Ihres Vaters Tochter.
Roman von Lulu von (Strauß, und Torney.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Georg stand plötzlich vor uns, er sah wirklich so ernst- nch besorgt auf mich herunter wie ein alter weiser Doktor auf eine leichtsinnige Patientin. Ich lachte ihn aus.
„Scheu Sie denn nicht, wie gut ich mich unterhalte? Setzen Sie sich zu uns und erholen Sie sich eine Minute von ihren Hausherrnsorgen."
Er zog sich einen Stuhl her. „Weun ich uicht störe."
„Im Gegenteil, Sie- köuuen mir helfeu, Herr vou Berg. Bereden Sie Fränleiu Weddigen, daß sie sich vou mir maleu läßt. Scheu Sie, gerade so, wie sie da sitzt."
Die Keiue Gelsa war förmlich ius Feuer gekommen, sre zeichnete mit dem Fächer hastige Konturen in die Luft.
„So! Den Kopf etwas zur Seite, daß man die Profil- Knie sieht. Die zarten Farben und die schwarzen Spitzen! Wie sich das hebt! Ist es nicht wundervoll?"
„Enfant terrible!" Ich schlug sie auf die Hand, „wollen Sie wohl still sein! Sie brauchen nicht aus Höflichkeit rjinzustimmen, Georg!"
„Wenn er es nur aus Höflichkeit tut, hat er einfach keinen Geschmack!"
Georg hatte nur mit einem raschen Blick zu mir hin- gesehem
„Fräulein Weddigen wird Ihnen sicher den Gefallen tun, wenn es sie nicht zu sehr angreift," Jagte er ruhig, „wenn Sie übrigens nach Modellen fahnden, will ich Ihnen f)ern meine Soldaten kommandieren, jeden Tag einen neuen: tillgestaudeu!"
Sie lachte lustig.
„Danke, solche Art Modelle hab ich genug. Gestern habe ich mir ein altes Bauernweib von der Straße geholt, ich mußte sie erst lange bereden, bis sie selbst meinte: „En Schimp is dat jau nich". Sie saß mir eine Stunde, und nachher konnte sie nicht wehr recht die Treppe hinunter und sang dazu, weil ihr mein Glas Wein in den Kopf gestiegen war."
Georg sah unwillkürlich zu der steifen alten Dame im Sofa hin.
„Und was sagt Ihre Frau Mamd dazu?"
Sie zog die Schultern hoch.
„Tie arme Mama. Diese Tochter ist ihr eine Prüfung, tu die sie sich nur schwer christlich findet Ank schlimmsten auf Reisen. Lieber Himmel, wenn ich an Italien denke! Sie warf den verwegenen, braunen Kerls, den vetturini, immer gleich vor Angst ein paar Lire hin, wenn sie unverschämt forderten. Aber ich hatte den Schwindel bald heraus. „Conosco tutti! Die ei, non piu!" Sie schimpften mich zuletzt alle Signorina Conoscotutll. Und ich brauchte
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doch nur freundliche Augen zu machen, dann glänzten fifl und taten alles, was ich wollte."
„Also Italien kennen Sie schon? Da sind Sie doch ziemlich weit in der Welt gewesen."
Sie schob etwas verächtlich die Lippen vor.
„Wie man's nimmt. So die Modetouren hab ich gemacht, Italien, Norwegen, immer mit Regenschirm, Mama und rotgebundenem Baedeker. Nichts gelernt, nur grab gesehen, was man lernen könnte."
Wir waren alle drei ins Plaudern gekommen, es ging fast unerlaubt lustig zu in unserer Ecke. Wir machten ganz schuldbewußte Gesichter, als Tilla plötzlich quer durch die Stube auf uns zukam. Ich kenne dieses feine Zucken unt ihre Nasenflügel, wenn ihr etwas nicht recht ist. Sie legte ihrem Manne lose die Hand auf die Schulter.
„Georg, du denkst wohl, du bist bei dir selbst zu Gast? Sind die Herren im Rauchzimmer versorgt?"
Er stand gleich auf.
„Sie sehen, Hausherrnpflichteil! Bewahren Sie mir den Platz auf, Agnes, ich komme nachher wieder."
Tilla setzte sich auf den teeren Stuhl.
„Ich komme nämlich, um dich zu holen, Aga. Ich kann das nicht verantworten, wenn du dich gleich das icrfte Mal überanstrengst. Ganz heiße, fieberige Backen hast du. Komm, ich mache mir sonst morgen Vorwürfe."
Ich war das fromme Kind und ließ mich zu Bett schicken. Es ist ja auch lieb und gut von' Tilla, daß sie so für mich sorgt.
26. November.
Wie die beiden nur zusamMengekommeu sind?
An solchen Tagen wie heute werde ich die Frage nicht los. Ich verstehe Tilla wirklich manchmal nicht.
Ich habe das nun schon so und so oft erlebt, daß sie ihre Launen ausläßt, wie ein ungezogenes Kind. Und immer an ihrem 9Jia.it n. Ob er abgespannt und erschöpft vom Dienst kommt, das Kimmert sie nicht.
Meistens ist Baby die unschuldige Ursache, irgend eine Meinungsverschiedenheit über seine Erziehung oder sonst eine Lappalie, ein Borwand. i
Ich sitze wie auf Nadeln bei diesen unbehaglichen Mahlzeiten. Ich (empöre mich innerlich und sage doch kein Wort. ।
Georg bleibt meist ziemlich ruhig, nur seine Firigey spielen nervös auf dem Tischtuch. Und ich fühle ganz genau im voraus in seiner Seele die Wirkung jeder dieser stachligen kleinen Reden. Es quält mich förmlich.
Sie vergißt sich nie dabei. Solange der Bursche serviert, fällt kein böses Wort. Erst wenn man 'wieder unten sich ist.
Sogar Baby versteht die Stimmung, fitzt gedrückt da und sieht mit großen, ernsthaft fragenden Äugen auf Jeinettl Vater. Ich bin siedeheiß vor Aerger und begreife Georgs Geduld nicht.


