438
„Ich bitte Sie! Bräuer!" Doleschal legte dem Anf- tzebrachteu die Hand auf die Schulter. „Seien Sie nicht jo unbesonnen! Sie machen sich nur Ungelegenheiten!"
„Och wat!" Der beleidigte Vater schüttelte die Hand ab. „Ich laß' mir dat nit gefallen, ich laß' mir dat nit gefallen!"
„Bräuer, es nützt Ihnen gar nichts. Sie vergreifen sich an dem Lehrer, er zeigt Sie an, Sie tvcrden verurteilt, ich garantiere Ihnen!"
„Jesses, ich, sag' ja" — die Miene des Ansiedlers wurde tief niedergeschlagen — „da hat mer et nn! Och, wär' ich doch nach Amerika verzogen, ganz weit weg, wo et noch Wilde gibt. Da kann mer sich doch wenigstens selber sein Recht verschaffen!"
Es war Doleschal nicht heiter zumute, aber er müßte doch über den Mann lächeln — als wäre man hier im wildesten Westen, wo die Justiz nicht hinreicht und jeder auf seine eigene Faust Richter spielt, den Revolver im Gurt! „Ich rate Ihnen," sagte er, ernst werdend, „begehen Sie keine Gewaltakte! Tie könnten Ihnen hier teuer zu stehen kommen!"
„Och Gott, och Gott, Peter!" Die Frau hing sich an ihren Mann. „Jesus Maria, sei doch nit gleich eso rappelig! Och, ich bitt' dich, hör' aus mich, Peter! Peterken!" Sie flehte ihn an mit weicher Stimme und strich ihm immerfort die harte Mange. „Et is ja nit eso schlimm! Dat Settche quatscht immer gleich! Tu wirst dich doch des- tvegen nit mit dem Lehrer hauen?! Un dat nützt ja auch nix!"
Doleschal winkte der Frau ermutigend zu: so war's recht! Wirklich, die war verständig! Wenn Bräuer glaubte, daß seinem Mädchen unrecht geschehen sei, konnte er sich jä bei der Schulinspektion beklagen. Jedenfalls war der Lehrer verpflichtet, deutsch zu unterrichten. Nur der Religionsunterricht durfte eine Ausnahme machen, mochte der den polnischen Kindern polnisch erteilt werden — schlimm genug! — aber sonst durfte keine Rücksichtnahme walten, und säße die ganze Klasse voll polnischer Kinder. Deutsch mußte gelehrt werden, deutsch mußten sie lernen!
„Ich werde übrigens dem Landrat über die Sache berichten !"
„Och, de Landrat, de Landrat!" Bräuer spuckte wieder ans. Er schien kein rechtes Vertrauen zu dieser Behörde zu haben.
'„Säg' et dein Herr Vikar," drängte Frau Kettchen. „Bei dem mußte dich beklagen. Vor dem hat de Lehrer der größte Respekt!"
„Hm," der Vater kraute sich nachdenklich den Kops y „bei den Vikar soll ich gehen? Och ne!"
„Wenn de et dem' Lehrer sagt, da kannste sicher sein, dann läßt de uns' Kinder zufrieden!"
„M einst.e?"
’ ' „Sicher im gewiß!" Sie sagte es mit vollster Ueber- Mgung.
„So — 110 dann!" Peter Bräuer entschloß sich ungern dazu, aber was half's, so konnte das nicht weiter gehen, eine Abhilfe mußte geschafft werden, und zwar ganz direkt! Man merkte es ihm an, er konnte es kaum abwarten, daß sein Gast sich verabschiedete. —
Doleschal ritt davon. Er hatte sich fest in seinen Mantel 'gewickelt, aber ihn fror doch. Vom Torf her schnob ihm der Wind in den Rücken und trieb ihn vor sich her, als sei er, wenn auch hoch zu Roß mit Peitsche und Sporn, nur ein phninächtiges Garnichts, ein bißchen Spreu.
lieber die toten Aecker flogen ganze Schwärme schwarzer Vögel. Dicht vor dem Reiter flatterten ihrer ein paar und zankten um eine arme Maus. Ein Peitschenhieb — noch einer .—i aber kaum, daß sie sich stören ließen, die Maus entkam ihnen nicht. Häßlich klang das „Kräh, kräh". Es war der einzige Laut in der winterlichen Todes'stilln Und grau ivür die unabsehbare Weite, grau der schwere Himmel wie die Ebene unter ihm.
Der einsame Reiter suchte mit sehnendem Blick; fern, Panz fern noch der Lysa Gora! Aber er gab seinem Pferde die Sporen und jagte dem' Berge zu, als sei dort das Heil.
10.
So leicht sich die Verwundung der Ciotka angesehen hatte, so wenig gut nahm die Heilung ihren Fortgang, Doktor Wolinski schüttelte den Kopf bei seinem nächsten Besuch: die Wundränder sahen häßlich aus, blaurot entzündet und dick verschwollen, der Puls der Patientin
war fiebrig. Aber das Medikament, das der Arzt verordnete, wendete die Ciotka darum doch nicht an, eine gefällige Nachbarin schüttete es den Schweinen vor —> mochten die's saufen, für 'nen Menschen war das doch kein Getränk!
Tie Stube der Ciotka wurde nicht leer von teilnehmenden Besucherinnen, denn einen Groschen nach dem andern holte die Leidende unter ihrem Bauche vor aus dem BetM stroh. Tas Geld, das der Niemezheer dagelassen, wanderte zu Eljakims Krug.
Ungefähr acht Tage nach feinem' ersten Besuch betrat Doleschal wiederum die Hütte. Er gedachte sich im Borüberfahren zu überzeugen, daß die Ciotka wieder ganz wohlauf fei, statt dessen lag sie noch immer, sogar jetzt im Bett.
Bei ihr saß der Vikar. Er erhob sich sofort, als der Niemezheer eintrat, mit einem stummen Gruß und einer Verbeugung, die höflich waren, aber zurückhaltend.
Welch ein interessantes Gesicht! Doleschal, der beul jungen Geistlichen noch nie so tu der Nähe gesehen hatte wie jetzt, kaum auf Armeslänge entfernt, musterte die hager vorspringende und doch fein geformte Nase, den etwas eingesunkenen, fest-geschlossenen Mund und die schön gebaute Stirn. Er fand gar nichts Slawisches in diesen Zügen; unwillkürlich verglich er in Gedanken dies stolze Gesicht mit dem roten bäurischen des alten Propstes. G^-> mülticher war das freilich, viel gutmütiger!
Eine unbehagliche Empfindung überkam ihn plötzlich; er fühlte: hier war eben von ihm gesprochen worden! Noch schien der Nachhall davon geblieben zwischen den rußigen Wänden. Die Weiber, die sich' unten am Bettende auf-, gestellt hatten, glotzten ihn dreist an, ohne das gewohnte demütige „Ich falle zu Füßen". Die Ciotka sah' ihn gär nicht an, und der Blick des Vikars streifte ihn kaum von der Seite.
Was hatte er diesem Menschen getan?! In der jähen Stille, die seinem Eintritt gefolgt wär, überkam Doleschal eine verlegene Beklemmung. Um ihrer Herr zu werden, reckte er sich höher auf und sah von oben herunter auf die Gruppe am Bett.
Des Vikars schmale Lippen schlossen sich noch fester; auch er reckte sich höher auf.
Ohne Wort, wie zwei Gegner, die ein böses Geschick plötzlich zusam'meuhetzt, maßen sie sich.
Was siel dem Pfaffen ein? Stellte er sich nicht vor das Bett, als wollte er den Zutritt wehren?! Doleschat sagte kürz: „Sie gestatten!" und machte einen so ent-, schlossenen Schritt, daß der andre zur Seite treten mußte, wollte er nicht geradezu unartig sein.
„Nun, Ciotka, wie geht es Euch?" Er ignorierte den Vikar gänzlich.
War das Weib harthörig geworden? Es antwortete: nicht. Doleschal wiederholte die Frage noch einmal in erhobenem Ton; dir schüttelte sie den gedunsenen Kopf und brummte mürrisch: „Nie rozumiem po uiemiecku!"
Was — nicht Deutsch verstehen?! Neulich hatte sie fein Deutsch doch gut verstanden, und alle diese hatten ihn! gut verstanden, einige der Weiber ihn sogar angebettelt; auf gut deutsch! Was sollte denn jetzt die Komödie? ;
Er fuhr sie an: „Gebt Antwort!"
. Aber statt der Antwort fing die Ciotka an zu jammern —. eigentlich war es mehr ein Schimpfen —, und schneist! ternb wie eine Herde Gänse fielen sämtliche Genossinnen ein.
.(Fortsetzung folgt.)
Aus Briesen der Prinzessin Marianne von Preußen, geborenen Prinzessin von Hessen-Homburg, und der Aonigin Luise. (W-W.)
Marianne von Preußen, eine Homburger Prinzessin,- war vermählt mit dem Prinzen Wilhelm von Preußen, dem Bruder des Königs Friedrich Wilhelni III. , Sie war eine hochgebildete Frau, eine zärtliche Gattin, eine treue Tochter und! eine liebevolle Verwandte. Eine Sammlung ihrer Briefe, diö an ihre Mutter, die L a n d g r ü f i n v o n H es s en - H o m b n r g,- gerichtet sind, wird in dem Großherzoglichen Staatsarchiv zu.' Darmstadt aufbewahrt. Die Sammlung ist um so wertvoller» als ihr einige noch nicht bekannt gewordene Briefe des Königs. Friedrich Wilhelm III. und der Kö n i g in,L Ni s e beigefügt sind.- .Auch Mariannens Bericht über den T o d p e r K ö n i g i n L u i s e


