Ausgabe 
19.2.1910
 
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Er erschrak beinahe:

Ich meine nur, wir werden uns unser Leben schon »Nachen. Ach Kind, ich bin ja so glücklich mit dir . . .

Er legte mechanisch den Arm um sie und blickte in die Finsternis hinaus.

Agathe lehnte sich an die Schulter ihres Mannes. Und nun in der Dunkelheit erzählte sie Don einem Gespräch, das sie mit der Tante gehabt. Die unerfahrene junge Frau hatte ihr allerlei Seltsames in ihrem Befinden ge­standen, und lächelnd hatte die alte Dame die Rätsel zu lösen gewußt.

Droesigl umschlang tief ernst seine junge Frau, und der Gedanke an einen Sohn denn an ein Mädchen dachte er nicht erschien ihm Erfüllung seiner stolzesten Wünsche. Er dankte Agathe wie für etwas Unsägliches, das sie ihm geschenkt. Sie hörte voller Glück seine Worte, so lieb, wie er noch nie solche für sie gefunden. Und müde von der langen Fahrt an dem heißen Tage, müde von den Gesprächen, müde vielleicht schon ein wenig wegen des Zustandes, in dem sie sich befand, fielen ihr die Augen zu. Bald vernahm er an ferner Brust ihre gleichmäßigen Atemzuge.

Wie er dieses liebe, weiche Geschöpf an seiner Seite ühlte, das all seine ehrgeizigen Pläne zu erfüllen bes­timmt schien, empfand er eine stärkere Regung für sie als e bisher. Alles Absichtliche, das ihn zu ihr geführt, er» !osch, nur Dankbarkeit blieb in seinem Herzen und Liebe. Nicht jene abgründige tiefster Naturen, nicht jene heiße junger, leidenschaftlicher Menschen, sondern jene hohe Achtung, die Manrr und Frau oft fester aneinander kettet als lohende Leidenschaft.

*

yc und mehr einem Vater.

Sie fühlte, daß manches in seinem Leben doch ein giijg zügellos gewesen, und die Liebe und Bewunderung ihn erlitt in dieser Zeit einen kleinen Stoß. Urn so er zog es sie zu Ludwig. Wie er ihr erzählte von Ländern, die er bereist, begann sie mek mit seinen Augen gut sehen. Er sprach von s Ms Baseler Legende hatte der alte Herr ja selbst! zerstört. Nun trat an ihre Stelle Bewunderung für bie Leistung

Durch Agathens Zustand waren alle Gedanken an vor­zeitige Geselligkeit gewissermaßen von der Natur selbst ab- geschnitten. Jetzt mürbe auch Ludwigs Plan aufgeschoben, in den beiden Nachbargarnisonen bei dem Kavallerie-Regi­ment und der Artillerie-Abteilung Karten abzugeben.

Nur den allernächsten Nachbarn machten sie Besuch. Den Damen hatte Agathe ungebeutet, daß ein Erbe in Aussicht stehe und gebeten, es den entfernter wohnenden als Grund mitzuteilen, warum Droesigls dieses Jahr noch nicht erschienen wären.

Mlmählich ward nun alles unternommen, was Ludwig der Pietät halber nicht gleich tun zu können meinte*. Agathe unterstützte die Aenoerungen, denn sie sah, welche Freude es ihrem Manne machte, überall zu verbessern. Sie wollte ihn tätig wissen; eoen das gefiel ihr an ihm*. W und zu reiste er nach Plauen wegen seiner Fabrik. Kein Mensch in der Gegend erfuhr etwas davon. Dann tonnte die junge Frau die Zeit nicht erwarten, bis er wiederkehrte. Die Tage, wo er abwesend war, verließ sie nicht das Schloß. Sie fürchtete sich draußen, denn überall im Park waren Arbeiter beschäftigt die Gräben zu reinigen, die Mauern wieder aufzubauen, die umgestürzten Figuren instand zu setzen.

Währenddessen ging Agathe daran, die Wäscheschränke durchzusehen und nut den Mädchen die Bibliothek in ihres Vaters Zimmer in Ordnung ui bringen. Außer den Renn- ralendern, dem Hubertus, dem Weidmann, den Jäger-, Jagd- und Stallschriften fand sie nur eine unglaubliche Menge von seltsamen Büchern mitAkten", wie sie jetzt richtig sagte. Sie begriff nicht, daß ihr Vater derartiges aufgespeichert, und schämte sich vor den Mädchen, die ihr manches mit verstohlenem Lächeln gebracht. So ließ sie den Rest der Bibliothek, bis Ludwig zurückkam. Der sagte nur:Laß mich das machen!" Dann geschah' eines Tages ein Eingriff, den sie in ihrer ersten Zert vielleicht schmerz­lich empfunoen hätte: fast die ganze Bibliothek ward ge­leert. Agathe verlor kein Wort. Ihr schien, als sei damit Ktwas das Andenken ihres Vaters Beschmutzendes ans dem Hans entfernt morden.

des alten Mannes, bem es gelungen, sich vom einfachen Arbeiter in höchste Höhe zu schwingen.

Sie hatten lange vom Geheimrat nichts gehört. Briefe schreiben war nicht seine Sache. Da faßte sich Agathe ein Herz, und als der Arzt die Gewißheit ihres Zustandes bestätigte, teilte sie es ihrem Schwiegervater mit. Sie: dachte dabei an das, was ihr Ludwig, geraten und schrieb^ statt eines laugen Herzensergusses einen knappen, klaren Brief. Die Antwort auf Geschästspapier mit der Schreib­maschine geschrieben, schloß:

Es wird mich stets sehr freuen, von dir etwas zst hören. Ohne mehr für heute

Dein Vater Droesigl.

Jetzt schrieb Agathe ihrem Schwiegervater ab und zu. Sie nannte das Ludwig gegenüber einen Stimmungsbericht. Und jedesmal bekam sie mit Schreibmaschine, auf Firma? Papier, eine Antwort.

Eines Tages wagte sie die Anfrage, ob der alte Herr denn rijcht einmal nach Kölln kommen wollte. Ludwig be­hauptete, sein Vater mürbe sich hier nicht wohl fühlen; er hätte auch viel zu viel zu tun.

Agathens feiner Sinn fühlte irgend eine Unstiunuig- keit heraus. Sie schickte den Brief nicht ab.

*

Die Hochzeit Paulineus fand nicht in so kleinem Kreise statt wie bie Agathens, denn wenn der alte Gras Regnier schon Geld springen ließ, so wollte er wenigstens etwas davon haben.

Er fühlte stets das Bedürfnis, seinen Witz an den Mann zu bringen, und nicht zum wenigsten, das viele blinkende Blechzeug da an der linken Brust spazieren zu tragen. Seit Wochen war er nur mit der Liste der Einge­ladenen und mit der Speisenfolge beschäftigt.

Ein paar Tage vor der Hochzeit traf er Ludwig in Berlin auf der Leipziger Straße. Er ging ein Stärk mit ihm, schimpfte über alle Berliner Köche und Hoteliers und zahlte eine Anzahl von Speisen auf, die jene Berliner Ochsen nicht hätten machen können: eilt Smyrnaer Hammel­ragout, eine indische Rersart, etwas Südamerikauisches, dein zu Ehren er sofort eine Minute lang spanisch sprach, kurz lauter Nationalgerichte, die zur guten französischen Küche nicht gehörten. Da er nun noch etwas ganz Absonderliches haben wollte, nannte ihm Ludwig ein paar verrückte Namen, dis er irgendwo aus seinen Reisen aufgeschnappt. Darüber war der kleine bewegliche Gras so erfreut, daß er sofort Herrn Droesigl in sein Hotel begleitete, um sich alles aufzu- schreiben.

Im Hotel Bristol Unter den Linden hatte er eine ab­geschlossene Wohnung im ersten Stock, Zimmer, wo eigent­lich nur Fürstlichkeiten oder amerikanische Milliardäre unter­gebracht wurden. Da gab es einen Salon, ein Speise­zimmer, ein Rauchzimmer, zwei Schlafzimmer mit Bädern, und eine Kammer für die Jungfer. Agathe, gewohnt, sich selbst anzuziehen, hatte keine mitbringen wollen, aber das hielt Ludwig für unerläßlich.

Die beiden Herren blieben eine Stunde sitzen, und Ludwig gab sich alle Mühe, sein Hirn zu zermartern, ja, er erfand sogar Dinge, die es gar nicht gab, nur um Gras Regnier zu unterhalten. Als dieser dann ging und Unter den Linden der alten Exzellenz von Dinckow begegnete, be­hauptete er,, es gäbe in ganz Berlin nur einen einzigen Menschen, mit dem man sich wirklich unterhalten könne: Herrn Droesigl. Die Exzellenz fragte:

Wer ist denn dieser Deusiel?

Bitte, Droesigl.

So, so, habe den Namen nie gehört.

Der anständigste Kerl in Berlin. Von bem! sollten unsere Leute, die den Kopf nicht rausgesteckt haben, mal was lernen. Es ist so recht ein Zeichen für unsere klein­lichen 'Verhältnisse, daß man so'n Mann nicht kennt. In England wäre der selbstverständlich in der besten Gesell­schaft.

An der Ecke der Friedrichstraße trennten sie sich. Der Graf mußte weiter, den Koch zu entdecken, der Ludwig Droesigls selbsterfundene Rezepte ausführen Wune.

(Fortsetzung folgt.)