Ausgabe 
18.6.1910
 
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tot Park strömt. Und drüben, am anderen Ufer, grüßen wieder Männlein und Fräulein in gleicher Tracht. Die FFcherm träumt in den scheidenden Tag und summt die Ballade voni Erlkönig vor sich hin, in der seinen, einfachen Bolkslredtveise Coronpi Schröters, die selbst einst an dieser Stelle spielte und sang. Benn flackernden Schein der Fackeln kommen die Fischer herangerudcrt.. Undin Rembrandts Manier" spielt sich das liebliche Tramolet vor uns ab, das Anno 1782 die hohen Herrschaften von Wermar und ihren Hof hier zum ersten Male ergötzte. Tann klingt luftige Musik herüber. Auf der Wiese spieltenJie zum Tanz, und dl« Jahrhunderte drehen sich miteinander un Walzertakt beim ..tonLCit- schein. Und spät erst, wennl'hcnre bleue sHvii envacht ist oder gar der frühe Junimorgen die Mittsommeruacht abloft, wanken sie heimwärts in die Residenz der d>achfahren Karl Augufls, Durch die Straßen huschen in der Dammerung dle^kostuinierten Gestalten wie gespenstige Schatten. Ein Schlussel knnckt. Eme Türe schlägt zu. ein Licht un Fenster blnikt auf und verloscht wieder. ES ist, als schlichen Faust und Mephisto um die Ecke. Was machst du mir, vor Liebchens Tür, Kathrinchcn hier 6cuit frühen Tagesblicke? ..." t .

Offiziell ausgedrückt heißt das alles:Feier zum sunsund^ zwanzigjährigen Bestehen der Goethe-Gesellschaft.' Aber es ist kein Zweifel, daß das filberne Jubiläum der gelehrten .Körperschaft, das am 17. und 18. Juni in Weimar begangen werde» soll, fernen Haupt- und Schwerpunkt in jenem Tiefurter Feste finden wird, das die Künstlerschaft seit laugen Wochen mit heißem Bemühen vorbereitet. Mehr als bei allen andercii Tagungen und Kongressen, an denen unser teures Vaterland keinen Mangel leidet, bringe bei den alljährlichen srühsommcrlichenGoethe-Tagen das, was sich um dasOffizielle" herumgruppiert, die Entscheidung des Erfolges. So wenig wir wahrlich untcrschätzcir wollen, was bei diesen Zusammenkünften seit einem Bicrteljahrhundert an glor­reichen Resultaten wissenschaftlicher Forschung und Betrachtung dargeboten wurde, wichtiger noch war sicherlich allen, die dabei erschienen, das beglückende Bewußtsein: Wir find wieder rn Wei­mar, wir atmen wieder die reine Luft dieser einzigen Stadt, der kein anderes Volk der Welt ein Aehnliches an die Seite zu sehen hat.

Was hat man nicht auf dieGocthc-Philologcii", auf ihre >,Akribie" undWaschzettel-Schnüffelei", auf ihreTrockenheit undPedanterie" gescholten! Gewiß, kein Unbefangener wird leugnen, daß die vielleicht nie wiederkehrende Möglichkeit Leben uiid Schaffen eines der größten Menschen bis tn ein ungewöhnliches Alter hinauf fast von Tag zu Tag zu verfolgen, gelegentlich auch einmal zu kleinlichen Untersuchungen geführt hat. Aber auch solche Handlangerdienste hatten schließlich ihren Wert, weil sie nnthalfen, das wunderbare, emporhebende Paradigma dieses Erdeiiwallens von allen Seiten und Winkeln her zu beleuchten. Wo wäre heute die vertiefte Kenntnis und das innigere Verstehen dieses Riesen­problems ohne die gewaltige Arbeit der Goethe-Wissenschaft, die seit fünfundzwanzig Jahren von Weimar ausgegangen ist und dort ihren bleibenden Mittelpunkt gesunden hat?

Am 18. April 1885 war Walther von Goethe, der letzte Enkel des Dichters, gestorben. Am folgenden Tage ward sein Testa­ment eröffnet: es setzte die Großherzogin Sophie von Sachsen- Weimar zur freien Erbin des gesamten literarischen Goetheschen Nachlasses ein, der ein halbes Jahrhundert hindurch von den se b- samen, verschlossenen, einsiedlerischen Söhnen Augusts von Goethe treulich, doch auch überängstlich gehütet: worden war.. Sofort begann eine emsige, umfangreiche Tätigkeit, bei der die Groß­herzogin ihre reichen Mittel mit souveräner Freigebigkeit zur Verfügung stellte. Tas gewaltige Goethe-Reich wurde tn mehrere Provinzen mit selbständiger Verwaltung zerteilt. Aus dem stolzen Wohnhause des Dichters und Ministers wurde dasGoethe- Nationalmuseum". Der handschriftliche Nachlaß ward zu emem Goethe-Archiv" erhoben, das vier Jahre spater, als Schillers noch lebende Nachkommen ihre Schätze gleichfalls der Großherzogin anvertrauten, in dasGoethe- und Schiller-Archiv" verwandelt wurde. Eine neue Ausgabe der Werke aus Grund des endlich, in vollem Umfange vorliegenden Materials sollte veranstaltet, eine neue umsnsfende Lebensbeschreibung in Auftrag gegeben werden. Und als Stütze aller dieser Pläne,als Träger dessen , wie Herman Grimm es «usdrückte,was in Goethes Namen begonnen worden war," trat eineGoethegesellschaft" zufammen, die sich am 20. Juni 1885 in Weimar konstituierte.

Noch war damals die Generation mcht ausgestorben, die Goethe mit eignen Augen gesehen hatte. Der alte Großherzog! Karl Alexander, Karl Augusts Enkel, war 1818 geboren; er war als Kind mit dem Dichter ost zusammengetroffeii, war mit seinen Enkeln ausgewachsen. Seine schlanke Aristokratengestalt, die bis ins neunte Lebensjahrzehnt ungebeugt blieb, erschien zu den Fest- sitzuilgen der Goethegesellschaft als ein lebendiger Zeuge alt- weimarischer Vergangenheit. Bis zu seinem Tode im Jahre 190,. fehlte eiu nicht ein einziges Mal bei diesen Pfingstversammlungen, wo er mit unermüdlicher weltmännischer Liebenswürdigkeit die fürstlichen Honneurs machte. Neben ihm stand Eduard von Simsvn, der alsgeborener Präsident" auch der erste Leiter und Sprecher der Goethegesellschaft wurde, und in dem noch etwas von der re­präsentativen Würde und großen Geste der greifen Exzellens Goethe selbst auf die Nachwelt gekommen zu sein schien. Es war bei der ersten Jahrestagung nach jener konstituierenden Versamm­lung, also im Frühjahr 1886, als sich beimGoethe-Diner", das.

am Nachmittag der Sitzung folgte, eine Szene abspielte, die diese Zusammenhänge hell beleuchtete. Erich Schmidt, der int Jahre zuvor, 82, in jugendlicher Schönheit strahlend, von seiner Wiener Professur geschieden war, um in Weimar Direktor des Gvethe- archivs zu werden, und der nun bei der Versammlung des Vor­mittags das Füllhorn seiner ersten Jahresernte in den Hand-- schriftenfchätzen ausgeschüttet hatte, erhob sich bei der Tafel, um noch einen kleinen Nachtrag zu geben. Er hatte nämlich in Goetljes Papieren einen Zettel, ich glaube aus dem Jahre 1829, gefunden, auf dem der Dichter feinem getreuen Eckermauii den frisch aus dem ostpreußischeii Königsberg angelangten Dr. jur. Eduard Siinson als einensehr angenehmen jungen Mann" empfahl. Diesen Zettel las Schmidt nun vor, und srohbewegt umdrangte die Tafelrunde ihren Präsidenten, dem die Tränen der Ergriffenheit über die Wangen rollten.

Karl Alexander und Simson, der nur wenige Jahre noch den Vorsitz der Gesellschaft persönlich führen konnte, sind langst dahingeschiedeil. Schon vor ihrem Gatten schloß Großherzogiiij Sophie die klugen Augen, die so scharf und durchdringend um sich blickten. Die alten Weimaraner von heute (das smd Nicht nur die Bewohner der Stadt, sondern wir alle) werden die teilte, be». mögliche Gestalt der energischen Greisin mit den festen weißen Löckchen über den Ohren und dem leisen fremdländtlchen Akzent, den die geborene Niederländerin stets beibehielt, nieutals vergessen/ und sie werden nie aufhören, ihrer unermüdlichen Teilnahme an allen Goetheangelegenheiteii aufrichtigen Dank und Respekt zn zollen. In Weimar spielt der Hof eine andere Rolle wie sonst in deutschen Residenzen. Zn Goethe gehört untrennbar Karl August diese Tradition kann nicht aussterben. Sie ward auch von dem Sohne Karl Alexanders aufrechterhalten, von dem Erbgroßherzog Karl August, dessen bürgerlich-schlichte Erscheinung und Art bis zu seinem frühen Tode 1894 in das Zeremoniell des Heuten Hofes einen Ton erfrischender Einfachheit trug. Nicht minder von feiner Gattin, der Erbgroßherzogin Pauline, die verwitwet nn Schloß als liebenswürdige Wirtin schaltete; auch sie weilt nicht inehr unter den Lebenden. Diese Tradition wird auch von dem jetzigen Fürsten Weimars, dem jungen Großherzog Wilhelm Ernst, dem im Anfang die gewaltige Last der anspruchsvollen Ueberltcferungen nicht leicht gewesen sein mag, treulich bewahrt.

Aber weiter noch dehnt sich der Kreis der Abgeschiedenen/ Gustav von Löper gehört zn ihm, der inehr Goetheforscher als Geheimrat im Berliner Hausministerium war, und der die Auf­gabe der großen Biographie des Dichters ungelöst zuruckließ, Wilhelm Scherer, der zn den ersten Beratern der Großherzogin! Sophie gehörte und schon 1886 starb Erich scynndt »og damals als sein Nachfolger von Weimar nach Berlin; Ernst v. Wilden­bruch, der als poetischer Schiller-Nachfahr sich schließlich zu dau­erndem Aufenthalte an der Ilm niederließ; Herman (srtmnt, der so etwas wie einStatthalter Goethes auf Erden" geworden war; Alexander Meyer, der feine Redner und Goethekeniier, de.sen! Toaste alljährlich stürmischen Jubel weckten; Karl Ruland, der nach Simsons Tod seine Stelle einuahm. Zugleich blieben die überlebenden Altersgenossen der Heimgegangenen allmähliche fort: Paul Heyse, Julins Rodenberg, Karl Frenzel. Eine jüngere Ge­neration rückte an, und als der Repräsentant dieser neuen Beit ward vor einigen Jahren Erich Schmidt zuin Präsidenten erwählt. Und nun begann ein froher Aufschwung.

Als ich vor 20 Jahren zum erstenmal um Pfingsten nach Weimar kam, war es noch ein kleiner Kreis, der lief) etnsanhz Aber er wuchs von Jähr zu Jahr. Die besten Maimer deck Wissenschaft und der Literatur traten auf, um tn ihren Fest-, Vorträgen die Welt Goethes zu umschreiben. Helmholtz sprach Über Goethe als Borahuer kommender naturwissenschastlicyer Entdeckungen, Ottokar Lorenz über Goethe als Politiker, Paul Heyse, Friedrich Spielhagen, Alfred von Berger, Henry Thode, Friedrich Paulsen, Rudolf Eucken, Ulrich von Wilainowitz-Mvllen- dorsf bestiegen das Katheder. Der Arbeit folgten Ausfluge und Feste. So 1894 schon einmal ein unvergeßliches Kunstlersest un Tiefurter Park, gemeinsame Fahrten nach Jena, nach Dornburg, nach Jlmeuati, nach Lauchstädt. Zn den Darbietungen des Hof­theaters erschienen Gäste von glänzenden Namen, an ihrer. Spitze Jo es Kaiuz, der seinen neiigeschaffenen Tasto spielte, ^rnmer höher wuchs die Zahl der Teilnehmer. Auch die stürmische litera-- rische Revolutionsbewegnng um 1890 störte den organischen Fort­gang der Entwicklung nicht, wenn auch die Vertreter des jüngeren Deutschlands fortblieben und nur einen einzigen entsandten! Otto Erich Hartleben, der zechend, tollend und schimpfend, doch unwiderstehlich angezogen,Weimar in die Hand nahm . <is nach dem Tode des Äatiiralismns die Goethe-Begeisterung neu entflammte, die heute die Tagungen der Gesellschaft zu >o etwas wie nationalen Jahrfeiern der Kunst und der Geisteswissenschaften gemacht hat im Zeitalter der Technik und der Geldwut sehr wohltätige und notwendige Gegendemonstrationen. Wenn auch der Trubel in Weimar ein bißchen stark angeschwollen ist und tu seinem Wirrwarr viel begräbt, was früher an feiner, stilleck Stiuimnng sich ausbreitete: der genws loci der Stadt ist zu ge­waltig, um nicht auch im Lärm von Hunderten icute aufruttclude, beglückende, läuternde Macht auf jeden Einzelnen anszuben.