Ausgabe 
18.4.1910
 
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Generation Frenndin nnb Vertraute ist, wird sie auch rhren Einfluß auf sie bewahren und ihr helfen können, den rechten Weg in oem Wirrsal der Gegenwart KU finden, in der' wir doch nun einmal alle stehn.

Zum Glück gibt es ja auch solcher Mütter viele. Bon Unten gebt ein Segen aus, nicht allein für ihre Fannnc, nein, für'alle, die in ihre Kreise treten. Dre höchste Bii- düng verschafft der Frau nicht das Hören von Vorlesungen noch die berufliche Schulung, sondern die.Harmonie einer Persönlichkeit, der nichts Menschliches fremd ist, die ein warmes gütiges Herz mit weitem Mick und geistigem Ver­ständnis, die Klugheit mit vornehmer Gesinnung und un­befangenem Menschengefühl vereint.

Je mehr solcher Mütter sich selbst, erziehen, desto mehr wird das Elternhaus die Kinder wieder an sich zu fesseln vermögen. Der Sohn wird lernen, in der Mutter das Vor­bild der modernen Frau im besten Sinne des Worts zu sehen und auch die Schwester in ihren neuen Zielen zu verstehen. Damit wird für ihn bei der Wahl der Lebens­gefährtin der Reiz der auf ihn dressierten jungen Damen sinken und der der geistig entwickelten und tüchtigen Mäd­chen steigen. Diese aber werden die schönen weiblichen Eigettschaften, die sie in der Zeit der Werdekämpfe viel­leicht eingebüßt haben, wiederfinden, tvenn der Anteil des Mannes ihnen gesichert ist. Denn nicht gegen ihn, sondern mit dem Manne zu gehen, ist ja doch der Wunsch aller weiblichen Wesen, auch der emanzipiertesten.

Russisches, Allzurussisches.

Gegen Ende des vergangenen Jahres fand- wie die Münchener medizinische Wochenschrift mitteilt, in Moskau der Prozeß gegen die beiden Redakteure einer hochange- sehenen, von der Behörde unterdrückten ärztlichen Zeit­schrift statt, weil sie einen Aufsatz überdas politische De- portationswesen in sanitärer Beziehung" ausgenommen hatten. Obgleich die Moskauer Zensur in diesem Artikel die Verbreitung wissentlich unwahrer Angaben über die Tätigkeit der Regierungseinrichtungen und Behörden er­blickte, die geeignet seien, die Bevölkerung gegen sie feind­lich zu stimmen, mußten die Angeklagten fteigesprochen werden. Denn die Zeugen, darunter auch zwei erst kur^ vorher aus der Verbannurrg znrückgekelwte Aerzte, bestä­tigten, daß der Aufsatz der Wahrheit e .spreche und nicht nur von jeder Uebertreibung frei sei, soildern im Gegenteil hinter der Wirklichkeit zurückbleibe. Es wurde vor Gericht bezeugt, daß viele Verbannte keine Ahnung haben, wes­halb sie eigentlich die Strafe betroffen habe. Alle Ver­bannungsorte sind in gesundheitlicher Beziehung fast durch­weg äußerst ungünstig und imstande, .auch die beste Ge- kundheit zu untergraben. Den entsetzlichen Verhältnissen des Kreises Narym im Gouvernement Tomsk widersteht aber kein noch so kräftiger Organismus. Die Verbannung dorthin kommt einem Todesurteil gleich, der Aufenthalt einer langsamen Hinrichtung. Die kulturellen Verhältnisse sind ebensoideale" wie die gesundheitlichen.

Die überwiegende Mehrzahl der Verbannungsorte be­steht aus weitab von allem menschlichen Verkehr liegenden, rn der Zivilisation zurückgebliebenen, elenden Nestern mit geringer Einwohnerzahl. Die Ortschaft Narym z. B. ist von der Stadt Tomsk 500 Kilometer entfernt; im Sommer wird die Post einmal in 9<10 Tagen, im Winter einmal in zwei Wochen zugestellt; im Frühjahr und Herbst ist die Postverbindung je einen Monat lang durch Regengüsse unterbrochen, die eingeborene und die unfreiwillige Ein­wohnerschaft also von aller Welt abgeschlossen. Einer der Verbannungsorte im Gouvernement Archangelsk ist von der nächsten Stadt 700 Kilometer, von der nächsten Eisen­bahnstation 1000 Kilometer entfernt. Der Ort Srednq- Kolymsk im Gouvernement Jakutsk besitzt 500 Einwohner und ist vom nördlichen Eismeer 700 Kilometer, von der Stadt Jakutsk 2800 Kilometer entfernt; die Post lirirb nur im Winter einmal monatlich zugestellt; das ganze übrige Jahr hindurch ist überhaupt keine Postverbindung vor- handen. Die Beförderung nach diesen Verbannungsorten dauert nicht geringe Zeit. Die längste Reise bis zum Be­stimmungsort dauert vier Monate. Jil der Verbannung angelangt, steht den Verbannten ein aufreibender Kampf mit Not, Entbehrungen, Hunger, Kälte, Klima, Krankheiten, be­

hördlicher Hartherzigkeit und Willkür bevor, der Geist und Körper verdirbt. Dabei herrscht die entsetzliche Gepflogen­heit, die Einwohner des Südens nach dem höchstett Norden, zu schicken und utngekehrt. Deshalb gehen z. B. auch die ntidji dem Norden verbannten Kaukasier alle an Tuberkulose zu­grunde. Welch entsetzliche Wirkung auf das Nervensystem die ganzerr Begleitumstände der Verbannung autzüben,.geht aus der hohen Zahl von Nervenleiden, Schwer inul'tisw. hervor, die unter diesen Unglücklichen herrschen. Der Selbst­mord befreit viele dieser Aermsten von ihren Qualen. Aus dem Kolhmsker Friedhof für Verbannte bergen oie Gräber lauter Selbstmörder. Zu alledem kommt noch hinzu, daß, den Erkrankten nur dann ärztliche Hilfe zuteil wird, wenn sich intter den Verbannten zufällig ein. Arzt befindet.

Tas alles könnte man für Märchen oder für Geschichten aus dem finstersten Mittelalter halten. Es sind aber Tat­sachen, die in unserer modernsten Zeit sich täglich ereignen, Tatsachen, die so allbekannt sind, daß nicht einmal ein russischer Zensor sie leugnen kann, daß nicht einmal ein russisches Gericht sich ihrer Tatsächlichkeit verschließen kann..

F.

vermachtes.

* Napoleons Landhaus auf Elba. In de» letzte» Tagen wurde durch französische Mätter der unmittelbar bevor­stehende Verkauf des Landhauses S. Martino auf Elba, das Napoleon I. erbauen liefe, angekündtgt. Dieses Haus enthielt nur noch sehr wenig echte Erinnerungen an den Kaiser, die Möbel vor allem sind, nachdem die alten in alle Winde zerstreut worden waren, erst nachträglich dazugekauft und zu Napoleon- Erinnerungen gestempelt worden. Die Villa - selbst ist erst auf Anordnung des gefangene« Kaisers, der vorher in dem noch heute stehenden Palazzo Mulini wohnte, auf einer kleinen Anhohe etwa vier Kilometer von Porto Ferrajo erbaut worden. Sie ist eigentlich nur ein einfaches Landhaus mit blendend weißen Mauern, aus einem Erdgeschoß und erstem Stock bestehend, den ein Ziegeldach überdeckt. Diefalle des Pyramides" im Erd­geschoß ist der Hauptraum des ganzen Gebäudes und der ägyptischen Zeit Napoleons geweiht. An diese inneren Fresken im ägyptische» Stil, die Hieroglyphen, Pyramiden und Minarets darstellen, aber nicht von der geringsten künstlerischen Bedeutung sind. Eine In­schrift auf dem Kamin besagt: Nbieumgue felis Napoleo (Napoleon ist überall glücklich). Das Einzige, was bestimmt noch von dem Kaiser herrührt, ist eine steinerne Badewanne in einem der an­stoßenden Gemächer, doch auch diese hat Napoleon nicht oft benutzt, öenn er sand in S. Martino nicht die erhoffte Kühle, aber auch nicht viel von der befürchteten unfreiwilligen Muße, denn bald rief ihn sein Schicksal hinüber an die Küste Frankreichs, ivo ihn die letztenhnnoert Tage" seiner Kaiserglorie erwartete».

DK. 3» einem ernste» Kampf kam es gelegentlich eines Stiergefechtes in dem portugiesische» Städtchen Al­meria. Me eigentlich Ursache des Streites geht aus den vor­liegenden Berichte» nicht klar hervor, es scheint aber, daß die Zuschauer mit den Leistniigen der Stierkämpfer und mit ben Tieren nicht zufrieden waren. Ma» machte seinem Unmut in der verschiedenste» Art Luft, und als das nichts half, begannen die Leute die Stierkämpfer mit Orange» und allen möglichen anderen Wurfgeschossen zu bewerfen. Die Leitung des Theaters wollte sich in das Mittel legen, und das war das Zeichen für einen allge­meine» Ausstand. Die Leute gerieten m eine furchtbare Wut und begannen das Theater zu zerstöre». So kam es zu einem regelrechten Kampf, während defse» auch die Kasse geplündert wurde. Es wird aber berichtet, daß die Polizei sich in ben Besitz des Geldes zu setzen wußte, und daß es dem Krankenhaus des Städtchens überwiesen wurde. 'Der Besitzer des Theaters wurde verhaftet. Vier vvn ben Stierkämpfern wurden schwer verletzt ini das Krankenhaus gebracht und auch ein großer Teil der Zu­schauer wurde verlvnndet und teilweise bewußtlos in das Kranken­haus gebracht.

Logsgriph.

Es ist ein munteres Vögele in;

Isis ohne Koch, -nacht es dir Pein, Du mutzt, um dich davor zu schützen, Oit warme Pelze tragen und Muyen Auflösung in nächster Nummer;

Auftösmig deS magischen ZaUenquadmlS in VVvigsr Nummer k

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Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindrnckerei, R, Lange, Gießen.