Ausgabe 
17.11.1910
 
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Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Sleindruckerei- R. Lange, Gießen,

Das Spiel wird verloren. Was für Karten hatten die Gegner und wie wurde gespielt?

.Auflösung in nächster Nummer»

Auflösung des Versteckrätsels in voriger Nummer:

Jeder weiß am besten, wo ihn der Schuh drückt.

Unsere HaupitLtig'keit war jetzt, bte Verwundeten Mk 96* suchen, Briefe von ihnen in Empsang zu nehmen, oder da viele noch nicht imstande waren, zu schreiben Aufträge an ihre Angehörigen zu notieren. Manche Verwundeten btfttertal auch ihre Gefühle, die dem Schreiber tief ins Herz drangen.

Am 31. August traten wir den Rückmarsch an. Unser« Division war in Bewegung nach Norden, gegen Piervrllrer und Noisseville hin.Was geht vor?" fragte Büttner erneu Mus­ketier vom 2. Regiment.Es haaßt, der Battzeine *) will aus- breche, doas sollst» vertriwwe weare!" erklärte uns der Lands­mann. Der Rückmarsch über Gravelotte, Corny und Berny nach Remilly ging leichter von statten als der Hinmarsch. Unter- Wegs hörten wir Kanonendonner.Die Hessen versalzen den ! Franzosen den Durchbruch nach Norden," hieß es abends m Remilly. , , . ,.

Zwar langsamer als gewöhnlich, aber doch sicher urw mit weniger Strapazen trafen wir am Abend des 1. September M der Heimat ein, wo wir unsere Aufträge unverzüglich) erledrgteiNj Am folgenden Tage kam der ungeheuere Sieg bei Sedan und Napoleons Gefangennahme.

Was uns aufgetragen wurde, haben wir pslichtgctreu aus­geführt und hier, ohne Ueherhebung, darzustellen versucht. Wenn es gelungen ist, ein kleines, bescheidenes Bildchen von der Tätig­keit eines freiwilligen Sanitätlers zu zeichnen, soll es den Schrelbev freuen.

Meiner Rehmannschen Spezialkarte aus. Er danfte es pur durch 1 Requisition eines zweiräderigen Karrens, vor den ein steifer, I dicker Rotschimmel gespannt wurde. Außerdem bekamen wir für die Hilfe, die wir im Lazarett leisteten, Fleisch, Reis und Kaffee. I

Bon Corny ging es auf einer schwankenden Drahtbrucke über die Mosel nach Noveant, von da nach Gravelotte, links! I den Bois des Ognons, wo unser Gießener Regiment noch am I 16. August in die Schlacht eingreifen konnte, rechts den Bois I de Baux. In Gravelotte konnten wir uns wieder nützlich machen, I besonders auch den verwundeten Franzosen gegenüber, btc von ihren eigenen Sanitätsleuten in schmählichster Weise vernach- lässigt worden waren. Dr. Schandein öffnete den Verband eines Franzosen, der am Oberschenkel durch einen Granatsplitter ver- wurrdet worden war. Der Splitter, etwa so breit wie ern DauMen und halb so lang, stak noch in der Wunde; diese war nicht ge­reinigt worden und der Brand war daran gekommen. Wir fragten den französischen Sanitätler über die schmähliche Be­handlung seiner Landsleute aus. Der Mensch, der hin und her spazierte, die Mütze aufs Ohr drückte und die Tonpfeife Nicht aus dem Munde tat, antwortete ftech. Da. stach ihm Dr. Scham- dein eine so gewaltige Ohrfeige, daß er in eine Ecke taumelte und schleunigst Reißaus nahm. J . .

Unser Nachtquartier befand sich rn der Scheuer der Mairie | von Gravelotte. Die Dächer waren von Granatschussen durch- ] löchert. Der starke Regen in der Nacht traf uns ms Gesicht und auf die Brust. , m ,

Am folgenden Morgen setzten wrr den Marsch nördlich über Malmaison fort; es ist ein schönes, schloßartiges. Gebäude ge­wesen, solid aus Stein gebaut, mit einer steinernen Mauer um­geben, auf einer kleinen Anhöhe gelegen. Zwei eiserne Gitter­tore führten auf die von Gravelotte nach St. Marcel itnb Don- court ziehende Straße. Die Franzosen hatten dieses Amvefeu zu einem starken Bollwerk hergerichtet; sie verteidigten es mit bewundernswerker Tapferkeit. Unsere Truppen mußten ohne Deckung heranstürmen, ein verheerendes Feuer mähte sie nieder. Nun kam unsere Artillerie und schoß das schöne Gebäude m Brand. Es glühte, schwälte und rauchte noch darm, als wir am 29. August vorüberzogen. Hunderte von blessierten Fran­zosen sollen dort elend zugrunde gegangen sein.

Armer Bonaparte, was hast Du und Derne Eugenre auf dem Gewissen! rief einer unserer Begleiter, als wir den Brand- und Blutgenich bei Malmaison und Verneville einatmen mußten. Wir befanden uns jetzt mitten auf dem Schlachtfelde, das unsere braven Hessen am 18. August mit ihrem Blut gedüngt haben: Verneville, Bois de la Echse, Habonville, Jouaville und Anoux

la Grange. _ .

An letzterem Platze, entern großen, von vier Seiten mrt Ge­bäuden umgebenen Anwesen, befand sich das hessische Reserve- I lazarett. Hier traf ich den Grafen v. E., Johanniter-Mafor, dem ich sofort meine Botschaft ausrichten und sämtliche mrr anvertrauten Gegenstände überreichen konnte.

Am 18. August war der riesige Hoftaum des Anwesens fußhoch mit Stroh belegt. Als sich die Sonne zum Untergang ! neigte, lagen hier, Mann neben Mamt, etwa 3800 deutsche Helden, die für ihr Vaterland gestritten hatten. Die Aerzte, barmherzigen Schwestern, Sanitätsleute und freiwillige Helfer wateten buchstäblich in Menschenblut. Reihenweise, Mann neben Mann, lagen die Verwundeten und Sterbenden, denen Labung und Hilfe gebracht wurde. Von Zeit zu Zeit, in kurzen Pausen, wiederholten die Wärter ihre Gänger inzwischen waren zahlreiche Verwundete ins bessere Jenseits hinüber gegangen. Die Feder sträubt sich, weitere Schilderungen zu bringen. Was die AerHte, die Helferinnen und Helfer an jenen Tagen leisteten, davon hat niemand einen Begriff, der nicht dort war und selbst Hand anlegte.

Am folgenden Morgen setzten wir unseren Marsch nach Bouaville fort. Wenige Stunden vor unserer Ankrmft hatte der hwerverwundete Jägerleutnant feinen letzten Seufzer aus­gehaucht und war bereits beerdigt worden. Eine Chassepotkugel war dem Braven von links nach rechts durch den Kopf gedrungen und hatte das Gehirn verletzt. Trotzdem lebte der Schwer- verwundete noch 10 Tage. Wir nahmen die Leiche aus dem Massengrab, ließen einen Sarg anfertigen und bestatteten den jungen Helden in der Nähe des großen Grabes. Der Ort wurde durch ein Kreuz bezeichnet, auf dem Name und Charge des Ge­fallenen bezeichnet war. Seinen Angehörigen brachten lvir eine Locke von seinem Haupte mit. Später wurde die Leiche nach Darmstadt verbracht und hier mit milüärischen Ehren beigesetzt.

In Jouaville lag noch der schwerverwundete Artillerie­hauptmann Weigand, der uns trotz seiner schweren Ver­wundung und heftigen Schmerzen mit stürmischer Freude begrüßte. Wir boten ihm Stärkungsmittel an, die er mit der Bitte ablehnte, sie den anderen Schwerverwundeten zukommen zu lassen, die mit ihm in dem nämlichen Quartier der Mairie von Jouaville lagen. Aber eins nahm er an: ein Fläschchen kölnisches Wasser. Ich entkorkte es und reichte es ihm hin. Gott weiß es und vergelt Euch die Wohltat, die Ihr mir hiermit erweiset. Der qualvolle Blut- und Leichengeruch hätte mich getötet, wenn mir nicht bald ein anderer Geruch in Nase, Hirn und Lunge gekommen wäre," antwortete der Tapfere.

*) Bazaine.

Vermischter.

* Königliche Nebenberufe. Biele Herrscher und Mitglieder königlicher Häuser suchen in den wenigen Muße­stunden, die ihre Herrscherpflicht oder ihr Stand ihnen laßt, Erholung und Zerstreuung in praktischen Arbeiten. Manche gekrönten Häupter greifen zum Werkzeug des Handwerkers, und andere widmen sich wissenschaftlichen Studien. Die Gräfin Lonyay, die Tochter des verstorbenen Wnigs Leo­pold, hat in ihren Freistunden einen Apparat erfunden, um Teller und Gerichte bei der Mahlzeit warm zu erhalten, und die Frucht ihrer Arbeit wurde auch patentiert. Der Zar der Bulgaren ist ein geschickter Mechaniker und führt bis­weilen selbst eine Lokomotive. Exsultan Abdul Hamid be­schäftigt sich mit Vorliebe mit Schrernerarbeiten, die Dichtun­gen der Wnigin von Rumänien sind allgemein bekannt. Prinz Eugen von Schweden hat sich als Maler großen Ruhm I erworben, und die Exkönigin Amelie von Portugal widmete sich in ihrer Mußezeit einem gründlichen Studium der Tuberkulose. Im preußischen Königshause wird jedem Prinzen bekanntlich die Erlernung eines Handwerks durch das Hausgesetz auferlegt. So ist der Kronprinz ein ge­lernter Goldschmied, Prinz Joachim Schmied, Prinz Fried­rich Siegesmund Schreiner, sein Bruder Schlosser. Prinz Heinrich von Preußen hat ein Verfahren erfunden, um Automobillaternen zu reinigen und auch ein Patent er­halten, und der Herzog von Oldenburg ist der Erfinder einer Schiffsschraube. Die österreichische Erzherzogin Marie I Therese hat sich der Kunst gewidmet. Und der englische Her­zog von Argyle ist ein geschickter und erprobter Bildhauer, i Die großen Berdienste, dre der Herzog Karl Theodor von | Bayern sich als Augenarzt erworben hat, sind in weiteren I Kreisen bekannt.

| * Am Stammtisch.Hier, im Blauen Ochsen", sind

I ja die Frankfurter nicht schlecht, aber Frankfurter, die sollten Sie mal direkt in Frankfurt esse»:!"Na, das fielet mir ein, | daß ich wegen a Paar Würsteln direkt nach Frankfurt fahr!' I * Angenehm.Was macht der junge Mayer?"Nrscht l I Der hat sich zugleich mit seinem Papa zur Ruhs gesetzh!"

Skat-Aufgabe.

Vorhand spielt im Besitz folgeuver Karten Pique-Solo: