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Das schlafende Heer.
Roman von Clara Viebig.
Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Doleschal errötete auch. Eine Verlegenheit ergriff ihn: was sollte er dieser armen Seele sagen, die, von der alten Heimat losgerissen, in der neuen ängstlich nach ihrem alten Glauben suchte?! War es nicht unrecht, ihr zu sagen: hüte dich —!? Es Mürbe ihr den Boden noch fremder machen. Mochte sie sich nur erst einwurzeln — dann war's ja noch immer Zeit, ihr die Augen zu öffnen. Aber es würde sich schon einmal eine Gelegenheit finden, mit dem Mann ein Wort zu reden!
„Sie sagen ja nix, Herr von Doleschal?" fragte die Frau. „Sie haben mir doch! mein' Freiheit nit übel genommen?"
„Nein, nein, Frau Bräuer!" Er reichte ihr die Hand. „Wer es ist gar nicht so leicht, Ihnen zu antworten. Im Grunde ist es ja eigentlich ebenso egal, ob ich deutsch !oder polnisch bete, wie evangelisch oder katholisch, wenn ich nur —"
„Och ne," unterbrach sie ihn rasch, „bat is et doch nit! Evangelisch oder katholisch — ne, dat is nit einerlei, dat dürfen Se nit vergleichen!" Sie war förmlich beleidigt und hatte ihre Schüchternheit ganz hintan gesetzt.
„Sie haben mich ja nicht ausreden lassen, liebe Frau! Wer am Ende ist es auch besser, wir sprechen jetzt nicht darüber" — er sah auf die Uhr — „es ist Zeit, ich Muß fort!"
„Och, itu sind 'Sie doch bös," jammerte sie.
„Laß die Dummheiten, Kettche," fuhr ihr Mann auf. >,Eie glauben et nit, Herr von Doleschal, wat die mich jetzt stls der Kopf warm macht!" Sie wollte etwas entgegnen, da schrie er sie an: „Halt der Wund!" Und sie lief, die Schürze vors Gesicht haltend, rasch hinaus.
In verlegenem Schweigen blieben die Männer zurück.
„Sie hätten Ihre Frau aber auch nicht so anfahren sollen," sagte Doleschal endlich.
„Anfahren och wat, anfahren!" maulte der Mann. >,Dat Kettche is en brav' Frau, und ich bin ihr von Herzen gut. Ich hab se fast noch lieber als ich mein' erste hatt', und dem Valentin fein' Mutter war. auch keine Pappenstiel, dat kann ich Ihnen sagen. Die war so en richtig resch un lustig rheinisch' Mädchen — de Jung, de Valentin, hat viel von ihr un dstt schöne Gesicht auch aber „nit an-, fahren", dat sagen Sie so! Wat soll mer dann machen, wann einem die Gall' überläuft?! Denken Se an, sagt neulich de Propst zum Kettche — de junge geistliche Herr hätt' dat nrt getan —< et soll en Haub' tragen, tote die polnischen Werber ein' tragen, dat gehörte sich so für en gute christ- lrche Ehefrau! Zum Donnerwetter noch ens, wat geht dät de Propst ast?! Dat Kettche soll ihr schön' Haar so unter en'
Haub' stechen? Ja wohl!" Er hüb ein herausforderndes Lachen an. „Wann mir arrch katholisch sind- Polacken sind mir deswegen doch nit!"
„Das hat er gesagt — verlangt?! Nicht möglich!" Doleschal machte die Augen weit auf. Er war ganz blaß geworden. Ein paarmal setzte er zum Sprechen an und biß sich dann auf die Lippen —i nein, lieber nichts weiter sagen, der Mann da wußte schon ganz genau, woran er war!
„Wissen Sie" —- Peter Bräuer stellte sich breitspurig hin und stemmte die Fäuste in die Seiten — „laß' die nur ens kommen! Denen werd' ich schon zeigen, wer Herr hier ist!" Er spuckte auf die Diele und verscharrte es dann mit dem Fuß: „So viel kehr' ich mich dran — 'ne Dren! Aber wissen Se" —< seine Stirn runzelte sich — „Aerger hat mer en Mass' dadrum. Die Frau tribuliert einen. Un die andern" — er machte eine umfassende Bewegung nach allen Seiten hin, —> „die geben ei’nt immer so Nadelstich, un die kann ich gar nit gut vertragen, 'ne ordentliche Rippenstoß kann mer doch wiedergeben, aber so en Pi- sackerei —! Sehn Se, wie mit der Schul' — wat mach' ich da nu? Tat Settche" — er stutzte plötzlich und horchte: „Da is dat Settche!"
Draußen hörte man jetzt ein Weinen, und dann ein tröstendes: „Bis still, bis still" der Mutter.
Bräuer riß die Dür auf: „No, wat is dann?!"
Sein Liebling, das Settchen, flog ihm entgegen und hing sich an seinen Hals. „Pappa, Pappa!"
Sie war gar mcfyt zu beruhigen, zu aufgeregt, zu unglücklich in ihrem kindischen Weinen. Tas Schluchzen stieß sie so, daß man kein Wort aus ihr herausbrachte. Wav sie gescholten worden, hatte sie nachsitzen, in der Ecke stehen müssen? Auf alles Befragen nur ein stummjammervolles Kopfschütteln.
„Zum Donnerwetter, jetzt taste der Münd auf!" Dem! Water war die Geduld gerissen.
Da streckte sie mit erneut heftigem Weinen beide Händej aus und hielt sie ihm vors Gesicht. Die Handrücken waren rot und aufgelaufen wie von einem Schlag.
„No, wat is dann dat?" Bräuer rollte die Augen,
„Et hat wat auf de Fingern gekriegt!" sagte jetzt das kleinste der drei Mädchen und nickte wichtig mit dem rundem weinerlich verzogenen Apfelgesicht. „Weil et schon so groß is und gibt doch iuimer noch kein' Antwort!"
Da schrie das Settchen auf: „Ich kann ihn nit verstehn" und klammerte sich fester an den Vater. „Pappa, och Pappst, lassen wir doch wieder nach Haus gehn!"
Peter Bräuer hielt sein Kind im Arms das vor Schluchzen zitterte, und machte ein seltsames Gesicht: bekümmert, wütend, verdutzt zugleich/ Was, der Lehrer hätte sein Settchen geschlagen?! Der hatte sich das unterstanden?! Die Wut stieg ihm zu Kopf: „Hingehen tu' ich auf der Stell', Red' stehn soll er mir, drei Dag soll de Kerl nit mehr sitzen können, de : de — de Polast!"


