Ausgabe 
18.5.1910
 
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Ihres Vaters Tochter.

Roman von Lulu von Strauß undTorney, (Nachdruck verbalen.)

(Fortsetzung.)

26. April.

Wenn ich überzeugter Spiritist wäre, würde ich von Hellsehen und seelischer Fernwirkung reden. Wenn ich fromm wäre, würde ich an ein Wunder glaubten. Ich bin nahe daran.

Ich sehe den Brief an, der da vor mir auf dem Tisch liegt, lese ihn zum dutzendstenmal und fahre mit der Hand über die paar großen ungeschickten Kinderschriftzüge unten tot Rand des Bogens: ,Joseph-.

Seppl hat das selbst geschrieben, mit den Buchstaben, die ich ihn gelehrt habe.

Ich hatte ihn vergessen in diesen tollen, seligen, elenden Tagen, wie ich die ganze Welt außer dem einen vergessen hatte. Die kurze Viertelstunde vor der Abreise bei Bern- hardis ist mir ganz eindruckslos vorübergegangen. Aber jetzt sehe ich ailf einmal deutlich die großen bettelnden Augen und höre die Stimme, ganz voll mühsam herunter­geschluckter Tränen:Bitte, net wcggehn!"

Mer sollte heute nicht mein letzter Tag sein? Soll ich mich von Kinderhänden im Leben festhalten lassen? In einem Leben, das ich hasse, das ich schon ansah wie etwas, das hinter mir lag?

Nein, ich will nicht! Ich war fertig und mag nicht wieder anfangen. Mein Entschluß bleibt stehen!

*

Bernhardts Schrift sah mir gleich auf dem Umschlag so bekannt aus. Es ist noch die gleiche, die ich aus den alten verblaßten Briefen kenne, nur vielleicht etwas nach­drücklicher und ohne überflüssige Beistriche. Auch die Art noch die gleiche, derb und geradezu, ohne Umschweife.

Der Junge außer sich über meine Abreise, halb krank, daß er ihm ernste Sorge macht. Und

. . . als egoistischer Vater, da ich weiß, daß Sie allein sind, genug Platz und für niemand sonst zu sorgen haben, bring ich Ihnen den Seppl für ein paar Wochen. Wenn Sie uns nicht wollen, telegraphieren Sie gleich ab', sonst sind wir Dienstagabend bei Ihnen. Ich reise am andern Tag wieder, aber die Zeuz müssen Sie schon mit in den Kauf nehmen, da sie körperlich für den Buben sorgen muß.

Schimpfen Sie über meine Unverfrorenheit, so viel Sie mögen, aber seien Sie gut gegen den Buben, er verdient's um Sie. Aber das brauch ich Ihnen wohl nicht zu sagen."

*

Soll ich telegraphieren? Soll ich nicht?

Seit Stunden laufe idji mit dem Brief in der Tasche herum und weiß nicht, was tun. Die Dämmerung dieses

Tages fängt schon an, die ich nicht mehr hatte sehen wollen. Wenn ick) nicht in einer Stunde telegraphiere, ist es zu spat.

Ich schäme mich vor mir selbst. War denn alles nur eine Laune? Bin ich so charakterlos, daß ein Kind memen heiligsten Entschluß umstoßen kann?

Vorhin kam mir der Trotz. Soll ich mir von fremden Händen den Weg versperren lassen, der für mich der einzige ist?

Ich habe mich hingesetzt und hastig den Wortlaut des Telegramms geschrieben: .Bitte, nicht kommen. Leider verhindert.-

Jch war schon in Hut und Mantel, UM es selbst zur Post zu tragen. Aber als ich aus dem Dor wollte, war es mir, als ob mich etwas festhielt und zurückzog, sich an mich klammerte: hast dir denn das Recht, zu gehen, tvenn cs noch jemand gibt, dem du etwas damit, nimmst? Und wenn es auch nur ein armselig krankes Kind ist?

Und kannst du deine Seele losmachen von dieser kleine» Seele, die nach dir schreit und dich braucht?

Ick) bin wieder umgekehrt. Ich weiß nicht, was ich will.

*

Ich habe die Frist verstreichen lassen, es ist dunkeh Ick habe einen Kompromiß mit mir selbst geschlossen.

Ick) bleibe. Um des Kindes willen bleibe ich.

Aber ein aufgeschobener Entschlich ist kein vernichteter. Ich lege ihn beiseite und decke ihn zu, daß kein unbe­rufenes Auge ihn findet. Und tvenn der Tag kommt, wv ich vor mir selbst das Recht und die Freiheit habe, ihn auszuführen, dann werde ich fertig sein. Nach Tagen oder nach Wochen ich weiß es ccicht. Ich weiß nur, daß meine Seele dem Leben nicht mehr gehört, itttb daß ich in Garten und Haus herumgehe wie ein Revenaut, der die Stellen seiner vergangenen Existenz besucht!

27. April.

Eine sonderbare Ernüchternng ist heute in mir. Gestern stand ich zwischen Tod und Leben uitd wägte sie in meinen Händen. Heute schleppe ich mit Marie meine alte Kinder- bettjstelle vom Boden und leime Schwefelholzbeine in die Holzleiber der Arche-Noah-Diere, denen meine kindische Lei­denschaft ihrerzeit schlecht bekam,

Professor Bernhardt muß in meines Vaters Zimmer einquartiert werden. Ich habe Marie alles dort einrichten lassen, ich selbst bin mit keinem Schritt über die Schwelle gegangen. , . . .

Wie die banale Alltäglichkeit einen eifrig wie ein ge­schwätziges altes Weib wieder in ihren Kreis hereiuzsrrt. Es ist zum Lachen!

Wenn es nicht zum Weinen wäre! Wenn nicht unter den banalen Kleinigkeiten des Tages ein dunkler Strom ginge, langsam und tief und schwer. Und der Strom ist nichts als Bitterkeit und. Sehnsucht, verzweifelte Sehnsucht!