Samstag den \I. Dezember
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1910 — Nr. 197
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Die Hüblerbaude.
SHuc Geschichte aus dem Riesengebirge von Jassy Tor rund.
(Nachdruck verboten.)
Hoch droben int Riesengebrige, wo die Wälder fast noch in Syrer unberührten Urwildnis liegen, wo das Farnkraut in hohen, dichten Mischen beisammenstelst und das feine grüne Moos in üppiger Schönheit wächst, stand eine einsame Baude.
Eine altersbraune iHolzbaude wie andere auch, mit den schneeweiß gekalkten Querstreifen rings um die niedrigen Wände, mit den winzig kleinen blanken Fenstern und deut steilen, grauen Schindeldach darüber.
Mitten im Walde, der sie wie ein Bann- und Zauberkreis stundenweit umgibt, steht sie auf einer sanft ansteigenden grünen Wiese — ein Idyll der Bergeinsamkeit. Ueber ihr blaut der Himmel, und der Weih zieht seine ruhelosen Kreise; um sie her auf der sainmetgrünen Matte klingt ein feines, vielstimmiges Geläute: die Glöcklein der Kühe. Sonst kein Laut weit und breit; nur tief ihn Walde das geheimnisvolle Raunen und Rauschen der klaren Bergwasser und das unermüdliche Hämmern des Spechts.
Ein Fleckchen Erde, lute es Gott der Herr nicht schöner schaffen konnte, so smenschenfern, so imeutweiht in seiner großartigem! Einsamkeit.
Vor Jahren, an einem jener Sommcrtage, die wie ein Gruß des Himmels für die in Jugendschönheit prangende Erde siitd, lag dort in der großen, niedern Wohnstube der Hüblerbaude ein Mann iw Sterben; ent Müder, der des Lebens Sorgen und Arbeitslast seit vierzig Jahren geduldig getragen. An seinem Schmerzenslager knien die Kinder, die er verlassen wird, sein Weib trocknet ihm den Todesschweiß von der blassen Stirn. Er sieht sie traurig an.
„'s hat nix genutzt, Rosel, daß !vir ititS geplagt und geschafft Haben a ganz' Lebeir lang! Neunhundert Taler stehen auf dam Gütl. Wie lang' wird's dauern, und sie jagen dich 'naus mitsamt a Kindern! Arm's Roserle! Wenn ich glei' wollt', tdj könnt's setzt halt nimmer schaffen! Da sitzt's, wie a Alp." Er hob die Hand und legte sie mühsam atmend auf die keuchende fßnij't
„Bist ruhig, Franzt," sagt die Frau mit fester Stimme, indes M die Tränen über das braune, sorgenvolle Antlitz laufen, r,Leben wirst! Und z'wcgen dessen kannst ruhig feilt. Ich bring's schon durch, 's Gütl, und die Kinder auch."
Er sah sie an, die treue Gefährtin seiner Tage voll Mühen, seiner Nächte voll Sorgen; ihr Herz brach vor Kummer, aber ihre Augen lächelten ihn an unter Tränen und gaben ihm lächelnd den Scheidegruß. Die Liebe ist stark wie der Tod, und bte Liebe dieser Frau zwingt den Tod, daß er seine Hand sanft auf die brechenden Augen des Mannes legt. Er starb getröstet. Seines Weibes Lächeln geleitete die zagende Seele hinüber.
„Jetzt bist Vater und Mutter zugleich, Rosel," sprach die Witwe zu sich, dls sie mit den Kindern von dem letzten schweren Gange heimkam. , ,,
„Bist a Meib, a schwaches und mußt so stark )em ßtW wie a Manu!" Sie schickte die Kiitder in die Kammer und setzt« sich auf die Bank neben der Tür, wo sie mit ihrem Franzl an jedem Sommerabend gesessen all die fünfzehn Jahre lang, seit sie sein Weib geworden war. Saß und samt, und über ihr flimmerten die Sterne. Was sie dort mit sich und ihrem Franzl stnd mit ihrem Herrgott ab gern acht, hat nie ein Mensch erfahren
Als die Sterne erblaßten und der junge Morgen herausdättiinerte, stand sie auf, streckte die Arme zum Himmel und blteb entert Augenblick so stehen, wie flehend um Barmherzigkeit.
„'s is aus, Rosel, all dein bibla Erdenglück ts aus! sprach sie heiser vor sich hin, ging ins Haus, legte die TranerkljctdÄK ab und verschloß sie in die große, buntbemalte Hochg-ettstruhe,
Von Stund an hat sie keine Träne mehr geweint. ToÄ schwache Weib in ihr war tot. Das lag bei ihrem Franzl drunten, neben der Kirch begraben. Stark, treu und fest tote ein Mann hat sie auf ihrem Posten gestanden.
Ihr erster Gang war zum Forster, für den thr Mann trt gesunden Tagen gearbeitet, ehe ihn der stürzende Baum getroffen und seinen armen Rücken zerschlagen hatte.
„Der Hübler-Franzl is tot" sagte sie kurz und krampst«! die Hände zusammen, daß sie schmerzten Ueber der Schulte« trug sie ihres Mannes schwere Holzaxt; das Sonnenlicht blitzt« und flimmerte darauf, daß es dem Förster schier die Augen! blendete. Er wischte sich mit der Hand darüber hin, die Witwe aber stand starr und ruhig und zuckte nicht mit der Wimper«
„'s nm- mein Bravster!" sagte der Förster warm „Ich wollt', ich hätt' ihn noch, und ich wollt', ich könnt' Euch helfen.' „Helfen könnt Ihr schon, Herr Förster," sprach das Wech hastig. „Ich bitt', laßt ntid) an dem Franzl seiner Stell' gehnl
Erstaunt riß der alte Mann die Augeit auf und meint« dann kopfschüttelnd: „Wo denkt Ihr hin, Hüblerti! Das ts nich die Arbeit von ein'm Frauenzimmer. Etn Mannslettt hat! zu tun, daß er's beschafft!"
„Ich werd's schaffen," sprach dre Frau und sah ihm gerade ins Gesicht. „Seht's Euch an eine Wochen oder zwei, und wemtj ich's nit zwing', könnt's mich immer fortjag'n," bat sie dringlich..
Ungläubig und ungern gab der Alte endlich nach. Er hatte Mitleid mit dem armen Wcib, das so tapfer seinen Gram hmnnterq würgte. So sorgte er für leichte Arbeit. Mer wenn er kant/ um nachzusehen, war alles zu seiner Zufriedenheit geschafft und noch mehr getan, als er vcrlaiigtc. Als dre erste Woche mit war, zahlte er ihr den bedungenen Arbeitslohn. '
„Auf die neue Woch' qebt's mir härtere Arbeit, Herr Förster," sagte das sonnverbrannte Weib mit den dunkeln, ernsten Augen, „Sollt sehen, ich zwing's!" . , „ ...
Damit ging sie heim, und den Sonntag stand sie am Herd« und kochte den'Kindern. Als sie spät abends, nachdem alles ink Hause wieder blitzte und glänzte, und als die Kinder schon schliefen, auf ihrem Platz vor der Tür saß, nickte sie vor sich hin und sprach: „Sichste, Franzl? - 's wird schon gehn!"
Mosel, die jüngere, mußte nun den Geschwistern bte fchleiwq Mutter ersetzen. Die zwei Buben gingen pünktlich in dre Schule, jeden Morgen den weiten Weg bis nach Tannwalde htnem; bte Mäbel, so klein sie waren, mußten ber Rosel helfen, Haus und Vieh Mt versorgen. Kam die Mutter dann todmüde von der schweren Arbeit heim, strich sie wohl der Mosel über das dicke, aschblonde Haar- und sagte: „Bist Wut lieb S Madel, Rosel — 's wird schon gehn." Das war alles. Viel geküßt und schon getan hat die Frau nie mit ihren Kindern. Das. war nicht. Brauch in der Hüblerbaude. Es war em harter Schlag, st« alle miteinander, Mutter und Kinder. . .
Ein Wort gab's, das lag der Hüblern tut Ohr rmmeroat, „Vielleicht kriegst du die Konzession, Rosel, dann is bte geholfen," hatte ber sterbende Mann gesagt. Darüber mußt« sie grübeln Tag unb Nächst Auf vielen anderen Banden hatte»


