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man sah niemanden lachen! — aber die Kirchen und Kapellen waren von Betenden angefüllt.
Samstag den 20. August drangen nähere Nachrichten in die Oesfentlichkeit: der Verlust an toten und verwundeten Offerieren ist ungeheuer, hieb es. Da und dort wurden bestimmte Namen genannt, eine Verlustliste konnte noch nicht aufgestellt! werden. Der Hilfsverein vom „Roten Kreuz" arbeitete mit größter Anstrengung Tag und Nacht. Prinzessin Alice ging mit Verständnis und großer Energie zu Werk; die Opferwilligkeit! in allen Kreisen war bewundernswert.
Nach langem Warten kam eine Verlustliste, zwar noch nicht genau und vollständig, aber erschütternd, ja fürchterlich. 10136 Mann Infanterie, 1126 Mann Kavallerie und 36 Geschütze hatten von unserer Division in der Schlacht vom 18. August 1870 mitgekämpft. Tot oder verwundet waren 86 Offiziere, 137 Unteroffiziere uitb 1446 Mannschaften, zusammen 1669 Mann. Die Hessische Division, die nicht halb so stark war wie das ganze sächsische Armeekorps, hatte allein weit größere Verluste als die beiden Divisionen der Sachsen.
Der Schmerz um die Gefallenen und Verwundeten war groß. Ernste Männer schüttelten die Köpfe. Woher triefe gräßlichen Verluste ohne Erfolge? fragte man sich. Keine Trophäen nennt man! Kaum einige hundert Meter sind unsere trefflichen Offiziere und Soldaten vorwärts gedrungen!
Nun verschwand auch diese Bangnis: Die Hessen und Holsteiner haben am 18. August gekämpft wie die Spartaner bei den Thermopylen, hieß es am folgenden Tage. Das 9. Armeekorps staird im Zentrum der Schlachtordnung; es wurde von einem dreifach überlegenen, in ausgezeichneten Positionen befindlichen Feinde bestürmt. Wäre nicht jeder Kämpfer ein Held und von heißer Vaterlandsliebe begeistert gewesen, fo hätte der Feind den Widerstand gebrochen, die deutsche Schlachtordnung zerrissen Und die schwersten Nachteile hätten entstehen können.
Die Opferwilligkeit der deutschen Bevölkerung wuchs mit den Großtaten unserer Krieger. Ganze Eisenbahuzüge mit Liebesgaben gingen nach Metz ab. Der Sä)reiber dieser Zeilen erhielt Spezialaufträge an den Johanniter-Major Grafen v. E. und an das große Lazarett in Annouse la Grange. Der einzige Sohn einer befreundeten Familie, Reserveleutnant im 2. Hess. Jägerbataillon, war am 20. August als tot gemeldet worden. Zwei Herren reisten am 23. August nach dem Kriegsschauplatz ab, um die Leiche abzuholen und in der Heimat zu bestatten.
Am 25. August kam die Nachricht, daß der als tot gemeldete Jägerleutnant nur schwer verwundet sei. Im Begriff, nach dem Kriegsschauplatz abzureifen, wurde dem Referenten die Bitte ausgesprochen, sich des Verwundeten anzunehmen. Um 11 Uhr erfolgte unsere Abreise, ein Lazarettgehilfe und Herr Büttner- Darmstadt waren erfahrene Begleiter. Eine junge Dame aus Dresden, die seit 30 Stunden unterwegs war, teilte unser Abteil: ihr Mann, Hauptmann fti der sächsischen Armee, hatte am 18. Ang. einen Schuß in die Brust erhalten. Wir versuchten Trost zu spenden und versprachen tatkräftigen Beistand.
Station Bensheim war bald erreicht. Wegen Verkehrsstockung in Mannheim mußte der Zug eine Stunde liegen bleiben. Das Bensheimer Hilfskomitee erschien und bot Erfrischungen an. Die Dame aus Dresden nahm auf unser Zureden etwas Speife an. Seit 30 Stunden hatte sie nichts über die Lippen gebracht. Mit den Körperkräften wuchsen Mut und Hoffnung bei der Ties- Sebensten. Neben auf dem Gleise stand ein Zug mit riesiges rstungsgeschützen; sie waren für Straßburg besttmmt. Mit herzlichem Dank schieden wir von Bensheim; das dortige Hilfskomitee hat im Jahre 1870 ganz hervorragendes geleistet.
In Mannheim trafen wir es so gut, daß wir nur eine Viertelstunde Aufenthalt hatten. Der Grund soll gewesen fein: ein vom russischen Kaiser Alexander. II. an König Wilhelm gesandter Kurier habe die Beschleunigung durchgesetzt. In Kaiserslautern schloß sich Dr. Schandein mit einem Gehilfen uns an, nun hatte ich vier brauchbare Herren bei mir. Abends waren wir in Saarbrücken, weiter war nicht zu kommen. Vorher überholten wir einen Frankfurter Hilfszug, der trefflich ausgestattet war, aber 16 Stunden auf einem Fleck lag. Unser rasches Bor- wärtskommen verdanken wir nur dem Russen. Am folgenden Morgen (26. August) sollte es über Forbach, St. Avold, Faul- quemont (Falkenberg) und Hereh nach Remilly gehen. Stundenlang dauerte es, bis Bewegung in den Eisenbahnzug kam. Unterwegs wurden noch weitere Wagen, nach und nach sogar noch zwei Lokomotiven mit dem Zuge vereinigt. Wenige Sitz-, aber viele Steh- und Packwagen waren vorhanden'. Feine Johanniter, die sich möglichst zurückhaltend benahmen, Soldaten, Zivllisten, Markcdenter und Markedenterinnen gerieten durcheinander. Unser Zug bestand zuletzt aus 96 Wagen und drei Lokomotiven.
Es wurde Nacht, der Zug durste nicht weiter; Feuer oder Licht zu machen, war verboten, weil Franktireurs schon öfter auf die Züge geschossen hatten. In der Nähe der Haltestelle saßen Stroh- oder richtiger Fruchthaufen, von denen Lagermaterial in die Wagen geschafft wurde. Nach und nach gab es Ruhe in den Wagen. Die Insassen lagerten sich „löffelchesweise" neben- und hintereinander, so daß jeder einen Raum fand, um sich längelang auszustrecken.
Zuletzt trat tiefe Stille ein, nur die Wachtposten vor dem T.raih und das Zugpersonal bliebet! munter. Eine Stunde mochte
tiergangen fein, da setzte sich der Zug in Bewegung: ob vor- oder rückwärts, konnte man Bei der Dunkelheit nicht unterscheiden.! Der riesige Zug hatte den Befehl erhalten, auf ein anderes GeleisÄ zu gehen. Es geschah: wenige Minuten später rannte der Train mit seinen 3 Lokomotiven und 96 Waggons auf 12 leerstehende, Wagen. Ein gewaltiger Krach, ein fürchterliches Geschrei, ein Brechen mrd Rollen erfolgte — dann wurde es auf eine Minute totenstille. Das Gefühl der Hilflosigkeit und Gottverlassenheit, wie bei einem Erdbeben, hatte jeden ersaßt.
In unserem Wagen waren Soldaten, Zivilisten, Marketender,- Johanniter, Handkoffer, Stroh, Koch- und anderes Geschirr durcheinander geschüttelt: das reinste Tohuwabohu, wie ein notdürftig schmälendes, schnell entzündetes Oelsunzelchen bewies. Glücklicherweise gab es weder Arm- iwch Beinbruch. Gequetschte Nasen, blaue Augen, ailgeschwollene Lippen konnte man am anderen Morgen bemerken. Von den 12 leeren Wagen, die an- gerannt wurden, soll die Hälfte zersplittert worden sein; die andere Hälfte lief weit zurück.
Am anderen Morgen luden wir unser Gepäck auf den Rücken und wanderten, da der Zug nicht weiter ging, auf dem Eisen-' bahndamm nach Remilly, das zirka 10 Kilometer südlich von Metz liegt. Weiter konnte und durfte die Bahn nicht benutzt werden. Hier traf ich die beiden Herren, die drei Tage vor mir abgereist waren.
Sogleich bot ich mit meinen Mitreisenden in Remilly unsere Hilfe in dem Lazarett an. „Eilen Sie über Corny, Ars und Gravelotte auf das Schlachtfeld, dort gürt es noch ungeheuere! Arbeiten zu bewältigen. Wir haben gottlob! so viele Hilfskräfte, daß es reicht. Evaftiiert wird fo viel wie möglich," sagte man! uns. Also vorwärts! hieß es. Die Traglasten wurden huckepack genommen, bann ging es nach Westen über Bechy gegen die Mosel hin. Starke Regengüsse brachen hernieder; die Fußbankette waren wie Brei aufgeweicht, die Fahrbahn war vorwärts mit einer endlosen Reihe von Fuhrwerken mit Hafer für die Kavallerie vor Metz beladen. Rückwärts kamen die leeren Fuhrwerke von tiornt) nach Remilly. Der kommandierende Leutnant lud uns, - nach einer kleinen Gefälligkeit, zum Mitfahren ein. August Walter, einer der Wagenführer, nahm unser Gepäck auf feinem Wagen, der mit einem leinenen Plaid überdeckt war. Auch wir sanden Platz, nachdem wir den Berg bei Bechy überstiegen hatten. In Lüppy sprang August plötzlich vom Wagen; er jagte mit bet Peitsche in einen Hof, trieb ein Huhn vor sich her und suchte — bie Peitsche als Lasso betmtzenb — das Huhn zu ergattern. Das flüchtenbe Huhn schrie, feine Eigentümerin kam dazu und schrie noch ärger. Walter gab feine Requisition mit ben Worten auf: „Ferne hätte ich eene stanzüsische Henne jepflückt. Im Jahre! 1864 war ich mit in Dänemark, 1866 in Böhmen, überall jttb es Jeflügel, in Frankreich muß es ooch jeden."
Die Nacht brach ein, bei Berny mußte biwakiert werden.. Hier ging es, wie die Franzosen gewöhnlich zu jammern pflegten;. „Nix pour manger! nix pour boire! nix pour fumer! tlen du tont, bu tont!" Einer half bcm anberen aus. Der Sturm heulte über bie Fluren, schwerer Regen brach nieber, kein Feuer, fein' Brennmaterial! Der findige August brachte einen Baumpfahl, der klein gemacht iuurbe. Bald brannte ein Feuer, es gab Kaffee: Jeder steuerte bei, man bekam ettvas Warmes in den Magen. „Halt, Kinder!" rief August, als wir Anstalten machten, zu Bette zu gehen, d. h. auf dem nassen Stroh Platz zu nehmen, „halt! hier ist noch ein Nachttrunk!" — Er brachte einen blechernen Eimer, der zur Hälfte mit Stroh angefüllt war. Es wurde entfernt, worauf Kuhmilch zum Vorschein kam. „Bei Bechy habe ich unter dem Schlachtvieh zwei Kühe mit strotzenden! Eutern jefunben; ba hab' ich jemilkt. Das Stroh tat ich auf die Flüssigkeit, sonst wäre sie beim Fahren herausgeschleubertz worden. Etwelche Kotspritzer mögen Von den Rädern in den Eimer geflogen fein. Die schaden nicht, sie fegen den Magen. Prost!" August setzte den Eimer an den Mund und trank, dann, gab er ihn weiter. Alle tranken mit Wohlbehagen. — Seitdem! sind 40 Jahre .verflossen; ich habe an mancher feinen Tafel! gespeist, aber niemals hat mir ein Trank fo gemundet, wie die Milch am Mend des 27. August 1870 im Biwack bet Berny.
Beinah wäre sie uns kräftig versalzen worden. Berny liegt zirka 10 Kilometer genau südlich vom Fort Quenleu bei Metz, Dort hatte man ohne Zweifel unser Feuer bemerkt. Als wir Anstalten machten, uns auf das nasse Stroh zu betten, flammte es drüben auf; nach wenigen Sekunden fchlug ein sogen. Zucker- Hut etwa 100—120 Meter von unserem Lager ein. Das Ungeheuer explodierte, die .Erde spie Feuer, der Boden zitterte!.! Hier haben wir das erste feindliche Pulver gerochen. Schleunigst! löschten wir das Feuer und wechselten den Lagerplatz. „Da fällt einem fein Bischen Weißzeug bei!" meinte Büttner in feinen trockenen Weise.
Mit Tagesanbruch ging es, bis auf die Haut durchnäßt an allen Gliedern steif, mit hungrigem Magen weiter nach Corny an der Mosel, wo wir uns nützlich machen konnten. Vorher verabschiedeten ivir uns von dem findigen August, bent wir eins olides Trinkgeld überreichten. Man merkte ihm an, daß ec chou zwei Feldzüge mitgemacht hatte. Dein Etappenkommandante^ n Corny, der kaum eine Stunde vorher neu eingerückt war und ein Kartenmaterial noch nicht zur Hand hatte, half ich, da ver- chiedene Ordonnanzen nach Wegen und Richtungen fragtey,. mit


