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als er selber und elastisch in jeder Bewegung wie ein. gut Trainierter! Die Leute mußten untersetzt werden, nach Kräften!
„Ich werde Ihnen morgen meinen Stellmacher her- schicken," wiederholte er noch einmal, „uuv auch noch den Schmied!" ' t „
Helene saß schon lange wartend ans dem Wagen. Hie hatte ihren Mann, der, einen Fuß aus den Balten stützend und die Hand mit der Peitsche in die Seite stemmend, den Leuten zuhörte, beobachtet; iiun waren a.le drei miteinander hinterm Neubau verschwunden. v
Sie wartete noch eine Weile ganz geduldig, aoer als sie iioch immer nicht zurückkehrten, schlang sie die Zügel um den Haken am Änischbock und sprang voni Wagen. Der Traber stand auch so. , ,
Neber den gläsernen Himmel, leicht angegraut vom mehligen Dunst der Felder, kroch schon ein Abendrot. IM Schleier der sich mählich ankündenden Dämmerung wurde alles milder. Noch lag viel Glanz über der Flur, aber fein grausamer mehr, der den Augen weh tat; er wurde friedlich. Ans einem Tüntpel, den man nrchr sah, stieg Fröschesang, wie im Schlaf, ganz traumhaft. Und — horch! — war das nicht schon die Wachtel, die zu Abend iin Kornfeld ries? , u.,, ,. ,
Tie junge Frau lächelte: sieh da, ganz dicht Himer jener Ansiedlerscheune kam jetzt ein Rebhuhn aus dem Äcker spaziert! Als wußte es, daß die Jagd noch nicht drohe, trippelte es, vertrauensselig Wie eine gute Henne auf dem Hühnerhof, über die Straße, in den Acker jenFits, und die jungen Hühnchen folgten unbefangen. .
Langasm glitt das Abendrot weiter und weiter über die Himmelsglocke, während das kolossale Ruud des Sonnenballs ungehindert, von überall frei zu sehen, mehr und mehr hinabrutschte gegen ihren Rand. Wie schon war das!
Das Jubiläum der Gsethe-Gesellschast.
Zu ihrem fünfmidzwanzigjährigeu Bestehen (18. Fnnih
Von Dr. MaxOsborn (Berlin).
Dnrcb die Straßen Weimars wogt ein buntes Trewen Alte Zeiten sind wieder lebendig geworden. Auf dem Marktplatz, wo stattliche Patrizierhänser mit melstockigen Dachgeschossen und hohen Renaissancegiebeln von verklungenen Jahrhunderten erzählen, durch die gewundenen engen Gäßchen, wo jeher
stolze Erinnerungen an die Jahrzehnte heraufbeschwort, da Weunar, „wie Bethlehem in Juda, klein und groß , die heimliche Laupd, stadt Deutschlands war, um die ehrfurchtsvoll behüteten Statten,- wo unsere Größten einst wohnten und wandelten, auf dem Theater-. Platz, den Rietschels Doppeldenkmal als em Wahrzeichen beherr chst bis zum Schloß und zum Park und zum Friedhof hm, der so viel teure Gräber birgt, tummelt sich eine festliche Menge. I»ngö Herren in kecker Werthertracht, würdige Manner in gravitätischem Zopfkostüm, Frauen und Mägdelein in Reisrocken, geblumten Stoffen und hochgetürmten Lockenfrisuren, Ritter und LandsMechte aus Götzens Zeit, niederländische Burger, die dem Grafen Egmont zujubelten, Salzburger Emigranten, Zigeuner, Italiener und fam rendes Volk. Und zum Tor hinaus walzt sich,der Zug, den Hügel ioeg empor, von dem der Blick auf das Städtchen imTahaM die, Höhen und blühenden Felder des Thüringer Landes schwE durch die dunklen Waldschatten das Webichk, und wieder hmuntei/ wo, gebettet in das saftige Grün Prangender Baumrresen, Schwn< chen Tiefurt liegt, Anna Amaliens zierliche Sommerresidenz. Dort machen sie Halt. Und wenn die Dämmerung smtt, sammett sich der ganze Troß anr User der Ilm, die leise glucksend d ch
mer muß sich als jetzt in alles schicken, sagt meine Mann." Sie seufzte. „Mer Lars der Mut nit verlieren, und — sagte der Peter — die Kommission hat uns hierhin gebracht, die hat nun auch für uns aufzukommen. — Sie sind wohl auch nit von hier, Madam?" , . -
Augenscheinlich erkannte die Frau die Dame nicht wieder. Als Helene sic an ihre erste Begegnung erinnerte, schossen ihr plötzlich die Tränen in die Augen.
„Och/wie wir zugezogen sind — dar waren Sie? Och herrje!" Geschwind faßte sie nach Helenens Hand: „Dat freut mich aber, dat ich Ihnen danken kann! Dat erste „Guten Tag" — ne, Madam, dat hab' ich nit vergessen! Och, Madam, entschuldigen Sie," — sie fuhr sich nut der Schürze über die Augen — „bei uns zu Haus bin ich gar nit eso, aber hier muß ich immer weinen!"
Helene tröstete: „Das ist nur im Anfang so, der Anfang ist ja überall schwer. Passen Sie mal auf, nacystes Jahr wissen Sie nichts mehr von Heimweh; da lacheii Sie drüber! Es ist hier auch schön!"
„Meinen Se?" Zweifelnd schüttelte die Frau den Kopf. „No, wenn Sie ’t sagen, dann soll et wvhl wahr fein!"
Vertrauend schaute Kettchen zu der hochgewachsenen Dame auf, und daun lächelte sie hoffnungsvoll: „Wenn et so kömmt, wie Sie sagen, Madam, dat et uns gut geht hier, daun will ich auch wallfahren gehen nächst Jahr. Sicher uu gewiß, dat gelob' ich! Hier kann mer doch wallfahren gehen, gelt, Madam." .
, O ja!" Eine leichte Zurückhaltung lag plötzlich in Fran von Doleschals Ton — wie schade, diese nette Frau war nicht protestantisch?!
Und als ob die andre instinktiv diese Enttäuschung fühle, hielt auch sie sich nicht mehr zurück.
Schweigend blickten beide hinaus aus die Ebene, in den lastenden Horizont, den flammeiide Abendröte lme nut blutigen Schwertern zerfetzte.
Als Helene jetzt ihren Mann sehr eilig zwischeii den Ansiedlern daherlömmen sah, unterdrückte sie nicht einen Vorwurf: „Aber Hanns-Martin — endlich!"
Verzeih! Ungeduldig geworden, mein Herz?! Bitte, verze'ih! Es hatte mich so interessiert! Herr Bräuer hat mir seine ganze Stelle, seinen Bau, seinen Acker, kurz, alles was drum und dran, gezeigt!" Doleschal war angenehm erregt und reichte beiden Männern die Hand zum Abschied: „Es wird jetzt schon werden, wird ganz famos werden! Auf Wiedersehen!"
Tu," sagte Helene leise, als sie am Arm ihres Mannes zum"Wagen schritt, „die sind ja katholisch. Und ich dachte doch, hier sollten nur Evangelische her? Es klang bedauernd: „So nette Leute!" „ ,
Sa, das läßt sich nun doch nicht ganz streng durchführen, diese Sonderung der Kousessioilen. Aber was I macht's? Es sind doch wenigstens Deutsche!" I (Fortsetzung solgt.l
In einem Gefühl, das sie manchmal überwältigte, angesichts dieses weiten Himmels, der wie ein Meer über dem Meer der Felder schwimmt, ohne Ufer, ohne Bc- qrenzuna, schauerte die Einsame. Am wirklichen Meer war sie gewesen, die mächtigen Wogen der Nordsee hatte sie aufgewühlt im Sturm gesehen und auch wieder glatt. Ihr Mann hätte sie auf Schweizergipfel geführt — sw standen auf einem seht hohen Berg nn'o sahen unter sich alle Schatze der Natur und ihre Herrlichkeit; im sich teilenden Grauen der Morgennebel glänzte die Weite der Welt zii innen herauf, und sie selber waren ein junges Paar im ersten Rausche nicht endenden Glücks gewesen — aber nie, me war ihr die ewige Unendlichkeit so klar geworden wie hier.
Starren Auges schaute sie. Da, grad aus, Pociecha- Dorf, der Turm der schwarzen Holzlirche zeigte es weithin! Dort Chwaliborezyce! Ganz auf der andern Seite: Przch borvwo mir Miasteezl'o, dem kleinen Landstädtchen, im Rücken! Und dort grüßte der Deutschauer Berg! „Lysa | Gora", Kahler-Berg, wie ihn die Leute nannten. Jeden Gutskomplex -— eine Insel im Meer — wußte sie zu be-- nemten; wußte, wieviel Pappeln die dünne Allee von Chwali- borczhce zählt, hatte achtmal schon die dornigen Akazien von Vr-yborowo blühen und sich entblättern gesehen, war so glücklich hier und doch — sie fühlte die Nebel der Niederung, die um Soiineimutergang plötzlich schauerten, durchs leichte Sommerkleid kält auf der Haut.
„Hanns-Martin," rief sie fröstelnd, „Hanns-Martin, wo bist du?!" , t
J-br Ruf hallte. Aus der Holzbaracke, unweit des Neubaus, trat eine Frau, und Kinder drängten sich ihr nach; sie schauten alle neugierig .zu der fremden Dame herüber. " r „ ..
Helene erkannte die Fran: es war dieselbe, die sie letzthin bei den einziehenden Kolonisten gesehen hatte, aber das'Gesicht sah jetzt älter aus, als seien nicht erst vier Wochen seit jener Begegnung am Kreuzweg verstrichen.
„Wünscht die Tarn' wat?" fragte die Frau hö-flicy.
Helene trat rasch auf sie zu. „Mein Mann ist, glaube ich, mit Ihrem Mann fortgegangen, sonst hätte er mich gehört. Ich werde hier bei Ihnen warten!" Sie hatte das Bedürfnis, nicht länger allein zu fein.
„Settcheu, hol' der Madam rasch ’ne Stuhl heraus," wies Frau Kettchen ihr ältestes Töchterchen an. Und als die Kleine einen Schemel brachte, wischte sie, wie entschnl- diqeiid, mit der Schürze darüber hin: „Nehmen Sie als vorlieb! Wir sind et auch besser gewöhnt, Madam! Aber


