Ausgabe 
18.5.1910
 
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Sein Wiedererscheinen war schon lange aus den Anfang dieses Jahres vorausgesagt und sein Periheldurchgang . auf den 17. Mai bestimmt worden. Tatsächlich. erfolgte er aber schon am 19. April, also einen Monat früher. Tie Ungenauigkeit liegt darin, daß man bei einem Kometen, der infolge seiner kleinen Mass« so leicht aus seiner Bahn abgelenkt werden kann, das Maß der Störungen seiner Bahn nur sehr schwer voraussehen kann. Tze -im vorigen Jahre angeftcllte Vorausberechnung hatte auf 2 Tage genau gestimmt.

Mit den Störungen der Bahn hängt es auch zusammen, daß die Umlausszeit nicht immer gleich ist und zwischen 74 und 79 Jahren schwankt. Im Durchschnitt beträgt sie 76,3 Jahre.

Am 12. September v. I. wurde der Komet zuerst von Prof, Max Wolf in Heidelberg ans photographischem Wege ausgefunden, Seitdem wird er auf allen Sternwarten eifrig mit dem Fern­rohr beobachtet, photographiert und spektroskopisch untersucht.

Der Komet lief zunächst-hinter der Sonne her, so daß er abends nach Sonnenuntergang zu beobachten war. Ende März stand er hinter der Sonne, infolgedessen Ivar er in dieser Zeit unsichtbar. Seitdem läuft er vor der Sonne her, so daß er jetzt morgens vor Sonnenaufgang zu sehen ist. Er nähert sich nun allmählich wieder der Sonne und steht an dem berühmten 18. Mai vor ihr, so daß er dann in dem hellen Sonnenlicht einige Zeit wieder unsichtbar bleibt. Er erreicht um diese Zeit auch seine Erdnähe mit etwa 23 Mill. Km. Nach dem 18. Mai läuft er wieder hinter der Sonne her, so daß er von da ab nnebied abends nach Sonnenuntergang zu beobachten sein wird. Leider wird das nur kurze Zeit dauern, da er sich nun sehr-rasch weiter bewegt und bald für das bloße Auge wieder verschwinden wird.

Die jetzt vielfach zu findenden Bilder--der Erd- unu Ko-metenbahn leiden alle an dem großen Fehler, daß sie den Eindruck erwecken, als ob die beiden Ba-hn-en sich berührten oder schnitten. Das ist aber durchaus nicht der Falk. Die beiden Bahnen, die ellip- jische des Kometen und die nahezu kreisförmige der Erde stecken ineinander, aber ohne sich irgendwie zu berühren. Man darf sich eben diese Bilder nicht flächenhaft vorstellen, sondern muß sie räumlich ausfassen. Geschieht das, so ist sofort die Befürchtung, es könnte ein Zusammenstoß der beiden Himmels­körper erfolgen, als Unsinn erwiesen.

Damit komme ich noch auf einige Fragen zu sprechen, die viele von uns zurzeit, wo wir ums dein vielgenannten und ge­fürchteten 18. Mai nähern, außerordentlich beschäftigen und be­wegen.

Eine Frage, die uns alle interessiert, ist zunächst die: Was wird uns der Halley'sche Komet diesmal bieten? Ich glaubez er wird uns große Enttäuschungen bereiten. Zunächst wird uns hsr Komet diesmal keine so schöne und glänzende Erscheinens zeigen, wie er es in früheren Jahrhunderten den Berichten nach wohl oft getan hat.

Dazu steht er diesmal meines Erachtens zu ungünstig. Ich meine damit nicht seine wirkliche Stellung im Weltenraum', sondern seine scheinbare Stellung am Himmelsgewölbe, und darauf kommt es für die Sichtbarkeit in erster Linie an. Er steht fast immer so nahe bei der Sonne, daß er nur ganz kurz vor ihrem Aufgang oder kurz nach ihrem.Untergang sichtbar ist.

Außerdem steht er noch zwischen uns und der Sonne. Das ist Ungünstig, weil wir deshalb den Schweif nur verkürzt sehen. Günstig wäre es, wenn wir gerade auf den Schweif sehen- könnten. So aber sehen wir in den Schweif hinein und darum kommt seine Länge nicht yir Geltung.

UM dann, das ist meines Erachtens noch nirgends hervop- gehoben worden, 'steht am 24. Mai Vollmond in Aussicht. Der Mond geht also bis zu dieser Zeit vor Sonnenuntergauig! puf und wird durch sein Licht störend auf . die Sichtbarkeit des Kometen wirken. Erst vom 25. Mai an können wir auf bessere Sichtbarkeit rechnen, weil dann der Mvnd nach Sonnenuntech gang aufgeht.. Um diese Zeit ist aber der Komet schon reichlich weit von der Sonne entfernt und ich fürchte, daß seine Erschei­nung nicht besonders glänz eich sein wird, weil das ja- sehr wesentlich von der Sonnennähe abhangt.

Eine andere ost aufgeworfene und vjon ängstlichen Gemütern viel erörterte Frage ist die: -

Was haben wir von einem Zusaimmönstoß mit dem Halley'schen Kometen zu befürchten?

Dia Frage ist nach Meinen vorausgegangenm Erörterungen leicht zu beantworten mit: Gar nichts.

Ein Zusammenstoß des Kometen mit der Erde ist einfach deswegen ausgeschlossen, wie ich oben schön anssührte, weil sich' die Bahnen der beiden Himmelskörper gar nicht berühren oder schneiden.

Aber auch wenn sich die- Erd- und Kometenbahn in einem Punkte schneiden würden, wäre es ein außerordentlich großer Zu­fall, wenn sich beide Himmelskörper gerade zu gleicher Zeit an diesem einen kritischen Pimkt ihrer langen Bahn befinden würden.

Und wenn wir nun wirklich einmal annehmen, daß alle Vor- vemngungcn gegeben wären und ein'Zusammenstoß erfolgte, so würde er nuferer Erde bei der außerordentlich geringen Dichte pes Kometen gar nichts ansmachen. Es würde das zutreffens, was kürzlich ein englischer Astronoin einem lästigen Frager in fmnem UnMuh M Vergleich anWrte, Ex sagte, hei einem Zu­

sammenstoß Mit dem Kometen würde di« Erde gerade so viel ver­spüren wie ein Rhinozeros, das mit einem Spinnengcwebe zu- sammenstüßt. Ein anderer hat es verglichen mit einer Kanonen­nigel, die durch einen Mückenschwarm fliegt. Dabei ist noch gar nicht die 80 Kilometer dicke Lufthülle in Rücksicht gezogen, di« die Erde wie ein Luftpnffer umgibt.

Tas sind nun nicht bloß willkürlich gewählte Vergleiche-, sondern sie stützen sich auch -aufBeobachtungen ays anderen Himmels­körpern.

Im Jahre 1767 und noch einmal 1779 kam nämlich der sog. Komet Lexell dem Jupiter sehr nahe und man war natürlich sehr gespannt, was dabei erfolgen würde. Dem großen Jupiter ge­schah gar nichts. Er setzte ruhig seinen Weg fort, als ob sich nichts ereignet hätte, und seine Bahnberechnung stimmt noch genau so wie früher. Der notleidende war nur der Komet, der durch den Zusammenstoß so aus seiner Bahn geworfen wurde/ daß er seitdem eine elliptische Bahn beschrieb mit der kürzest Umlaufszeit von etwa ö1/« Jahren. Im Jahr 1779 versucht« es derselbe Komet noch einmal mit dem Jupiter. Der Jupiters stieß ihn nun sehr energisch aus seiner Bahn, unl>' seitdem hat der Komet wieder eine so langgestreckte Bahn, daß er uns wohl kaum je wieder sichtbar werden wird.

Und nun noch die Frage: Was wird uns die Nacht vom 18. züm 19. Mai bringen? Wahrscheinlich mich eine große Ent­täuschung. Sicher ist, daß der Komet zwischen Sonne und Erde hindurchgeht, es fragt sich nur, an welcher Stelle. Geht der Komet genau zwischen 6en Mittelpunkten von Erde und Sonne hindurch, so ist es sicher, daß der Schweif des Kometen, vorausgesetzt, daß er gerade und lang genug ist, genau auf die Erde trifft.

Die Wahrscheinlichkeit, daß gerade diese Mitte getroffen wird, ist außerordentlich gering.

Geht aber der Komet, wenn auch- nur wenig, oberhalb odeü unterhalb der Mittellinie zwischen Erde und Sonne hindurch^ so geht die Hauptrichtung des Schweifes auch- oberhalb oder unter­halb der Erde her.

Mir würden vom Schweife dann nur getroffen, wenn er stark gekrümmt und zufällig gerade auf dieErde zu gerichtri wäre oder wenn er wie ein Fächer so ausgebreitet wäre, daß ein Teil von ihm die Erde trifft.

Selbstverständliche Voraussetzung dabei ist natürlich, daß der Schlveif laug genug ist, nm die Entfernung von etwa 23 Mill. Km. des Kometen von der Erde zu überbrücken.

Die Möglichkeit ist aber vorhanden und es' fragt sich nun: WaS werden wir davon merken?

Große Furcht bereitete vielen die Nachricht des französischen! Astronomen Flammarion, der behauptete, der Schweif des Ko-, nieten enthalten Blausäure, die beim Auftreffen auf die Erdej den Menschen gefährlich werden könnte. Zunächst ist elfter. das! Vorhandensein von Blausäure im Schweif noch gar nicht sicher, auch wenn wirklich im Kometenspektrum Linien der Bestandteile! der Blausäure gefuiidcn worden sind. Wenn sie aber wirklich vorhanden ist, könnte es nur in verschwindend kleiner M-enge fein., Und dagegen schützt uns doch wohl wieder die nahezu 80 Km., dicke Luftschicht, die die Erde umhüllt. Sie dürfte genügen, UM dem Eindringen des- Gases Einhalt zu gebieten und es so zu! verdünnen, daß es unschädlich würde.

Mit Rücksicht auf die an anderer Stelle angegebenen ver­schiedenen Theorien über' die Schweifbildung des Kometen wäre es sehr zu wünschen und für die Astronomen von außerorde!ntli!cheM Interesse und größter Wichtigkeit, wenn der Schweis unsere ErdS treffen würde und die Astronomen Mitten drin stehend ihn sich ansehen und erforschen könnten.

Es wurde zu diesem Zweck eine Reihe von Expeditionen nach den nördlichen Gegenden der Erde ausgerüstet, die in erster .Linie die Aufgabe haben, festzustellen, ob der Kometenschweif, irgend welche elektrische Einwirkung ausübt oder elektrische Er- fcheinuiigen auf der Erde, wie große Nordlichter oder magnetische Störungen, mit sich bringt. ~

Andere erwarten beim Vorübergehen des Schweifes Helle! Lichterfchcinungen, etwa wie beim Strahl des ScheinwerferÄ andere einen größeren Sternschnuppcnfall. i Ein jeder denkt sich das Zusammentreffen mit dem Schweif eben je nach der Ansicht, die er sich! von der Mbur der Kometenschweife gebildet hat. Keiner weiß etwas genaues.und die Erwartung ist groß; ganz­besonders zu hoffen und.zn wünschen wäre es, daß in dieser Nacht schönes klares Wetter ist und daß, die vielen Anstrengungen, Bor- bcreitungen und Bemühungen der Astronomen für diesen Tag- nicht ganz umsonst find'.

Was uns der Halley'sche Komet in den nächsten Wochen und besonders am 18. Mai aber auch bieten mag, so viel ist sicher, wir brauchen uns nicht banger Sorge oder bleicher Furcht hinzugeben.

Wir können uns der Erscheinung des Kometen, mag sie nun glänzend sein oder die Erwartungen täuschen, nur freuen und dürfen dabei stolz fein auf die großen Fortschritte, die der menschliche Geist auch auf diesem schwierigen Gebictt unter ge­schickter Ausnützung der ihm von Wissenschaft und Technik ge­botenen Hilfsmittel erzielt hat.