Ausgabe 
18.4.1910
 
Einzelbild herunterladen

289

Mütter und Töchter.

In seinem Buche von denVätern und Söhnen" trat Türgeuieff den Konflikt geschildert zwischen der Jugend, die sich kritiklos von neuen geistigen Strömungen ergreifen und zugrunde richten läßt, und dem Mer, das Erfahrung und..Überzeugung tont Hergebrachten festzuhalten lehrt. Der Gegensatz hatte in den sechziger uitb siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Rußland besonders scharfe Formen angenommen, neu aber war er nicht. Er ist so alt wie die Menschheit und tritt überall dort auffallend hervor, wo die geistige Entwickelung in neue Bahnen drängt.

Auch wir leben in einer solchen Zeit. Der Konflikt zwischen Vätern und Söhnen, den Turgenieff dargestellt hat, ist bei uns, wenn auch! in milderer Art, zwischen Müt­tern und Töchtern fühlbar.

Eine Frauenfrage im Sinne von heute gibt es bei uns erst seit der Gründung des Deutschen Reiches. Die Um­wandlung des Agrarstaats in einen Industriestaat, die äußerordentliche Entwickelung der Maschinen, die Ueber- zahl der Frauen über die der Männer drängten die Frauen dazu, sich Arbeit außerhalb des Hauses zu suchen. Das Recht auf Arbeit, das der Frau derniederen" Stände niemand bestritt, wurde allmählich auch von denen der höheren" Stände in Anspruch genommen. Sie mußten auf den Markt hinaus, um ihre Kräfte zu verwerten.

Ter Umschwung, der sich damit vollzog, war nicht nur äußerlich. Tas Selbstgefühl der Frauen wuchs. Nicht mehr abhängig von den männlichen Ernährern, forderten sie auch für sich, was bisher dem- Manne Vorbehalten war; Freiheit Und Selbständigkeit, Entwickelung der Persönlichkeit und ost 'auch dasSich-Ausleben", das ihnen einen größeren Anteil ttm Lebensgenuß verhieß. Der natürliche Beruf der Frau als Gattin und Mutter trat in den Hintergrund. Die Ge­sellschaft kam ihren Forderungen entgegen; alle Bildungs­möglichkeiten wurden ihnen eröffnet. Es gibt heute kaum Noch ein Gebiet des Wissens, das der Frau nicht annähernd ebenso gut losfeusteht, wie dem Wann. Und in Scharen haben die Frauen, auch ohne wirtschaftlichen Zwang, sich Berufe erwählt, sogar solche, für die sie früher als unfähig galten..

Freilich während so die Haustochter, deren Elend Gabriele Reuter in ihrem RomanAus guter Familie" an einem allerdings schwächlichen und krankhaften Exemplar geschildert hat, durch diese Wendung der Verhältnisse äußer­lich sehr viel gewann, verlor sie doch vielfach gerade die Eigenschaften, die mau bisher als ihre besten geschätzt hatte. Zarte Weiblichkeit hatte sich in entschlossenes Wesen, Be­scheidenheit in Selbstgefühl, Nachgiebigkeit in Besserwissen um gewandelt; Kenntnisse in der Wirtschaft schienen ihr unwichtig und unter ihrer Würde, und Autorität erkannte sie nicht mehr an. Strebte sie doch dem Manne möglichst ähnlich zu werden und ihre Ebenbürtigkeit mit ihm zu be­weisen! Daß so in der ersten Zeit der Bewegung oft genug aus jungen Mädchen Karikaturen wurden, ist bekannt. Mit dem Widerstand gegen die neuen Bestrebungen wurden, indes auch die Zerrbilder seltener. Die Frau von heute hat im allgemeinen wieder gelernt, das sestzuhalten, was ihr zur Zierde gereicht, und hat dabei eine größere Bildung und eine stärkere Kraft zu eigener nützlicher Lebensführung ge­wonnen.

Unsere Mädchen haben auf der ganzen Linie gesiegt Mer die Mutter haben viele von ihnen verloren.

Die Mutter", so schreibt der ,,Kunstwort" in seinem 2. Märzheft,ist eine tragische Gestalt unserer Tage. In -anderer Zeit aufgewachsen, mit anderen Ideen genährt, kann sie sich in die neue Stellung der Tochter kaum finden. Ihr gilt mpch die Ehe als das einzige Glück für ähr Kind. Erfahrener und lebenstlüger als dieses, weiß sie, daß der Mann der höheren Stände der Schönheit des Ballsaals oder der lieblich dienenden Haustochter noch immer leichter seine Neigung schenkt, als der int Beruf tätigen jungen Dame. Die in alter Weise erzogenen Mädchen, die hübsch Und liebenswürdig sind, und etwas Vermögen haben bie sind es, die am leichtesten heiraten. Wie sollte die Mutter nicht wünschen, ihre Tochter vor dem ihr trostlos scheinenden Schicksal der alten Jungfer zu bewahren? Un­begreiflich, daß sichdas Kind" ihr widersetzt, daß es sich Nicht auf Bälle schleppen lassen will, daß es verschmäht, sich auf dem Heiratsmarkt auszustellen", wie es das nennt! KM Konflikt ist da; Und selbst dann, wenn die Tochter

heiraten möchte. Der Durchschnittsmutter gilt diePartie" als die beste, die äußerlich! möglichst glänzend ist Die Tochter von heute will den Mann, den sie liebt, sei er arm oder reich Ja, sie hält es für ihr Recht, dem Manne ihrer Wahl selbst ohne die Zustimmung ihrer Eltern zu folgen.'

Aber auch abgesehen von der Heiratsfrage ist der Be­ruf der Tochter für die Mutter ein Unding. Ihrer An­sicht nach gehört die Frau ins Haus. Selbst wo die Tochter zum Verdienen gezwungen ist, soll sie einen Beruf wählen, der ihr das Weiterleben in der Familie erlaubt. Beruf und häusliche Pflichten zu vereinigen ist aber oft sehr schwer. Bleibt die Tochter aus eigener Liebe im Eltern­haus, wie das ja zum Glück noch tausendfach geschieht, so wird das stets die beste Lösung fein. Gehorcht sie nur dem Zwange, so fängt das Unrecht der Eltern an.

Nur um diese Freiheit zu erlangen, drängen heute viele Mädchen zu wissenschaftlichem Studium oder zu künst­lerischer Ausbildung, ohne die innere Notwendigkeit oder Begabung für den erwählten Beruf zu haben. Das Ende vom Siebe ist dann wohl, daß sie doch endlich ins Vaters haus heimkehren reuig und müde, mit gebrochenen Schwingen. Oder daß wieder einige mehr unter der Menge mittelmäßiger Malerinnen, Musikerinnen oder Philolog­innen um ihr Leben zu kämpfen haben. Da diese Art der Berufswahl weder die Tochter menschlich erhöht, noch der Gesellschaft nutzt, so wäre wirklich ein Mittelweg vorzu­ziehen: Möchte die Btutter lernen, ihre Töchter daheim als selbständiges Wesen zu betrachten und ihr die Muße zu gönnen, sich nach ihrem Geschmack zu beschäftigen. Eine gediegene Bildung zu erlangen ohne Berufszweck, ist auch ein Ziel, das gefördert werden sollte, wenn sich der Wert der Bildung auch nicht in Zahlen berechnen läßt. Eine ge­bildete Frau, die schon als Persönlichkeit wirkt, wird immer ihre Stelle im Leben auszmfüllen vermögen und tausend­mal mehr nutzen, als eine Stümperin in ihrem Beruf.

Auch von der Mutter möchte ich sprechen, die ihre Tochter zu ihrer eignen Unterstützung daheim behält. Die geplagte Hausfrau, die sich so lange für die Ihrigen ge- gnält hat, will durch die erwachsene Tochter entlastet wer­den aber jede Selbständigkeit versagt sie der Tochter. Und begreift bann nicht, daß diese den Unterschied zwischen! ihrem Los und dem ihrer Freundinnen oder gar Schwestern als Ungerechtigkeit empfindet. Während man für jene Opfer bringt, gilt ihr Entsagen und ihre Arbeit als Pflicht, die ihr kaum gedankt wird. Würde sich das nicht bessern, wenn man auch diese Tochter für ihre Dienste bezahlte, wenn sie so gut wie jedes Dienstmädchen, wie jede Stütz« ihren Lohn erhielte? Me hauswirtschaftliche Beschäftigung der Fran würde dadurch Von der Verachtung befreit werden, mit dersie jetzt die junge Generation von sich weist. Manches junge Mädchen, das im Grunde seines Herzens mehr Nei­gung zum Kochen als zum Klavierspielen hat, würde sich {lern diesem Beruf widmen, wenn es sich daourch die Selb» tändigkeit im Haufe erwürbe, die jeder andre Beruf ihr gewährt.

Aber die Mutter kann sich auch in dem Fühlen und Denken, denneumodischen Vorstellungen" der Tochter nicht zurechtfinden. Tie Tochter hält für schicklich, was ihr für unschicklich gilt. Ihr Verkehr mit Männern ist der Mutter viel zu frei, sie spricht von Verhältuissen und freier Liebe, und verteidigt, was ijie Mutter verdammt. Wie soll man sich da verständigen? Me Tochter, im Stolz ihrer über­legenen Kenntnisse, lächelt mitleidig über die Mutter, und die Mutter weint und schilt die Tochter, die sie in der höchsten Gefahr glaubt, sich zu verlieren.

Nur die Mutter, die mit ihrer Zeit tapfer Schritt ge­halten hat, wird ihrer Tochter auch heute noch bleiben können, was sie ihr fein sollte: die Führerin, die Gefährtin, Kann sie das sein, dann freilich gibt es für die Töchter heute tote je keinen besseren Schutz int Leben als die Ver­ehrung, die Liebe für die Mutter, als ein glückliches Eltern­haus, dem sie die schönsten Stunden, die höchsten Freu­den verdankt, .und in das zurückzukehreu sie sich immerdar sehnt. Die Mutter versuche mit ihren Kindern vorwärts zu gehen, ihre Gedanken zu verstehen und diese aus der lleberlegeiiheit ihrer eignen Weltkenntnis und Lebenserfah­rung zu ergänzen und zu korrigieren. Lege fie doch mehr Wert darauf, die Tochter geistig zu fördern und zu pflegen, als nur auf ihre Eheversorgung bedacht zu fein. Es ist ja so klar: Nur wenn di« Mutter der jungen