238
Es geht mich ja schließlich nichts an, aber ich nehme doch innerlich Partei. Ich kann nicht anders.
Mim hat als stumme dritte Person so viel Muße zu Beobachtungen. Diese ganzen Wochen geht mir das oft im Kopf herum.
Dissonanzen und Alltäglichkeit, zwischendurch einmal ein paar gewohnheitsmäßige Zärtlichkeiten: das ist diese Ehe. ®.o leben zwei Menschen zusammen, die sich „aus Liebe" heirateten.^
Georg leidet unter dein allen, das sehe ich. Aber er kann es nicht ändern, .er hat zu wenig iÄnfluß auf Tillas Natur. Tilla ist ja nicht schlecht, gewiß nicht. Aber sie ist Unfertig, egoistisch, unbedacht.
Zusannnengehöreu und sich doch so weit auseinander- leben — wie ist das möglich? ,
Aber ich weiß ja, daß noch mehr und .Schlimmeres möglich ist. . .
Halt, nicht weiter denken! Derr Stein zu drücken, wenn der Brunnen steigen will!
28. November.
Es mag noch von ^meiner Krankheit zurückgeblieben sein, daß ich überhaupt alles Denkens so müde bin. Oder es ist Selbsterhaltungstrieb. Für mich endigt ja alles Denken doch immer nur in der einen fruchtlosen Qual.
Ich wundere mich selbst, wie sehr ich gelernt habe, für den Tag zu leben. Eigentlich sogar für den Augenblick, lnd wenn der ereignislos ist, daun fülle ich ihn msij irgend etwas ganz Naheliegendem, Greifbarem. —
Ter Wend gestern liegt mir heute noch den ganzen Dag im Sinn. Er war ganz voll Musik: Musik von Klängen, Worten, seelischen Akkorden.
Der erste Vorstoß der Gesellschaftssaison läßt jetzt vor Weihnachten nach, Tilla und ihr Mann sind meist zu Hans. Wir sitzen abends in Tillas grünem Kabinett, wo ich als verzogene Kranke in den Schaukelstuhl vor dem Feuer gepackt werde.
Wir waren gestern nicht gleich hinübergegangen, Tilla hatte plötzlich den Einfall, sich im Eßzimmer an den Flügel HU setzen. Erst nur ein paar launenhafte Läufe und Akkorde, spielerisch hingestreut. Aber aus denen wurde mehr, es stieg und wuchs förmlich aus ihnen herauf. Ein Chopinsches Nocturno.
Tilla ist nicht nur musikalisch im Sinn der höheren Tochter. Ihr Spiel ist mir jedes Mal ein neues Erstaunen. Sie ist Weltkind auch darin, keine Sankt« Cäcilia, dazu fehlt das Heiliggeklärte. Es springt etwas leidenschaftlich Klagendes unter ihren Händen aus den Tasten, das man in ihrem Wesen nie vermuten würde. Wer auch so -eine arm», verwahrloste Seele hat eben Stunden, wo sie sich den Putz hernnterreißt und friert und sich auf ihre ursprüng-- nche Schönheit besinnst
Die plötzliche Stille nach dem letzten Torr guter Musik wirkt immer nüchtern unb erkältend. Tilla verschärfte das noch durch das brutale B'nms! mit dem sie den Flügel Anschlag. Sie tvar ganzsblaß ; wir sprachen alle drei nicht, Ms Wir in das grüne Kabinett gingen.
. Ich hatte mich in meinen Stuhl zurückgelegt, wiegte Mich ganz, leise und sah in das Feuer; in mir war alles Noch Musik und wortloses Wohlsein.
Ich hätte nicht darauf geachtet, daß Georg bei der Lampe in Mn em Buch blätterte. Ganz unvermittelt stng er an zu lesen.
Ich bleibe oft auf der Treppe stehen, um zuzuhören, wenn Georg nur deut Burschen einschärft, seine Stiefel besser zu wichsen. Sein gottgesegnet schönes Organ macht solche Banalität genußreich wie die Bußtagsansprache eines Hofpredigers. Wenn er liest, höre ich oft gar nicht auf die Worte, nur ans die Stimme. Etwas so Warmes liegt darin und ein Unterton von ruhiger Kraft.
Aber diesmal hielten mich nach einer Minute die Worte doch auch fest. Worte, die ich ün Schlaf sagen könnte, nnd die mir doch jedesmal neu Und stark und jung klingen.
Georg las den Faust,
Wenn ich ihn höre oder lese. ist.er mir immer ivieder eine Offenbarung. Aus! dien Knieen danken möchte ich, daß es so.^/was gibt wie deii Faust! Daß ein Meiisch so etwas göttliches geschaffen uttb der Menschheit geschenkt hat! . tote Georg ihn las! Ich machte oie Augen zu und ließ mich hrntragen wie auf großen Wellen.
Nur zu Anfang eine kleine Störung. Tilla machte schon em gelangweiltes Gesicht, als Georg den Band auf- schlilß. Sre stand Plötzlich auf.
„Du. weißt wohl, daß literarische Weisheit art mir verloren ist. Aga wirb dir ja auch Publikuni genug sein. Ich bin müde."
Ihr Mann legte das Buch auf den Tisch.
„Wir wollen lieber anfhoren."
Wer sie war schon air der Tür. „Bitte, saßt euch nicht stören," sagte sie frostig über die Schulter.
Im Kabinett steht eine Bouleuhr, die einen wunderbar eil Klang hat, dunkel und weich wie unter einer fotntenen Decke. Die hatte schon ein paar Mal mit einem oder mehr Schlägen diskret hereingesprochen, ohüe daß wir auf sie geachtet hatten. Als sie jetzt wieder aushob, sah Georg erschrocken auf.
„Zwölf Uhr, Agnes! Zwei Stunden über Ihre gewohnte Zeit! Nun muß ich mir Vorwürfe machen, es wird Ihnen sicher zu viel!"
Ich sah ganz glücklich in sein Gesicht.
„Gute Stunden Iverden einem nie zuviel."
Mr hatten nicht die ganze Zeit gelesen. Mitten in den Blocksbergsabbat war ich ihm mit einer Frage hinein- gefahren. Eigentlich dachte ich nur laut.
„Faust sündigt, und Gretchen leidet die Strafe. Das ist eigentlich doch die Quintessenz der Geschichte."
Er sah mich mißbilligend an.
„Strafe? Das ist ein Kinderstubenbegriff. Alles Schicksal ist Läuterung. Gretchen hat auch gesündigt, aber Passiv, deshalb muß sie eben sich leidend läutern. Die Läute-, rung des Faust, der aktiv sündigt, geschieht'durch Tat, Auf- gaben. Faust und Gretchen sind typisch für Mann und Weib."
„Das ist aber ungerecht. Läuterung durch Taten ist doch tausendmal leichter als durch Leiden."
„Für die weibliche Anlage nicht. Die Natur ist nie ungerecht." ।
Sünde und Sühnst Schuld und Schicksal. Wir stritten uns plötzlich hitzig, es ging Schlag auf Schlag. Dis Einzelheiten weiß ich nicht mehr. Ein ausgeschriebenes Gespräch ist wie etwas Lebendiges, das man in Spiritus' setzt. Das Ding ist noch da, aber das Leben ist weg.
Es war eins von den Gesprächen, wo man heiße Backen und klopfende Schläfen bekommt, wo man kaum die Pausen des anderen abwarten kann. Wo man sich fast 'feindlich in die Augen sieht, dann auf einmal eine 'Brücke findet, zwei, drei — und schließlich Hand in Hand auf einem hohen Berg steht, alles Erdreich tief unter sich.
Mein Schankelstuhl war in der Erregung wie ein Boot auf hoher See gegangen. Ich hielt ihn zuletzt mit einem Ruck an und atmete ganz tief.
„Wie wunderbar, Georg, Sie haben ja alles ebenso gedacht wie ich. 9ätr daß Sie es zu Ende denken. Ich sehe immer nur den Konflikt, nie die Lösung."
Er- sah mich mit guten Augen an. '
„Sie sind noch, zu jung, Agnes. Lösungen kann man nur erleben, nicht finden/'
Hatte er denn seine Lösungen erlebt? Ich! studierte ihn ein paar Sekunden lang. Dieser dunkle Kopf mit der weißgebliebenen, ausgearbeiteten Stirn, den feinen, müden Linien am Mund unter dem Schnurrbart. Gar kein Soldatengesicht.
Wenn das Leben ihm Lösungen gegeben hatte, so hatte er sie wohl bezahlen müssen. Wer er hatte sie doch nuui wenigstens. Ein heimlicher Neid kam plötzlich über mich, wie zch ihn ansah. ,
„Glauben Sie an Metempsychose, Georg? In meiner nächsten Existenz will ich ein Männ sein. Ein großer Forschungsreisender oder ein Bauer, der seinen Kohl banst einerlei was, wenn es nur etwas Ganzes, Tüchtiges ist"
„Glauben Sie denn, daß Sie das in dieser Existenz nicht erreichen fünnteu? Ich denke doch, Sie könnten zufrieden fein, Agnes."
„Zufrieden?" Ich lachte, aber ans Bitterkeit heraus, „was bin Md tue ich denn? Was ist mein Leben? Für wen hat es irgend welchen Wert?"
Da beugte er sich plötzlich vor und nahm 'meine Hand.
„Für uns, Agnes, für mein Haus!" sagte er einfach^ „ich habe Ihnen schon immer danken wollen für den Ein-, fluß, den Sie auf meine Frau haben!"
Ich konnte nichts sagen. Mir schoß das Blut 'heiß ins Gesicht vor Freude. Er hat es mir wohl angesehen, was er mir mit den paar Worten gab!
(Fortsetzung folgt.)


