718

17. Mai dieses Jahres erfolgt ist, während Miquelon et fils nachweisbar ihre ebenso genannte Marke erst am 21. Mai bei der für sie zuständigen Stelle angenieldet haben. Das Recht der Priorität gebärt also uns, obwohl wir es für Frankreich nicht geltend machen können, da unser dortiger Agent die Eintragung auch erst am 21. Mai bewerkstelligen konnte, und zwar bedauerlicherweise zwei Stunden später als die Firma Miquelon; wir mußten uns für Frankreich daher mit der Deponierung eines Sonder- etitetts beim Pariser Zivilgericht begnügen.

Daß der Herzog von Abeelen dagegen nicht die ihm unbekannte Miguelonsche Marke Excelsior, sondern die des Hauses Friedel als Taufsekt für seiu Luftschiff bestimmt hat, geht aus seinen Briefen an Herrn Friedrich Friedel, Mitinhaber der Firma K. A. Friedel, hervor. Beweis- lräftigend dafür, daß der Herr Herzog auch des Glaubens gewesen ist, bei der Taufe hätte Friedelscher Schaumwein Verwendung gefunden, ist sein Telegramm vom 23. Juli an uns.

Wenn daraufhin Herr Lesson als Direktor der Deutsch- niederländischen Luftschiffer-Gesellschaft mitteilen läßt, der Herr Herzog, von Abeelen habe sich Miguelonschen Eham- pagners bei der Taufzeremonie bedient, so liegt entweder ein Irrtum oder eine in letzter Stunde bewirkte unrecht­mäßige Unterschiebung vor, für welche die Firma Miquelon et fils verantwortlich zu machen wäre.

Da der Herr Herzog sich derzeit auf einer Reise nach Amerika befindet, müssen wir uns sein weiteres Zeugnis auf spätere Tage ersparen, bezweifeln aber nicht, daß schon die obigen Ausführungen jedem gerecht Urteilenden ge­nügen werden.

Schrattstein (Rheingau). K. A. Friedel."

Das Inserat, das über sechstausend Mark Annoncen - gebühr kostete, gab bündige Aufklärung. Dennoch war es ein schwerer Fehler, daß Fritz es hatte an die Zeitungen gehen lassen, ohne cs vorher einem Rechtsanwalt vorgelegt zu haben. Wäre dies geschehen, so hätte man zweifellos den Passus vermieden, der den Miquelons das Recht zur Klage gab und sie in der Offensive ließ.

Die Mitteilung Helldorfs, das; Abeelen auf einer Fahrt nach Amerika begriffen sei, bestätigte sich dadurch, daß das nach Uttrnhooven gesandte Telegramm mit dem Vermerk an den Absender zurückgelangte, Adressat sei nach Chapel Hill, Rorth Carolina, Vereinigte Staaten von Amerika, verreist. Fast gleichzeitig traf ein kurz und kühl geschäftlich gehaltener Brief des Herrn Lesson an K, A. Friedel ein: inan bedauere sehr, von der freundlichen Zusendung keinew Gebrauch machen zu können und lasse die zur Verfügung gestellte Kassette nebst Inhalt sowie die dreißig Kisten Schaumwein dankend auf dem Frachtwege zurückgehen.

Nun erst übergab Fritz die Angelegenheit einem Rechts- anwalk, dem ihm befreundeten Notar Rittland in Wies­baden. Es ivctr dies an dem Tage, an dem die Firma Miquelon fils in den Zeitungen erklären ließ, sie halte alle ihre früheren Mitteilungen aufrecht und habe zugleich die Klage gegen die Firma Friedel angestrengt.

Damit trat der Streit in ein neues Stadium. Er kostete den Friedels bereits große Summen, die sie bpi der Ebbe ihrer Kassen schmerzlich entbehrten. Zudem be­gannen die Bestellungen aufExcelsior" zu stocken; dafür sah mau vielfach auf den Weinkarten der großen Restau­rants und in den Preislisten der Weinhändler eine neue! Marke auftauchen:Miquelon et fils, Epernay Excel­sior superior Dry." Die Neugierde inr Publikinn regte sich; aber auch in diesem Falle zeigte sich wieder die alte törichte Auslandssucht der Deutschen: man dachte nicht daran, dem Landsinann zu Hilfe zu kommen; man stand mit seinen Sympathien viel eher auf feiten der altberühm­ten französischen Firma, und trank man aus Neugier den vielgenanntenExcelsior", so forderte man sicher den Superior Dry" des Hauses Miquelou.

So drohte der Streit die Friedels auch geschäftlich zu schädigen. Aus dem Auslande trafen Telegramme ihrer Agenten und Verkäufer ein mit Nachfragen über den Ver­lauf der Angelegenheit: die ganze trinkende Welt beschäf­tigte sich mit dem interessanten Champagnerkriege. Dabei war das Ueble für die Friedels die Tatsache, daß ihre Abnehmer in den Ländern, die mit Frankreich sympathi- sierten und das war fast das gesamte Ausland sich vffeu auf die Seite der Miquelons stellten. In Rußland, Itasjen, Spanien, .England, den Balkanstaaten, selbst in

Amerika, begann eine geschickt geführte Hetze gegen die. Friedelschen Schaunüvcine, die natürlich auch nicht ohne Einfluß auf den Geschäftsgang des Hauses bleiben konnte.

Zn allen Sorgen kamen für Fritz auch noch häusliche Aufregungen dazu. Seine Mutter hatte bisher gar nichts von sich hören lassen. Man wußte nur durch den Ban­kier, der ihr ihre Rente sandte, wo sie sich zur Zeit auf­hielt. Da traf eines Tages ein Brief von ihr an Fritz ein, datiert aus Biarritz, liebenswürdig geschrieben und freundschaftlich im Tone: sie habe keine Lust, das Dasein einerDepossedierten" weiter zu führen, sondern wünsche vielmehr ihre völlige Freiheit, das heißt, sie erbäte die gerichtliche Scheidung von ihrem Gatten, unter der Be­dingung, daß ihr auch dann noch die zugesagte Revenü weiter gezahlt werde, jedenfalls vis zu dem Augenblick, da sie eine neue Ehe zu schließen beabsichtige (was vorder­hand noch nicht der Fall sei). Der Brief war ganz in französischem Feuilletonstil gehalten, als sei er aus einer Novelle von Maupassant oder Prövost abgeschrieben: ein unendlich weltliches, aber scharmantes Geplauder, frivol, herzlos und oberflächlich. Frau Margot überließ es ganz ihrem teuer« Charli", den geeignetsten Weg der Schei­dung zu finden nötigenfalls sei sie auch gern bereit, dieböswillig Verlassende" zu spielen, falls ihr daraus keine Unannehmlichkeiten erwüchsen; nur solle die Sache schnell und schmerzlos" vor sich gehen. Dann erkundigte sie sich nach dem Ergehen ihres Sohnes, fragte auch nach dem Geschäft.In hiesigen Blättern lese ich von EuerM großen Zankduett mit den Miquelons", schrieb sie;es macht mir viel Spaß. Ich denke mir, es wird eine ab­gekartete Geschichte fein, das heißt mir eine scheinbare Be­kämpfung zu Retlamezlveckeu. Auf so etwas hat sich dein Vater immer verstanden. Jedenfalls meine Gratulation; das Geschäft wird blühen. Mir geht es, seit ich die Schaumweiuzone hinter mir habe, dien merci ausgezeich­net. Die Nerven sind vernünftiger geworden, der Lebens­mut kehrt zurück. . . ." Und nun folgte eine längere amüsante Schilderung ihrer verschiedenen Stationennach Aufgabe ihres ehelichen Paradieses".

Fritz ärgerte sich über den Brief: weniger des Tons halber als wegen der Bemerkung über den Streit mit den Miquelons. Der Auffassung, daß der ganze Lärm nur zu Reklamezwecken inszeniert worden sei und daß die Friedels dabei mit den Miquelons unter einer Decke steckten, war er schon mehrfach begegnet, vor allem in den Witzblättern, hie und da aber auch in ernsthafteren Zeitungen. Die Torheit dieser für ein anständiges Ge­schäftshaus ehrverletzenden Auffassung lag indessen so auf der Hand, daß Fritz sich eine Entgegnung erspart hatte.

(Fortsetzung folgt.)

Erinnerungen eines freiwilligen Samtötkrs aus dem Jahre {870.

! r. Nicht mit Unrecht wurde im Jahre 1870 und später über die Schlachtenbummler losgezogen, die, mit der Johanniter- binde am Arm, nach den Schlachtfeldern reisten, sich alles ge­mächlich beschauten und interessante Andenken nach Hause brachten, um dann mit ihren Taten zu prahlen.

Es gab wich andere, die etwas leisteten, ohne daß sie sich dessen rühmten, Nachdem die Heldentaten unserer Väter in den Augusttggen des ewig denkwürdigen Jahres 1870, auch imGieß. Anzeiger" gebührend geschildert würden, möge es gestattet sein, einiges darüber zu bringen, was die Zurückgebliebenen taten, um die ftrrchtbaren Strapazen der Krieger, die heftigen Leiden und Schmerzen der Kranken und Verwundeten zu lindern.

Es war am 19. August 1870. Ein schwerer Druck lag auf jedem Gemüte der Darmstädter Bevölkerung. Unsere Hessen (das 2., jetzt 116. Regiment) waren Dienstag abend (am 16. Aug.) zum ersten Male mit dem Feind zusammengestoßen. Jeder Tag, jede Stunde konnte die Nachricht von einer mörderischen Schlacht bringen. Dicsesmal wird es viel Blut kosten, weil sich die Franzosen auf eine uneinnehmbare Festung stützen können, sprachen die Sachverständigen.

Im Palais des Prinzen Ludwig, dem damaligen Kommandeur der Hessischen (25.) Division, dem späteren Großherzoge Lud­wig IV., wurde Tag und Nacht für die Verwundeten und Kranken gearbeitet : die Prinzessin Alice, nachmalige Großherzogin, war rastlos tätig.

Freitag den 19. August durchlief mit Vlitzcsschnelligkeit die Stadt die Nachricht: Gestern hat eine mörderische Schlackst bei Metz stattgefunden. Unsere Division hat schwere Verluste erlitten, man weiß noch nichts Näheres. Erst nach und nach kamen weitere Nachrichten, Aus jedem menschlichen Antlitz lag tiefer Ernst,