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Die junge Frau war nicht an derbe Hausarbeit tze- wöhnt; ihre Hände hatten stets weich und sein fern müssen, nut' der Herrin ansznwarten. An Geschick fehlte es ihr freilich nicht; niemand konnte so zierlich wie ]ie in der Gaststube bedienen. Wenn sie das Glas am Brerkran voll laufen ließ, daß es eine Haube trug, frischgewaschen-wertz, wie die einer Frau am Festtag, und wenn sie es mit einem „Na zdrowie"*) vor den Gast hinstellte, dann schmeckte e§ dem besser als irgendwo anders, und er bemerkte nicht, daß der Holztisch ungescheuert war und noch die Kringel der übergelaufenen Biergläser und der verschütteten Schnapsneigen von vor acht Tagen zeigte. Wenn sie das Schnapsgläschen übervoll goß, mit einem Haufen schier, und dann mit spitzen Kippen daran nippte, mußte schon einer ein Stockfisch sein, der diese roten Lippen nicht gern hatte plaudern hören. Aber das Fegen in Stube unb Flur, das auf den Knien im Nassen Liegen und die Dielen weiß scheuern mit Lauge und Sand, das stand Stasra nicht an. Lässig wischte sie einmal über alles hin; sie sah gar nicht, daß der Schmutz in den Ecken wuchs.
Dagegen Machte sich Michalina ein Fest daraus, iM Buge zu scheuern. Des Valentin zufriedenes Kopfnicken und das behagliche Lächeln, das über sein Gesicht zog, roch er den Duft frischen Seifenwassers in der Wirtsstube, machte sie glücklich.
Stasia haßte den Scheuergeruch. In Chwaliborezyce War niemals gescheuert worden, wenigstens niemals, wenn Man davon etwas bemerkte. Das taten nur die Schwabby, alles mit Wasser überschwemmen und dann sagen, sie machten rein! Der Scheuergeruch, der ihre Nase beleidigte- war auch der erste Anlaß zu einem Zank zwischen ihr und ihrem Walenty. Was fiel ihm denn ein, ihr den Vorwurf zu machen, daß sie's nicht sauber halte?! War sie eine Magd? Dann hätte er sich eine solche heiraten müssen vielleicht die da!
Und sie hob die Fußspitze und deutete nach Michalina!, die eben auf den Küien unterm Tisch herumrutschte und die achtlos hingeworfenen, halb zertretenen Zigarrenstummel zusammenlas, die des jungen Wirts Aerger erregten. Diese Stummel hatte Pan Szulc, der Inspektor, gestern, als er hier ein Stündchen gesessen und geraucht, fallen lassen. „Lagen die etwa nicht gut da? Störten die etwa jemand?!" meinte Stasia spitz.
Nein, die störten gar nicht, das fand auch die Michalina. Aber trotzdem suchte sie sie eifrig auf. Der Walenty war's eben so von seiner Mutter her gewöhnt, die konnte auch kein lächerliches Stäubchen liegen sehen — hatte die nicht sogar erzählt, daß bei ihnen zu Hause, wo der Rhein so viel Wasser gibt, selbst die Straßen gescheuert würden?!
Drollig genug war's, aber wgrum sollte man den Leuten, die so gut waren, nicht etwas zuliebe tun?!
Michalina hatte die braunen Äugest gehoben und das Gesicht des jungen Ehemannes gesucht. Mer er sah ihren Blick nicht, er suchte nur den seiner Frau.
Jedoch Stasia schmollte.
Sich beit Armen, die sie reuig umschlingen Wollten, entziehend, schlüpfte sie zur Tür hinaus. Draußen hörte Man sie gleich daraus hell lachen und dann des Försters xauhen Baß dröhnen.
Frelikowski war heute gekommen wie alle Vormittage und wie alle Abende auch, seinen Schnaps hier zu trinken; der neue Krug lag ihm viel bequemer als der in Pociecha- Dors. Ueberhaupt, wer würde zu einem Juden gehen?! Wenn Man beim Juden ein Gläschen anschreiben läßt. Machte er gleich drei daraus!
Frelikowski führte der Tochter gute Kündschaft zu; die Meisten Leute der Umgegend kehrten jetzt im neuen Krug ein. Wenn die Ansiedler am Sonntag abend, wo man doch gern vom Einerlei der Woche eine, Abwechslung hat, einen Tisch haben wollten, sanden sie keinen. Sie mußten schon Platz nehmen zwischen den andern Gästest.
Und warum auch nicht?! „Ein Wirtshaus ist für alle da!" sagte Stasia. Wem's nicht paßte, polnisch zu hören, konnte ja zu Hause bleiben! Daheim konnten sie deutsch genug reden mit ihren Hühnern und Gänsen; hier mußten sie's schon machen wie der Vater, der sprach halb polnisch, halb deutsch, je nachdem und verstand dey so nicht ein jeder?!
*) Wohl bekomm'^
Es war Valentin nicht recht, daß der Trunk polnisch begehrt, polnisch kredenzt und polnisch angekreidet wurde. Wenigstens das Eine setzte er durch: daß nicht mehr so viel angekreidet wurde. Das „ans Rechnung Schreiben" hatte Frelikowski gern eingeführt, aber es gelang ihm nicht; der Schwiegersohn war pünktlich, was getrunken wurde, wurde auch bar bezahlt.
Stasia fand das gar nicht gutherzig; lieber Gott, wenst nun einer nicht genug Geld mit sich hatte und doch noch gerne trinken wollte! Sie stundete. Eine Wirtsfrau muß gefällig sein, das bewies sie ihrem Valentin klipp und „klar. Wo hätte er wohl soviele Künden her, wenn sie nicht wäre?!, Von den paar Ansiedlern konnte der Krug doch unmöglich bestehen! So aber kam die Pacht ganz gut heraus. Und darum ließ auch Walentin mit der Zeit mehr nach, mochte er doch ohnehin seiner Stasia nicht gerne widersprechen.
Es war ganz natürlich, daß Stasia diejenige war, au die sich alle wendeten, beherrschte sie doch das Polnische und das Deutsche gleich gut und verstand die Ansredlers- ranen ebenso wohl, die Salz und Zucker und, Griesmehl verlangten, wie die kleinen Dorfbuben, die sich für eist paar Pfennige „Cukierki" und „Lakrycya"*) holten. Und die Gäste, die „Bier" begehrten, bediente sre ebenso lächelnd wie diejenigen, die „Piwo" riefen.
Aber bald riefen sie alle „Piwo", macht es doch viel Spaß, sich gelehrig in einer fremden Sprache zu zeigen. Auch Valentin, der fo oft das Wort „Piwo" hörte, sagte jetzt o — warum auch nicht?!
„Es macht Mir Freude," sagte Stasia, „ich höre es gern. Kein Mensch spricht so hübsch polnisch wie du, mein Walenty! Walek" Und sie lehnte sich an, ihn und web ihre blonden Haare an seine Wange: „Daj Mi buzr!"
„Jung, 'ne ganze Polack bist du schon geworden/« brummte Peter Bräuer; aber es war ihm nicht Ernst dämmst er sagte es nur aus Spaß. Zum Spaß brauchten sie ja alle polnische Brocken — eigentlich wußte man eI gar nicht mehr, daß man sie brauchte — war's denn auch wohl anders möglich? Da war die Michalina, die schwatzte einem! ja den gangen Tag die Ohren voll, aber wer Mochte ihr das wehren?!
Und wer Mochte der fleißigen Magd dawider fein, daß sie nun auch das Weihnachtsfest herrichtete, ganz nach landes--, üblicher Weise? .
Michalina war voller Freude aufs Fest und die Kinder nicht minder. Auch vorige Weihnachten, zu Hause noch, hatte Man keinen Lichterbaum gehabt — 's war ja auch am Rhein nicht überall Sitte — über dieses Jahr fastete mau den ganzen 24. Dezember, und erst als der Abendstern am Himmel anfzog- trug die Michalina das Mahl auf: neun Speisen nach der Reihe, wie es die Sitte erheischte. Die Ueberbleibsel jedes Gerichts kamen in den Eimer zum Fressen fürs Vieh. Und ein Bund Stroh breitete die Michalina unter den Tisch zum Andenken, daß das Jesuskindlein einst iU der Krippe gelegen hatte auf Heu und auf Stroh. Das machte den Kindern viele Freude.
(Fortsetzung folgt.)
Zur Geschichte der Apotheken in Gießen.
Unter den bürgerlichen Apotheken ist die älteste die Pelikan» a p o t h e k e am Kreuz. Ms den „Papieren" der Nebel' schest Familie, der früheren Eigentümerin dieser Apotheke, geht hervor- daß die Pelikanapotyeke 16 40 errichtet worden ist. Es heißt in den Aufzeichnungen: „1640 wurde Peter Stammler! aus Memmingen, welcher allhier eine neue Apotheke . zum Pelikan" errichten wollte, von der medicinischest Aacultät in Marburg examiniert." Eine Urkunde darüber fehlst Nach allerhöchster landesherrlichen Verfügung vom 3. März 1746 wird bei Uebergang der Apotheke auf den neuen Käufer Braun diesem die Konfirmation und Renovation des auf „Apotheke! Und Behausung hastenden Realprivilegiums dergestalt transcribirest daß derselbe sich dessen gleich seinen Ant ec essoribus zU erfreuen habe". Auf den ersten Besitzer wird kein Bezug genommen. In dem Bericht des Universitätssekretärs Oßwald von 1792, als es sich Um ein eventuelles Eingehen der Universitäts- apotheke handelte, heißt es: „nach eingezognen Erkundigungen (?) ist in den ältesten (?) Zeiten nur eine Stadtapotheke hie gewesen. Bei Stiftung der Universität ist die Universitäts- apotheke dazu gekommen," Darnach muß es scheinen, daß nichts nur um 16 4 0, sondern sogar vor 1607 eine Stadt- apotheke in Gießen war. Daß dies der Fall, steht stußeh
*) Zuckerchen und Lakritzen,


