Ausgabe 
19.1.1910
 
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Vreitet« ihre schwarzen Schwingen ans tzaK schweigend dampfende Land-.

Im großen Saale .des Schlosses Kölln glänzten die Lichter auf den mächtigen Kristall-Lüstern.

Prinzessin Hohengart in ausgeschnittenem, bunfTem Meid, ihrer Haare Mond zur Geltung bringend, blieb- stehen vor dem Spiegel, der sich auf dem gewaltigen Barock-Kamin erhob. Sie schob den weißen Spitzensaunr des Ausschnittes tiefer hinab.

Zum Haushofmeister, in schwarzem Frack, grauhaarig, ein Wenig gebeugt, sagte die Prinzessin:

Elßmann, sehen Sie denn nicht, daß die Kerze- nicht brennt?

Ter alte Mann versuchte das eine vergessene Licht zu Entzünden. Ms der kleine, schief gedrückte Docht anfing, in einem winzigen Flämmchen zu erglimmen, drehte sich die Prinzessin herum. Es war ein buntes Drrrcheinander ihn Saal. Von der Renaissance bis zu den dreißiger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts gab es fast alle Stile, aber die alte Pracht der Möbel klang gut zusammen, ohne daß -eine besonders geschmackvolle Hand geordnet hätte.

Da öffnete sich die eine Seitentür. Gräfin Agathe Kölln, die älteste der unverheirateten Töchter oes Hauses, sah herein. Sie war breit im Gegensatz zu ihren Schwestern, Gräfin Pauline, der Jagdreiterin, und Valerie, Prinzessin Hohengart.

Ms Gräfin Agathe, die ihrem Vater die Wirtschaft führte, die Prinzessin noch allein im Saale sah, zog sie den Kopf zurück und verschwand.

Zwei Mener in blauer Livrö mit seidenen Kniehosen und schwarzen Strümpfen öffneten jetzt die großen Flügeltüren des Saales. Die Prinzessin wartete am Kamin mit lässig aufgestütztem Arm, hinter sich das brennende Feuer, das ihre schöns Gestalt beleuchtete. Einzelne der nun eintretenden Herren machten eine Verbeugung. Aeltere oder näher Be­kannte küßten ihr die Hand. Sie sah Graf Regnier freund­lich lächelnd an:

i Wie geht es Ihrer Frau Mama'?

-- Danke, Durchlaucht, ausgezeichnet

Er trat ein ivenig verlegen zurück. Dann vervollstän­digte er den Satz:

und Papa läßt sich Ihnen zu Füßen legen, Durch­laucht.

Im Feuerkreis des Kammes erschien ein Herr, dessen roter Frack einen ersten Schneider verriet. Den Eichen­bruch vom Nachmittag trug er im Knopfloch-. Er machte eine Verbeugung, nicht zu ergeben, nicht zu oben hin, aber die Prinzessin antwortete nur durch ein kurzes Neigen, ohne den Herrn zu beachten.

Mmählich war die Stille schwellendem Stimmen­gewirr gewichen. Nun kamen auch einige Damen, die heute die Jago mitgeritten hatten, und dann die einzige ältere: Gräfin Lindenbach, geborene Hohengart. Sie ging quer­durch den Saal und setzte sich in eine Bergers Louis XV. Mit einem beinahe männlichen Gesicht und den scharfen Augen blickte sie sich um und streifte die langen Handschuhe herauf. Dis Diener schlossen die Flügeltüren.

Me Prinzessin fragte einen der Herren:

Es mutz doch längst sieben sein?

Herr von Mellin zeigte seine Uhr: zehn Minuten über sieben. Tie Prinzessin flüsterte ihm zu:

Bitte, schicken Sie doch jemand hinauf, um es Papa Und Paulino sagen zu lassen!

Ein schmächtiger, unscheinbarer Herr mit winzigem Schnurrbärtchen näherte sich dem tadellos Gekleideten im roten Frack, der ergebnislos der Prinzessin eine Verbeugung gemacht hatte:

Sind Sie das erste Mal hier?

Der andere schloß leicht die Absätze:

r Jawohl, Durchlaucht. Es ist sehr liebenswürdig von Graf Kölln. . .

Leise Röte stieg in Prinz Hohengarts Gesicht:

Ja, mein Schwiegervater ist sehr gastfrei. Ich habe doch den Vorzug, mit Herrn von Liegen zu sprechen?

, Nein, Pardon . . . Louis Droesigl Ich habe vorhin bie Ehre gehabt, mich bekannt machen zu lassen, Durch- «mcht!

Der Prinz Würbe noch verlegener:

Ich bin erst vor einer halben Stunde gekommen. Arno Sie schon länger hier?

Jawohl, Graf Kölln ist so liebenswürdig, mich schon acht Tage hier zu sehen. Ich habe meine Pferde mit. Eins Schwäche von mir. Ich- habe dis Tiere in England hinter den Hunden geritten....

So; leben Sie in England?

Nein, doch nicht. Ich lebe un peu partout st null« pari ich habe ein pied ä texte in Paris, schieße grouses bei meinen Freunden in Schottland und dann bin ich kein großer Freund unseres Winters. Die Riviera oder Kairo ist mir lieber. So bleibt nicht viel für die Heimat !

Der Prinz, der nicht wußte, mit wem er es zu tun hatte, dachte, er sieht eigentlich sehr anständig aus. 'Er fragte gedehnt:

Es muß Zeit zu Tisch sein ?

Da wurden die beiden großen Flügeltüren noch einmal geöffnet. Der alte Graf trat ein. Mit dem krebsroten Gesicht, dem weißen Bart und Haar-, dem roten Frack, der weißen Hemdenbrust, eine Symphonie in Rot und Weiß. Er küßte Gräfin Lindenbach die Fingerspitzen, ging von Dame zu Dame und zog aller Hände au die Lippen:

Verzeihung, ich bin wieder mal der letztet

Tie rundliche Agathe, die ihm kaum bis zur Brust reichte, flüsterte ihm zu:

" Patsch ist noch nicht da.

Ter alte Herr rief den Haushofmeister:

Elßmann, sagen Sie Kvmteß, der Deubel soll siö reiten, sie hätte zehn Minuten vor der Zeit hier zu fein

Nach einer Weile öffnete sich vorsichtig eine Seitentür, um Gräfin Pauline von Kölln einzulassen. Das dunkel­braun gebrannte Gesicht über dem hellen Ausschnitt ihres Kleides nahm sich mertwiirbig aus.

Agathe ging eiligst zu ihr :

Dreh dich nicht um, bleib stehen.

Und hinter der hohen Lehne eines Stuhles aus der Zeit des .großen Kurfürsten schloß sie den Schlitz ihres Kleides, der offen gestanden.

Man bot den Damen den Arm. Einen Augenblick daraus saß die Gesellschaft in dem durch zwei Geschosse gehenden Bankettsaal, der mit großen bunt en Bildern Jagd- und Fruchtstücke darstellend, und mit gewaltigen Geweihen vom ungeraden Zwanzigender herab geziert War. An der Decke schwebte ein großer, aus Slbwursstangen gebildeter Kron­leuchter. Die Mener rückten die Stühle an, und der Haus­hofmeister verteilte an der hohen Barockkredenz die Wild­suppe aus der wie ein Taufbecken großen Suppenschüssel alten Familiensilbers.

Man sprach von der Jagd, vom vorzüglichen Sent der Hunde, man bewunderte Die vielen Pferde in des Grafen Kölln Stall, die er seinen Gästen zur Verfügung stellte. Der junge Graf Lindenbach sagte zu Leutnant von Liegen, seinem Regimentskameraden:

Du brauchst dir kein Gewissen daraus zu machen, datz der Gaul lahm ift, das ist beim alten Kölln ganz Wurscht. Als ich noch Pennäler war, brach eine englische Voilblntstnte, die eilten Riesenhaufen Lappen gekostet hatte, mit Papa im Sattel die Wirbelsäule und mußte getötet werden. Graf Kölln hat kein Wort verloren.

(Fortsetzung folgt.)

Der neue belgische König.

lieber Albert I., feilte Hofhaltung und seine Pläne berichtet Jean de Bonnefon interessante Einzelheiten im PariserJournal":

Ein Berichterstatter hat durch die Vermittlung seiner Bot­schaft eilte Audienz beim- König von Belgien erbitten lassen:Ich lese täglich zwanzig Zeitungen", hatte Albert I. geäußert.Ich schätze die Presse, weil sie der Gerechtigkeit dient, und weil die Furcht, die sie einflößt, die zum Einschlafen bereiten Verwaltungs- körper wach erhält. Ich will Herrn X. gern empfangen. Aber was soll ich tljiit wohl sagen? Gleichgültige Tinge, belanglose Redenst­arten? Wenn ich von ernstere» Dingen rede, von Plänen, denn nur von solchen könnte ich ja vorläufig sprechen, falls ich leicht dem Schicksal jener, so viel besser als ich an ihr könig­liches Amt gewöhnten Monarchen anheim, die sich durch miß­brauchte Reden in eine unbequeme Lage gebracht haben. Sagen Sie dem Herrn £., daß ein konstitutioneller Monarch eine stummö Person ist, und daß ein Stummer sich nicht vor der Presse dieser Rebemacht, zeigt."

Und doch sehen.wir etwas anderes als nur Versprechungen dieser erst wenige Tage alten Regierung: Von freudig begrüßtem Anbeginn hat sich ein bedeutsames Ereignis vollzogen: König Albert und Königin Elisabeth haben den von lebhaftem Familiew- sinn erfüllten Belgiern ein von Familiensinn erfülltes Königs^ haus geschmkt.