Ausgabe 
17.9.1910
 
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Romanische Pfeilerbasilika, deren Inneres fast ganz leer ist. Nur ein Grabdenkmal des Stifters, Heinrichs IL, des Pfalzgrafen bei Rhein, ein Sarkophag mit einer liegenden Holz-figur, und der von Kaiser Wilhelm gestiftete Hochaltar heben sich aus dem geheimen Dämmer.

Dicht hinter den Klostermauern war ein riesiger Pferch,, in dem eine große Herde prächtiger Ochsen weidete. Ein Stück schöner als das andere und alle schwarz und weiß gescheckt; vom kleinen Klübchen bis zum großen ausge­wachsenem Tier.

Auf feuchten Wegen wanderte ich dann auf die Höhe über Bell, und den Gänsehals, mit seiner schönen Aussicht nach Ettringen und von da auf die steile Kuppe des Hoch-'' simmern, von dessen gutem, ganz aus Stein gebauten: Aus-i sichtsturm man einen schönen Rundblick hat. Die letzten 150 Meter des Berges sind außergewöhnlich steil und selbst meine gut genagelten Stiefel fanden nur mühsam Halt auf dem mit dürren Tannennadeln gepolsterten Boden. Für eine Weile stach die Sonne wieder und vergrößerte die Schwierigkeit des Aufstieges, aber dafür war die Aussicht auch «köstlich. Weit hinaus über die ganze vordere Eifel schweift der Blick über Wälder und Berge und Dörfer bis hinüber nach den fernen Höhen den Siebengebirges, und wie ein wehendes Tuch sieht man den gelben Rauch aus den Schloten von Valendar. Wald und Grün ringsum und tief unten das kleine Dörfchen Ettringen, aus dessen regennassen Schieferdächern die Sonne blitzt. Und der Wind bläst bläst und bläst. . . die Wangen füllen sich mit Blut und die Lunge saugt die Luft . . . und vergessen ist alles schreiben und philosophieren . . . man lebt, tut gar nichts anderes als nur lebe n.

Auf abschüssigem Pfad geht es bergab über dürres, wasserarmes Land . . . aber überall in "der Runde blüht wilder Tymian, und die violblauen Dolden strömen einen starken Wohlgeruch aus. Fast eine halbe Stunde wandere ich hindurch aufs Gerateivohl nach Südosten, nach St. Johann. Dort füllt mir eine freundliche Bauersfrau die geleerte Feldflasche mit frischem Wasser . . . ein paar muntere, dick­bäckige Kinder spielen in dem sauberen Hof. Stumm und ver-, legen sehen sie mich an, wie ich ihnen ein paar Pfeffer- münz reiche, als Dank für den frischen Trunk. Und die Frau erzählt mir: von ihrem Feld, ihrem Manne, ihren Kindern am meisten aber von ihren Kindern, die bald ein neues Brüderchen oder Schwesterchen bekommen, und die hartgearbeitete Mutterhand streicht beseeligt über das kleine, blondköpfige Dingelchen, daß sich an den Rock der. Mutter klammert und sich scheu in seinen Falten verkriecht. Ein kleiner Junge zeigt mir den nächsten Weg nach dem Nettetal. Keiner meiner Fragen gibt er Antwort. Seine kleinen Füße aber gehen tüchtig vorwärts. An einem Heiligenbild bleibt er stehen.Fon se he bisse Pädche lang!" Mit einem Satz ist er davon. Auf der Höhe bleibt er stehen und sieht mir nach und schwenkt seine Gerte zum Gruß. . .

Nach ein paar Schritten bleibe ich überrascht stehen. Durch eine, zweifellos künstliche, Baumschranze geht der Blick hinunter ins Nettetal auf das reizend gelegene "Schl o ß Bürresheim, das in idyllischer Einsamkeit an dem Ufer der starkströmiaen Nette liegt. Aus der Ferne sieht es aus wie ein niedliches Spielzeug, das von der Wucht der Berge fast erdrückt wird, aber sm Näherkommen wächst es, dehnt sich, breitet sich in seinen mannigfaltigen Stilsormen. Da wie der Weg biegt grenzt hart an das alter-! tümliche Gebäude ein moderner Tennisplatz, den ein hoher Zaun aus Drahtgeflecht umhegt. Es ist ivie das Erwachen aus einem schönen Traume. Das empfindet auch ein alter Landmann, der über die Nettebrücke kommt. Ich stelle ge­rade meine Kamera auf und mit biederem Bedeuten be­lehrt er mich, daß ich meinen Apparat so aufstellen müsse, daß ich den Tennisplatz nicht aufs Bild bekäme.Das is ene Unding, bisse Tennisplaatz! Et verdierbt das Ro-> mantische!"O, hei ist viel romantisches!" Und er er­zählt mir. Er erzählt mir von der heiligen Genovefa, die der Legende nach hier gelebt hat, und späterhin zeigt er mir auch die Stelle, ivo angeblich die Burg ihres Gemahles ge­standen hat. ( Und er erzählt und erzählt. Die Leute werden gesprächig, wenn man zuzuhören versteht.

Wir wandern langsam das reizvolle Tal der Nette entlang nach Mähen zu, und wie die Nette neben Uns un­ermüdlich rauscht und« fließt, so auch das Flüßlein seiner Rede. Was er mir von der Genovesalegende erzählt, das

weiß ich alles längst und besser, aber ich hüte mich, ihn zu unterbrechen. Es kommt mir ja gar nicht darauf an, was er sagt, das wie fesselt mich. Und der Mann kann erzählen. Kunstlos und ohne Gefallsucht, einfach und schlicht so wie in Grimms Hausmärchen gesprochen wird. Ich höre ihm gespannt zu.

Aber der Weg ist lang und die Sage von der Genovefa ist kurz. Wir kommen aus andere Dinge zu reden. Zuerst vom Wetter! Da krame ich meine meteorologischen Kennt-, nisse aus. Er nickt. Ja, ja! Die Wetterkarten irren sich oft, meint er, aber ohne sie irren die Leute noch mehr und deshalb sind die Wetterkarten gut. Er fragt, ob ich den Kometen gesehen hätte, und wie ich verneine, meint er, das sei ganz natürlich, denn von dem hätten die Zeitungen nur geschrieben, weil sie nichts besseres gewußt hätten. Mein Berufsstolz erwachte, jund ich suchte ihm eine bessere Meinung von der Presse einzureden. Er lacht aber nur. Da fährt der junge Gras von Bürresheim in seinem Wagen vor­über; ein großer, schlanker Kürassieroffizier. Das alte Männlein tritt zur Seite und tief tief zieht er die Mütze.

He lvar uns Graf! Nanu! denke ich.. Aber da erzählt er mir auch schon ganz treuherzig, wie der Vater des jetzigen Grafen im Spiel eine Mühle verloren habe er zeigte sie mir, als wir daran vorüberkämen und wie nun gerade diese Mühle mitten im gräflichen Besitz liege und wie man sie schon oft für teures Geld habe zurückkäusen wollen. Der Besitzer gibt sie aber nicht her. So vergeht die Zeit, und rascher, als ich bei unseren: Bnmmelschritt gedacht, kommen wir nach May en,dem Hauptort des sogen. Mai­feldes mit vielen altertümlichen Bauten, von denen die alten Stadttore und die in: 13. Jahrhunderte erbaute, 1902 durch eine Feuerbrunst zerstörte, jetzt aber wieder-! hergestellte Genovefabnrg am interessantesten sind. Seltsam ist auch der wie ein Korkzieher gewundene Kirche türm, dem angeblich ein Sturm die auffällige Form ge­geben hat. Nach kurzem Aufenthalt wandere ich weiter zuletzt durch ein liebliches Tal nach M o n r e a l, einem hübschen Oertchen, über dem die mächtigen Ueberreste des Schlosses der Grafen von Virneburg auf hohen: Berge thronen. Allerliebst sehen die kleinen Fachwerkhäuser ans, die sich, ebenso wie die Kirche, unmittelbar aus dem Wasser der Eltz erheben. Neber das Flüßchen führt eine alte Brücke, die mit einem Heiligenbild und einer seltsamen, von vier Löwen getragenen Säule geschmückt ist.

Der Wind hat sich etwas gelegt, die Wolken drohen aber noch regenschwer. Ich gebe es deshalb auf, die aus- gedehnten Trümmer der Burg zu besichtigen und fahre von dem neuen, zuU: Teil noch im Ban begriffnen Bahnhof, der tief in die Felsen eingeschnitten ist, nach Bad G e r o l st e i n, das durch seine zahlreichen Mineralquellen und durch seine großartige Dolomitenlandschaft bekannt ist. Von Mon­real führt die Bahn über Urmersbach und das einst stark befestigte Kaiser es ch. Auf der ganzen Strecke hat man nach Süden einen weiten Blick in die Eifel und ihr Borland, nach Norden auf die braunen Heideslächen der eigentlichen unwirtlichen Eifel, die im sinkenden Tag ein reizvoll melanchonisches Aussehen hat. Die Bahn geht nun an zahlreichen Basaltkegeln und Schlackenvulkanen vorüber abwärts in das freundliche L i e s e r t a l mit seinem Haupt­ort Daun, ans den ich später noch zu sprechen komme. Von nun an steigt die Bahn wieder und erreicht hinter! Dockweiler-Dreis mit 564 Meter ihren höchsten Punkt, um dann bis Gerolstein (362) allmählich ins Kylltal hinab- zusteigen, lieber dem Orte erheben sich die Ueberreste des Schlosses Gerolstein auf einen: nach drei Seiten jäh ab­fallenden Kalkfelsen, und aus dem anderen Ufer der Kyll ra­gen die zackigen Dolomitentürme der Auburg und der M::n ter l ei malerisch empor. Wie rotes Gold glühen ihre Zinnen in der untergehenden Sonne. Auf dem Gipfel des Kalkselsens befindet sich noch ein deutlich sichtbarer Krater, die Papentaul, und in dem Garten des evangelischen Pfarrhauses wurde 1907 eine römische Villa entdeckt, die wiederhergestellt werden soll. Das Oertchen selbst ist auf einen: Hügel erbaut und gewinnt namentlich durch die Anlagen der verschiedenel: Sauerbrunnen ein eigenartiges Ansehen. Hier war ich gezwungen, neue Platten eiuzulegen, und man wies mich zu einem alten Schreinermeister, der über einAtelier" verfügt, in den: Sonntags ein Photograph aus Trier seinekünstlerischen Gefühle" in den Dienst der Bevölkerung stellt. Der Alte empfing mich freundlich, unt als ich ihn am Schluß nach den Kosten fragte, schkng er mir