen sind verderblich, tragest aber dem Volkse mpsinden Rechnung.

Eitt «och viel trüberes Licht wirft eine dritte Art von An­zeigen auf die Kulturentwickelung des Volkes. Ich denke, so schreibt der Verfasser in der Volksbildung, der Zeitschrift der Ge­sellschaft für Verbreitung von Volksbildung, an die Astzeigenh die sich an den Aberglauben weichen. Jhlrer sind viele, z. B. Tie gemeinten Liebesmächte, ein wunderbar hervorragendes, sehr seltenes Lehrbuch der geheimnisvollen Künste", oderSechstes und Siebentes Buch Mvsis, magisch-sympathischer Hausschatz nach uralten Handschriften",Achtes und Neuntes «Buch Mvsis, diü geheimen Enthüllungen über die Zauberei und Hexerei und nmg- netitocn Wunderftäste". Tas genügt aber noch nicht. Zu diesen Büchern gesellt sich «och dasZehnte imb Elfte Buch Mvsis, es enthält allerhand Heilmittel, dazu Zaubermittel zur Erlangung! wunderwirkender Strafte, Reichtum und Macht." Wer sich üben Liebe und Che",Menschensystem",Häusliches Glück",Künste jungen Männern zu gefallen",Spiritismus" unterrichte« will, findet genug geeignete Lehrbücher genannt. Wer in der Lotterie! gewinnen will, bestelle sich für 3,40 Mk. das WerkWie gewinnt! man in der Lotterie, die geheimnisvollen Gesetze des Zufalles und die Magie der Zahlen, aiigeweudet auf das Spiel in der Lotterie, herausgegeben Vv« Tr. . . ." Die besten Bücher vpw allen sind jedoch dasBuch Jtezira" undSalouwuis wunder-