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Sachen, die nur unsre Männer an gehen. Ich persönlich habe Sie immer sehr hoch gehalten, mein Paul hat mir immer viel Schönes und Gutes von Ihnen erzählt. Darf ich fragen, was machen Ihre lieben Kinder? Sind die Knaben alle munter?"
„Nicht so, nicht so!" Helene hatte murmelnd die Hand erhoben. Und daun tat sie doch, was sie nicht hatte tun wollen, was ihr noch eben wie ein Vergessen ihrer selbst, wie eine Herabwürdigung erschiene!^ war vor dem eisigen: „Was verschafft mir die Ehre?" feie saut in ihrer tödlichen Herzensangst der andern an die Brust und schluchzte fassungslos: „Ich bin so in Angst um meinen Manu! Er ist so seltsam. Da ist etwas geschehen — ich weiß es! Frau Kestner, erbarmen Sie sich — um Gottes willen — um dieses jungen Mädchens willen!" Sie streckte die Hand aus, auf Kornelia weisend: „Möge die nie das Leid erfahren, das ich jetzt erfahre! Sagen Sie mir, Frau Kestner, sagen Sie es mir doch, was haben alle gegen uns, was haben wir verbrochen?!"
„Aber, meine liebe Baronin!" Frau Kestner war einigermaßen bestürzt, und zugleich schmeichelte es ihr, daß die Baronin zu ihr gekommen war — hätte die nicht ebensogut zur Garczynska nach Chwaliborezyee fahren können oder zur Laudrätiu oder zu Frau von Libau oder nach Ucho- rowo? Die wußten doch auch alle darum. Ob sie es ihr sagte, wie scheußlich ihr Mann sich benommen halt?!
„Kornelia, geh mal 'raus!" herrschte sie die Tochter an. Und als diese sich widerwillig hinauSgeschoben hatte — sie hätte jetzt für ihr Leben gern zugehört —, nahm Frau Kestner, einem mütterlichen Instinkt folgend, die junge, zitternde Frau in den Arm: „Beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich, liebste Seele, gegen Sie hat kein Mensch etwas! Wie sollte man wohl' — nein, Sie stehen ganz hors de concours!"
„Aber mein Mann, mein armer Manu!" Helene rang die Hände. Und daun machte sie sich los aus dem sie umfassenden Arm und richtete sich auf, während ihr blasses Gesicht von einer tiefen Röte gefärbt ward. „Was meinen Manu trifft, trifft auch mich. Sagen Sie mir, was hat er getan?"
„O, sehr vieles, was nicht in der Ordnung ist!" Frau Kestner sprudelte los. „Wenn auch Paul Ihren Gatten seinen Freund nennt, darum der Wahrheit doch die Ehre — also, was Ihr Mann getan hat, wollen Sie wissen, wirklich wissen?!"
Helene nickte stumm.
Und Frau Kestner kramte alte Sachen aus, eine ganze Menge. Vom Jagddiner bei Garczhnsii erzählte sie, von diesem und jenem — Reibereien, Meinungsverschiedenheiten — aber dann sprach sie im Tone tiefer Kränkung bom Schlimmsten: von der Verleumdung Kornelius. Und dann von dem noch Schlimmeren: von der feigen Umgehung eines eigentlich unabweisbaren Duells.
„Mein Mann wird ihm das nie verzeihen," schloß sie Bit Entrüstung. „Er kann ihm das auch nie verzeihen, nd sogar ich, ich persönlich, muß gestehen, so bitter es mir auch angekommen wäre, meinen Paul der feindlichen Pistole gegenüber zu sehen, so sage ich doch —"
Helene ließ sie nicht ausredeu: also das, das war alles?!
Paul und Hanns-Martin sich duellieren?! Welch eine Idee! Das war ja hirnverbrannt! Wie konnte sich Hanns- Martin darüber nur einen Augenblick Gedanken machen?! O Gott, Gott sei gedankt, das war kein Grund, um z!u sterben! Aber dann fiel ihr plötzlich etwas andres ein.
„Die andern," sagte sie ängstlich, „aber die andern?! Sie sahen uns doch alle so seltsam an? So böse?!"
„Nun, kann Sie das vielleicht wundern, Frau Baronin?!" sagte Frau Kestner spitz. „Mein Mann hat eben feinem Herzen Luft gemacht. Und diese andern Leute haben ebensolche Ehrbegriffe wie wir! Man ist allgemein auf feiten meines Mannes, umsomehr, da man am — gelinde gesagt — unbesonnenen Vorgehen Ihres Herrn Gemahls viel zu tadeln findet. Sagen Sie mal," — jetzt wurde sie heftig — „ist er denn ganz von Gott verlassen? Hat er denn gar keine Liebe zur Provinz, gar kein Zusammengehörigkeitsgefühl? Wie kann er sich nur zurrt Reichstag aufstelleu lassen? Es ist doch ausgemachte Sache, daß Garezynski gewählt wird. Und mit Recht! Warum also solHe Manipulationen? Ich will ja gern glauben, daß es ihm Freude gemacht hätte, im Reichstag zu sitzen
— vielleicht gehörte eigentlich noch manch andrer hinein — aber in diesen Zeiten — und hier — man lacht ihn ja! nur aus. Schlimmer: mau ist empört! Sehen Sie, meine Liebe," — sie nahm freundschaftlich der jungen Frau Hand und streichelte diese — „Ihnen kann man's ja ruhig sagen, Sie können ja nichts dafür: Ihr Herr Gemahl hat sämtliche Besitzer der Gegend, große wie kleine, vor den Kopf gestoßen. Daß ein deutscher Kandidat nicht durchkommt, iveiß nrau doch längst, und daß solch ein deutsches Kandidieren die Polen nur reizt, weiß man auch. Die Folge davon ist bereits, daß Herrn vori Klinkor auf Ustaczewo — Sie wissen, dem Nachbarn vom alten Boguszynski, dem früheren Abgeordneten — der Bogt Krach gemacht hat. Und bei Riedemanus und in Wilhelmshöh und Laskowa, in Michaleza und in Zajezierce — überall spukt es. Auch unser Inspektor schimpft, und die Leute sind empört, ganz fanatisch, in ihren alten Rechten gekränkt; sie sind obstinat, sie Wersen die Arbeit hin. Nichts als Aerger hat man! davon, nichts als Schaden! Meine Liebe," — sie beruhigte sich nach und nach wieder ein luenig — „es mag ja sein — es gibt auch einige wenige, die das zur Entschuldigung anführen —, daß Ihr Herr Gemahl geglaubt hat, Gutes stiften zu können. Aber er hat nur gehetzt. Ja, das hat er, meine Liebe!"
Frau Kestner nickte bekräftigend. Nun war sie zufrieden; sie hatte ihrem Herzen Luft gemacht und konnte zugleich stolz darauf sein, sich von persönlicher Antipathie nicht haben fortreißen zu lassen, sondern gerecht geblieben zu fein. „Tragen Sie es mir nicht nach, daß ich Ihnen das getagt- habe, sagen mußte," bat sie jetzt und küßte die ju.:ge Frau. „Mein Mann ist auf dem Felde, er dürste vielleicht nicht ganz einverstanden mit mir sein. Aber — Sie haben mich offen gefragt, und ich habe Ihnen offen geantwortet. Ich bin immer für Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. Ich," — sie sah sich suchend um, sie hatte vergessen, daß sie Kornelia hinausgeschickt — „ich habe das auch meinen! -Kindern'mit Erfolg eiugeprägt!"
„Ich danke Ihnen, gnädige Fran," sagte Helene und erhob sich. Sie war wie erlöst — also das war's? Es war hart für Hanns-Martin, sehr hart, so verkannt zu werden — aber das war doch zu verwinden! Wenn es weiter nichts war?! Gott sei gepriesen!
Ganz anders, als sie aus dem Wagen gestiegen war, stieg sie nun wieder in ihn ein. „Gottlob," sagte sie laut, als sie zum .Hoftor hinaus war. Sie hieß den Kutscher recht schnell fahren. Es drängte sie jetzt so unbeschreiblich von hier fort, wie es sie vorher hergedrängt hatte.
Und der Kutscher brauchte die Peitsche und schnalzte mit der Zunge. Und der Wagen flog hin unter den blühenden Akazien, deren duftende Trauben jetzt ein Abendwindcheu schüttelte, und flog weiter durch die blühenden Klee- und Lupinenfelder, vorbei an mannshohem Roggen. Schnell, recht schnell auf den Lysa Gora zu! Um den Berg wob die Abendsonne einen Strahlenflimmer und der Stamm der einsamen Kiefer glänzte wie Blut.
Nun würde sie bald zu ihrem Manu kommen! Und! so ganz anders, als sie ihn verlassen hatte! Fort war das Zagen, die ahnungsschwere Furcht; jetzt war sie voll Sicherheit und Entschlossenheit, voll festen Mutes, jetzt wußte sie ja, was man gegen ihn hatte. „Mein lieber Manu," würde sie zu ihm sagen, „was die Leute reden, ist das wohl! wert, daß du darum so verdüsterst? Was tut's, wenn' keiner dich versteht, keiner dich so sieht, wie du bist, unfr'ei Söhne — jetzt sind sie noch Kinder, aber sie werden auf- wachfen — werden dich begreifen und dir danken ihr Leben- lang. Denn deine Aussaat wird ihre Ernte sein. Du kannst dich doch freuen. Hanns-Martin, freue dich!"
Mit einem fast heitren Lächeln auf dem ernsten Gesicht fuhr Helene von Dolefchal dem Lysa Gora zu.
(Schluß folgt.)
In Ciara Viebigs Heimattan-.
Von Karl Neurath.
I.
(Eine Wanderung durch die Eifel.) (Fortsetzung.)
^Früh aus den Wolken sprang der Tag" rind mit ihm ein leichter feiner Regen, der mit kurzen Unterbrechungen vis' zunr AbMd .Whielt. Ich besuchte zuerst! die Abteikirche, eine


